Tuesday, April 27, 2010

"Melde gehorsamst: ...

... Sündenbock gefunden, Pöbel reagiert zufriedenstellend!"

Elsa berichtet von einer Journalistin, die in diesen Tagen diverse Fälle aus Deutschland sammelt, in denen Männer, die aufgrund ihrer Kleidung als katholische Priester zu erkennen sind, angepöbelt, beschmipft, bespuckt oder gar durch die Gegend gehetzt werden. Ähnliches geschieht natürlich momentan auch in Österreich und geschah in Deutschland auch schon, bevor die Mißbrauchs-Fälle breit dokumentiert wurden.

Erst in der vergangenen Woche wurde ein Mitbruder in der Wiener U-Bahn von einem wildfremden Mann übelst beschimpft. Als eine Frau den Mann aufforderte, die Klappe zu halten, schnautzte er sie an.

Vor einem Jahr traf ich mich mit einem Freund in der Düsseldorfer Altstadt. Er berichtete mir, daß irgendjemand ihm hinterhergerufen hatte: "Du haßt Schwule!" (was uns - ehrlich gesagt - eher amüsierte).

Man muß nicht einmal die gesamte Geschichte der Menschheit studieren, um in seinem Herzen Vergebung für diese Leute zu finden. Das Prinzip "Sündenbock" ist so alt, wie der Mensch. Daß dieses Prinzip mit Christus eine letztmalige und entscheidende Veränderung erfuhr, hat Rene Girard in Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz, auf beeindruckende Weise erhellt.

Da aber Christus in der heutigen Zeit immer weniger zählt, kommt es zu zwei wundersamen Phänomenen: Die Botschaft und das Geheimnis Christi werden nicht mehr so, wie sie in Tradition und Schrift überliefert sind, von einer ihr interessiert bis wohlwollend gegenüberstehenden Gesellschaft aufgenommen, sondern sie werden von einer bedürfnisgesteuerten Gesellschaft umdefiniert und dann einem sich ganz Christus widmenden Stand als Heilspackung light vorgeschlagen. Und der Inhalt dieser Heilspackung soll dann bitteschön auch nur von diesem Stand gelebt werden, dies allerdings stellvertretend für die ganze Gesellschaft. Lehrinhalte, die über die neue Packung hinausgehen, werden mürrisch angehört und meistens nicht befolgt. Reibereien sind da vorprogrammiert. Aber zu Ausbrüchen kommt es so lange nicht, wie die gesellschaftlichen Verfehlungen, die eigentlich nicht Inhalt der Packung sein sollten aber dennoch von diesem Stand kritisiert werden, selbst bei den hartgesottensten Kirchenkritikern noch als außerkirchliches Problem durchgehen. Erst, wenn endlich ein gesellschaftsweiter Skandal in empirisch befriedigendem Maße auch in der Kirche auftritt, ist der Moment des Druckausgleichs gekommen. Und dann wird nicht mehr nüchtern geguckt, was eigentlich konkret verbrochen wurde und wie man die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht.

Denn nun ist er da, der Sündenbock. Und Sündenbock ist er zurecht. Denn was mißbrauchende Priester und vertuschende Bischöfe der Kirche angetan haben, wiegt schwer. Egal, wieviele Expertenberichte zum Thema Pädophilie und Ephebophilie und zur therapeutischen Praxis im Umgang mit diesen Problemen während der 70er und 80er Jahren vorliegen mögen: Daß katholische Priester sich an Kindern vergingen ist klar, ebenso, wie sich nicht leugnen läßt, daß Bischöfe dieses Problem halbherzig angingen.

Es ist also tatsächlich so, daß man im katholischen Klerus einen ganzen Haufen von Sündern findet. Nein, mehr noch (denn Sünder sind wir alle): Man findet im katholischen Klerus Männer, denen man aufgrund der von ihnen begangenen Straftaten vorübergehend das Vertrauen entziehen muß.

Aber bedeutet dies auch, daß sie keine Verzeihung verdienen? Bedeutet es, daß jetzt der Einfachheit halber erst einmal alle Priester über diesen einen Kamm zu scheren sind? Und bedeutet es, daß nun Individuen in unserer Gesellschaft sich ihrer über die Jahre aufgestauten Sünden entledigen können, indem sie einfach nur mit dem Finger auf den Sündenbock zeigen?

Nur, weil es Euch gelingt, die Blicke von Euren Sünden weg auf die Sünden Anderer zu lenken, bedeutet dies nicht, daß Eure Sünden nicht mehr existieren. Im Gegenteil. Wenn die Wogen sich glätten, werdet Ihr den alten Druck, die alte Last, wieder verspüren. Und dann müßt Ihr auf den nächsten Sündenbock warten. Zugegeben: Euch wird da schon etwas einfallen...

Jedoch: Hieltet Ihr Euch mit derselben Strenge an die Gebote Christi, mit der Ihr die Verfehlungen gegen diese Gebote bei Anderen anzuprangern und als für die Mitglieder der Menge "Sündenbock" als allgemein gültig zu erklären bereit seid, wäre nicht nur die Suche nach einem neuen Sündebock überflüssig. Ihr könntet sogar dem momentanen Sündenbock mit gutem Gewissen in die Augen schauen und müßtet über die Euch in diesem Blick treffende Schmach keine stille Genugtuung empfinden, müßtet Euch nicht mit billigem Triumph und flüchtiger Selbstgerechtigkeit vollsaugen. Stattdessen könntet Ihr erkennen, daß nicht "Die Kirche" oder "Die Priester" auf der Anklagebank sitzen, sondern daß ein gefallener Mitbruder in Christus vor Euch im Staub liegt. Ob Ihr nachtretet oder ihm aufhelft, liegt an Euch; aber die Antwort auf die Frage "Was würde Christus tun?" kennt selbst Ihr.

2 comments:

Lupambulus Berolinen. said...

Ich finde das Buch von Girard sehr erhellend, aber als Interpretation unserer Erlösung durch Christus nicht wirklich überzeugend. Aber darüber könnte man lange diskutieren. ;-)

Alipius said...

Ja, es ist sicherlich kein "Allrounder", aber ich finde den "Sündenbock"-Ansatz schon ziemlich gut.