Thursday, March 04, 2010

Auch die FAZ hat noch nichts gelernt...

Beim Lesen dieses Artikels über den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und seine "Wut auf die Justizministerin" drängt sich diese Vermutung zumindest stellenweise auf. Der Bischof war im Haus am Dom zu Gast, um in einem Gespräch mit Daniel Deckers, Redakteur der F.A.Z., Auskunft "Zur Lage des Glaubens und der Kirche in Deutschland" zu geben. Unter anderem heißt es in dem Artikel:
    Es war der zweite Auftritt des Bischofs in diesem Rahmen. Vor einem Jahr war die Piusbruderschaft das Reizthema. Dieses Mal konnten die Gesprächspartner nicht umhin, sich mit den Missbrauchsfällen in katholischen Erziehungsanstalten und Pfarrhäusern zu beschäftigen [Leuchtet ein]. Dabei hätte es auch um die Frage gehen müssen, ob es einen Zusammenhang zwischen Pädosexualiät, Zölibat und einer Sexualmoral gibt, die Verdrängung und Verklemmung zumindest bis in die jüngste Vergangenheit hinein Vorschub geleistet hat [Fast richtig. Wenn man "Verdrängung und Verklemmung" durch "Enthemmung" ersetzt, könnte man der Antwort aber sicherlich mindestens genauso nahe kommen]. Aber daran rührte der Bischof ebenso wenig, wie es seine Kollegen in den vergangenen Tagen taten [... und dies, obwohl der Zusammenhang zwischen Pödosexualität und Zölibat mittlerweile aus mehreren Richtungen mindestens angezweifelt wird? Seltsam. Aber ich fasse gerne nochmal zusammen: Laut SPIEGEL sind in den vergangenen 15 Jahren mindestens 94 Kleriker und Laien unter Mißbrauchsverdacht geraten. Auf Bundesebene wurden alleine 1999 insgesamt 19.436 Kinder Opfer des sexuellen Missbrauchs. Nehmen wir mal nur um der Argumentation willen an, daß im zölibatären Dasein sich tatsächlich ein kleiner Dämon versteckt, der die sich diesem Leben verschreibenden Männern leicht die Kontrolle verlieren läßt. Wie sollten wir dann erst den ultra-permissiven, um nicht zu sagen promiskuitiven Umgang mit der Sexualität, dem sich doch der Löwenanteil der Gesellschaft hingibt, bewerten, wenn es ganz offensichtlich ist, daß dieser ebenfalls auf nicht eben bescheidene Weise für den Kindesmißbrauch verantwortlich ist? Die Antwort folgt sogleich...].

    Denn dann müssten sie sich womöglich mit der These auseinandersetzen, die Übergriffe beruhten auf einem Systemfehler, wo doch gegenwärtig die Sprachregelung dahin geht, von Einzelfällen zu reden, wie sie, Gott sei's geklagt, allüberall in der Gesellschaft zu finden seien [In der Tat beruhen die Übergriffe auf einem Systemfehler. Es ist bezeichnend, daß man sich gesellschaftlicherseits darauf verläßt, daß schon irgendwann ein katholischer Bischof oder Priester mal nach den eigentlichen Zahlen schaut und darauf verweist, daß Kindesmißbrauch weder ein katholisches noch ein Zölibats-Problem ist. Denn dann kann man erleichtert die "Die wollen nur mauern/ablenken/schönschwätzen"-Karte spielen (Hier lohnt sich ein Blick auf einen Kommentar, den Elsa bereits gestern schrieb. Er bezieht sich auf das schwarze Loch des gesunden Menschenverstandes, welches Martensteins ansonsten leidlich lesbare Kolumne in der letzten Woche darstellte). Dies hat den gleich dreifach schönen Effekt, daß erstens der "Rent-a-mob" der Kirche das Vertrauen entzieht, sich zweitens mit seien Wortführern fingerzeigend von der eigenen Schuld abwenden und sie somit als eigentlich ja gar nicht vorhanden betrachten kann und drittens gerne glaubt, man könne der Kirche nun einfach vorwerfen, was man selbst seit Jahrzehnten praktiziert: Das Ignorieren der tiefer sitzenden (da die gesamte Gesellschaft betreffenden) Probleme bzgl. Kindesmißbrauch]. Tebartz-van Elst sprach mehrfach von "Hysterie" [mindestens...], setzte zur Medienschelte an [Sakrileg!] und ließ auch seiner Wut auf Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) freien Lauf, deren Zweifel an der Rechtstreue der Kirche er eine "infame Unterstellung" [Infam, aber schlüssig, nicht wahr, liebes Beiratsmitglied der Humanistischen Union?] nannte. Das Regierungsmitglied sei ja mittlerweile auch "zurückgerudert". Wenn es Verdachtsmomente gebe, schalte die Kirche selbstverständlich die Staatsanwaltschaft ein.

    Seit 2002 die Leitlinien über den Umgang mit sexuellem Missbrauch verabschiedet worden seien, erläuterte der Bischof, habe die Kirche alles getan, um Fälle aufzuklären, und betreibe zudem umfassende Prävention, gerade auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendarbeit. Aber auch Gespräche mit Seminaristen und kurz vor der Priesterweihe stehenden Diakonen stünden auf dem Programm der Gefahrenabwehr. Wenn man bedenkt, dass Galileo nach 400 Jahren vom Vatikan rehabilitiert wurde, darf man das Tempo der Kirche bei der Reaktion auf ein Thema, das seit den frühen siebziger Jahren breit und heftig diskutiert wird, getrost bewundern [Ja, warum nur die Medienschelte des Bischofs? Erkennt er etwas nicht die solchen Argumenten innewohnende Schlüssigkeit? Er wird sich doch nicht gar darüber ärgern, daß die Medien sich solcher Griffe in den Trog bedienen müssen, um ihre nach Platitüden, Polemiken und Vorurteilen hechelnden Massen auf Linie zu halten?].

2 comments:

Anonymous said...

Lustiger FAZ-Redakteur. Wenn TvE einen Rückzug der Justizministerin sieht, so bezieht er sich womöglich ja auch einen Zeitungsartikel...wo stand der bloß gleich...ach ja: In der FAZ!

http://www.faz.net/s/Rub5A6DAB001EA2420BAC082C25414D2760/Doc~ECBE7E74B04C444CA879DC413C4807E3C~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_aktuell

Arminius said...

In einer Kultur, in der die ungezügelte Befriedigung des Sexualtriebes zur Zivilreligion geworden ist, muß der Zölibat natürlich eine Provokation sein.

So etwas läßt sich eine Zivilreligion natürlich genauso wenig bieten, wie der Islam die Mohammedkarikaturen.