Monday, November 30, 2009

Tobin vs. Kennedy

Ich weiß nicht, ob Ihr den Zwist zwischen Bischof Thomas J. Tobin (Rhode Island) und Patrick J. Kennedy verfolgt. Wenn nicht, hier eine kurze Zusammenfassung: Im Februar 2007 bat der Bischof den Politiker in einem vertraulichen Breif, vom Empfang der Kommunion abzusehen (es lag also kein offizieller, geschweige denn öffentlicher Ausschluß vor), so lange er in der Abtreibungsdebatte einen Standpunkt bezieht, der dem der Kirche direkt widerspricht. Tobin bot auch ein Gespräch an, erklärte den Inhalt des Briefes als vertraulich und behandelte ihn ebenso.

Kennedy empfing auch nach Erhalt des Briefes weiterhin die Kommunion. Letzten Monat kritisierte er dann die Haltung der Katholischen Kirche zu Abtreibungsfragen bzgl. der Gesundheitsreform und erwähnte dann auch, daß Tobin ihn in einem Brief gebeten habe, keine Kommunion zu empfangen (Kennedy hat also die Geschichte zuerst an die Öffentlichkeit gezerrt). Das Kongressmitglied ging aber noch einen Schritt weiter und sagte, der Bischof habe auch die Priester seiner Diözese gebeten, an Kennedy keine Kommunion auszuteilen. Tobin erwiderte, er habe dieses Thema nicht mit seinem Diözesanklerus besprochen.

Von da an ging's munter hin und her, immer schön öffentlich. Unter anderem behauptete Kennedy, seine Einstellung mache ihn nicht zu einem schlechteren Katholiken und verwies auf die Unvollkommenheit des Menschen. Bischof Tobin stellte klar, daß seine Einstellung den Politiker sehr wohl zu einem 'schlechteren' Katholiken mache und daß sich die Geschichte nicht einfach der 'Unvollkommenheit des Menschen' ankreiden ließe. Die frischeste Nachricht heute:
    Der Bischof von Rhode Island, Thomas Tobin, hat bei "FoxNews" zu seiner Entscheidung, den bekannten Jungpolitiker Patrick Joseph Kennedy vom Empfang der Hl. Eucharistie auszuschließen, Stellung genommen. Tobin stellte klar, dass solche Politiker nicht gezwungen sind, Katholiken zu sein, dass aber diejenigen, die diese Entscheidung treffen, verstehen müssen, was die Lehre der Kirche ist und diese auch akzeptieren müssen. "Das wichtigste Verbindlichkeit, die wir treffen können, ist unser Glauben, weil dies unsere Beziehung mit Gott festlegt. Nichts ist wichtiger als das. Und wenn Dein Beruf, Deine Arbeit oder Deine Berufung Dir hier in die Quere kommen, dann musst Du Deinen Job verlassen und Deine Seele retten.", erklärt Bischof Tobin gegenüber FoxNews.



Und wie wird die Geschichte im SPIEGEL präsentiert?
    US-Bischof straft Patrick Kennedy ab

    Vorläufiger Höhepunkt eines erbitterten Streits: Der katholische Bischof von Rhode Island will Patrick Kennedy wegen dessen liberaler Haltung zur Abtreibung nicht mehr bei der Kommunion sehen. Der Politiker sagt, der Geistliche halte ihn wegen seiner Ansichten für einen schlechten Katholiken.

    Die Kennedys gelten als bekannteste katholische [taufschein- und medien-mäßig] Familie in den USA, doch nun verweigert die katholische Kirche dem Kongressabgeordneten Patrick Kennedy offenbar das zentrale Sakrament der Kirche. Es ist der Höhepunkt eines seit Monaten [Jahren] schwelenden Streits zwischen dem konservativen Klerus und dem liberalen Politiker.

    Bischof Thomas Tobin habe ihm [im Februar 2007] geschrieben, dass er nicht mehr an der Eucharistiefeier teilnehmen dürfe [und ihn gebeten, vom Empfang der Kommunion abzusehen], sagte Kennedy der Zeitung "The Providence Journal". Außerdem seien die Priester der Diözese Rhode Island angewiesen worden, ihn nicht zur Kommunion zuzulassen [oder eben auch nicht, wie der Bischof sagt]. Woher die Information stammt, sagte Kennedy allerdings nicht. Die Eucharistie mit der Austeilung von Brot und Wein ist zentraler Bestandteil der katholischen Messe und damit der Kirchenzugehörigkeit.

    Die Entscheidung erstreckt sich dem Bericht zufolge nur auf das Gebiet des Bistums Rhode Island. Kennedy stünde eine Beschwerde beim Vatikan offen, doch Rom stößt nur selten die Entscheidung eines Bischofs um. Kennedy sagte in dem am Sonntag veröffentlichten Interview, der Bischof habe ihm erklärt, "dass ich wegen der Positionen, die ich mit meiner öffentlichen Funktion einnehme, kein guter praktizierender Katholik bin" [... nachdem Kennedy sagte, daß seine Einstellung ihn nicht zun einem schlechteren Katholiken mache].

    Bischof Tobin selbst will den Sachverhalt nun anders [korrekt] dargestellt wissen. Er habe [hat] niemanden angewiesen, Kennedy die Kommunion zu verweigern, ließ er in einer Stellungnahme am Sonntag mitteilen. Vielmehr habe er [hat er] Kennedy bereits 2007 in einem vertraulichen Gespräch [Brief] gebeten, nicht mehr zur Kommunion zu kommen.

    Der Streit zwischen beiden Männern begann im Oktober [je nachdem, wie Kennedy den Brief auffaßte, wohl auch schon im Februar 2007], als Kennedy in einem Interview die katholischen Bischöfe in den USA wegen ihrer Haltung zur Gesundheitsreform kritisierte. Der Klerus will das Vorhaben der Regierung nur dann unterstützen, wenn die staatliche Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen eingeschränkt wird.

    Tobin verlangte nach dem Interview eine Entschuldigung. Kennedy schrieb dem Bischof daraufhin: "Wie jeder in Rhode Island respektiere ich sehr die katholische Kirche und ihre Führung. Aber der Umstand, dass ich in einigen Fragen eine andere Meinung habe als die Hierarchie der Kirche, macht mich nicht zu einem schlechteren Katholiken [bingo]. Ich lebe [im Original "embrace"] meinen Glauben, der die Existenz einer unvollkommenen Menschheit anerkennt [Erkennt der Glaube diese Existenz lediglich an? Oder gibt er uns auch die Werkzeuge zur Besserung?]."

    Tobin antwortete in der Kirchenzeitung: "Sie können das nicht auf eine 'unvollkommene Menschheit' schieben. Ihre Haltung ist inakzeptabel für die Kirche und skandalös für viele unserer Mitglieder [nochmal bingo]."
Die Gruppe Catholic Democrats, die sich für eine Ausweitung des Angebotes staatlich finanzierter Abtreibungen ausspricht, versucht es seit letzter Woche übrigens mit zwei Tricks:
    a) Mehrheits-Moral: Es ist richtig, weil die Mehrheit es will.

    b) Schauder-Syllogismus: Viele Republikaner sind gegen Abtreibung. Bischof Tobin ist gegen Abtreibung. Tobin ist daher Wasserträger der Republikaner, somit ist der 'Feldzug' des Bischofs politisch motiviert und hat nichts mit moralischen Fragen zu tun.
In einem Interview wurde Bischof Tobin gefragt, ob er in der Frage der Abtreibung so standhaft ist, weil er seine Karriere in der Kirche vorantreiben will. Das erinnert mich gleich wieder an die Sickos, die ein Kind an der Hand eines Katholischen Priesters sehen und sich prompt wildesten Mißbrauchs-Phantasien hingeben: Die Medien in den USA sind mittlerweile teilweise so eindimensional, daß eine andere Motivation als die der Karriere schwer denkbar ist bzw., daß jede öffentliche Bewegung in ihrer Phantasie als ein Annähern an die nächste Karrierestufe gilt.

7 comments:

Anonymous said...

Spiegel-Leser wissen Mär.

Anonymous said...

Um jetzt mal die ganze moralische Tiefe der Frage außer Acht zu lassen und mal eher auf die Fragwürdigkeit der Berichterstattung zu sprechen zu kommen: Ich finde es eine Unverschämtheit, wie der Spiegel (an dieser Stelle könnte man auch sagen: die Presse allgemein) die Story zumindest nicht korrekt wiedergibt - wenn nicht sogar völlig verdreht. Eine Paradebeispiel für die Berichterstattung über die katholische Kirche allgemein, wenn man sich zum Beispiel an letzten Februar und die Williamson-Affäre erinnert. Ich bin es leid, überall nur Quatsch und Unsinn zu lesen. Was mich einzig interessieren würde: Welche Motivation steckt dahinter? Der/die Autor/in muss sich doch bewusst sein wie haarsträubend unkorrekt sein/ihr Verhalten aus journalistischer Sicht, schließlich handelt es sich ja um keine korrekte Wiedergabe des Geschehenen, ist. Geht es darum der Kirche eins auszuwischen, sind linke Ressentiments gegen alles was nach Etablissement aussieht im Spiel, oder warum macht man so etwas?

Ich weiß es nicht und bin ratlos - und traurig.

Grüße aus Köln,

Johannes

Alipius said...

Lieber Johannes!

Die Fragen, die Du stellst, beschäftigen schon seit langer, langer Zeit sehr viele Leute. Eine Antwort, die alles auf einen Punkt bringt, existiert nicht.

Aber einige Ansätze gibt es:

Die wichtigste Frage (die ich auch hier im Blog hin und wieder schon mal gestellt habe): "Wer will wieviel Macht für wen und warum?" Unzählige Leute, Gruppen und Institutionen, die heutzutage etwas anzubieten haben, müssen dies an der Katholischen Kirche vorbei anbieten. All die modernen Ideologien und Diesseitsvertröstungen halten einem strengen Vergleich mit unserem Hernn Jesus Christus nur bei denjenigen stand, die wirklich und wahrhaftig nicht an die Existenz Gottes glauben. All die Anderen werden - wenn man ihnen gestattet, unvoreingenommen auf die Kirche zuzugehen - früher oder später dort ihre Heimat finden. Dies bedeutet natürlich einen gefährlichen Mitgliederschwund für oben angesprochene Leute, Gruppen, Institutionen, weswegen sie ihr möglichstes tun, die Menschen über die Kirche entweder zu beschwindeln oder wenigstens im Dunkeln zu lassen. Das Tragische an der Sache ist, daß viele Leute innerhalb dieser Gruppen und Institutionen eigentlich selbst Katholiken sind, sich aber für die flotten paar Jährchen irdischen Ruhms plötzlich nicht mehr um ihre Seele scheren. Sie zaubern sich dann ihren selbstgeschriebenen Katechismus light und sagen "Das paßt schon so. Deswegen bin ich noch lange kein schlechterer Katholik." Damit geben sie wiederum ein schlechtes Beispiel für diejenigen, auf die sie Einfluß haben, wie eben auch der Kongreßabgeordnete Kennedy.

Es muß nicht immer pure Bösartigkeit dahinterstecken. Wir sollten nicht vergessen, daß die üblen Legenden über die Kirche spätestens seit der durch englische Reformer gegen das katholische Spanien in Umlauf gebrachten Leyenda Negra hoffähig sind und somit Generationen über Generationen in bequemer Unwissenheit (bzw vermeintlicher Aufgeklärtheit) selbstgerecht über die Kirche urteilten. Von den Leuten des 21. Jahrhunderts zu verlangen, daß sie nun plötzlich all dies durchschauen, ist ein wenig viel verlangt, zumal ja die Bequemlichkeit nicht geringer geworden ist, im Gegenteil.

Was können wir tun? Wir müssen nicht nur die Bibel und den Katechismus gut kennen, sondern uns auch in der Geschichte der Kirche auskennen und logisch denken können. Damit besitzen wir die wichtigsten Waffen, um jede Lüge über die Kirche nicht nur zu erkennen, sondern auch zu widerlegen.

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht in den Hochmut verfallen zu denken, die Mönche, Nonnen, Diakone, Priester, Bischöfe und Päpste hätten immer und überall alles richtig gemacht. Das wirkt unappetitlich und ist ja leider auch nicht richtig. Aber dies macht die Kirche nicht schlecht. Denn stimmte dieser Schluß, dann müßten ja andersherum all die Menschen, die sich als Mitglieder der Kirche über die Jahrhunderte hinweg aufopferungsvoll für andere eingesetzt haben (nicht selten bis zur Hingabe des eigenen Lebens), die Kirche auch wieder gut machen. Davon scheinen die antikirchlichen Schreihälse aber nichts wissen zu wollen, was uns zeigt, daß ihr Ansatz falsch ist, sie selbst nicht redlich sind und das von ihnen Gebotene hochgefährlich ist.

Conservare said...

Was Jesus sagte: „Deine Sünden sind Dir vergeben – geh hin und sündige fortan nicht mehr.“


Was Jesus nicht sagte: „Du machst Fehler, okay das ist ganz normal. Mache dir keine Gedanken über Besserung und Vollkommenheit, sondern bleib in deiner Sünde.“

curioustraveller said...

Tja, Conservare, gerade das ist bei Johannes 8 das Problem: Der letzte Satz in der Geschichte wird gerne überlesen...

Anonymous said...

Die theologische Fachzeitschrift aus Hamburg ... warum nur fällt mir jetzt der alte Kühnelt-Leddihn wieder ein, der die in seiner Kindheit vorhandenen Auflagen von "Meyers Konversationslexikon" in einem kurzen Wort als "Aufkläricht" qualifizierte?

Zwetschgerich

Conservare said...

@curioustraveller

genau das erlebe ich in vielen Diskussionen und wenn man auf die ganze Bibelstelle aufmerksam macht, wird man schnell als unbarmherzig bezeichnet.... leider.