Monday, June 14, 2010

Wird die Welt jemals wieder dieselbe sein?

[UPDATES: Die Geschichte verbreitet sich auch in der Blogoezese und bei ihren nicht-katholischen Mitlesern:

Co-Blogger curioustraveller findet die Reaktionen ein wenig übertrieben.

Elsa hat sogar schon gestern Nacht etwas dazu geschrieben.

Auch Le Penseur ist alles andere als zufrieden mit dem Phänomen.

Und Benita von Literatur und Leben fühlt sich schon wie in einem Monty Python Film.]



ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sagt: "Das ist für Miro Klose doch ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, daß der heute hier trifft."

Die WELT titelt: Müller-Hohenstein spricht von "Reichsparteitag"

Und die deutschen Fußballfans schauen sich nicht mehr die zweite Halbzeit an, sondern stürzen an die Computer und bloggen und twittern und kommentieren:
    Zynisch kommentierte ein Zuschauer im Internet: "Hurra, die deutsche Wochenschau berichtet live aus den deutschen Kolonien in Afrika." Ein Anderer bangte angesichts der rhetorischen Geschmacklosigkeit: "Demnächst spielen die Gegner noch 'bis zur Vergasung' bei 'Bombenwetter'."
Ja, genau...

Das Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten:
    Es ist mir ein Volksfest, ironische Verstärkung der Wendung "Es ist mir ein Vergnügen", "Es ist mir angenehm", "Es freut mich sehr"; ebenso: "Es ist mir ein innerer Reichsparteitag" oder "Es ist mir ein innerer Vorbeimarsch", mit parodistischer Beziehung auf die bombastischen Reichsparteitage der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren aufgekommen.
Den "inneren Vorbeimarsch" gab es - laut eines über 80 Jahre alten Mitbruders - schon lange vor der Nazi-Zeit. Im 3.Reich wurde der "Vorbeimarsch" dann durch den "Reichsparteitag" ersetzt. Beide Begriffe spielen auf eine aufwendige Veranstaltung im Inneren an. Angeblich fanden die Nazis diesen Ausdruck gar nicht so witzig, weil er hin und wieder auch ironisch oder als Parodie gebraucht wurde.

Klar: DER Reichsparteitag als solcher ist böse. Aber der "innere Reichsparteitag" als augenzwinkernder Hieb auf die bis zur Lächerlichkeit über-pompösen Nazis, das finde ich eigentlich nicht schlimm. Das liegt für mich so auf einer Ebene mit Witzen über den fleischgewordenen Ein-Mann-Reichsparteitag Hermann Göring. Über den koksenden Fesselballon in seinen Phantasie-Uniformen darf man ja auch lachen, warum dann nicht über die Reichsparteitage?

Naja, der Eva Herman-Preis scheint Müller-Hohenstein schon mal sicher. Dadurch, daß jetzt so vielen Mauerblümchen, die eigentlich in Ruhe Fußball gucken wollten, die Gelegenheit gegeben wurde, sich online mit breiter Brust als Demokratieschützer und Nazi-Gegner zu outen, wird die ganze Sache natürlich ein Nachspiel haben.

Aber uns geht's eigentlich noch Gold: In Amerika gab es neulich einen Aufstand der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), weil eine sprechende Glückwunschkarte zum Schulabschluß "rassisitsch" sei. Die in den USA beliebten Figuren Hoops and Yoyo erwähnen in ihrem kleinen Gratulations-Dialog unter anderem schwarze Löcher ("black holes"). Die NAACP ist sich hingegen sicher, daß dort von schwarzen Prostituierten ("black whores") die Rede ist. Das gesamte Zitat lautet: "And you black holes! You are so ominous! And you planets: Watch your back!" Ganz klar! In diesem Zusmmenhang kann natürlich nur von Prostituierten die Rede sein... (** facepalm **). Hersteller Hallmark ging dann tatsächlich in die Knie und nahm die Karte USA-weit aus dem Verkehr. Müller-Hohenstein hat ja immerhin wirklich gesagt, was man ihr nun vorwirft.

"... for the Advancement of Colored People"? Wenn diese Art des vermeintlich politisch korrekten Rowdietums auch bei uns noch festeren Halt findet, dann wird nur eines gefördert: Der Schwachsinn und der Schnüffel-Staat.

17 comments:

Arminius said...

Hier ist ein Link zum Reichsparteitag der SPD von 1946.

Uralte_Sage said...

Frau Müller-Hohenstein hätte sich mit ihrer Formulierung wohl eher die gesteigerte Aufmerksamkeit der Gestapo zugezogen. Für den PC-Diskurs hat sie sich schon längst durch ihre Trainingsjacken und hinters Ohr gestrichenen Haare des "sportlichen Mädchens" und diesen zupackenden Tonfall verdächtig gemacht. Doch ohne Delikt keine Anklage – bisher.

Le Penseur said...

Danke für den Hinweis, ohne den mir als totalem "Fußball-Nichtfan" der jüngste Ausbruch medialen PC-Rinderwahnsinns entgangen wäre. Ich erlaube mir, meinen Artikel zu diesem Vorfall verlinken.

Alipius said...

@ Arminius: Danke für den Link! Reichparteitag der SPD 1946... Hmm...

@ Uralte Sage: Ja, warten wir, was die Zukunft da noch für Überraschungen bringt.

@ Le Penseur: Schon traurig, oder? Verlinkung ist überhaupt kein Problem. Ich hab den Link auch glaich mal in meinem Artikel gesetzt, weil ich ein paar Stimmen dazu sammeln möchte.

Anonymous said...

Lieber Alipius, ich sehe das so: von Seiten der Moderatorin war das ein Ausrutscher, nicht mehr. Trotzdem hätte es mir, wenn ich Fussballfan wäre, die Freude am Spiel getrübt. Insofern finde ich, dass Breittreten (und ich stimme dir zu, dass das etwas Voyeuristisches und Schuldzuweisendes hat) genauso wenig angebracht ist wie diesen Ausrutscher von vornherein für unbedenklich zu erklären. Sie hat es gesagt und alle wissen, dass nicht der Reichsparteitag der SPD von 1946 gemeint war. Indem sie diese Metapher gebraucht hat sie (ohne es zu wollen) sprachlich Normalität herzustellen versucht, wo keine ist bzw. keine war, sondern tiefste Menschenverachtung. Das ist das Problem an diesen Begriffen, dass man sie nicht unbelastet gebrauchen kann, so sehr man es vielleicht möchte und es selbst gar nicht "so" meint. Sicher gibt es in dieser Frage auch Grauzonen, in denen es einfach um Geschmacksfragen geht. Aber mir ist da ein bisschen mehr political correctness lieber als zu wenig.

Auch wenn es hochtrabend klingt: Nein, die Welt wird nicht wieder dieselbe sein.


Lieben Gruss,

Lily

Alipius said...

@ Lily: Aber irgendetwas kann dann doch nicht stimmen, wenn die SPD - die es doch als eine der ersten Parteien hätte besser wissen müssen und es sich selbst und ihren Wählern schuldig war, schleunigst ein neues Vokabular zu finden - noch 1947 zum Reichsparteitag ausgerechnet in Nürnberg einlud und heute eine der beiden großen Parteien in unserem Land ist, während eine Moderatorin (zugegebenermaßen vor Millionenpublikum) sich diesen Ausrutscher leistet und daraufhin die Welt aus den Angeln fällt.

Anonymous said...

@Alipius: keine Ahnung, was sie damit wollten, vielleicht wollten sie ein medial wirksames Gegengewicht schaffen und sich positionieren. Wenn das so ist, ist es ihnen jedenfalls im Sprachbewusstsein nicht gelungen.

Alipius said...

@ anonymous: Meinen Sie, wenn Sie "sie" sagen, tatsächlich "sie" oder "Sie"?

Wenn ich das weiß, dann weiß ich auch, ob sich Ihr Kommentar auf auf die durch den Begriff "Reichsparteitag" Entsetzten oder auf mich bezieht.

Lily said...

Sorry, das war nicht so eindeutig ...

Ich meinte, dass ich vermute, dass sich die SPD 1947 bewusst für Nürnberg entschieden haben könnte, um ein mediales Gegenereignis zu den Nazi-Reichsparteitagen zu schaffen, was ihnen aber bezüglich des Sprachbewusstseins nicht gelungen ist ... usw.

Alipius said...

@ Lily: Ach so! Hmm... Ist eine Möglichkeit...

Veritas-Eternitas-Amor said...

Ich habe in dem Moment wo sie das sagte gewusst, "dass gibt Mecker" ;)
Man ist das zum Ko*** in dieser ach so "korrekten" deutschen Welt zu leben. Die Menschen sind so dumm und gleichgeschaltet (dem Mainstream verfallen und untergeordnet) und blind, dass es wirklich weh tut. Kümmert euch um WICHTIGE Sachen und nicht solche verbalen Ausrutscher von Moderatoren. Traurig, traurig :(

Le Penseur said...

@Lily:

Auch wenn es hochtrabend klingt: Nein, die Welt wird nicht wieder dieselbe sein.

Na, hoffentlich! Vielleicht merken unsere staatssubventionierten Antifanten einmal, daß sie sich mit diesen hysterischen Hexenjagden nur mehr lächerlich machen!

Und, ja: ich bin auch der Meinung, daß man "es war mir ein Reichsparteitag" sagen können sollte (und habe es scherzend sicher schon hundertmal bei Gelegenheit gesagt). So, wie ich auch "Autobahn" sage. Und mir einem Mohr im Hemd schmecken lasse, und einen Zigeunerspieß sowieso!

Wer glaubt, durch Behübschung der Sprache die Welt verbessern zu können, hat noch nicht begriffen, daß dadurch nur eines gefördert wird: die Heuchelei!

Und bevor ich das fördere, nehme ich lieber in Kauf, daß so irgendein grenzdebiler Neonazi zackig die Rechte gen Himmel reckt. So what?! Wenn ein Gemeinwesen sowas banales nicht mehr aushält, dann hat es ja ohnehin keine Überlebenschance ...

Und, nein: ich werde dabei auch gar nicht rot — außer vor Wut, wenn ich mir anhören muß, was Kohorten von WarmduscherInnen und BerufsgutmenschInnen wiedere zusammenschwurbeln in den Kommentarspalten ihrer Systempostillen ...

Alipius said...

@ Le Penseur: Wenn auf das Wort "Antifanten" noch niemand Anspruch erhebt, sollten Sie es Sich DRINGEND schützen lassen! Selten so abgescheppert!

Lily said...

@Le Penseur: Ich weiss nicht, warum es Ihnen so wichtig ist, dass "es war mir ein innerer Reichsparteitag" offiziell ok sein soll. Ich wollte sagen, dass ich es im öffentlichen Rahmen nicht ok finde. Über privaten Sprachgebrauch habe ich nichts gesagt, das betrifft dann die, die miteinander sprechen. Ich sehe jedenfalls keine Heuchelei darin, wenn der "Reichsparteitag" manchen nicht über die Lippen geht, weil sie dabei unweigerlich an seine Folgen denken.Das mag auch mit (sprachlicher) Sozialisation zu tun haben.

Begriffe wie "Mohr im Hemd", "Negerkuss" und ähnliches sind für mich aus ähnlichen Gründen einfach geschmacklos und völlig out. Als diese Begriffe entstanden, hat man sich über die Geringschätzung, die sie enthalten, noch keine Gedanken gemacht, aber jetzt ist das glücklicherweise üblich. Ich finde das eine echte Verbesserung ;). Aber das halten Sie vermutlich für "Geschwurbel" ...

Und der Zigeunerspiess ist meines Wissens lediglich "auf Zigeunerart" zubereitet ...

Le Penseur said...

@Lily:
Ihre Vermutung bezüglich meines Geschwurbel-Haltens geht nicht völlig an der Realität vorbei. Und, natürlich haben Sie völlig recht: einen Zigeunerspieß, der aus aufgespießten Zigeunern zubereitet würde, würde auch ich nicht essen wollen!

Ich gehe aber davon aus, daß diese ebensowenig aus Zigeunern zubereitet werden, wie "Bauernschinken" aus den Gesäßbacken von Landwirten. Und Negerküsse wohl nicht aus der gebackenen Speichelsekretion von Negern (igitt!) ...

Lily said...

@Penseur: Ihrem Namen machen Sie gerade keine Ehre, finde ich. Ich habe immerhin versucht, mich differenziert zu äussern. Ihre Bemerkungen halte ich für verbale Kraftmeierei, ohne jede Risikobereitschaft dahinter, geschweige denn Offenheit für andere Positionen. Wer eine starke Sprache vertritt, sollte auch den Mut haben, sich auf die Argumente anderer einzulassen, anstatt sofort mit Verbalattacken wie "WarmduscherInnen" um sich zu werfen, wenn es mal nicht so läuft wie Sie es gern hätten.

Auf Diskussionen mit Ihnen werde ich deshalb in Zukunft verzichten.

Le Penseur said...

@Lily:
Ihrem Namen machen Sie gerade keine Ehre, finde ich.
[...]
Auf Diskussionen mit Ihnen werde ich deshalb in Zukunft verzichten.


Das erfüllt mich natürlich mit Bedauern, ich kann es aber auch nicht ändern, fürchte ich ...

Ob Sie Ihrerseits nun Ihrem Namen Ehre machen oder nicht, weiß ich allerdings nicht (vgl. Mt. 6,28: "... considerate lilia agri quomodo crescunt, non laborant nec nent." – "Sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen auch nicht."). Da ich Sie persönlich nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, ob Sie arbeiten — und ob Sie spinnen, darüber maße ich mir erst recht kein Urteil an ...