Wednesday, March 24, 2010

Noch'n Problem...

Die Gesellschaft hat es sich angewöhnt, moralische Fragen problematisch ("Es ist möglicherweise gut und richtig, daß...") zu behandeln. Das ist in einem gewissen Rahmen natürlich okay. Bei einer Überbetonung des "Wir können ja über alles mal reden und wenn wir Glück haben, hat jeder Recht" erreicht man aber früher oder später den Punkt, wo mehr zur Debatte steht, als geziemend erscheint. Hier drängt sich natürlich in erster Linie wieder mal die gute, alte Sexualität auf, aber ich denke auch an Fragen wie Drogenmißbrauch, Lebensschutz von der Empfängnis bis aufs Totenbett, Eigentum und Geiz und Gier, Geduld bis Liebe gegenüber allen Formen des fremd scheinenden Glaubens, Redens und Handelns, Respekt vor dem eigenen Körper/der eigenen Natur oder auch sogenannte "Kavaliersdelikte".

Die Kirche behandelt moralische Fragen größtenteils assertorisch ("Es ist in der Tat gut und richtig, daß...") oder gar apodiktisch ("Es ist notwendigerweise gut und richtig, daß...").

Hier ist das Kommunikationsproblem zwischen "Welt" und "Kirche" offensichtlich. In einer Zeit, in der das menschliche Leben sowohl in seinem Werden als auch in seinem Welken zur Debatte steht; in einer Zeit, in der persönliche Entfaltungsspielräume nicht mehr nur innerhalb großer (Staat und Kirche) oder kleiner (Partei, Verein) oder kleinster (Familie) Gesellschaften an Grenzen stoßen, sondern diese oft sprengen; in einer Zeit, in der einerseits Permissivität fast fahrlässig gehandhabt wird aber andererseits die wildesten Einschränkungen bzgl. der Redefreiheit grassieren; in einer solchen Zeit kann die Kirche nur als Fremdkörper mit bestenfalls eigenartigen Ansichten empfunden werden.

Leider empfinden auch nicht wenige innerhalb der Kirche extakt dies. Sie nehmen die Beliebtheit wahr, welcher sich diejenigen erfreuen, die einfach gewähren lassen oder zumindest kritisch hinterfragen. Das kritische Hinterfragen als solches stellt nicht das geringste Problem dar (übrigens auch innerhalb der Kirche nicht, solange man nach Aufspüren der Antworten den Anstand besitzt, sich mit dem Magisterium kurzzuschließen, bevor man die Mikrophone und die Kameras sucht). Aber für das kritische Hinterfragen alleine bekommt man noch nicht die Lorbeeren gereicht. Also werden auch innerhalb der Kirche immer wieder mal Stimmen laut, welche die schnelle, einfache, beliebte aber magisteriumsferne Lösung hinausposaunen. Es folgt der Kräuselungseffekt, und wenn der Bischof gerade erst mit der Krümme seines Hirtenstabes den Querschläger eingefangen hat, proklamieren die Schlagzeilen schon das neue goldene Zeitalter des Frauenpriestertums, der Genehmigung der Folter, des freiwilligen Zölibats, der gestatteten Feindschaft gegenüber Immigranten oder Andersgläubigen oder der entschärften Sexualmoral, je nachdem, zu welchem Thema ein Kirchenvertreter sich eben zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Der schwarze Peter landet hier zwangsläufig in der Hand des Bischofs oder des Papstes.

Bleibt die Kirche sich aber geschlossen treu, gibt sie ihre Grundsätze, Lehren, Dogmen kund und erklärt diese als aus dem Glauben heraus einzuhaltende, dann bröselt es an anderer Stelle, nämlich an der, wo Priester die an sie gestellten Forderungen mißachten und sich heftigst versündigen. Die Reaktion lautet dann meist: "Guck mal, die können sich ja noch nicht einmal selbst dran halten! Also ist das doch Kappes!"

Nun diskutiert aber die Kirche eine Frage wie z.B. den Kindesmißbrauch nicht problematisch (im Gegensatz zu... naja, lassen wir das). Kindesmißbrauch oder "gegenseitig einvernehmlicher Sex mit Minderjährigen" ist nicht drin. Punkt. Daß nun Priester sich an Kindern vergingen (wobei es hier ja nicht immer um das Schlimmste geht, sondern machmal nur um eine Watschn, die 40 oder 50 Jahre zurückliegt) kann aber schwerlich bedeuten, daß der eisern gehaltene Widerstand der Kirche gegen die abnormale Neigung, sich an Jüngeren und Jüngsten zu vergreifen, Kappes ist. Das wird auch niemand behaupten (also, niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat). Daß Bischöfe zu langsam in die Puschen kamen, als es um rest- und schonungslose Aufklärung dieser Verbrechen ging, ist ein anderes Thema, dessen Konsequenzen wir hoffentlich auch bald spüren werden.

Wenn also nun ein Priester sich in der Öffentlichkeit mit seiner Geliebten oder seinem Geliebten zeigt, dann kann die Öffentlichkeit dies höchstens als ein Zeichen dafür deuten, daß es Männer gibt, die mit den Anforderungen des Priesteramtes überfordert sind. Und so ist es ja in der Tat. Keinesfalls läßt sich daraus aber eine Rechtfertigung ableiten, sämtliche Themen, die in der Gesellschaft eigentlich nur noch in Extremfällen für Schlagzeilen sorgen, nun auch innerhalb der Kirche als Normalität zu betrachten.

Die Kirche definiert sich unter anderem ja grade auch durch ihr "Nicht von dieser Welt"-Sein. Die Kirche ist ja grade aufgrund ihrer manchmal so gnadenlos starrköpfig wirkenden Haltung zu bestimmten Fragen genau der Stachel, den die Welt braucht, um nicht in kompletter moralischer Umnachtung vor sich hinzudämmern. Sicher, der Preis ist hoch, weil die Kirche eine Kirche der Sünder ist und man in ihr alles findet, wovon sie der Welt abrät. Dies aber ist die Welt, die durch kleine Ritzen in die Kirche eindringt. Es ist nicht das wahre Gesicht der Kirche, welches eine Handvoll realitätsferner Greise von der Welt zu verbergen sucht.

Ich lese und höre in den letzten Wochen immer wieder mal, daß es eigentlich schade sei um die Kirche, die jetzt mit den Mißbrauchsskandalen eine so häßliche Fratze zeigt, weil sie eigentlich ja in Fragen der Moral und Ethik doch einen ganzen Haufen interessanter Anregungen zu bieten hat, die man so in der Welt leider nicht mehr findet. Auch dies scheint mir ein seltsamer Schluß zu sein. Klar: Die Kirche muß damit leben, jetzt erst einmal als "Die Kirche" auf der Anklagebank zu sitzen. Diese Art der Differenzierung kann man von den durchschnittlichen Schlagzeilenvertilgern nicht erwarten. Aber wenn Anregungen in Fragen der Moral und Ethik einen Sinn ergiben, dann wird dieser Sinn ja nicht dadurch geschwächt, daß Individuen der Institution, welche diese Anregungen ausspricht, sie ignorieren. Im Gegenteil. Es zeigt doch eigentlich, wie sehr uns das Wasser schon bis zum Halse steht und wie ehrlich und redlich es wäre, diese Anregungen dann nicht spröde von sich zu weisen, sondern sie umso ernster zu nehmen.

2 comments:

Josef Bordat said...

Weshalb viele Ethiker „von der Welt“ ein Problem mit der katholischen Morallehre haben und das Überforderungsargument geltend machen, liegt an der biologistisch-naturalistischen Seinsauffassung der gegenwärtigen philosophischen und anthropologischen Strömungen, die sich auf das Paradigma der geist-, sinn- und ziellosen Evolution einerseits und auf die damit verbundene Weltanschauung des Materialismus andererseits stützen. Die „Natur des Menschen“ wird zur „Biologie des Menschen“, in welcher der Instinkt und der Trieb zum Grundsatz der Handlungssteuerung werden. Eine darüber hinausgehende Orientierung des Menschen an nicht-empirischen Entitäten wie Werten findet nicht mehr statt, sowie sich diese Werte nicht unmittelbar aus dem menschlichen Bedürfnis ableiten lassen. Aus dem Sein folgt mithin das Sollen. Von Kants Dualität empirisches Subjekt/transzendentales Subjekt bleibt nur noch das empirische Subjekt übrig. Vom Transzendenzbezug der Religion ist erst recht nichts mehr zu sehen. Hier gibt es in der Tat ein „Kommunikationsproblem“ zwischen „Welt“ und „Kirche“.

Der naturalistische Fehlschluss in der Epistemologie und der Ethik basiert, so Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie in Freiburg und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, auf dem Grundirrtum des ontologischen Naturalismus: Die naturalistische Weltdeutung hält fälschlicherweise einen Ausschnitt der Wirklichkeit, „nämlich die empirischer Betrachtung zugängliche Welt der nackten Tatsachen“ für das Ganze. Dies ist aber eine „Vorentscheidung, für die es keine guten philosophischen Gründe gibt“, meint Schockenhoff in „Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf“ (2007) – sehr zu empfehlen!

Für eine intensivere Auseinandersetzung siehe:
http://naturalismuskritik.wordpress.com/2008/07/28/ein-anderer-diskurs-mit-anderen-regeln/

Herzliche Grüße,
Josef Bordat

Alipius said...

Danke für den Kommentar!

Prof Schockenhoffs Aussage erinnert mich entfernt an einen Gedanken, der mich manchmal bzgl. des neuen, militanten Atheismus beschäftigt: Diese Leute halten ja auch den Bereich der Wirklichkeit, in welchem ein Gott nicht existiert, für das Ganze. Auch hier fehlen meines Erachtens die guten philosophischen Gründe. Ein sich nur auf das mit den Sinnen Erfaßbare und dann Kategorisier- oder Meßbare berufender Mensch mag "empirischer" sein, als ein gläubiger Mensch. Vernunftbegabter muß er deswegen noch lange nicht sein.