Wednesday, February 03, 2010

Ich halt's im Kopf nicht aus!

Aus der presse-online:
    Unruhe in Linzer Diözese: Bischof fordert Aussprache

    Eine "Laieninitiative" plant den "großen Befreiungsakt". Die Kirchenführung sei "unfähig", die Kirche habe den Sprung ins dritte Jahrtausend verpasst, so Obmann Herbert Kohlmaier im "Presse"-Gespräch.

    LINZ(chs). Die Diözese Linz kommt nicht zur Ruhe: Nach den umstrittenen Aussagen des konservativen Pfarrers Gerhard Maria Wagner zum Erdbeben in Haiti ist in Oberösterreich erneut ein Kirchenstreit entbrannt. Stein des Anstoßes: Wagner, der bereits 2005 den Hurrikan Katrina als "Strafe Gottes" bezeichnet hatte, verwies nun in einem Interview im Zusammenhang mit dem Erdbeben in Haiti auf den dort verbreiteten Voodoo-Kult.

    Wagner, der im Vorjahr als Linzer Weihbischof verhindert wurde, hat sich damit einmal mehr den Ärger von Bischof Ludwig Schwarz zugezogen. Dieser will den Windischgarstner Pfarrer nun zu einer "Aussprache" unter vier Augen laden. Thematisieren dürfte er bei diesem Treffen auch die Aussagen Wagners Mitte Jänner – als dieser vor einer "stillen Kirchenspaltung" warnte und öffentlich "Missstände" in der Linzer Diözese anprangerte. Die Kirche ist inzwischen um Schadensbegrenzung bemüht: Es sei "völlig unangebracht und unverantwortlich", Naturkatastrophen als Strafe Gottes zu deuten, so die offizielle Stellungnahme.

    Den kircheninternen Kritikern der "Laieninitiative" ist das zu wenig – sie nutzen die Chance, die Kirchenführung frontal anzugreifen: Diese sei "unfähig", die Kirche habe den Sprung ins dritte Jahrtausend verpasst, so Obmann Herbert Kohlmaier im "Presse"-Gespräch. Schuld daran sei Papst Benedikt XVI., der die Kirche "ruiniere". Die Laieninitiative plane im März vor internationalem Publikum den "großen Befreiungsakt": Es sei, so Kohlmaier, dringend an der Zeit, "das Schicksal der Kirche in die Hand zu nehmen".
Und von der Seite nachrichten.at:
    Weniger als Einzelmeinung denn vielmehr als Ausdruck des "unerträglichen Zustandes" in der katholischen Kirche sieht im Gegensatz dazu Herbert Kohlmaier Wagners Aussagen. Gemeinsam mit zwei weiteren ehemaligen VP-Spitzenpolitikern, Erhard Busek und Andreas Khol, hatte Kohlmaier mit der Gründung einer "Laieninitiative" bereits zu Beginn des Vorjahres auf eine Kirchenreform gepocht: Dem Priestermangel sollte etwa mit der Wiedereinsetzung verheirateter Priester und der Aufhebung des Pflichtzölibats entgegengewirkt werden.

    Die neuerliche Aufregung um Pfarrer Wagner ist für Kohlmaier nur die Spitze des Eisbergs. Mit der umstrittenen – und letztlich gescheiterten – Bestellung Wagners zum Linzer Weihbischof habe sich gezeigt, dass "das römisch-katholische System korrupt und völlig daneben ist". Änderungen oder gar Besserungen seien nicht in Sicht: Papst Benedikt XVI. "ruiniert" die Kirche, indem er diese wieder in die Vergangenheit zurückführe. "Es ist so, wie wenn man gegen eine Mauer läuft", wird Kohlmaier noch deutlicher: "Die katholische Kirche ist ein absolutistisches System, das von weltfremden Leuten regiert wird". Sie habe sich von einer Volkskirche zu einer "Großsekte" entwickelt.

    Kohlmaier kündigte daher eine weitere Aktion – einen "kircheninternen Befreiungsakt" – an.
Hier der Wortlaut des Wagner-Interviews, so wie ich ihn fand:
    Kurier: "Sie meinten, dass die auffallende Häufung von Naturkatastrophen eine Folge geistiger Umweltverschmutzung sein könnte ..."

    Wagner: "... Na, lassen wir das weg. Sie sprechen jetzt sicher Haiti an, oder?"

    Kurier: "Genau."

    Wagner: "Ich halte fest: Das ist eine ganz große Tragödie, die einen schmerzen muss."

    Kurier: "War dort kein strafender Gott am Werk?"

    Wagner: "Das weiß ich nicht. Gott lässt sich nicht in seine Karten schauen. Aber es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind."
Und hier ein Auszug aus einem Interview, welches Pfarrer Wagner der Tagespost gab (via kath-net):
    Tagespost: "Aktuell gibt es Aufregung um eine Aussage von Ihnen in der Sonntagsausgabe der Zeitung Kurier. Auf die Frage, ob bei der Naturkatastrophe in Haiti ein „strafender Gott am Werk“ gewesen sei, sagten Sie: "Das weiß ich nicht. Gott lässt sich nicht in seine Karten schauen. Aber es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind." Also doch ein strafender Gott?"

    Wagner: "Ich habe zunächst meine Trauer und mein Erschrecken zum Ausdruck gebracht. Ich habe das Wort Strafe nicht in den Mund genommen, aber ich lade ein, über einen MÖGLICHEN Zusammenhang von Sünde und Unglück nachzudenken. Da gibt es schon im Alten Testament einige Hinweise, die uns diesen Zusammenhang bedenken lassen. Im Neuen Testament auch, wenn ich an das Gleichnis vom Feigenbaum denke. Wir können den Zusammenhang zwischen Sünde und Unglück nicht einfach ausschließen. Wir müssen biblisch und katholisch argumentieren, über diesen Zusammenhang nachzudenken. Auch das Fatima-Geheimnis macht uns das deutlich. Aber Gott entzieht sich unserem Zugriff. Mich hat erschreckt, dass auf Haiti 80 Prozent katholisch sind, aber angeblich mehr als 80 Prozent zugleich diesem Voodoo-Zauber anhängen. Das erschüttert mich. Für mich steht die Frage im Raum, was Gott hier vorhat und wie er uns Menschen führt."
Okay... Ein katholischer Priester glaubt an den möglichen Zusammenhang zwischen Sünde und Unheil (ohne dabei das Wort "Strafe" zu benutzen). "Offiziellen" Stellungnahmen zufolge scheint das Modell des "großen Uhrmachers" bevorzugt zu werden. Wir haben zwar einen Gott, aber der ist nicht allmächtig, und falls er es doch sein sollte, ist er wenigstens so gnädig, nicht in das Geschick seiner eigenen Schöpfung einzugreifen. So oder ähnlich kommt es zumindest bei mir an.

Natürlich ist die Angst vor einem öffentlichen Aufschrei berechtigt. Es gibt immerhin Leute, die blöd oder gemein genug sind zu glauben, daß die Kirche in Haiti nicht helfe. Diese Leute werden natürlich Wagners Aussagen nur auf eine Art und Weise verstehen: Mitleidlos, unchristlich, menschenverachtend, sich über das Leid anderer erhebend, wenn nicht gar lustig machend. Daß für einen gläubigen Menschen ein Zusammenhang wie der von Wagner angedachte zumindest im Bereich des Möglichen liegt, darf nicht einmal gedacht, geschweige denn gesagt werden. Denn das Leid ist ja heutzutage nicht mehr das, was man gemeinsam mit Christus aufopfert um seine auf Erden pilgernde Schar zu heiligen. Das Leid ist nicht mehr Gottes Initiative, um Gutes hervorzurufen. Nein, das Leid ist heutzutage für die Leidenden oft sinnentleert, so daß nicht wenige sich versucht fühlen, es offentlich auszuschlachten. Bei Katastrophen wie auf Haiti geschieht dies natürlich nicht. Ich denke hier eher an die "Leidenden", die sich von RTL und Konsorten vor die Kameras zerren lassen, um Anklage auf Anklage zu häufen. Dies führt zu einem zweiten schlimmen Aspekt: Die, die nicht leiden, sondern zuschauen, benutzen oft ihre helfende Initiative, um selbst moralisches und öffentliches Kapital daraus zu schlagen. So wird das Leid - eigenes oder fremdes - zu einer Meßlatte für eine hausgemachte Moralvorstellung und wird nie bis zu der Frage führen "Welche Möglichkeiten tut Gott hier auf?"

Entsprechend auch die Reaktion der Laieninitiative: Mir wird schlecht... Ernsthaft: Mir wird wirklich schlecht, wenn ich darüber nachdenke, was diese Leute im Schilde führen, wenn sie von einem "großen Befreiungsakt" bzw von einem "kircheninternen Befreiungsakt" reden und meinen, es sei an der Zeit "das Schicksal der Kirche in die Hand zu nehmen". Hier liegt offenbar (und mit viel gutem Willen, denn all dies ließe sich ebensogut der Gier nach Wichtigkeit, Öffentlichkeit, Deutungshoheit und Schweinwerferlich zuschreiben) ein Leid an der Kirche vor. Und geht man jetzt hin und fragt sich, was Gott sich wohl dabei gedacht hat und auf welche Weise man dieses Leid nicht nur aufopfern sondern auch für die Einheit der Kirche gewinnbringend in Energie umsetzen kann? Nein. Dieser selbstverliebte, jede Spaltung kaltlächelnd zugunsten seiner Wichtigkeit in Kauf nehmende, rüpelhafte, ahnungslose Teil des Kirchenvolkes hat seit Gründung von "Wir sind Kirche" nicht das Geringste zur Erhaltung oder Stärkung der katholischen Identität oder Einheit beigetragen. Magisteriumsferne, manchmal abgefallene, immer publicity-süchtige Theologen und Priester füllen die Seiten der WsK-Publikationen mit den Forderungen, die sich aus ihrer ganz persönlichen Version des Katholizismus ergeben und gehen davon aus, daß sich automatisch die gesamte Kirche bis hinein in die Ordinariate und die Kurie dem zu beugen hat. Tut man dies nicht, werden Daumenschrauben angesetzt, wird geheult, gedroht, verleumdet, gezickt, gemacht und getan. Dies in jede Richtung, nur nicht in die des Einlenkens; nur nicht in die, die wenigstens vermuten lassen könnte, man interessiere sich für die Einheit der Kirche.

Aber, klar: Der Papst ist es, der die Kirche ruiniert. Das römisch-katholische System ist korrupt und daneben. Die Kirche ist absolutistisch, wird von weltfremden Leuten regiert und hat sich zu einer Großsekte entwickelt.

Im Englischen gibt es den schönen Spruch: "It takes one to know one", was ungefär soviel bedeutet wie "Man muß selber ein (X) sein, um ein (X) erkennen zu können". Selten zuvor habe ich diesen Spruch mit solcher Präzision ins Schwarze treffen sehen wie im Falle dieser Laieninitiative. Allerdings nur zur Hälfte. Denn das ruinöse Agieren, die Korruption, das absolutistische Getue, die Weltfremdheit und die sektenartigen Einschwörungen seitens der Initiative werden von ihr ja nur auf die Kirche übertragen, weil man meint, die Absichten des Papstes oder der Kurie oder der Bischöfe seien ebenso schädlich und spalterisch wie die eigenen.

Ich bitte daher... Nein, ich fordere daher jeden katholischen Laien und Priester guten Willens in Oberösterreich, in Östrereich, in Europa, in der Welt dazu auf, seine Stimme gegen solche Zerstörungsversuche zu erheben und jedermann sanft aber zäh und bestimmt zur Einheit einzuladen. Die Kirche war nie eine Cafeteria und wird nie eine sein. Sie wird nie soweit gehen können, all das, was wir auf Erden für erstrebenswert halten, gutzuheißen. Aber sie ist und bleibt das Schiff, auf dem wir gemeinsam unserem großen Ziel entgegensegeln. Wer dieses Schiff auf Grund laufen lassen will, nur weil ihm seine Koje zu unbequem scheint, der hat nicht alle Sprossen an der Leiter.

Ich entschuldige mich vorbehaltlos für diesen Ausbruch, aber ich versichere Euch, daß er reinigender Natur war.

9 comments:

curioustraveller said...

Mich würde ehrlich mal interessieren, wie das ideale Bild von Kirche nach WsK-Vorstellungen aussieht... Ich meine, wer mit Verstand Kritik übt, muss sinvolle und praktikable Alternativen anbieten können, oder?

Ich bin es gewohnt, dass in Deutschland Teile der Presse die Kunst beherrschen, jedem, der seinen Glauben ernst nimmt (ob nun Katholik oder Protestant) das Wort im Mund rumzudrehen, um ihn als dämlichen, debilen und ewiggestrigen Fundi dastehen zu lassen. Aber es tut schon weh, wenn das aus den Reihen der Kirche selbst kommt.

Alipius said...

** seufz **... Ich weiß!
Danke für Dein Mitgefühl ;-)

Stanislaus said...

Einfach mal 'ne Bombe schmeißen ...

Alipius said...

Nun, wir wollen ja nicht übertreiben!

Oder sprichst du hier vielleicht von "Truth-Bombs" im Tracy-Jordan-schen Sinn?

Stanislaus said...

Das kannst Du sehen wie ein reinigendes Gewitter oder wie auch immer.

Ulrich said...

Nun, für den ÖKT planen sie schon einiges. Ich zitiere aus einer Pressemitteilung von WsK:

Wir sind Kirche: Keine Ökumene der Vertröstungen, wenn der 2. ÖKT Hoffnung machen soll!
...
Die katholische Reformbewegung hofft, dass alle Fragen der Ökumene und auch die Frage nach der gemeinsamen Mahlfeier auf dem 2. ÖKT eingehend und in aller Offenheit behandelt werden, damit die Kirchenleitungen das theologisch fundierte Drängen so vieler Gläubigen immer deutlicher spüren.
...
[In Bezug auf das gemeinsame Abendmal]

Warum werden die theologischen Erkenntnisse in der Ökumene von den Kirchenleitungen nur unzureichend rezipiert?

[Anführung von Gem. Erkl. z. Rechtf.l.; Charta Ecumenica etc.]
...

http://www.pr-inside.com/de/keine-kumene-der-vertr-st-r1697123.htm

bee said...

Oh, sieht Wagner irgendwie Pat Robertson ähnlich? Vllt. gab's ja eine Verwechslung.
Wahrscheinlicher ist das Wagner hätte sagen können, dass Gras grün ist und es hätte aus dieser Ecke protest gegeben.
Wenn sich diese Protestanten dann zu Ende reformiert haben, können sie viel öfter und viel länger beleidigt sein.Pat und Co. werden sich über die konstruktive Kritik wahrscheinlich unheimlich freuen. Allerdings wird das dann kaum wer mitbekommen, da die Presse zwar Rebellen in der katholischen Kirche wahrnimmt, aber nur so lange sie genau das sind.

Paul Miller said...

Hervorragende Analyse.

Möge Jesus sich aller selbstgerechten Steineschmeisser
erbarmen.

Anonymous said...

Mich fasziniert immer wieder, daß in diesen selbsternannten "Reformbewegungen" Leute auftreten, die schon auf anderen Feldern (etwa Politik oder Publizistik - um für letzteres nicht einfach "Journaille" zu sagen) eine Position so etwa im gehobenen Mittelfeld erreicht (und manchmal auch wieder verloren) haben. Wenn etwa der im Beitrag zitierte Herbert Kohlmaier sich zur österreichischen Politik zu Wort melden, Änderungen verlangen und dem derzeitigen Bundeskanzler (wer ist das noch mal?) seine Vorstellungen oktroyieren wollen sollte - wen interessierte das? Allenfalls wird jemand fragen: Wer war Herbert Kohlmaier? Aber in der Kirchenreform, do samma wer, do kennan si Popst und Bischof vua mia vasteggan ... (nur vorsorglich halte ich fest, daß diese letzten Halbsätze keineswegs die Redeweise des o.g. Altpolitikers imitieren oder gar parodieren sollten). Das von H.K. zitierte Wort "weltfremd" paßt auf den Möchtegern-Reformer selbst - so wie das sprichwörtliche Sitzfleisch in das dito Beinkleid.

Zwetschgerich