Saturday, April 03, 2010

Ein paar Presse-Lacher

Ich war grade ein wenig spazieren und sah beim Trafik das Titelblatt des neuen SPIEGEL:
    Der Unfehlbare
    Die gescheiterte Mission des Josef Ratzinger
Ich finde, der Zeitpunkt ist langsam gekommen, an welchem jene Printprodukte, die mir vielleicht grade noch auf dem Marktplatz zum Fisch-Einwickeln nicht zu schäbig wären, einfach nicht mehr über Papst und Kirche schreiben sollten. Nicht, weil die Straße ihnen die ausgewogene, hochreflektierte Berichterstattung nicht nach wie vor sabbernd aus den Klauen reißen wird. Sondern, weil doch selbst Redakteure und Journalisten wenigstens am Beginn ihrer Karriere einmal so etwas besessen haben müssen wie Selbstrespekt und ein Gefühl für Redlicheit und Ehrlichkeit.

Jetzt geht da also ausgerechnet der SPIEGEL hin (also die Wochenzeitschrift, die unter der Überschrift Die Scheinheiligen einen prälatig gekleideten Herrn sich durch die Soutane richtung Schritt greifen ließ), gibt die Entdeckung bekannt, daß der Heilige Vater eine Mission hatte und will uns erklären, warum diese Mission gescheitert ist? Ja, weiß man denn beim SPIEGEL überhaupt, wer Josepf Ratzinger ist? Weiß man beim SPIEGEL, was seine Mission ist? Kennt man die Kriterien, anhand derer sich diese Mission als erfolgreich oder als gescheitert erweist?

Dürfte beim SPIEGEL (und auch vielen (wenn nicht den meisten) anderen Zeitungen und Zeitschriften) nicht mittlerweile bereits eine Journalisten-Generation am Werke sein, deren gesamtes Wissen über die Katholische Kirche den Werken von Karlheinz Deschner, Horst Hermann, Uta Ranke-Heinemann, Rolf Hochhuth, John Cornwell, Jack Chick, den Dan Brown-Verfilmungen oder den Rückseiten von Cornflakes-Packungen entstammt?

Und die wollen uns nun etwas von der Mission des Papstes erzählen? In einer idealen Welt wäre das Gelächter aus Deutschen Landen bereits bis nach Österreich zu hören. Aber da wir in den Zeiten der ferngesteuerten, mediengefütterten, aufklärungsresistenten Massen leben, wird es wohl wieder nur kübelweise billiges Moralin geben, welches jene armen Fehlgeleiteten gierig saufen, denen man seit 50 Jahren einredet, sie seien für wahre Moral zu schmutzig, niedrig und gemein.


Beim Österreichischen Pendant zum SPIEGEL, profil, macht man in dieser Woche keinen Hehl daraus, daß man gerne aus dem Schatten des großen Augstein-Produktes treten möchte. So heißt es auf der Titelseite zum Papstbild:
    Supermacht Vatikan
    Vertuschung von Mißbrauch, Geldwäscherei, dubiose Todesfälle. Die sinistre Kommandozentrale für eine Milliarde Katholiken.
Beim SPIEGEL fühle ich aufgrund unserer langen gemeinsamen Geschichte immer noch so etwas wie... keine Ahnung... Restrespekt oder Wahrnehmungspflicht. Daher lasse ich mit auch immer wieder mal auf einen Kommentar ein. profil war für mich eh nie etwas anderes als ein mißlungener SPIEGEL-Abklatsch, daher fühle ich mich zum Glück nicht verpflichtet, dazu groß etwas zu sagen. Da ich aber weder dem SPIEGEL noch dem profil mein Geld hinterherwerfe, werde ich über das ganze Ausmaß des Grauens auch ohnehin nicht viel sagen können.


Ein nettes kleines Detail noch aus der akzuellen ZEIT. Diese begann in dieser Woche mit einer Serie über Glauben und Zweifeln. Los geht's - klar - mit dem Katholizismus. Und - ganz Avantagarde und immer den Finger am Puls der Zeit: Wen hat man sich als Modell-Priester für "Glauben und Zweifel" rausgesucht? Adolf Holl, den 80jährigen Kirchenkritiker und Zölibatsbrecher. Originell, oder? Ich meine, gut, daß die nicht zum hundertsten Male einen älteren Priester vorstellen, der seine Gelübde immer ernst nahm und - trotz mancher Zweifel - im Fall des Schwächelns oder Schwach-Werdens oder gar Stürzens die Schuld auch mal bei sich und nicht nur bei der Kirche oder in den Strukturen oder beim Papst suchte.

Aber, immerhin: In derselben ZEIT steht ein sehr wahrer, sehr schöner Satz. Dieser stammt von einem Preisträger der deutsch-schweizerischen Stiftung "Für Freiheit in der Kirche" ;-) (Präsident: Hans Küng 8-D) und liest sich trotzdem so:
    Die Kirche, in meinem Fall ist es die Katholische, hat in unseren Breitengraden ihre Mütterlichkeit verloren.

14 comments:

Elsa said...

Immer noch dieser Unfehlbarkeitsmist. Wobei das natürlich Absicht ist, denn eigentlich müssten es sogar die Spiegelleute mal in Wikipedia nachgelesen haben mittlerweile...
Und dann ist doch das Schöne, dass Deutschland nur noch ein Problem hat zur Zeit, das heißt Joseph Ratzinger.
Ansonsten blüht und gedeiht dieses Land, friedliche, liebenswerte Menschen, eine intakte Gesellschaft, jeder in Lohn und Brot und vor allem ein regelrechtes Kinderparadies.
Wäre da nicht dieser ewige Ratzinger, wäre wirklich alles in Butter in diesem Musterland.

Arminius said...

Ein paar Deiner Kollegen zeigen hier gerade Flagge und die Presse wundert's wohl.

Ulrich said...

Mir reichen die Kampagnen langsam, es ist kaum mehr auszuhalten, als ich gestern die Kommentare zu der Predigt von Singtbeimesse gelesen habe, ist mir fast übel geworden.
Danke für diesen Oasen-Artikel.

Gerade über einen kath.net-Kommentar entdeckt:
Die innerkirchlichen Feine und ihre Absichten, oder: Wie schreibe ich einen Artikel, der alles verrät, worum es in dieser Kampagne geht:
http://www.newsweek.com/id/235665?from=rss&utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+newsweek%2FTopNews+%28UPDATED+-+Newsweek+Top+Sto

Yon said...

Das mit der sinistren Kommandozentrale fänd ich ja noch schlichtweg genial, wenn ich nicht den schaurigen Verdacht hätte, dass die das so für voll nehmen...

Conservare said...

Es ist traurig wie sehr sich Deutschland in den letzten Jahrzehnten oder fast schon Jahrhunderten verändert hat. Traurig wie sehr die Bürger an den Giftblättchen SPIEGEL und Co. hängen bzw. schon davon abhängig von Lügenmärchen wurden. Dabei wollten sie doch frei sein.

feline said...

Lieber Alipius,
ehrlich gesagt finde ich die Pressemitteilung hinsichtlich Missbrauch in der Kirche (langsam stimmt schon nicht mehr) zum (Entschuldigung) Kotzen.
Die Politik bietet wohl gerade nicht genug Schreibstoff, obwohl ich in NRW einiges zu meckern hätte.
Gütiger stimmt mich eine Mitteilung die Du unter

http://www.zeitong.de/nc/ng/da/2010/03/30/viele-glaeubige-erwaegen-kirchen-austritt/

lesen kannst


Und da fällt mir gerade wieder was ein.

Also----
Was fällt Dir bei den Aufgaben auf? NICHT FLUNKERN!

DENKEN!

3+5+6=14

7+19+5=33

???????????????????????
?????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????
Ok?

Die Antwort ist meistens:
Die zweite Aufgabe ist falsch!

Gut. Aber warum sagen wir nicht: Super!!!!!

Die erste ist richtig!!!

Wir schauen viel zu viel mit einer negativen Brille. Schauen wir auf das, was gut ist, dann löst sich manches vielleicht besser. Deswegen finde ich 80% die nicht austreten wollen super.

nd ich gehöre dazu.
TROTZDEM!!!!!!

Alipius said...

Naja...

Einerseits..., andererseits...

Natürlich ist es klasse, daß 80% der Kirche treu bleiben wollen.

Ich finde aber, daß im Gegensatz zu einer Mathe-Aufgabe hier etwas mehr auf dem Spiel steht.

Was ich meine: Es ist klar, daß eine Rechnung entweder falsch oder richtig ist. Aber es ist für mich nicht so klar, daß ein getaufter Katholik so einfach die Option hat, aus der Kirche auszutreten, schon gar nicht, weil er mit dem Personal nicht zufrieden ist.

Da wird mir einfach viel zu häufig nicht gut genug nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, katholisch zu sein. Da gibt's ein wenig Presse-Stimmung zu - zugegeben - katastrophalen Fehlleistungen, und dann wird gefragt: "Wollen sie bleiben oder austreten?" anstatt zu fragen: "Was wollen sie persönlich unternehmen, damit ihre Kirche positiver wahrgenommen wird und damit ihre Brüder und Schwestern im Glauben die nötige Unterstützung erfahren?" Denn das ist es doch, warum wir katholisch sind. Nicht, um nach Ausreden zu suchen, der Kirche den Rücken zu kehren, sondern um uns auf unserer holprigen irdischen Pilgerschaft gegenseitig ein wenig zu stärken.

Benedetta said...

Du, ich hab noch was viel besseres!

Lies mal hier

http://kathspace.com/community/Benedetta/blog/ard-entsetzt-papst-schweigt-immernoch/

.... tja Deinem Artikel hab ich nix hinzuzufügen, außer dem, was ich in meinem blog schreibe... hmh, da gibts glaub auch keine weiteren Worte mehr für.

Herzliche österliche Segenswünsche lieber Bruder in Christo, der Friede sei mit Dir!

Alipius said...

Benedetta: Danke für den Link! Schöner Kommentar!

Auch Dir noch ein gesegnetes Osterfest!

Benedetta said...

Vor lauter Ärger über die Tagesschau hab ich ganz vergessen... also hab ich Dir schon gesagt, daß Du ein hervorragender Schreiber bist?? Sowas nenn ich mal spitze Feder und stilistisch geniaaaal!!!!!

Anonymous said...

Betr. "Spiegel" und Fisch-Einwickeln: Zweite Wahl, der "Spiegel" wird meines Wissens auf Glanzpapier gedruckt, das Flüssigkeiten nicht so gut aufsaugt wie etwa "klassisches" Zeitungspapier. "Die Zeit" wäre da schon besser geeignet.

Stellen wir uns eher die Frage, wie die alle in hundert Jahren ausschauen werden.

Die Kirche freilich wird es dann immer noch geben, und immer noch wird sie ein Stein des Anstoßes sein.

Frohe Ostern!

Zwetschgerich

Benedetta said...

Du, Alipius, willst Du den Brief nicht eigentlich als Leserbrief an den SPIEGEL senden?? Büüüddeeee! (Ich kanns auch gern für Dich machen) ;-)

Alipius said...

Nö, will ich nicht an den SPIEGEL schicken (ich halt mich von so Sachen immer fern, hab ja mein Blog). Wenn Du's schicken willst, dann bitte OHNE Quellenangabe! Merci!

Benedetta said...

Woooow SUPER! DANKE!Na klar ohne Quellenangabe (o graus...). Ich mein, sie druckens EH NICHT, aber... der Artikel ist zu... GUT um ihn so hier drinstehen zu lassen :-)))))