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Friday, June 11, 2010

Die Realität...

In der neuen Ausgabe der ZEIT werden dem 17-jährigen Noam Kohen im Dossier 3 Seiten gewidmet. Warum? Noam ist Jude und wurde in Laucha an der Unstrut (Sachsen-Anhalt) vor fast zwei Monaten brutal von einer tumben Glatze zusammengeschlagen. Der Täter, Alexander P., wurde bereits zweimal wegen Körperverletzung verurteilt. Dazu wurde zweimal wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gegen ihn ermittelt. Seine Rettung verdankt Noam dem 28-jährigen Mario Träbert, der im Auto vorbeikam, die Szene sah, anhielt, ausstieg und den Täter anschrie, was Noam die nötigen Sekunden verschaffte, sich in den Wagen des Retters zu verkrümeln. Gut gemacht! Schade nur, daß es überhaupt soweit kommen mußte.

Aber wie kam es soweit?

Schauen wir uns mal die Realität an, besonders die Realität des Menschen. Selbstgerechtigkeit, ein weig Hohn in Richtung der Gefallenen oder Geringeren und das Bedürfnis, sich an vermeintlichen Sündenböcken auszutoben, sind so alt wie der Mensch. Diese Phänomene zu instrumentalisieren und dadurch die Massen zu mobilisieren, war nie besonders schwierig. Mit Grausen starren wir heute fassungslos auf die antisemitischen Karikaturen der NS-Zeit. Mit noch größerem Grausen schielen wir auf die Opferzahlen, die infolge dieser Karikaturen und der durch sie legitimierten Praxis zu beklagen waren und sind.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Karikaturen präsentierten die Realität. Dies wäre damals unbequem gewesen, aber es hätte trotzdem nie und nimmer zu einem Völkermord legitimiert, ja, noch nicht einmal dazu, einen einzigen Juden zu verprügeln oder gar zu töten. Oder aber die Karikaturen waren eine hemmungslos überzogene Anklage in richtung eines nützlichen Sündenbocks, auf welchen sich so ziemlich alles abladen ließ. Dieses Szenario ist das stimmige. Nein, die Juden haben im Laufe ihrer Existenz nicht immer alles richtig gemacht (Sie tun es ja auch noch nicht). Sie haben hier für Murren, dort für Augenverdrehen und grade eben für internationale Entrüstung gesorgt. Je nach Orthodoxie-Grad verbrennen sie auch mal das Neue Testament. Geschenkt.

Es geht nicht darum, was die Juden taten, sondern darum, was man ihnen erfolgreich nicht als Individuen sondern in ihrer Rolle als "Der Jude" anhängen konnte. Und all dies wirkt bis heute fort. Bis heute zeigen die Karikaturen, die Haßtiraden, die Vorurteile ihre Wirkung. Auch heute noch werden in Deutschland Juden auf offener Straße zusammengeschlagen, weil sie Juden sind.

Warum zog Alexander P. los und verdrosch einen jüdischen Jugendlichen? Weil er im Sinne der NS-Karikaturen gehirngewaschen wurde. Weil man die individuellen Fehler einzelner Juden über die Jahrhunderte hinweg einfach als an jedem Ort zu jeder Zeit für jeden jüdischen Menschen gültig erklärte. Und weil man es fertigbrachte, mit kruder Logik den Benachteiligten, den Kleinen, den Gernegroßen, den Komplexbeladenen einzubläuen, daß irgendwer an ihrer mißlichen Lage gefälligst Schuld zu sein hat - nur nicht sie selbst.

Und nun ist die Panik groß. Es gibt in der ZEIT drei Seiten, mit Tathergang, Lebensläufen, deutschlandweiten Statistiken, Hintergründen, Fragen undsoweiter.

Doch diese Panik bezieht sich auf bereits Geschehenes.

Ganz im Sinne des "Wehret den Anfängen" wäre vielleicht auch eine klitzkleine Spalte in einer großen deutschsprachigen Tages- oder Wochenzeitung wünschenswert, welche fragt, inwieweit neuzeitliche Stürmer wie z.B. das NDR-"Satire"-Magazin extra-3 mit seinen perfiden und nicht eben unhetzerischen Darstellungen kirchlicher Würdenträger die tumbe Meute sündenbeladener, gewissensgehemmter Individuen auf ähnliche Art füttert und manipuliert wie seinerzeit die NS-Schmierfinken.

Oh, ja, ich weiß: Katholische Priester haben sich an Kindern vergangen. Doch rechtfertigt dies pauschale Tritte, verallgemeinernde Anklagen und stumpfes Kesseltreiben? Wenn ja, wieso sollte es dann bei den Juden (welche, wie gesagt, auch nicht alle und immer mit weißer Weste daherkamen) anders sein? Aus Gründen der Menschlichkeit und der Fairness, hoffe ich doch mal.

Zurück zur Realität: Noam wird zusammengeschlagen. Deutschlandweit wird auf drei Seiten darüber informiert. Ein fiktiver Kardinal legt in einem Müll-Video von extra-3 einem Ministranten geifernd seine Hand auf die Schulter und erkundigt sich, ob er noch einen jüngeren Bruder habe. Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.

Jedoch: Das Noam-Szenario ist nur die logische Konsequenz der Sündenbocksuche, der Selbstgerechtheit, des Hohns und des Populismus mit welchem schlichte Gemüter noch schlichtere Bedürftige bedienen. Es ist die logische Konsequenz einer Geistes- und Gewissenshaltung, wie sie auch z.B. bei extra-3 demonstriert wird.

Noam wurde zusammengeschlagen, weil vor fast sieben Jahrzehnten eine Gesellschaft den Augenblick verpaßte, in welchem sie geschlossen hätte rufen müssen: "Es reicht!" Dies ist eine simple und lehrreiche Einsicht.

Werden sich heute, in Zeiten, in denen wir alle über die Folgen mangelnder Zivilcourage bestens informiert sind, genügend Leute mit Einfluß und Stimme finden, die bereit sind, dieses "Es reicht!" immer und überall auszurufen, wo die Umstände es erfordern?

Oder wird die Realität des gefallenen Geschöpfes siegen und nicht zulassen, daß der Stammtisch sich ohne Sündenbock-Phantasien und Selbstgerechtigkeits-Betthupferl zum Schlafe niederlegen muß?

Tuesday, June 01, 2010

Die Angst eines Kindermörders

Ich bin gegen Folter. Grundsätzlich. Ich bin so sehr gegen Folter, daß ich, wenn mein Leben von der Entscheidung abhinge, mich eher für die Todesstrafe ausspräche, als für die Folter. Aber das ist graue Theorie und muß mir hier jetzt nicht zum Strick gemacht werden (vor allem, weil ich es offen zugebe; nicht, um zu schocken, sondern um zu zeigen, wie ernst es mir mit meiner Einstellung gegen die Folter ist).

Auch müssen wir die Geschichte jetzt nicht zum Spielball der Kasuikstik machen ("Aber was wäre, wenn du durch Folter das Versteck einer Bombe herausfinden könntest, die 127 Menschen zu töten droht...!?").

Denn einen Einzelfall, der sich nicht im "Was wäre, wenn"-Nebel abspielt, sondern als tatsächliche Nachricht vor einer Stunde bei yahoo.news einging, ist für mich momentan viel interessanter, weil problematischer:
    Der Kindermörder Magnus Gäfgen hat mit seiner Folterklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einen Teilerfolg erzielt.

    ...

    Während seines Verhörs drohte ein Polizist dem damaligen Jura-Studenten mit Misshandlungen. Der Beamte handelte auf ausdrückliche Anordnung des damaligen Frankfurter Vize-Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner. Daraufhin führte Gäfgen die Ermittler zu einem Teich, in den er die Leiche des Jungen geworfen hatte. Daschner begründete seine Entscheidung damit, er habe angenommen, der Junge lebe noch. Ihm sei es darum gegangen, das Kind zu retten.

    Dieses Argument ließ der Straßburger Gerichtshof nun nicht gelten. Das "absolute Verbot unmenschlicher Behandlung" gelte "völlig unabhängig" vom Verhalten des Opfers und den Beweggründen der Behörden. Es lasse keine Ausnahme zu, "nicht einmal, wenn ein Menschenleben in Gefahr ist". Die Gewaltandrohung habe bei Gäfgen "Angst und seelisches Leiden in erheblichem Maße" auslösen müssen.
Wie gesagt: Ich bin gegen Folter, und "unmenschliche Behandung" darf man wohl mit zur Folter zählen.

Aber warum kriege ich dann trotzdem Schüttelfrost, wenn ich lese, daß man sich so einen Kopf macht, bei einem Menschen, der einen 11-jährigen Jungen entführt und erstickt hat?

Ist das normal? Ist das im erweiterten "grünen Bereich"? Darf ich dieses ungemütliche Jucken empfinden? Oder muß ich als Christ und angehender Priester jetzt schon so entspannt und gelassen und nüchtern sein, daß mich solche Gefühle gar nicht mehr überfallen?

Was ist Eure Erfahrung in solchen Situationen? Wie reagiert Ihr, wenn Ihr so etwas lest?

[Jetzt, wo ich darüber geschrieben habe, ist es übrigens auch schon wieder vorbei. Aber da es da war und mich beschäftigt hat, blogge ich es trotzdem.]

Saturday, May 29, 2010

Arrivederci, Roma!

Mann, mir läuft die Zeit davon! Nicht mal mehr ein Monat bleibt! Dann werde ich mich von der Ewigen Stadt erst einmal verabschieden müssen. Und wenn ich wieder mal zurückkomme, dann wird es auch irgendwie nicht mehr so sein, wie während der vergangenen fünf Jahre.

Dieses Gefühl, hier wirklich zu wohnen und zu leben, daß war so einzigartig beruhigend. Ich hatte nicht so den US-amerikanischen Touri-Streß ("Europe in 20 days!" las ich einst auf einem Bus...), sondern konnte mich gemütlich niederlassen und ganz entspannt die Stadt anschauen.

Jetzt, nach fünf Jahren, habe ich ein ganz seltsames Gefühl: Da ich nicht nur die Stadt Rom sah, sondern sie in der Tat ein wenig kennenlernte (und dazu auch noch die Römer und das römische Leben), spielte sich auf der Austausch-Ebene viel mehr ab, als bei einem einwöchigen Besuch in einer beliebigen Stadt. Es kommt mir manchmal so vor, als hätte nicht nur ich Rom besichtigt und angeschaut und kennengelernt, sondern als hätte die Stadt genau dies auch mit mir gemacht. Seltsam.

Naja, jedenfalls ist es jetzt bald erstmal vorbei.

In der neuen ZEIT gibt es ein Interview mit Marcel Reich-Ranicki. Dort sagt der "Papst der Literaturkritik":
    "Ich bin nicht glücklich. Ich bin überhaupt nicht glücklich. Ich war es nie in meinem Leben. Ich war es nie. Ich war nie in meinem Leben glücklich. Das ist etwas, was ich nicht kenne."
Das tut mir leid. Lieber Herr Reich-Ranicki: Schnappen Sie Sich Ihre Gattin, ziehen Sie nach Rom und suchen Sie Sich schnell eine Stamm-Bar, vor der Sie dann mit den lustigen, ständig tratschenden, römischen Opis bei astreinem Cappucino stundenlang herumlungern können, um über wirklich alles zu quasseln.

Aber wahrscheinlich bedeutet "glücklich sein" für so ganz verschiedene Menschen auch ganz verschiedene Dinge. Ideal ist es natürlich, wenn das Gespür für die Momente des Glücks auf dem eigenen Mist gewachsen ist und einem nicht durch die Hintertüre ins Herz geschmuggelt wurde ("Nur der neue Fortun-o-matic wird Dich wirklich glücklich machen!").

Und was heißt es überhaupt, wenn man nach 90 Lebensjahren sagt: "Ich war nie in meinem Leben glücklich"? Heißt es, man hat keine längere Periode des Glücklichseins erlebt? Oder heißt es wirklich, daß man sich an keinen einzigen, noch so kurzen Augenblick des Glücklichseins erinnern kann? Das wäre furchtbar traurig.

Ich weiß, wie "traurig sein" sich anfühlt. Und es ist ein Gefühl, welches ich schätze und vor dem ich nicht zu fliehen versuche. Denn es überfällt mich so selten, daß ich - wenn es kommt - immer der Meinung bin, ich sollte es durchaus auskosten, da es irgendwie zur Bildung eines halbwegs vollständigen Charakters gehört.

Aber zum Glück (Danke, liebes Glück... nein: Danke, Lieber Gott!) weiß ich noch viel besser, wie sich "glücklich sein" anfühlt. Es kommt in so vielen wunderbaren, verschiedenen Geschmacksrichtungen. Und in den letzten 5 Jahren kamen noch einmal ein paar dazu.

Glück ist ja auch nicht ausschließlich der Moment. Glück ist auch die Rückschau, die Freude über das Gewesene und damit verbunden die Feststellung, daß manche Momente des Glücklichseins sich in Hirn und Herz einnisten wie niedliche, kleine, pelzige Tierchen, die man nach Belieben immer wieder mal hervorkramen und streicheln kann, während sie verzückt quietschen. Glück war und ist die Einkleidung als Novize im Stift Klosterneuburg und auch die Ewige Profeß. Glück war und ist das erste Glucksen, das aus dem Mund meiner ersten Nichte kam. Glück war und ist jeder normale Tag, der durch die Anwesenheit eines oder mehrerer guter Freunde zu einem besonderen Tag wurde. Glück ist auch der Blick nach vorne. Glück ist jetzt schon die erste Heilige Messe, die ich zelebrieren werde. Glück ist jetzt schon mein nächster Spaziergang durch Bamberg. Glück ist jetzt schon das Ablästern als 70-jähriger Chorherr über die schrecklichen, neuen Novizen, die - "So was hätte es bei uns ja niemals gegeben!" - sogar im Auto Interntanschluß haben, und gleichzeitig die verschmitzte, ehrliche, tiefe Dankbarkeit für die Anwesenheit dieser schrecklichen Meute in unserer Mitte, ihre Dienste, ihre Bereitschaft, bei Tisch auch der abgenagtesten Story zum dreihundertsten Male zuzuhören. Und wenn Gott entscheiden sollte, daß meine Zeit vorüber ist, bevor eines dieser künftigen Glücke Realität wird, so ist es dennoch bereits Glück gewesen.

Ich weiß nicht, ob das Glück wirklich immer und überall zum Greifen nahe ist und sich unter mehr Steinen am Wegesrand versteckt, als man annehmen sollte. Vielleicht habe ich auch einfach eine niedrigere Schwelle, so daß ich es bereits als Glück empfinde, wenn ich in einem Park bei strahlendem Sonnenschein für eine Vierteltunde eine Handvoll Vögelchen beobachten kann. Oder vielleicht ist meine Definition von Glücklichsein auch schlicht weit genug, um ganz vielen Dingen Platz zu bieten.

Wahrscheinich ist es aber doch so, wie mit der göttlichen Gnade: Sie ist da, aber sie will, daß du "Ja" zu ihr sagst. Sie darf sich dir nicht an den Hals schmeißen und sagen "Okay! Kann losgehn!", denn deine Freiheit ist ihr wichtig. Du mußt für sie offen sein, so, wie du auch für das Glück offen sein mußt.

Hmm... Vielleicht gibt's da ja auch einen Zusammenhang!

Tuesday, May 11, 2010

Eine Wissenschaft der Moral?

Über Mark Shea's großartige Seite Cathoic and enjoying it stieß ich auf einen Beitrag von Sam Harris in der Huffington Post, in welchem er über die Möglichkeiten einer Wissenschaft der Moral nachdenkt.

Wer will kann sich den langen Artikel durchlesen. Ich empfand ihn in der Tat als Zeitverschwndung, weil er zu lange in einem Argument/Gegenargument-Strudel herumpiourettiert und zwischen den Zeilen schon sehr früh das Wesentliche erahnen läßt. So dachte ich mir schon nach wenigen Absätzen 'Okay, nun sag's doch endlich!'

Aber erst ganz am Schluß kommt die Katze aus dem Sack [ÜS meine]:
    Doch die Konsequenzen des moralischen Relativismus sind verheerend. Und das Nicht-Vermögen, die wichtigsten Fragen im Leben der Menschen anzusprechen, ließ der Wissenschaft ausschauen wie wenig mehr als einen Brutkasten für Technologie. Es ermöglichte auch der auf Glauben basierenden Religion - diesem großen Motor der Ignoranz und Bigotterie - den beinahe unangefochtenen Anspruch zu erheben, die einzige Quelle moralischer Weisheit zu sein. Das war schlecht für jedermann. Mehr noch: Es war unnötig, denn wir können über das Wohlbefinden von Kreaturen mit Bewußtsein vernünftig und im Kontext der Wissenschaft reden. Es wird Zeit, daß wir es versuchen.
Billige Seitenhiebe eines fromm den Kanon herunterleiernden Atheisten mal beiseite, finde ich erstens den "moralischen Relativismus" niedlich. Dessen Folgen beklagt das geistliche Oberhaupt von 1.2 Milliarden Ignoranten und Heuchlern seit wann genau? Ja, danke...

Noch entlarvender ist für mich das "Wohlbefinden", ein Begriff, der sich wie ein roter Faden durch den gesamten Artikel zieht.

Denn die Frage ist doch, wie Wohlbefinden mit Moral zusammenhängt und wie, bzw ob sich dieser Zusammenhang in der heutigen Zeit überhaupt kommunizieren läßt.

Ich will nicht zu weit von vorne beginnen, aber ich tu's dann halt doch...

Wenn irgendwer sich des berechtigten Anspruchs eines Gutes auf eine Reaktion bewußt wird, stellt diese Reaktion einen moralisches Gut dar, wenn sie geordnet ist und ein moralisches Übel, wenn sie zerrüttet scheint. Der moralische Wert findet sich in der Antwort eines Akteurs auf den Anspruch eines einfachen Gutes.

Der primäre Analogat eines moralischen Wertes findet sich in der internen freien Wahl oder dem internen freien Akt des Willens: Ich sehe ein hungriges Baby und wähle innerlich, es zu füttern. Diese Wahl ist der erste Ort, an welchem sich der moralische Wert findet.

Weiterhin findet sich dieser Wert in der externen Realisierung dessen, was innerlich gewollt ist. Zuerst liegt der Wert in der Entscheidung, das Baby zu füttern. In einem abgeleiteten Sinne findet er sich auch im externen Handeln, indem ich Nahrung nehme und sie dem Baby zuführe.

Die "Gesprächsführung" - wenn ich es mal so nennen darf - zwischen Intellekt und Willen auf dem Weg zu einer freien Wahl kennt den Begriff "Wohlbefinden" nicht.

Nichts ist gewollt, was nicht zuerst gekannt/erkannt ist. Am Anfang steht ein Akt des Intellekts, eine simple Auffassung eines Gutes, welches sich präsentiert. Der Wille tendiert notwendigerweise, automatisch, uranfänglich in einem simplen Akt zu diesem Gut. Es gilt nun herauszufinden, ob dieses Gut erreichbar ist, was wiederum dem Intellekt zufällt. Sagt dieser "Okay!", so antwortet der Wille mit einer Absicht. Diese bezieht sich direkt auf das Gut. Unter Umständen - wenn das Gut nicht direkt erreichbar ist - legt der Intellekt noch einen Akt der Beratung ein, um die Mittel zu überdenken, mit deren Hilfe das Gut an Land gezogen werden kann. Da diese Mittel zur Erlangung des Gutes nützlich sind, üben sie eine eigene Anziehgunskraft aus. Nach Abwägung der Mittel gibt es im Willen einen Akt der Zustimmung. Der Intellekt volzieht das endgültige Urteil und der Wille antwortet mit einem Akt der Erwählung. Und genau an diesem Punkt tritt die interne moralische Integrität auf. Der Intellekt gibt den Befehl aus, der Wille folgt mit der der Ausführung. Hier gibt es eine weitere Aktivität, die weder dem Intellekt noch dem Willen zufällt: Es ist der Gebrauch meiner physischen Kräfte. Und hier findet sich sich die externe moralische Integrität.

Frage: Umfaßt moralisches Handeln nicht auch - oder gar besonders - Dinge wie Verzicht, wenn nicht gar Opfer?

Und ist der ganze, oben beschriebene Komplex, in der heutigen Zeit nicht reduziert auf ein "Ich will, ich nehm, ich hab", um es mal platt auszudrücken?

Wer über die Möglichkeiten einer Wissenschaft der Moral nachdenkt und in seinen Ausführungen verdächtig oft den Begriff "Wohlbefinden" verwendet, der mag selbst noch weitsichtig und erfahren genug sein um zu wissen, daß man auch trotz eines gebrochenen Arms sich noch sehr wohl fühlen kann, wenn man sich diesen Bruch zuzog, während man einen Menschen aus einem zusammenstürzenden Haus rettete. Er mag zumindest verstehen, daß man sich ausgesprochen wohl fühlt, wenn man ein direkt verfügbares, vermeintliches Gut - zum Entsetzen aller Zeugen - links liegen läßt, weil es ein zwar schwerer und nur unter Verzicht und Ofern zu erreichendes aber bedeutend höheres Gut zu erlangen gilt.

Aber: Ist in unserer doch sehr aufs Materielle ausgerichteten "Spaß bis der Arzt kommt"-Gesellschaft (deren moralischen Relativismus Harris ja selbst beklagt) der Begriff "Wohlbefinden" nicht ein wenig vorbelastet? Bedeutet er nicht in der Regel das, was in erster Linie einmal mir nützt? Und wenn es sich um's "Ich" dreht, wie soll dann auf einer großen Kugel mit bald 7 Milliarden Individuen die Wissenschaft der Moral implementiert werden, wenn es - nach Abschaffung der Ignoranten und Heuchler und somit auch Gottes - keine absolute und höhere Autorität in Fragen der Moral mehr gibt?

Saturday, May 08, 2010

Was wird bleiben?

Da es in den nächsten 24 Stunden hier ein wenig ruhiger wird (ich war im Stift zum Kapitel und reise morgen zurück nach Rom), schiebe ich hier mal eine Grübelei ein, die Euch vielleicht für die Zeit der Blog-Stille ein wenig Futter gibt (Mal schauen, vielleicht schaffe ich es ja wenigstens, morgen eine Robusta einzuschmuggeln).


Wenn man als Katholik "Kirche" sagt, dann sollte man schon von der "katholischen" Kirche sprechen, also von der von Christus gewollten, einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche.

Und diese hat sich ja schon seit einiger Zeit in der Welt ganz gut ausgebreitet.

Jedoch gibt es zwei Probleme:

Erstens: Nicht jeder, der sich "katholisch" nennt, sitzt auch fest im Schoße der Heiligen Mutter. Manche fallen sofort hinab, wenn's ein wenig ruckelt; andere werden von Mama mal zur Strafe probeweise auf den Boden gesetzt und schaffen es dann entweder nach reiflicher Überlegung und einem Abwägen des pro und contra wieder hinauf oder sie denken sich 'Wenn die nicht will, wie ich, dann soll sie mich mal gerne haben!' Um dieses Problem geht es in dieser Grübelei allerdings nicht oder nur sekundär.

Zweitens: Die Kirche ist mittlerweile so groß und so alt, daß es zumindest mir oft schier unmöglich ist, als Katholik "Kirche" zu sagen und dabei nicht meine ganz spezielle, mir durch eigene Erfahrungen und Rückblicke in die Vergangenheit ans Herz gewachsene Kirche zu meinen.

So kommt es dann, daß ich mich manchmal in meiner unmittelbaren und mittel-mittelbaren Umgebung umschaue, parallel dazu ein Bild von einer glorreicheren katholischen Vergangenheit in meinen Gedanken aufblitzt und ich denke "Okay, das war's! Die Kirche ist am Ende".

Ich wuchs grade noch rechtzeitig auf, um die letzten Zuckungen der Volkskirche bewußt mitzubekommen. Doch es dauerte nicht lange, bis ich bemerkte, daß etwas faul war. Da ich aber Vergleiche brauchte, um die Fäule identifizieren zu können, begann ich, mich mit der Geschichte der Kirche und des Katholizismus zu beschäftigen. Vielleicht zu früh; sicherlich ohne die Fähigkeit, zwischen Information und Ideologie zu unterscheiden. So kam es, wie es kommen mußte: Zwei Herzen schlugen bald - ach - in meiner Brust.

Der verunsicherte junge Erwachsene - ganz abhängig von der Meinung und Akzeptanz seiner Altersgenossen - wollte erst einmal mit der Kirche der Inquisition, des stillschweigenden Versager-Papstes, der lüsternen Mönche, der Kreuzritter, der bis zum Pupillenstillstand spitzfindigen Theologen, der schürzenjagenden Päpste und der die Bauern aussaugenden, in Saus und Braus lebenden Kirchenfürsten nichts mehr zu tun haben.

Aber der sich irgendwie einsam und von seinen Altersgenossen unangenehm beobachtet fühlende katholische alte Bub schwelgte immer öfters und heimlich in Bildern von aus allen Nähten platzenden Kirchen, von kilometerlangen Fronleichnamsprozessionen, von Eucharistischen Kongressen mit Feldmessen, an denen 200.000 Gläubige teilnehmen, von gemütlichen, dicken Dorfpfarrern in Soutane, die von alten Mütterchen mit Kuchen und Braten versorgt werden, von einem Kirchenvolk, das die gesamte Stadt in einen geschmückten Empfangssal verwandelt, wenn der eigene Bischof aus Rom mit dem Kardinalshut zurückkehrt, von ganzen Rudeln von Ministranten, die als aufgeregt schwatzendes Häuflein die Sakristei betreten um dann in ehrfurchtsvollem Schweigen routiniert ihren verschiedenen Aufgaben nachzugehen, von Bischöfen, die in ihren Palais zwischen seidenen Tapeten, kostbarem Mobiliar und alten Kunstschätzen leben und weder von den Gläubigen dafür verachtet werden noch in hochtrabendes Gebahren verfallen.

Überhapt: Ich träumte auch immer sogleich die Kehrseite der Medaille hinfort. Die Kinder waren im Schoße der Kirche und unter Dutzenden von Priestern sicherer als im Laufstall. Die Priester waren solide und kompensierten, was auch immer die Welt ihnen als Mangel andichten wollte, mit einem regen Gebetsleben und einem Kreis echter und guter Freunde. Die Bischöfe waren Kirchenfürsten und standen somit vor ihren Schäfchen, als erste dem Feind in die Augen blickend. Die Gläubigen ehrten ihre Priester zuallererst wegen des Amtes aber dann auch wegen des Vertrauens, welches das Amt mit sich brachte und welches der Mann nicht mißbrauchte.

Und dann wachte ich eines Tages auf und wußte: Es wird nie wieder so werden (wenn es denn überhaupt jemals so war). Und das brach mir für eine Sekunde das Herz, denn es bedeutete, daß die katholische Kirche und der katholische Glaube ihre Anziehungskraft auf die Massen verloren hatten. In den Shopping Malls der Eitelkeiten machte sich die Kirche plötzlich so ungelenk, da selbst die pompösesten Eminenzen mit den längsten Schleppen und dem größten Appetit auf Macht nicht die dreisten Marktschreier-Qualitäten aufwiesen, mit welchen die neuen Hohepriester das Volk an die Produkte zerrte. Denn selbst ein Ludwig Kardinal von Stolzenbauch-Seidenberg ist immer noch an mindestens eine Handvoll Prinzipien gebunden, die er selbst um den Preis wenigstens seiner materiellen Sicherheit, wenn nicht seiner Gesundheit oder gar seines Lebens, nicht preisgeben wird.

So verabschiedete ich mich von meiner Geschmacksrichtung des Katholizismus, versuchte, mir für einige Jahre vorzulügen, daß die Kirche ganz arg doll böse ist, knickte dann aber geschwind ein und kroch zu Kreuze.

Was steckt da für eine Befreiung in diesem Ausdruck, der so demütigend klingen soll! "Zu Kreuze kriechen!" Ich kann es jedem nur wärmstens empfehlen. Denn wenn man dann da unten liegt und scheu den Blick hebt und Christus einen anlächelt und sagt "Paßt schon! Du warst jung und verwirrt! Vergessen wir's einfach! Gibt halt acht, daß du jetzt mir und dir treu bleibst!", dann gibt's einen Ruck und die Welt ist plötzlich wieder in der Umlaufbahn. Herrlich!

Ich raffte mich also auf und fand mich mit dem Gedanken ab, daß - wenn ich es denn tatsächlich fertigbringen sollte, eines Tages meiner Beufung zu folgen - ein gigantischer Berg von Arbeit vor mir läge. Und nun wächst dieser Berg sekündlich und ich steht unten am Fuße und staune.

Was wird bleiben?

Wenn der Gipfel des Berges bald durch die Wolkendecke bricht und ich ihn nicht mehr sehen kann, ist er dann trotzdem noch da? Aber ja. Darüber mache ich mir keine Sorgen.

Aber werde ich es verkraften, den Glauben in Europa sterben zu sehen? Werde ich lernen, daß die katholische Kirche mehr ist als ein weißhäutiger, rotwangiger Pfarrer, der in eine barocken Rauchmantel gehüllt, unter einem Baldachin daherschreitend das Allerheiligste durch malerische Dorfstraßen trägt, an deren Seiten die Gläubigen sich den Platz streitig machen und ein Schar von Kindern neugierig und fromm die Hälse lang macht? Werde ich erkennen, daß junge Priester aus allen Kontinenten schon längst dabei sind, den Berg von Arbeit zu erklimmen und frohen Mutes in die katholische Zukunft schauen? Werde ich mich von ihnen mitreißen lassen können? Werde ich eines Tages sagen können "Hauptsache Kirche, egal wo!"?

Was wird bleiben?

Ich hoffe, Euer Gebet!

Wednesday, March 24, 2010

Noch'n Problem...

Die Gesellschaft hat es sich angewöhnt, moralische Fragen problematisch ("Es ist möglicherweise gut und richtig, daß...") zu behandeln. Das ist in einem gewissen Rahmen natürlich okay. Bei einer Überbetonung des "Wir können ja über alles mal reden und wenn wir Glück haben, hat jeder Recht" erreicht man aber früher oder später den Punkt, wo mehr zur Debatte steht, als geziemend erscheint. Hier drängt sich natürlich in erster Linie wieder mal die gute, alte Sexualität auf, aber ich denke auch an Fragen wie Drogenmißbrauch, Lebensschutz von der Empfängnis bis aufs Totenbett, Eigentum und Geiz und Gier, Geduld bis Liebe gegenüber allen Formen des fremd scheinenden Glaubens, Redens und Handelns, Respekt vor dem eigenen Körper/der eigenen Natur oder auch sogenannte "Kavaliersdelikte".

Die Kirche behandelt moralische Fragen größtenteils assertorisch ("Es ist in der Tat gut und richtig, daß...") oder gar apodiktisch ("Es ist notwendigerweise gut und richtig, daß...").

Hier ist das Kommunikationsproblem zwischen "Welt" und "Kirche" offensichtlich. In einer Zeit, in der das menschliche Leben sowohl in seinem Werden als auch in seinem Welken zur Debatte steht; in einer Zeit, in der persönliche Entfaltungsspielräume nicht mehr nur innerhalb großer (Staat und Kirche) oder kleiner (Partei, Verein) oder kleinster (Familie) Gesellschaften an Grenzen stoßen, sondern diese oft sprengen; in einer Zeit, in der einerseits Permissivität fast fahrlässig gehandhabt wird aber andererseits die wildesten Einschränkungen bzgl. der Redefreiheit grassieren; in einer solchen Zeit kann die Kirche nur als Fremdkörper mit bestenfalls eigenartigen Ansichten empfunden werden.

Leider empfinden auch nicht wenige innerhalb der Kirche extakt dies. Sie nehmen die Beliebtheit wahr, welcher sich diejenigen erfreuen, die einfach gewähren lassen oder zumindest kritisch hinterfragen. Das kritische Hinterfragen als solches stellt nicht das geringste Problem dar (übrigens auch innerhalb der Kirche nicht, solange man nach Aufspüren der Antworten den Anstand besitzt, sich mit dem Magisterium kurzzuschließen, bevor man die Mikrophone und die Kameras sucht). Aber für das kritische Hinterfragen alleine bekommt man noch nicht die Lorbeeren gereicht. Also werden auch innerhalb der Kirche immer wieder mal Stimmen laut, welche die schnelle, einfache, beliebte aber magisteriumsferne Lösung hinausposaunen. Es folgt der Kräuselungseffekt, und wenn der Bischof gerade erst mit der Krümme seines Hirtenstabes den Querschläger eingefangen hat, proklamieren die Schlagzeilen schon das neue goldene Zeitalter des Frauenpriestertums, der Genehmigung der Folter, des freiwilligen Zölibats, der gestatteten Feindschaft gegenüber Immigranten oder Andersgläubigen oder der entschärften Sexualmoral, je nachdem, zu welchem Thema ein Kirchenvertreter sich eben zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Der schwarze Peter landet hier zwangsläufig in der Hand des Bischofs oder des Papstes.

Bleibt die Kirche sich aber geschlossen treu, gibt sie ihre Grundsätze, Lehren, Dogmen kund und erklärt diese als aus dem Glauben heraus einzuhaltende, dann bröselt es an anderer Stelle, nämlich an der, wo Priester die an sie gestellten Forderungen mißachten und sich heftigst versündigen. Die Reaktion lautet dann meist: "Guck mal, die können sich ja noch nicht einmal selbst dran halten! Also ist das doch Kappes!"

Nun diskutiert aber die Kirche eine Frage wie z.B. den Kindesmißbrauch nicht problematisch (im Gegensatz zu... naja, lassen wir das). Kindesmißbrauch oder "gegenseitig einvernehmlicher Sex mit Minderjährigen" ist nicht drin. Punkt. Daß nun Priester sich an Kindern vergingen (wobei es hier ja nicht immer um das Schlimmste geht, sondern machmal nur um eine Watschn, die 40 oder 50 Jahre zurückliegt) kann aber schwerlich bedeuten, daß der eisern gehaltene Widerstand der Kirche gegen die abnormale Neigung, sich an Jüngeren und Jüngsten zu vergreifen, Kappes ist. Das wird auch niemand behaupten (also, niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat). Daß Bischöfe zu langsam in die Puschen kamen, als es um rest- und schonungslose Aufklärung dieser Verbrechen ging, ist ein anderes Thema, dessen Konsequenzen wir hoffentlich auch bald spüren werden.

Wenn also nun ein Priester sich in der Öffentlichkeit mit seiner Geliebten oder seinem Geliebten zeigt, dann kann die Öffentlichkeit dies höchstens als ein Zeichen dafür deuten, daß es Männer gibt, die mit den Anforderungen des Priesteramtes überfordert sind. Und so ist es ja in der Tat. Keinesfalls läßt sich daraus aber eine Rechtfertigung ableiten, sämtliche Themen, die in der Gesellschaft eigentlich nur noch in Extremfällen für Schlagzeilen sorgen, nun auch innerhalb der Kirche als Normalität zu betrachten.

Die Kirche definiert sich unter anderem ja grade auch durch ihr "Nicht von dieser Welt"-Sein. Die Kirche ist ja grade aufgrund ihrer manchmal so gnadenlos starrköpfig wirkenden Haltung zu bestimmten Fragen genau der Stachel, den die Welt braucht, um nicht in kompletter moralischer Umnachtung vor sich hinzudämmern. Sicher, der Preis ist hoch, weil die Kirche eine Kirche der Sünder ist und man in ihr alles findet, wovon sie der Welt abrät. Dies aber ist die Welt, die durch kleine Ritzen in die Kirche eindringt. Es ist nicht das wahre Gesicht der Kirche, welches eine Handvoll realitätsferner Greise von der Welt zu verbergen sucht.

Ich lese und höre in den letzten Wochen immer wieder mal, daß es eigentlich schade sei um die Kirche, die jetzt mit den Mißbrauchsskandalen eine so häßliche Fratze zeigt, weil sie eigentlich ja in Fragen der Moral und Ethik doch einen ganzen Haufen interessanter Anregungen zu bieten hat, die man so in der Welt leider nicht mehr findet. Auch dies scheint mir ein seltsamer Schluß zu sein. Klar: Die Kirche muß damit leben, jetzt erst einmal als "Die Kirche" auf der Anklagebank zu sitzen. Diese Art der Differenzierung kann man von den durchschnittlichen Schlagzeilenvertilgern nicht erwarten. Aber wenn Anregungen in Fragen der Moral und Ethik einen Sinn ergiben, dann wird dieser Sinn ja nicht dadurch geschwächt, daß Individuen der Institution, welche diese Anregungen ausspricht, sie ignorieren. Im Gegenteil. Es zeigt doch eigentlich, wie sehr uns das Wasser schon bis zum Halse steht und wie ehrlich und redlich es wäre, diese Anregungen dann nicht spröde von sich zu weisen, sondern sie umso ernster zu nehmen.

Tuesday, March 23, 2010

Eine neue Aufkärung!

Paul hat einen Artikel gefunden, der von der Notwendigkeit einer zweiten Aufklärung spricht. Auch ich habe vor zweieinhalb Jahren schon einmal eher scherzhaft im Zusammenhang mit zwei berühmt-berüchtigten Landkarten über den Reiz einer neuen Aufklärung nachgedacht.

Das Interessante an Paul's Posting ist, daß dort vom 16., 19. und 21. Jahrhunderte gesprochen wird. Das deckt sich (fast) mit einigen Überlegungen, die ich seit langem mit mir herumtrage, und die ich daher jetzt mal zu formulieren versuche.

Es liegt in der Natur des Kindes, gegen die Fesseln der Erziehung rebellieren zu wollen. Man möchte etwas tun. Man hat zwar den milden Verdacht, daß es von den unmittelbaren Autoritäten nicht gutgeheißen wird, tastet sich aber trotzdem mal ein wenig vor. Wenn ein Bub seiner Mutter gegenüber bösartig ist, gibt's eine Strafe. Sagen wir mal drei Tage Stubenarrest. Der Bub hat einen Schritt gewagt weg von den Einschränkungen, denen er sich unterworfen sah. Er hat dafür die Quittung bekommen. Er geht zurück auf Null und probiert es vielleicht ein anderes Mal mit Schuleschwänzen oder Apfelklauen. Ein erwachsenes Kind rebelliert gegen Papa Staat mit überhöhter Geschwindigkeit in verkehrsberuhigten Gebieten, mit Steuerbetrug, oder - wenn es ärger kommt - mit Gewaltverbrechen. Auch hier folgt auf das Erwischtwerden die Strafe.

Diese Kausalität fehlt in der Beziehung des Menschenkindes zu seinem himmlischen Vater. Oft haben Menschen das Gefühl, gegen Gott rebellieren zu wollen oder zu müssen. Und obwohl - im Gegensatz zu kleinen Buben oder Wohngebietsrasern - jeder Einzelne von ihnen immer erwischt wird (ja, Gott sieht tatsächlich alles), bleibt die direkte Strafe aus. Klar, das Gewissen wird belastet, die Seele wird durch die Sünde korrumpiert, aber das schlägt sich nicht als Bestandteil einer Ursache-Wirkung-Kette im Bewußtsein nieder. Eher spornt das obskure Gefühl des "Verschmutztseins" zu weiteren Untaten gegen Gott an, da Kinder selten wissen, sich glaubhaft zu entschuldigen, wenn sie nicht von einer Autorität dazu angehalten werden. Da die Bestrafung scheinbar nicht erfolgt, muß hier der Bub also nicht auf Null zurückgehen, sondern er versucht nach dem ersten erfolgreichen Schritt irgendwann den nächsten, den noch weiter wegführenden.

Schauen wir mal in die Geschichte und die diversen großen Schritte, mit denen der Mensch sich von Gott löste. Der Erste tarnt sich im 16. Jahrhundert noch unter dem Kampfschrei "Weg von Rom!" der Reformatoren. Doch wo man kühn der Kirche Christi den Rücken zuwenden kann und nicht, wie vielleicht von Einigen befürchtet, sich sofort in einem Schwefelbad wiederfindet, dort schwing sich, wenn neue Ketten vermeintlich zu schwer wiegen, die menschliche Hybris schnell zum nächsten Rufe auf: "Weg von Christus!" heißt es 17. und 18. Jahrhundert, in der Zeit der Aufklärung, die zwar noch Gottheiten zuließ, aber Christus mehr oder weniger als einen Heilsanbieter unter Vielen zu betrachten begann. Doch auch hier war das Potential noch nicht ausgereizt. Angetrieben vom Erfolg der unzähligen Revolutionen und der sich ausbreitenden Freiheiten, mußte eine weitere Fessel fallen. So hieß es dann im 19. Jahrhundert bald "Weg von Gott!". Auch dieser Schritt wurde gehorsam befolgt und brachte gar köstliche Früchte der Freiheit und des Aufblühens der Kultur mit sich. Allein: Weltkriege, Diktaturen und von menschlichen Gottgestalten initiierte Schlachtfeste in atemberaubenden Stile konnten den Durst nach Freiheit immer noch nicht stillen.

Was ist also der letzte Schritt, den der Mensch vollziehen kann, um sich vermeintlicher Fesseln zu entledigen, ohne daß durch das Rütteln an eben diesen Fesseln ein knurriger Hund geweckt wird, der einem vielleicht die Lust am Spielchen verdirbt? Es ist der finale Rettungssprung, der eingeleitet wird mit dem stolzen Ruf "Weg vom Menschen!"

Der Mensch selbst wird sich gegenüber gnädig die Augen schließen, während er sich von seiner Natur lossagt. Es begann bereits im letzten Jahrhundert und nimmt heute immer groteskere Formen an.

Es gibt natürlich zwei gewaltige Probleme: Erstens stirbt die Würde des Menschen, da diese untrennbar mit der Natur des Menschen als nach Gottes Bild geschaffen zusammenhängt. Zweitens stürzt man sich in einen Strudel des grenzenlosen Widerspruchs, wenn man für das Individuum das Höchstmaß an Freiheit ausruft, aber zugleich jedes Individuum, welches von seiner Freiheit gebrauch macht, andere Freiheiten als nicht kompatibel mit seinem Wertesystem zu erklären, mundtot zu machen versucht.

Man sagt, daß jedermann zu jeder Zeit frei ist, zu tun, was immer er will, solange es sich für ihn gut anfühlt und solange er Andere nicht in ihrer Entfaltung behindert.

Da eine letzte, nicht menschgemachte moralische Instanz fehlt, kann man es selbst so drehen, daß Wertvorstellungen, die schon Jahrhunderte existierten, bevor bestimmte Freiheiten sich erstmals konkret in Worten präsentierten, tatsächlich als Angriffe auf diese Freiheiten betrachtet werden und nicht die formulierten Freiheiten als Versuch der Einschränkung dieser Werte gelten.

An dieser Stelle kann eine neue Aufklärung in der Tat Wunder wirken. Wenn der Mensch tatsächlich nicht mehr nur seinen Bedürfnissen folgt und sich die Werkzeuge zur Erlangung derselben von Anderen in die Hand drücken läßt, sondern lernt, seinen Verstand zu benutzen und auf der Suche nach Verfahren, die es ihm gestatten seinen eigenen Forderungen treu zu bleiben, bestimmte Trugbilder zu durchleuchten, dann könnten sich für viele Leute ganz neue Wege auftun.

Saturday, March 13, 2010

Zölibat

"Weg damit" oder wenigstens "Lockerung" oder "kostbares Geschenk" und "Zeichen der vollständigen Hingabe"?

Die Meinungen gehen auseinander. Da ist es erst einmal gut, daß wir es beim Zölibat nicht lediglich mit einer Meinung zu tun haben, sondern mit einer seit Bestehen des Christentums empfohlenen und praktizierten Lebensform, die zwar immer und immer wieder deontisch debattiert wird (Verpflichtung, Erlaubnis) aber streng genommen ein ontisch/alethisches Phänomen ist (Möglichkeit/Notwendigkeit/Wahrheit).

Dies hält die Türe offen für ein korrektes Verständnis: Kein Mann wird dazu gezwungen, Priester zu werden. Aber jeder Mann, der eine Berufung verspürt und ihr ehrlich folgen will, der muß sich darüber im klaren sein, auf was er sich einläßt. Das zölibatäre Leben eines Priesters ist eine legitime Form, eine Möglichkeit, einer Berufung zu folgen. Die Einhaltung dieser Form wird aber zur Notwendigkeit, dort, wo der Kandidat sich und der Kirche gegenüber wahrhaftig sein und bleiben will. Wer sich also zum Priesteramt berufen fühlt, der gehe diesen Weg. Aber er gehe ihn ganz!

Jeder Mann, der glaubt, daß er zum Familienleben besser taugt als zum Priesterdasein, muß sich ebenso darüber im klaren sein, auf was er sich einläßt. Denn auch das Leben als Familienvater ist eine legitime Form, einer Berufung zu folgen. Und auch hier geht es weniger um Verpflichtungen und Erlaubnisse, sondern um Möglichkeiten, die für wahrhaftige Menschen zu Notwendigkeiten werden. Wer sich also zum Familienleben berufen fühlt, der gehe diesen Weg. Aber er gehe ihn ganz!

Wir erleben heute, daß die Institution der Ehe sich in einem gewaltigen Prozeß der Umdeutung, wenn nicht Auflösung befindet. Ebenso stehen wir ohnmächtig vor einem Haufen von Horror-Nachrichten aus diversen katholischen Einrichtungen. Dahinter steckt in beiden Fällen die Neigung des Menschen zum Ich, zur Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse, zur Sünde.

Den ganzen Bereich der "körperlichen Züchtigung" blende ich hier - soweit er das zum Zeitpunkt der Tat gesellschaftlich anerkannte Maß nicht weit überschritt - mal aus. Der sexuelle Mibrauch von Kindern hat sich mittlerweile als gesellschaftliches Phänomen geoutet. Ein gesellschaftliches Phänomen war - nach damaligem Verständnis - auch die Versorgung zweit- oder drittgeborener Buben in Adelsfamilien. Daß aus diesem Grunde hin und wieder Männer zu Bischöfen oder Äbten geweiht wurden, welche die katholische Morallehre alles andere als ernst nahmen, verwundert wenig. Denn es ging diesen Herren in erster Linie um ein nicht eben schmales Einkommen, gepaart mit Ansehen und Macht. Sicher, in den Zeiten des "Heiligen Römischen Reiches" mußte ein Bischof auch (und oft zuerst) Landesherr sein. Und trotz aller Mißbräuche, aller Laxheit, aller Lustbarkeiten und aller Glaubenslosigkeit fand die Kirche, nachdem ihre Bischöfe auf Prunkdiät gesetzt wurden, bald zu neuer Kraft. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche wie eine Maschine ist, die von einem Gott entworfen wurde, damit selbst Deppen sie sicher bedienen können, ohne sie zu zerstören.

Wenn nun Männer, die sich auf perverse Art zu Kindern hingezogen fühlen, in der Kirche als Priester Unterschlupf suchen und finden, dann hat man es hier - ebenso wie bei manchen Bischöfen vergangener Jahrhunderte - mit Leuten zu tun, denen es vorrangig erst einmal nicht um eine gelebte Berufung geht. Wer von dem Glauben, von der Hoffnung und vor allem von der Liebe getragen wird, der lernt es auch, im entscheidenden Moment "Nein" zu sagen. Mehr noch (und ich sage dies nicht zum ersten Mal): Je mehr man lernt, einer Versuchung zu widerstehen, desto weniger drückend wird diese Versuchung mit der Zeit. Priester, die sich an Kindern vergehen, fehlt es an Glauben, Hoffnung und Liebe. Sie sind Priester geworden, weil sie eine verquert-idealisierte Meinung vom Priesterstand haben. Sie sind Priester geworden, weil sie eine obskure Vorstellung von dem vermeintlich noch obskureren Leben haben, welches sich hinter den Türen des Vatikans und jedes einzelnen Pfarrhauses abspielt. Sie sind Priester geworden, weil das Amt mit sichtbaren Zeichen einer Abgrenzung verbunden ist, die bei bestimmten Leuten zu einer falschen Überbewertung der Person gegenüber dem Amt führt. Sie sind Priester geworden, weil sie hoffen, in einer klar geregelten Welt Mittelpunkt eines hochdramatischen Theaters goldglänzender Hallen und schicker Klamotten sein zu können. Sie sind aber nicht Priester geworden, weil sie als tapfere, fleißige und demütige Arbeiter im Weinberg des Herrn ihr Ich hintanstellen wollen.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist: Reißt die Kirche aufgrund ihrer Strukturen (jetzt schon einer meiner Vorschläge für das Unwort des Jahres 2010) solche Leute förmlich an sich, oder nutzen diese Leute einfach von sich aus die sich bietenden Schlupflöcher? Es ist wohl eine Mischung aus beidem, wobei ich der Kirche eindeutig einen passiveren Anteil zuspreche.

Was hat dies nun mit der Diskussion um den Zölibat zu tun? Nun, wie wir ja mittlerweile schmerzhaft erfahren durften, verspricht zumindest die Priesterweihe alleine nicht unbedingt einwandfreie Lebensmodelle. Dort, wo junge Männer in Wahrhaftigkeit die von der Kirche gebotene Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen, annehmen und die von der Kirche aufgestellten moralischen Normen mit Blick auf eben diese Berufung als Notwendigkeit erkennen, dort kann wahres Priesterleben blühen und wunderbare Früchte tragen.

Nehmen wir nun einmal an, der Zölibat wird gelockert. Verheiratete Männer, die sich bewährt haben, dürfen zu Priestern geweiht werden. Vielleicht geht man gar so weit, den Zölibat als optional für alle hinzustellen. Für alle bedeutet dann, daß aufgrund des in Zusammenhang mit solchen Forderungen stets erwarteten Anstiegs der Priesterzahlen (nehmen wir ihn um der Argumentation willen mal als gegeben hin), die Probleme, die sich nun um die Ehe ranken, ruckzuck Eingang in die Kirche finden. Denn eine Kirche, in die Kinderschänder als Priester Eingang finden, wird kaum dazu in der Lage sein, potentielle Ehebrecher oder Scheidungskandidaten auszusieben. Somit werden bald geweihte Priester der katholischen Kirche ihren Oberen die Fragen nach Scheidung, nach Konkubinat, wenn nicht nach Abtreibung auf dem Tisch knallen. Oder sie werden versuchen, all dies gleichzeitig zu praktizieren und zu verheimlichen, werden aber scheitern und auffliegen, werden daraufhin die Medien und die Öffentlichkeit gegen eine leib-, lust- und lotterlebenfeindliche Kirche in den Zeugenstand rufen und so dafür sorgen, daß eine neue Welle von Forderungen ausgelöst wird.

Zum Familienleben gehört ebensoviel Wahrhaftigkeit und Treue wie zum Priesterdasein. Die katholische Lehre hat auch für das gemeinsame Leben von Ehepartnern und ihren Kindern moralische Vorgaben, an die zu halten nicht immer leicht fallen mag. Sicher, heutzutage werden diese Vorgaben offenbar eher als Schrullen einer Altherrenriege betrachtet, die eben nicht versteht, wie notwendig es ist, sich nach zwei Jahren Ehe und der Geburt eines Kindes wieder scheiden zu lassen. Aber genau hier stoßen wir an die Grenze. Genau hier müssen wir uns fragen, ob wir die Kirche umfunktionieren zu einem Mikrokosmos, der die Gesellschaft in ihrer gesamten Vielfalt widerspiegeln will, oder ob wir uns weterhin die Schrulle des Zölibats leisten, um der Gesellschaft glaubhaft zeigen zu können, daß es in der Tat bestimmte Dinge gibt, die man "um des Himmelreiches Willen" tut bzw. läßt.

Saturday, March 06, 2010

Die Schnittmenge

Weil es so schön auf den Punkt bringt, was ich seit Tagen (wenn nicht Wochen) immer wieder mal denke, hier ein Ausschnitt aus einem Gastkommentar, den Joseph Bordat bei Florian hinterließ:
    Dass Kirchenfeinde auf dem Feuer der Debatte ihr Süppchen kochen, ist geschmacklos. Leider kann ich nicht umhin, einige der Kritiker (in einigen Medien auch deren überwiegenden Teil) der offenen Kirchenfeindschaft zu verdächtigen, denn die Ablehnung der Kirche orientiert sich an dem sattsam bekannten Feindbildschema: De-Individualisierung und Pauschalisierung (Alle Priester sind „perverse Kinderschänder“, Die Kirche ist...), Empathieverweigerung (Mit dieser Kirche verbindet uns nichts – sie sind die Bösen, wir die Guten. Daraus folgt dann, dass die Unschuldsvermutung gegenüber Tatverdächtigen nur gilt, wenn sie nicht katholisch sind.), Misstrauen (Alles, was die Kirche macht, ist schlecht, und wenn es gut aussieht, dann ist es mit schlechten Motiven verbunden.), Schwarz-Weiß-Denken (Es gibt keine Vereinbarkeit von böser Kirche und guter Gesellschaft, es gibt nur ein Entweder-Oder), Nullsummen-Denken (Was der Kirche nützt, schadet der Gesellschaft und visa versa), negative Antizipation (Was wird die Kirche schon machen? Am Ende betrügt sie uns doch!) sowie bodenlose Unterstellungen von Heuchelei und mangelnder Aufrichtigkeit. Das Ganze geschieht vor dem Hintergrund eines – bestenfalls – Halbwissens über die Zusammenhänge und unter Ausblendung aller empirischen Daten und Fakten. Am Ende wähnt man sich in einer verkehrten Welt, in der eine völlig andere Wahrnehmung herrscht. In der aber vor allem jede Äußerung und jede Aktion von Seiten der Kirche zur Aufrechterhaltung des eigenen Feindbilds kritisiert wird, noch ehe klar ist, was eigentlich genau gesagt oder getan wurde.
Joseph Bordat blogt übrigens auch. Sehr anspruchsvoll und gut und zudem verständlich geschrieben. Ich habe nun endlich auch mal sein Blog in meine Liste aufgenommen.

Ja, wie gesagt: Ähnliche, wenn nicht identische Gedanken schossen mir in jüngster Zeit auch immer wieder mal durch den Kopf. Es kommen aber noch andere hinzu.

Es gibt einen gigantische Spekulations-Grauzone des "Was wäre, wenn...": Was wäre, wenn die Gesellschaft als Ganze dem Menschen dabei behilflich ist, zu erkennen, daß er nicht Sklave seiner Triebe ist? Was wäre, wenn die Kirche (bzw. die zuständigen Bischöfe und Oberen) das sich ihnen bietende Grauen (sofern sie davon erfuhren) von Anfang an mit geziemender Offenheit behandelt und mit ebenso geziemender Härte geahndet hätten und dort, wo heilsam, auch persönliche Konsequenzen gezogen hätten? Was wäre, wenn die Sorge sowohl innerhalb der Kirche als auch in den Medien und in der Politk tatsächlich den Opfern und der Vorbeugung und nicht eigenen Interessen gälte? Was wäre, wenn die vierte Gewalt ihren Einfluß nützt und der Kundschaft davon abrät, sich mit dem Geiste der Aufklärung nicht vereinbarer Mechanismen zu bedienen? Was wäre, wenn man überall erkennt, daß nicht gegenseitige Anschuldigungen, sondern nur gemeinsames Anpacken und Umdenken unseren Kindern eine gefahrenlosere Zukunft garantieren kann?

Gift für die gesamte Situation ist der Begriff der "Einzelfälle". Natürlich ist jeder einzelne Fall auf seine Art eben ein Einzelfall. Doch dort, wo seitens der Kirche auf diese Einzelfälle gepocht wird, bleibt als widersprechende Antwort nur ein Verweis auf Kindesmißbrauch als zumindest Ingredienz der katholisch-klerikalen Natur. Anders formuliert: Wenn wir nicht eingestehen wollen, daß 100 Fälle von Kindesmißbrauch durch katholische Priester Einzelfälle sind, müssen wir so tun, als sei Kindesmißbrauch in der Kirche systematisch. Daher gehört meiner Meinung nach der Begriff vom Tisch. Denn Kindesmißbrauch gibt es überall in der Gesellschaft, und er ist sicherlich nicht Bestandteil unserer Natur (so sehr sich das einige Verwirrte vielleicht auch wünschen mögen). Zehntausende von "Einzelfällen" kann man zwar klassifizieren, wenn man fragt: "Wo findet Kindesmißbrauch statt?", aber die allererste Frage muß dennoch lauten: "Warum findet Kindesmißbrauch statt?". Hat man den Mut, diese Frage zu stellen, erkennt man sofort, daß das Bekämpfen angeblich "ermöglichender Strukturen" in diversen Institutionen keinesfalls Besserung verspricht, weil das Übel nicht an der Wurzel gepackt wird.

Der Gedankengang, der für mich beim Durchforsten der Medien manchmal durchschimmert, ist Folgender: Es gibt Männer, für die aufgrund ihrer sexuellen Veranlagung eine Ehe nicht oder nur bedingt in Frage kommt. Diese Männer zeichnen sich durch eine gewisse sexuelle Unreife und ein gestörtes Verhältnis zu Macht und Ansehen aus. Sie tendieren dazu, in der katholischen Kirche als Priester Unterschlupf zu finden, da es existenzsichernd ist, da man dort als Junggeselle nicht auffällt, da einem von noch ausreichend großen Teilen der Gesellschaft immer noch ein gewisser Respekt entgegengebracht wird und da man in einem vermeintlich obskur-verschwiegenen Umfeld auf ein Minus an Kontrolle und Einschränkung hoffen darf. Aber wenn nun die Kirche einen Weg fände, potenzielle Kinderschänder schon auf der Schwelle zum Seminar oder Noviziat auszusieben, fänden diese Männer einen anderen Weg, ihre Triebe zu befriedigen. Es ist doch nicht so, daß ein potenzieller Kinderschänder, nachdem ihm der Zugang zu den Weihen versagt wurde, morgens aufwacht und sagt "Okay, ich bin geheilt!" Und wenn die Kirche, was ja momentan von vielen Seiten gefordert wird, den Zölibat optional macht und ihre Sexualmoral lockert, dann wird dies ebenfalls kaum helfen. Es sei denn, es gibt eine empirische Basis auf der sich eine Behauptung aufstellen läßt, welche ungefähr lautet: "Erst durch und aufgrund von Aufnahme in den Klerikerstand, Vertrautheit mit der Dynamik der Macht zwischen Hirten und Schäfchen und von der kirchlichen Sexualmoral unterdrückte Triebe finden eigentlich unbescholtene Männer plötzlich Gefallen an sexuellen Übergriffen auf Kinder." Ich habe von dieser Theorie aber noch nicht gehört.

Ich bin davon überzeugt, daß es zwischen all dem Gebrüll und Fingerzeigen eine Schnittmenge gibt, in welcher sich der Kern des Problems befindet und in welcher alle Beteiligten sich verständigen und einigen können. Der berühmt-berüchtigte "Runde Tisch" ist sicherlich nicht pauschal abzulehnen. Er wird aber nur zu Ergebnissen führen, wenn alle Seiten ihre Scheuklappen abnehmen und auf die Problematik des Kindesmißbrauchs nicht nur kirchenintern sondern auch gesellschaftsweit reagieren. Das bedeutet nicht, daß reihum jeder sein medienwirksames Mea culpa in die Mikrophone haucht und somit seine Schuldigkeit als getan betrachtet. Es bedeutet auch nicht, daß man einen totales Überwachungsumfeld aufbaut und im Grunde jeden Erwachsenen, der mit Kindern zu tun hat, erst einmal vorbeugend im Verdacht hat.

Eine glänzend durchdachte und sofort umsetzbare Antwort auf das Problem habe ich natürlich auch nicht parat. Aber ich habe einen Vorschlag aus fies-katholischer Richtung: Was wäre, wenn man Mittel und Wege findet, den gesellschaftlichen Zwang zur sexuellen Leistung zu entmystifizieren, um den Sex selbst von seinem Thron zu holen, von welchem aus man ihm jahrzehntelang gestattete, sich seinen Untertanen als identitätsstiftendes Allheilmittel und Zweckursache menschlicher Beziehungen zu präsentieren? Könnte das nicht dabei behilflich sein, gleich mehrere Übel wenigstens etwas einzudämmen (Geschlechtskrankheiten, Abtreibungen, Porno-Sucht, Prostitution, Kinderhandel, Sex-Tourismus etc)?

Friday, March 05, 2010

Die eheliche Treue

In Genesis 2 ist der von Gott geschaffene Mensch einfach "Mensch". Und zwar genau bis zu dem Zeitpunkt, als Gott sich die Rippe schnappt, sie zum "Weibe" umbaut und sie zum "Menschen" bringt. Erst dann beginnt der Mensch, von sich als "Mann" zu sprechen und von seinem Gegenüber als "Weib". Dies unterstreicht nicht nur den Unterschied der Geschlechter, sondern verdeutlicht auch, daß der Mensch sich in der Beziehung zu seiner Frau als Mann erkennt (und umgekehrt in der Beziehung zum Mann als Frau). Weil sie Bein von seinem Bein, Fleisch von seinem Fleisch ist, verläßt der Mann Vater und Mutter und "hängt sich an sein Weib und sie werden ein Fleisch".

Jesus bezieht sich selbst auf diese Stelle im Ersten Buch Mose, wenn er im Matthäus-Evangelium sagt:
    "Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach 'Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein'? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!" (Mt 19,4-6)
Jesus bedenkt also die Absicht des Schöpfers: Damit sie ein Fleisch werden können, hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Und wenn Gott dies in der Ehe geschehen läßt, dann darf der Mensch es nicht in der Scheidung ungeschehen machen.

Man kann nun als Mensch, nach Gottes Bild geschaffen, zu Gott aufschauen und fragen: "Wie soll ich sein können, was ich in dir sehe? Lieber entscheide ich, was du sein sollst!" Man schafft sich einen falschen Gott, der einem zur Seite steht gegen all die Menschen, die einem aus irgendeinem Grund nicht passen. So verwandelt man geschwind das eigene Leben in ein Götzenbild. Aber das Götzenbild in unserem Inneren ist nicht ein Gott, der uns liebt. Und die ersten Folgen dieser Tatsache erkennen wir in Beziehungen, denn dieser Götze beginnt bald damit, Beziehungen zu zerstören.

Im Johannesevangelium sagt Jesus zur Ehebrecherin: "So will auch ich dich nicht verurteilen. Geh hin und sündige fortan nicht mehr!" Jesus haßt die Sünde, nicht den Sünder. Er haßt die Sünde, weil er weiß, daß sie dem Sünder selbst, aber auch seiner Umgebung schadet. Jesus erscheint nicht wie ein Philosoph, der den logischen Widerspruch zwischen dem Naturgesetz und der Sünde durchleuchtet, sondern er wirkt hier eher wie der gute Hirte, der sich wünscht, daß alle gerettet werden, weil er alle liebt. Das ist der Grund, warum Gott die Sünde haßt: Sie fügt den Menschen Leid zu, die er liebt. Aus diesem Grund sandte er seinen Sohn, damit er die Wunden heilt.

Dort, wo ein Paar in Liebe neues Leben zeugt, kommt es Gott, dem Schöpfer, recht nahe. Aus diesem Grund ist die Ehe hoch zu schätzen. Ehe oder auch Keuschheit um ihrer selbst willen besitzen keinen eigenen Wert. Dort, wo ein Paar sich dem neuen Leben verschließt, läuft der sexuelle Akt Gefahr, zu einem Gut zu werden, welches man sich je nach Lust beim Anderen beschafft. Doch der Eros ist zu schwach, als daß er die Ehe für Länger als ein paar Jahre tragen kann. Es muß die Ebene geben, auf welcher man den Anderen nicht liebt, weil er etwas beisteuert, daß einen glücklich macht, sondern weil er ist, wer er ist. Man liebt den Anderen schlicht für das, was er ist. Man liebt ihn, weil er es wert ist. Man liebt ihn, auch wenn es manchmal ein wenig schwer fällt oder gar weh tut. Das ist die Liebe Christi am Kreuz, das ist die Liebe der Treue.

Denn Treue ist weitaus mehr, als Verzicht auf Fremdgehen. Fremdgehen ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Wer fremd geht, der war vorher schon in vielen verschiedenen Instanzen untreu. Treue bezieht sich selbstverständlich auf den Körper, aber auch und vor allem auf die Seele, auf den Geist. Man hat in jeder Hinsicht treu zu sein, nicht nur im Bett. Und treu sein bedeutet nicht, etwas Untreuees zu unterlassen. Treue ist aktiv. Treue ist, zu schauen, ob der Andere etwas benötigt und wenn ja, was es ist und wie ich darauf antworten kann. Treue ist etwas, das man nicht genug praktizieren kann. Und es hat nichts damit zu tun, mit wem man ins Bett steigt, denn die Untreue im Bett ist nur das Endprodukt der Untreue im Geiste und in der Seele.

In der heutigen Zeit, die mehr aus Ablenkung und Disparität besteht denn aus Vertiefung und Einheit, ist es so bitter nötig, daß der Mensch erkennt, wie sehr er als Schmied seines eigenen Glücks in der Ehe scheitern wird, scheitern muß. Ich bin davon überzeugt, daß eine Ehe als Voraussetzung für ein gelungenes Familienleben nur Bestand haben kann, wenn man in Treue und Liebe zueinander alle Anfechtungen, alle Unebenheiten und alle widrigen Umstände aufopfert und dadurch überwindet. Und diese Treue, diese Liebe, läßt sich nur aus dem Glauben an Gott gewinnnen.

Diejenigen, die sich durch den letzten Satz nicht angesprochen finden, sollen sich deswegen nicht angemacht fühlen. Der Satz gibt nur die Erfahrungen wieder, die ich bei der Beobachtung verschiedener Paare sammeln konnte.

Wednesday, March 03, 2010

Der Scopes-Prozeß

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte eine sich selbst als "Fundamentalismus" bezeichnende Bewegung in den USA erheblichen Einfluß erlangt. Diese Bewegung lehnte die Evolutionstheorie strikt ab und vertrat die Ansicht, daß die Bibel bezüglich der Schöpfung wörtlich zu verstehen sei. Der Einfluß der Bewegung reichte weit genug, daß in den Bundesstaaten Florida, Oklahoma und Tennessee Gesetze erlassen wurden, die das Unterrichten von der biblischen Schöpfungstheorie abweichender Auffassungen an öffentlichen Schulen untersagten. Das am 13. März 1925 in Tennessee erlassene Gesetz (Butler Act) war dabei das einzige, welches eine strafrechtliche Bestimmung enthielt. Die American Civil Liberties Union (ACLU) bot an, die Prozeßkosten für jeden zu übernehmen, der aufgrund dieses Gesetzes angeklagt würde.

Eine Gruppe von Geschäftsleuten aus Dayton (Tennessee) hielt einen Prozeß in dieser Sache für geeignet, ihre Stadt bekannter zu machen. Sie überredeten den Biologielehrer John T. Scopes, sich wegen dieses Gesetzes anklagen zu lassen. Scopes unterrichtete im April 1925 auf Grund des vom Staate Tennessee nicht untersagten Lehrbuches "Civic Biology" von Hunter in einer Unterrichtsstunde an der Rhea County High School die Evolutionstheorie. Ein eingeweihter Bürger erstattete daraufhin Anzeige.

Soweit die Vorgeschichte, die ich aus Faulheit aus dem Wiki-Artikel gemopst habe.

Die ursprüngliche Absicht der ACLU war es, eine landesweite Debatte über die konstitutionellen Rechte der Amerikaner anzustoßen und das Tennessee-Gesetz letztlich kraft des Gebotes zum Schutz der akademischen Freiheit, der Meinung-, Gedanken- und Religionsfreiheit als ungültig erklären zu lassen. All diese Aspekte wurden aber vernebelt, da die beiden Hauptgegner im Prozeß, der "fundamentalistische" Politiker William Jennings Bryan und der "agnostische"Anwalt Clarence Darrow sich eine wilde Gladiatoren-Schlacht lieferten, an deren Ende Darrow Bryan als Bibelexperten in den Zeugenstand rief. Dieses Kreuzverhör, in dem Bryan über Aussagen der Bibel und zum Alter der Erde vernommen wurde und sich in Widersprüche verstrickte, verlief so heftig, daß Darrow wegen Mißachtung des Gerichts verurteilt wurde. Das Kreuzverhör wurde zum Höhepunkt des Prozesses und zur bekanntesten Szene des 1960 gedrehten Films "Inherit the Wind" (Wer den Wind sät), der die ganze Geschichte wiedergibt.

Der (in der Wahl seiner stilistischen Mitten und in der dichterischen Freiheit leicht voreingenommene) Film hält sich insofern genau an die Realität, als daß man so gut wie nie das Gefühl hat, hier ginge es um etwas anderes als den Kampf zwischen Darwinisten und bibeltreuen Christen.

Scopes wurde übrigens zu $100 Strafe verurteilt, später jedoch vom Obersten Gericht von Tennessee wegen eines Formfehlers freigesprochen. Die Strafe gegen Darrow wegen Mißachtung wurde ebenfalls nach einer Entschuldigung erlassen.

Der Staat Tennesse hob 1967 den Butler-Act auf, und ein Jahr später entschied der Supreme Court in Epperson gegen Arkansas ebenfalls gegen ein Anti-Evolutionsgesetz.


Warum ezähle ich das alles?

Die Frage, die sich aufdrängt, ist, warum heute Krankenschwestern oder Flughafenangestellten, die einen Kreuzanhänger tragen, die Entlassung droht? Hatten die Macher des Films einen lichten Moment, als sie - bewußt oder unbewußt - den Prozeßverlauf richtig interpretierten und es so wirken ließen, als ginge es nicht um die Freiheit, sondern nur um das aktuell vorherrschende Übergewicht in der Gesellschaft, welches es erlaubt, die eigentlich geforderten Freiheiten zu unterdrücken?

Ich meine, das Kreuz als Anhänger ist nichts weiter als ein Zeichen, eine Realität, die, wenn wahrgenommen, auf eine andere Realität hinweist. Und diese andere Realität kann für den Betrachter des Zeichens Gott sein, oder die durch Christus erwirkte Erlösung, oder das Christentum selbst oder gar die katholische Religion. All diesen Dingen mag man mit Zu- oder Abneigung begegnen. Dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, daß das Zeichen, welches auf die andere Realität verweist, kein Instrument der Gehirnwäsche ist. Denn wieviel Menschen gibt es, die einen Kreuzanhänger erblicken und darauf hin aufspringen und ausrufen: "Ich muß mich taufen lassen! Jetzt!"? Funktionierte der Mensch so, dann müßten ja - angesichts von Che-T-Shirts und Mao-Ansteckern (Zeichen) - vor den Parteizentralen der kommunistischen oder sozialistischen Parteien Schlangen von Menschen stehen, die sich als Mitglieder einschreiben wollen. Funktionierte der Mensch so, dann müßten doch - angesichts einmal im Jahr durch europäische Großstädte paradierender Regenbogen-Fahnen und halb-entblößter Hinterteile (Zeichen) - sich bestimmte Bars und Discos eines monströsen Umsatzwachstums erfreuen.

Nein, ich glaube nicht, daß der Mensch so steuerbar ist. Daher verweigere ich niemandem sein Che-Hemd und wünschte mir von Gay-Pride-Paraden höchstens, daß sie manchmal ein wenig "anständiger" daherkämen. Keinesfalls aber will ich diese Form des Ausdrucks des eigenen Lebensgefühls schnöde und gewaltsam unterdrückt wissen.

Ist es müßig, die Frage zu stellen, warum der privaten Entscheidung, ein Kreuz als Anhänger zu tragen, nicht derselbe Respekt entgegengebracht wird? Lautet die schlichte Antwort tatsächlich "Du bist fundamentalistisch und ich bin aufgeklärt! Hier geht's gar nicht um Freiheit, und wenn doch, dann ist meine Freiheit freier als deine!"?

Tuesday, March 02, 2010

Leser fragen...

... der Herr Alipius antwortet.

Ich bekam neulich auf mein etwas marktschreierisch betiteltes Posting eine Leserreaktion, die mich seither schwer beschäftigt. Hier erst einmal der Text:
    "... wenn man katholisch aufgewachsen ist, hat man den Quell der Wahrheit im Katholizismus nicht unbedingt mit der Muttermilch aufgesogen, sondern eher die Brechstange mitgekriegt - so wie ich.

    Und die einzig normale Reaktion auf die Brechstange ist Aversion.

    Was würden Sie Leuten raten, die aus diesem Grund Aversion (Ladung) gegen die katholische Kirche etwickelt haben, im Grunde ihres Herzens aber religiöse Menschen sind und sein wollen."
Der Leser blieb anonym und hat sich seither nicht mehr gemeldet. Da aber z.B. Sarah auch Interesse an meiner Reaktion auf die Frage bekundet hat und ich in den letzten Tagen tatsächlich etwas darüber nachgedacht habe, hier ein Ansatz:

Grundsätzlich steht am Anfang der Glaube. Da der Leser sich als religiös bezeichnet, setze ich also seinen Glauben an Gott mal als gegeben. Ich vermute weiterhin (da er im katholischen Milleu aufwuchs), daß er einer Art "Versöhnung" mit der Kirche nicht grundsätzlich ablehnend gegenübersteht und schon bereit wäre, seine Religiosität im Schoße der Heiligen Mutter Kirche auszuleben.

Was also sind die nächsten Schritte?

Ich bin mir über die Reihenfolge der Wichtigkeit meiner Ratschläge und Argumente noch nicht einhundertprozentig sicher, aber ich denke, es wäre gut, folgendes vorauszuschicken: Ein Wiedereintritt in die Kirche ist kein "Nachgeben" oder "Schwachwerden" über welches sich dann händereibende Pfaffen diebisch freuen. Es ist ein Himmel und Erde erschütterndes Ereignis, da die gesamte Kirche sich daran erfreut. Klar, nur wenige werden den Wiedereintritt direkt mitbekommen, aber weil Christus uns alle zur Einheit aufgerufen hat (Johannes 17;23), ist jeder einzelne Mensch, der (wieder) zur Kirche findet, eine große Freude.

Der erste Schritt ist zugleich der schmerzhafteste, kann aber bereits auch schon der alles entscheidende sein: Ein paar ehrliche Fragen an mich selbst!
  • Wieviel Stolz hege ich im Herzen?

  • Wieviel Bequemlichkeit schleicht sich manchmal in mein Denken und Urteilen?

  • Kann ich die Aversion ummünzen in Vergebung (selbst, wenn man mich nicht offiziell um Entschuldigung bittet)?

  • Nehme ich die unangenehmen (Brechstangen-)Ereignisse der frühen Jahre als stellvertretende und allgemein gültige Beispiele für den gesamten Operationsmodus der Kirche?

  • Habe ich genug Vertrauen?

  • Kann ich es mir vorstellen, zu einem Priester zu gehen, die Karten auf den Tisch zu legen und zu sagen: "Sie haben hier eine verletzte Seele vor sich, die zurück nach Hause will. Hüten Sie sich davor, sie zu verängstigen! Zeigen sie mir den Glauben der Kirche, die Hoffnung der Völker und die Liebe unseres Herrn und ich zeige Ihnen meine nächste Gehaltabrechnung, die mich als Katholiken ausweist!" (vielleicht nicht unbedingt mit genau diesen Worten...)?

  • Bin ich bereit, die Realität meines Lebens an den Anforderungen meines Glaubens zu messen und im Bedarfsfall die nötigen Änderungen vorzunehmen (regelmäßige Beichte, Besuch der Heiligen Messe an jedem Sonntag, Empfang der Eucharistie, Reduzierung von Sünden, Stärke gegenüber Versuchungen, Hineintragen meines Glaubens auch in den Alltag)?

  • Bin ich bereit, mich in meiner Religiosität von den Inhalten der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition tragen zu lassen?

  • Besitze ich eine genuine Neugierde, einen Wissendurst, eine Lust auf das Andere und Ungewöhnliche?

  • Habe ich Sehnsucht nach Gemeinschaft?

  • Bin ich bereit, Rückschläge hinzunehmen?

  • Habe ich den guten Willen und die Kraft, als eben erst wieder in die Kirche Zurückgekehrter unangenehmen, selbstgerechten, pharisäerhaften Individuen (welche man überall antreffen wird) mit Großmut zu begegnen? Und - wichtiger noch - kann ich ihnen als Beispiel dienen, wie man als Katholik glaubwürdiger lebt, ohne dabei selbst unangenehm oder selbstgerecht oder pharisäerhaft zu wirken?
Am Anfang stehen die Ehrlichkeit, der gute Wille und das Vertrauen. Wenn diese Fragen geklärt sind, dann dürfte man schon eine ungefähre Ahnung haben, in welche Richtung es weitergeht.

Wenn man sich dann tatsächlich einen Neuanfang vorstellen kann, dann sollte man eben mit kleinen Schritten diesen wagen. Ein Gespräch mit dem zuständigen Pfarrer wäre ein solcher erster Schritt. Wenn der zufällig nicht das liefert, was man sich eigentich erhofft hatte, dann nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern es ruhig mal bei Anderen probieren. Zwar darf man seinen Glauben und seinen Spaß an der Kirche nicht vom Unterhaltungswert oder der Nettigkeit des Priesters abhängig machen. Aber anfangs braucht man natürlich einen Seelsorger, der den Motor erstmal wieder anspringen läßt, und da darf man sich dann auch ruhig mal ein wenig nach persönlichen Vorlieben richten. Denn wenn es dann mit dem Nach-Hause-Kommen tatsächlich gelingen sollte, erkennt man früh genug, daß auch eine Heilige Messe bei einem langweiligen Prediger oder eine Beichte bei einem etwas knurrigen und scharfen Priester aus der Sicht der sich der Wirksamkeit der Sakramente aussetzenden Seele keinen wirklich großen Unterschied macht.

Man kann sich vielleicht für den ein oder anderen Schritt einen Begleiter suchen. Für eine erste Beichte nach Jahren könnte man zum Beispiel mit einem Bekannten oder Freund gehen, der selbst einigermaßen regelmäßig beichtet und einem so ein wenig "moralische" Unterstützung gibt bei diesem sicherlich nicht einfachen Schritt. Auch ist es schön, wenn man anfangs gemeinsam in die Messe gehen kann, um sich nicht ganz so verloren und irgendwie beobachtet zu fühlen. Und entsprechend sollte man für die frühe Phase der Rückkehr "falsche" Begleiter meiden. Leute, die im Normalmodus schon bei der Erwähnung des Namens unseres Heiligen Vaters in einen Blutrausch verfallen, sollte man vielleicht erst einmal nicht um Rat fragen. Und man sollte dazu der Berichterstattung über die Kirche in den einschlägigen Medien mit gesunder Skepsis gegenüberstehen. Dort liest und hört man nur die Skandale und Peinlichkeiten. Die ganzen kleinen und wunderbaren Details, die sich immer und überall im direkten Zusammenhang mit unserer Kirche finden lassen, sind für Schlagzeilen nicht interessant genug, aber für die Lungen des Glaubens sind sie der Sauerstoff.

Ich möchte zuletzt auch noch an das Gebet erinnern, welches immer eine große Hilfe ist. Ein paar Minuten alleine in einer Kirche können manchmal wahre Wunder bewirken, wenn man sich nur richtig öffnet und in die Gegenwart Gottes hineinfallen läßt. Man muß da nicht im Geiste druckreif formulieren und tiefe theologische Einsicht demonstsrieren. Auch hier ist die Ehrlichkeit wichtig und das Verlangen, Gott wieder seine rechtmäßige Stelle als Chef einzuräumen.

Also, zusammenfassend: Ein guter Wille, Ehrlichkeit (vor allem mir selbst gegenüber), Vertrauen, Offenheit, Gebet und eine gewisse Klugheit (Umsicht/Vorsicht) sind die mir momentan einfallenden Haupt-Zutaten für die ersten Schritte zurück in die Kirche.

Ich habe das jetzt so aus dem Ärmel geschüttelt, und möglicherweise habe ich irgendetwas übersehen, was auch ziemlich wichtig ist. Jeder Leser ist herzlich eingeladen, hier anzubauen.

Sunday, February 14, 2010

Schon wieder so ein Hammer

Evangelium vom Tage (Lk 6,17.20-26.):
    Jesus stieg mit ihnen den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon. Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte:

    Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.

    Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden.

    Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.

    Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.

    Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.

    Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.

    Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern.

    Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.

    Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.
Ächz.

Als Kind schon haben mich diese Worte immer ziemlich aufgewühlt. Ich dachte damals weniger über meine eigene Situation nach. Mir taten immer die Reichen und die Satten und die Fröhlichen leid, weil ein so furchtbares Schicksal auf sie wartete. Kein Trost, dafür Hunger, Klagen und Weinen!

Herzlich wenig an modernem oder aufgeklärtem Hinterfragen interessiert nahm ich schon als Kind solche Passagen der Evangelien immer sehr ernst. Und dachte mir: 'Wenn Jesus das gesagt hat, dann muß es ja stimmen!'

Was tun, wenn die Frohbotschaft plötzlich nach Drohbotschaft klingt (und dies auch noch am Karnevals-Sonntag)? Auf den Zusammenhang und auf die Gesamtbotschaft zu achten, ist immer ein guter Tip. Durch die Evangelien ziehen sich einige rote Fäden. Einer davon ist die Warnung, daß das Leben, welches sich ganz auf das Ich und ganz auf das Haben konzentriert, letztlich nicht selig macht. Ein anderer roter Faden ist die Liebe im allgemeinen und die Liebe zu den Armen, Geringen und Kleinen im besonderen.

Im heutigen Evangelium werden diese beiden Fäden verwoben. Jesus richtet seine Augen auf die Jünger und preist sie wegen ihrer Armut, ihres Hungers, ihrer Trauer selig. Momentchen mal! Waren denn wirklich all die Jünger Jesu arm, hungrig und traurig? Eher nicht. Und hat Jesus nicht selbst bei der Hochzeit zu Kana dafür gesorgt, daß eine anständige Feier stattfinden kann, bei der bestimmt auch nicht wenig gezecht und gelacht wurde? Klar hat er das.

Wie ist also die Armut, der Hunger, die Trauer und auch das Gehaßt-, Beschipft- und Ausgeschlossen-Werden um des Menschensohnes willen hier zu verstehen? Natürlich bezieht es sich auf die Leute, die in der Tat arm sind und hungern und trauern und wegen ihrer Anhänglichkeit an den Menschensohn und seine Lehre Nachteile bis hin zu Folter und Tod erdulden müssen.

Aber: Man kann reich sein und dennoch arm, wenn man sich selbst nicht zum Mittelpunkt des Universums macht, sondern sich und seine Mittel in den Dienst der Botschaft Jesu stellt. Man kann satt sein und dennoch hungern, wenn man mehr sucht, als den vollen Bauch. Man kann lachen und dennoch trauern, wenn man sieht, wie viele Menschen nicht am Gelächter teilhaben. Man kann Autorität haben und dennoch verfolgt, ja getötet werden, wenn man die Botschaft der Liebe und des Lebens unter die Leute bringt und auf die spitzen Zungen und die blanken Schwerter der Ablehnung trifft.

Diejenigen, an die das "Wehe" sich richtet, sind die Reichen, Satten, Frohen, die diese Formen der Armut, des Hungers und der Trauer nicht kennen - nicht kennen wollen. Diejenigen, die - nachdem sie festgestellt haben, daß sie alles haben, was sie benötigen - den Fuß vom Gas nehmen und selbstzufrieden daherrollen. Das ist nicht genug. Das war nie genug und es wird auch und besonders in der nahen Zukunft nicht genug sein.

Das Neue Testament selbst zeigt uns, daß es immer einen Ausweg gibt. Schließlich wurde selbst der Christenverfolger Saulus zum Völkerapostel. Es gab eine lange Zeit im Leben des Paulus, während der er sich von unserem Herrn mehr als einmal ein "Wehe" hätte anhören müssen. Bedeutete dies seine Verdammnis? Nein. Er kehrte um, glaubte an das Evangelium und trug es, soweit er konnte, bis hin zum gewaltsamen Tod. Joseph von Arimatäa war reich und dennoch ein Jünger Jesu. Laut Mt 27,58-60 ging er zu Pilatus erbat von ihm den Leichnam Jesu, hüllte ihn in ein reines Leinentuch und legte ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen.

Übel steht's allerdings um all jene reichen Prasser, die tagaus, tagein an Lazarus vorbeistolzieren und ihn keines Blickes würdigen, geschweige denn, ihm helfen. Dies sind diejenigen, an die das "Wehe" sich richtet.

Und somit richtet es sich irgendwie an uns alle. Denn es ist ja nicht nur abschließendes Urteil, sondern auch und vor allem Warnung. Ich bin sicherlich nicht arm. Ich habe im Leben noch nicht gehungert und ich bin eher fröhlich veranlagt. Bin ich deswegen verdammt oder verloren? Ich bin es, wenn ich mich damit zufrieden gebe. Wenn ich nicht wenigstens als Nährboden (der leider hin und wieder auch mal Unkraut treibt) eine Mischung aus "Nimm dich nicht so wichtig" und "Schau auch mal nach den Anderen, nach dem Nächsten" habe.

Die Welt ist voll von Leuten, die sich nicht nur über milde Spenden freuen, sondern auch über jeden Menschen, der ihnen mal ein wenig zuhört, mal ein Schmunzeln mit ihnen teilt, mal die Hand nach ihnen ausstreckt. Da läßt sich sehr viel tun. Laßt uns nicht arm sein an guten Taten, nicht hungrig nach mehr, nicht traurig, weil es irgendwem besser geht als uns. Dies sind nicht die Formen der Armut, des Hungers und der Trauer, die Jesus selig pries.

Friday, February 12, 2010

Sex in der Wüste

Gestern bereits wies Stanislaus auf diesen Kommentar von Manfred Lütz zum Thema "Kindesmißbrauch" hin. Aus dem Artikel hier zwei Zitate:
    1970 erklärte der angesehene Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch unwidersprochen bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag: „Ein gesundes Kind in einer intakten Umgebung verarbeitet nichtgewalttätige sexuelle Erlebnisse ohne negative Dauerfolgen.“ Die linke Szene hätschelte die Pädophilen. Bevor sich Jan Carl Raspe in die RAF verabschiedete, pries er 1969 im „Kursbuch“ die Kommune 2, in der Erwachsene Kinder gegen deren Widerstand zu Koitierversuchen brachten. Bei den Grünen gab es 1985 einen Antrag auf Entkriminalisierung von Sex mit Kindern, und noch 1989 erschien im renommierten Deutschen Ärzteverlag ein Buch, das offen für die Erlaubnis von pädosexuellen Kontakten warb. In diesen Zeiten wurde insbesondere die katholische Sexualmoral als repressives Hemmnis für die „Emanzipation der kindlichen Sexualität“ bekämpft.

    ...

    Man muss ohne Scheuklappen die Erkenntnisse der Wissenschaft nutzen, sichernde und vorbeugende Maßnahmen ergreifen und für Transparenz sorgen. Jeder Bischof, der heute noch auf diesem Feld irgendetwas unter den Teppich kehren wollte, müsste von allen guten Geistern verlassen sein. Uns Deutschen aber ist zu wünschen, dass wir endlich den Mut besitzen, bei diesem ernsten Thema auf die üblichen Projektionen zu verzichten und die lange Zeit betriebene Verharmlosung von sexuellem Kindesmissbrauch in der gesamten Gesellschaft als einen Teil von unser aller Schuld anzunehmen. Ein Beispiel nehmen kann man sich da an Eberhard Schorsch, der sich 1989 von seiner leichtfertigen Aussage von 1970 öffentlich distanzierte.
Und auch noch ein Auszug aus Hans Conrad Zanders formidablem Büchlein "10 Argumente für den Zölibat", den Elsa dankenswerterweise postete (Ich wollte selbst was daraus bringen, aber mein Exemplar liegt im Stift):
    Wenn eine Gesellschaft von Spießern einer sexuellen Minderheit den Garaus machen will, dann tut sie das nicht bestialisch mit der Keule. Raffinierter in der Methode, wirksamer im Ergebnis ist eine inquisitorische Frage. In allen Skandalprozessen gegen Homosexuelle wurde diese Frage gestellt, immerzu die gleiche: "Sind die eigentlich böse oder sind sie krank?"

    Die Homosexuellen haben sich inzwischen verbessert. Sie sind jetzt eine "schützenswerte Minderheit". Aber die Spießer sind natürlich alle noch da. Nur haben sie sich inzwischen ein anderes Vorurteil in den Kopf stopfen lassen, nämlich den Aberglauben, Sex, gleich welcher, sei "das Eigentliche". Sex, gleich welcher, müsse unbedingt sein. Diesem neuen Vorurteil entsprechend haben sie sich für ihren Verfolgungsdrang eine neue Minderheit ausgesucht. Es ist die denkbar kleinste sexuelle Minderheit, an Zahl hundertmal kleiner als die Homosexuellen. Nur 18.663 Personen, nur 0,02 % der Bevölkerung gehören in Deutschland dieser Minderheit an. Das sind die Priester der Katholischen Kirche. Was die tun, ist viel skandalöser, als was die Homosexuellen je taten. Sie tun das Schlimmste, was ein Mann der sexuellen Leistungsgesellschaft antun kann. Sie tun gar nichts. Sie leben im Zölibat.

    Die Spießerfrage muss lauten: Sind die alle böse, oder krank? Sind das alles, wie man aus Paderborn hört, am "Zwangszölibat" leidende Zwangsneurotiker, oder sind das gar, wie man aus Österreich hört, lauter kriminelle Kinderschänder?
Schuldgefühle und ein unangenehm drückendes Gewissen kennt jeder Mensch. Schuldbekenntnisse, die dem Zweck der inneren Reinigung, der Vergebung und der Umkehr dienen, sind heute den meisten Leuten fremd. Klar, wenn es gut auf der politisch korrekten Welle schwimmt oder einfach nur publikumswirksam ist, dann haucht man auch mal ein tränenfeuchtes "mea culpa" unter betroffenem Beifall in die Kameras. Doch auch hier gilt es, scharf zu unterscheiden: Wenn der Papst um Vergebung für die weniger glorreichen Taten der Kirche im Laufe der Jahrhunderte bittet, dann ist das bestenfalls halbherzig, schlimmstenfalls eine Verhöhnung der Opfer. Warum? Weil seine Bitte um Vergebung weniger gilt als die der Anderen? Mitnichten. Warum dann? Weil er der Papst ist.

Der Papst ist die Reizfigur, die den kleinbürgerlichen Sex-Haben-Müssern praktisch täglich in den Meiden begegnet und dabei oft den Finger in sehr schmerzende Wunden legt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand - auch nicht der Heilige Vater - sagt, daß Sex nicht etwas Großartiges ist. Aber warum ist Sex großartig? Weil er zwei Personen gestattet, zu einem Ziel zu kommen. Was ist dieses Ziel? Ist es lediglich "der Höhepunkt"? Man sollte es meinen, wenn man sich den Umgang mit der Sexualität heutzutage anschaut.

Was ist die causa finalis des Geschlechtsaktes?

Christus erinnert die Pharisäer daran, "daß der Schöpfer am Anfang die Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, und daß er sprach: 'So wird der Mann den Vater und die Mutter verlassen und sich seinem Weib verbinden und diese zwei werden zu einem Fleische werden' (καὶ ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν)" (Mt 19,4).

Da ist die Verbindung des Mannes mit der Frau. Und sie werden zu einem Fleisch. Wie kann man dieses eine "Fleisch" verstehen? Das Neue Testament lehrt, daß Christus seine Worte reichlich präzise wählte. Hätte er nicht bzgl. der Verbindung des Mannes mit der Frau auch den Schluß ziehen können, sie werden zu "einem Geist" oder "einer Seele" oder "einer Person"? Vielleicht hätte er dies. Aber wie so oft beim "Was würde Jesus dazu sagen" ist hier die Spekulation viel langweiliger, als das geziemende Reagieren auf das, was sich nun einmal dem Verstand bietet: "Fleisch". Wo - wenn nicht im Augenblick der Geburt des gemeinsamen Nachwuchses - manifestiert sich dieses eine "Fleisch" grandioser? Mann und Frau kamen zusammen, sie gingen eine Verbindung ein, und als Resultat dieser innigsten aller Verbindungen schlüpft neun Monate später krähend das eine "Fleisch" hervor. Somit drängt sich als erste causa finalis des Geschlechtsaktes die Zeugung von Nachwuchs auf.

"Aber dies ist doch ein Mensch!" könnte man nun einwerfen. "Warum hat Christus denn dann nicht wenigstens gesagt, daß Mann und Frau zu einer Person werden oder zu einem Menschen?" Weil "Fleisch" hier fundamentaler ist. Es ist das, "was aus dem Fleisch geboren wird" (Jn 3,6). Es meint, wie Luther schreibt: "...den ganzen Menschen / mit Leib und Seele / mit Vernunft und allen Sinnen / Darum / daß alles an ihm nach dem Fleisch trachtet." Es ist der "fertige" Mensch, allerdings im Zustand des puren, ungeschliffenen, vor-moralischen Trachtens nach Wärme, nach Nähe, nach der Mutterbrust. Und hier finden wir die zweite causa finalis, welche unmittelbar auf die erste folgt und mit ihr in einem so engen Zusammenhang steht, daß die Erste ohne die Zweite nicht denkbar ist: Das Ziel des Geschlechtsaktes ist die Zeugung von Nachwuchs. Und der einmal gezeugte Nachwuchs muß im Elternhaus behutsam auf seinem Weg hinaus aus diesem sich nur auf das Fleischliche beziehenden Zustand des Trachtens begleitet und dabei erzogen werden.

[Die Begriffe im vorigen Absatz sind natürlich etwas gefährlich. Ich will nicht behaupten, daß ein Embryo keine Person ist. Ich will aber auch nicht in eine komplexe philosophische Debatte über Begriffe mit auch juristischen Implikationen eintreten. Um hier Klarheit zu schaffen, lasse ich den Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Rino Fisichella, sprechen: "... implizit wird betont, daß der Embryo eine Würde besitzt, die charakteristisch für die Person ist". Nach Aussage eines vatikanischen Bioethik-Dokuments kann in der Entwicklung des Menschen vor und nach der Geburt "weder eine Änderung seines Wesens noch eine Gradualität des moralischen Wertes behauptet werden".]

Das wahrhaft Verrückte ist, daß diese beiden Ziele der Sexualität natürlich allen Menschen bewußt sind, denn sie sind Teil der menschlichen Natur. Es genügt, sich zu überlegen, welches der eine Platz auf der Welt ist, an dem das männliche Spermium seinen Job erledigt, um zu erkennen, was das eigentliche Ziel der Sexualität ist.

Klar, jetzt kommt natürlich der Einwand, daß Sex aber viel zu klasse ist, als daß man sich auf die paar Mal beschränken möchte, die einem bei strikter Einhaltung der katholischen Lehre noch bleiben. Fremdgehen ist schon gar nicht drin, selbst wenn der/die Andere so viel heißer ist als das, was daheim wartet. Und dann ist man ja auch oft alleine aber hat trotzdem irgendwie "Lust", aber Masturbation ist ja auch nicht erlaubt. Also im Grunde alles Kacke!

Es lohnt sich aber, sich mit der katholischen Auffassung der menschlichen Sexualität vertraut zu machen, um wenigstens ein Gespür dafür zu bekommen, was es bedeutet, die Grauzonen geschickt zu umgehen, in denen die menschliche Natur und der Mensch als Person Gefahr laufen, die Würde an der Schlafzimmertüre an den Nagel zu hängen. Sex, wenn man ihn auf die Ebene eines Leistungssports mit mechanisch zu erzielendem höchstmöglichen Lustgewinn reduziert, erzeugt einen Widerspruch: Der Mensch, geschaffen als Wesen, welches zum Anderen tendiert, setzt genau dann eine Blockade, wenn er entweder ohne den Anderen zum Höhepunkt kommt oder sich einerseits auf so innige Weise mit dem Anderen vereint, aber andererseits dabei nicht an das wahre Ziel der Vereinigung denkt, sondern nur an seinen Gewinn. Und es besteht immer die Gefahr, daß aus einem Gewinn an Lust ein Sich-Verlieren an die Sucht wird.

Aber da es nunmal ein vermeintlicher Gewinn ist, muß dieser verteidigt werden. Da aber andererseits der ungezügelte Umgang mit der Sexualität zu eben den Fehltritten führt, die Lütz in seinem Kommentar beschreibt, und da diese Fehltritte langsam aber sicher ihre häßlichen Früchte ziegen, ist das kollektive Gewissen der ehemaligen Befürworter des "Wer zweimal mit der Gleichen pennt..." oder des Kinder-Koitus mittlerweile belastet. Und da zeitgleich mit der sexuellen Revolution das Bewußtsein für die eigene Sündhaftigkeit und die Notwendigkeit der Beichte und der Absolution immer weiter abnahm, können heute die wenigsten Menschen sich von ihren damaligen Fehlern distanzieren, so wie Eberhard Schorsch es tat. Es ist ja auch gar nicht ausführbar. Die meisten der damaligen Sex-Wilden waren ja keine Personen, die im Licht der Öffentlichkeit standen. Man müßte heute schon so etwas einführen, wie eine "Ich habe Sex mit Kindern befürwortet"-Aktion, die der "Wir haben abgetrieben"-Kampagne von 1971 gleicht. Wobei ja auch auf dem damaligen STERN-Titelblatt nur prominente Damen zu sehen waren und das Geständnis weniger auf Schuldgefühle zurückzuführen war, sondern eher auf einen trotzigen Stolz, geltendes Recht gebrochen zu haben.

Wie dem auch sei: Es ist - zumindest für mich - nicht nur wahrscheinlich, sondern gilt eigentlich als gesetzt, daß es ein stillschweigendes Bewußtsein über die Fehler gibt, die damals während er sexuellen Revolution gemacht wurden. Gleichzeitig fehlt aber der Mut, "die lange Zeit betriebene Verharmlosung von sexuellem Kindesmissbrauch in der gesamten Gesellschaft als einen Teil von unser aller Schuld anzunehmen".

Die Kirche regt in ihren Dokumenten direkt oder indirekt dazu an, diese Schuld anzunehmen. Das tut weh. Die Kirche hat aber in ihren eigenen Reihen Mitarbeiter (Priester UND Laien), die selbst nicht die Finger von Kindern lassen können. Und schon haben wir den universell einsetzbaren Buhmann, der der Gesellschaft dabei behilflich ist, von der eigenen Schuld abzulenken, ja, diese unter den Teppich zu kehren. Einfach mit dem Finger auf den Katholischen Klerus zeigen, vor allem auf sein Vorzeigegesicht, der Papst. Denn sie leben zölibatär. Sie spielen das Spielchen nicht mit. Sie sind Spielverderber.

Ich sollte erwähnen, daß es hier nicht um Verharmlosung der Fälle von Kindesmißbrauch durch katholische Priester geht. Das sollte eigentlich klar sein, aber sicher ist sicher. Es geht schlicht und einfach um die Frage, wie wir ALLE mit diesem Thema umgehen und ob es sich auf lange Sicht rentieren wird, immer nur den einfachen Weg zu gehen. Ich bestreite weder die Schuld der Priester, die diese schrecklichen Verbrechen begingen, noch die Schuld der Kirche in ihrem oft halbherzigen Umgang mit dem Thema. Aber ich möchte dazu auf den Anteil an Schuld hinweisen, den die gesamte Gesellschaft zu tragen hat.

Tuesday, February 02, 2010

Ehrlichkeit

Klaus Mertes, Direktor des Canisius-Kolleg in Berlin:
    "Die Kirche leidet an Homophobie. Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden."
Bei Elsa läuft bereits eine heiße Debatte zum Thema.

[Update: Auch scipio hat sich des Themas angenommen und schließt - nach Verwendung eines wunderbaren Zitat's - mit der Treue!]

Ich komme mal aus einer anderen Richtung und frage, was ein ehrlicher Umgang mit der Sexualität für schwule Kleriker bedeutet? Sollte es nicht in erster Linie die Art von Umgang sein, die man auch als Hetero-Kleriker pflegt, nämlich Ehrlichkeit in Bezug auf das Gelübde der sexuellen Enthaltsamkeit? Und macht es dann einen so dicken Unterschied, ob nun homo oder hetero emfpunden wird? Gibt es vielleicht irgendwelche (seriösen) Studien, die belegen, daß homosexuelle Männer grundsätzlich ihre Triebe schlechter im Griff haben als heterosexuelle Männer? Oder daß homosexuelle Priester schneller "schwach" werden als heterosexuelle?

Reicht es nicht, wenn die Priester so ehrlich sind, wie ihre Kirche, die nach wie vor erklärt, daß Homosexualität den Geschlechtsakt letztlich nicht zu seinem Ende führt (Zeugung und Erziehung von Nachwuchs), an dieser Lehre auch festhält und sich für die daraus gezogenen Schlüsse natürlich jede Menge Backpfeiffen einholt? Sollte nicht jeder Mann - egal ob schwul oder hetero - der sich zum Priesteramt berufen fühlt, sich ständig und ehrlich prüfen, ob er es bis zur Weihe wagen soll, oder ob es da nicht doch Dinge im Leben gibt, die ihm über kurz oder lang wichtiger werden können, als das, was zu tun er sich anschickt?

Sind nicht die ersten und höchsten Beziehungen der Ehrlichkeit des Priesters die Ehrlichkeit gegenüber Gott und die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst? Ist es nicht so, daß die Kirche nur deswegen überhaupt in die Schlagzeilen gerät, weil diese Ehrlichkeit mißachtet wird, egal ob von homosexuellen oder heterosexuellen Männern?

Und lautet die Antwort darauf: "Daher weg mit dem Zölibat!"? Oder: "Daher her mit ehrlichen Priestern!"?

Sunday, January 24, 2010

Frage

Alle sich hierher verirrenden oder hier freiwillig und öfters vorbeischauenden protestantischen (oder nicht-katholischen) Leser mögen mir bitte die folgenden Zeilen nicht als anti-ökumenischen Terroranschlag ankreiden. Es handelt sich lediglich um das Hinterherspüren einer Frage, die mir seit längerer Zeit Kopfschmerzen bereitet. Zudem könnte ein Versuch, die Frage nicht als Kampfansage sondern als Einladung zum Nach- und Mitdenken zu verstehen, letztlich auch mir helfen, etwas zu sehen, was mir jetzt noch verborgen ist.

Also: Daß Christus - als Mittler und Weg zum Heil und als Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott sowie für die Einheit der ganzen Menschheit (LG1) - eine Kirche gründete, war notwendig. Diese Kirche ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird (LG8). Das ist es, was ich glaube. Das ist die Realität, so, wie sie sich mir aufdrängt.

Es stellt sich für mich die Frage: Sind andere Kirchen/kirchliche Gemeinschaften daher kontingent oder notwendig?

Wenn notwendig: Warum hat Christus, der die Einheit aller beschwor, die Vielfalt zur Notwendigkeit gemacht?

Wenn kontingent: Warum ist dem Notwendigen nicht gestattet, die Arme in richtung des Kontingenten zu öffnen und zur Einheit oder Heimkehr oder Fülle oder wie auch immer man es nennen will, einzuladen?

Wie gesagt: Dies alles ist irgendwie modallogisch vorbelastet und wahrscheinlich übersehe ich einige (nicht unwichtige) Details. Mir ist die Frage aber ernst und ich bitte daher auch eher um ernst gemeinte, hilfreiche Antworten als um Vorwürfe (nicht, daß ich mit denen nicht leben kann, aber sie sind hier irgendwie nicht zielführend).

Tuesday, December 08, 2009

Das Internet ist ein seltsam Ding

Ich habe seit zwei Monaten einen (unsichtbaren) Besucherzähler auf am römsten.

Der nötigt mich zuerst einmal, einen herzlichen Dank an durchschnittlich 350+ Besucher pro Tag auszusprechen. Hätte wirklich nicht gedacht, daß es so viele sind.

Ich habe den Counter aber hauptsächlich installiert, weil ich wissen wollte, woher meine Leser kommen und warum die Leute bei mir landen.

Zum 'woher': Der Löwenanteil meiner Leser kommt - logo - aus Deutschland. Hier wiederum liegt NRW vorne (** Gruß in die Heimat **), gefolgt von Hessen (** Ei Gude wie? **) und Bayern (** Hawedere **). Die erste nicht-deutsche Region liegt auf Platz 10: Wien (** Servus **), gefolgt von Niederösterreich, welches sich fast gänzlich aus Klosterneuburg (** Grüß Gott, die Herren! ** ) und Heiligenkreuz (** Wann kommt die nächste CD? **) zusammensetzt. Bei den Ländern liegt Italien (** Huhu, Elsa! **) noch vor Österreich, aber da scheint die regionale Zählung nicht so richtig zu funktionieren. Auf Platz vier liegt die Schweiz (** Grüezi, Thysus! **), gefolgt von Frankreich (** Bonjour, Gabi! **). Und dann gibt's noch Einzelbesucher aus aller Welt, die zum Teil wahrscheinlich eher aus Versehen bei mir landen. Trotzdem mal einen Rundumgruß nach Malta, Rußland, Israel, in die Ukraine, nach Kanada und in so ziemich jedes Land der EU und Südamerikas!

Zum 'warum': Die meisten Besucher scheinen direkt über die URL zu mir zu kommen. Suchmaschinentouristen fanden in den letzten Tagen primär entweder über meinen Blogtitel oder über Fragen zur Stadt Rom und ihrer Geschichte oder über Nachforschungen zum Minarett-Urteil zu mir. Einzelne, gezielte Suchen klingen teilweise sehr amüsant ('Der Onkel in der Sänfte'; 'Der Schläfer im Gras'; 'Titelsong des Kebab zum Frühstück'), verwirrend ('dicke Priester' - Ich muß doch sehr bitten...), seriös ('franz georg von schönborn, jäger'; 'Bronzerelief der Ordens- und Krankenschwester Restituta Kafka'; 'liturgische Farbe Beauftragung') oder einfach nur beängstigend ('selbstmord anleitung'; 'Gedeon Burkhard das Traumschiff').

Und jetzt stellte ich fest, daß gestern im Zeitraum von nur anderthalb Stunden fünfundzwanzig verschiedene IP's über das Suchbegriffs-Paar 'Onomatopoesie Schuhe' zu mir fanden. Ich saß da und dachte, ich hätte irgendeinen kochend heißen Trend verpaßt. Also habe ich selbst mal nach den Begriffen gegoogelt und siehe da: Ein Benutzer der 'Ratgeber-Community' gutefrage.net stellte wenige Minuten, bevor bei mir die Schuh-Sucher einschlugen, folgende Frage: "Welche Schuhe sind ein Onomatopoetikon?" Also zogen die Mitglieder der 'Community' googelnd los und verirrten sich auf am römsten, weil ich ja vor einem Jahr einen Beitrag zur Comic-Onomatopoesie geschrieben habe, in welchem auch auf Schuhe (** galosch **) verwiesen wird. Und jetzt setzt bei mir das große Stirnrunzeln ein: Wieso geht der Benutzer von gutefrage.net nicht selbst bei Google auf die Pirsch? Ich meine, er oder sie hat ja offensichtlich einen Internetanschluß und kann schreiben und lesen. Also, ich stell' die Frage hier nur so in den Raum, weil sie mich wirklich beschäftigt. Ich frage auch nicht, weil ich unbedingt eine Antwort erwarte. Ich will nur, gemäß dem Titel dieses Eintrags, meine Verwunderung kundtun.