Monday, February 15, 2010

Tebow-Nachlese

[Vorbemerkung: Die Tebows gehören offenbar zu jenen etwas radikaleren Evangelicals. Ihre sich größtenteils auf die Philippinen konzentrierende Webseite behauptet, daß rund 80% der Philippinos und Philippinas noch nie mit dem Evangelium in Berührung gekommen sind. Ja, richtig, auf den Philippinen sind 80% der Einwohner Katholisch. Aber für den folgenden Beitrag soll die Einstellung der Tebows gegenüber der Katholischen Religion mal keine Rolle spielen]

Ich weiß nicht, ob ihr die Geschichte mitverfolgt habt: Werbespots beim Superbowl sind schwer beliebt. Sie sind beliebt bei denen, die etwas zu verkaufen haben, weil man mit ihnen eine astronomisch hohe Zahl potenzieller Kunden erreicht. Sie sind beliebt bei denen, die vor dem Fernseher sitzen, weil die Unternehmen sich bei den Super-Bowl-Ads immer besonders große Mühe geben und meistens ziemlich witzige und originelle Spots drehen.

In diesem Jahr nun hat die christlich-konservative Organiation Focus on the Family einen Spot finanziert, in welchem Pam Tebow ein wenig von ihrem "Wunder-Baby" erzhält. Das Wunder-Baby ist ihr Sohn Tim, den sie nach Meinung eines Arztes abtreiben sollte, da Pam während einer Behandlung gegen Dysenterie einen Plazenta-Abriß erlitt und man eine Totgeburt erwartete. Pam entschied sich gegen die Abtreibung und brachte Tim zur Welt. Tim wurde zu einem der größten Stars in der Geschichte des amerikanischen College-Footballs.

Lange vor der Ausstrahlung des Spots machten die üblichen Verdächtigen dagegen mobil, weil man eine schmutzige Attacke auf das "Wahl"-Recht der Frauen vermutete. Man muß sich die (von mir übersetzten) Aussagen wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. In einem Brief des Women's Media Center an den Sender CBS heißt es zum Beispiel:
    "Indem CBS einen der begehrtesten Werbe-Plätze an eine anti-equality, anti-choice und homophobe Organisation vergibt, schließt der Sender sich einer politischen Einstellung an, die seinen Ruf schädigen, Zuschauer entfremden und Konsumenten entmutigen wird."
Interessant ist, daß Abtreibungsbefürworter zumindest in den USA sich immer dagegen wehren als pro-abortion bezeichnet zu werden und lieber pro-choice gennant werden. Jetzt spricht eine Frau im Fernsehen genau über das: Sie stand vor einer Wahl und hat diese Wahl getroffen. Und plötzlich ist es gar nicht mehr so klasse, wenn Frauen eine Wahl haben...

Nun, ich kann natürlich nicht behaupten, daß diese "Ich verlange, was ich dir zu geben nicht bereit bin"-Doppelzüngigkeit mich überrascht oder irritiert, ist sie doch nicht nur eines der Symptome sondern fast allgemein gültiger Operationsmodus auf dieser Seite. Immerhin entlarvt es aber, worum es nach Ansicht derer, die finanziell von Abtreibungen profitieren oder in Abtreibungen ein Vehikel sehen, ihre Agenda vorwärts zu treiben, überhaput nicht geht: Um die Freiheit des Individuums, sich zu entscheiden.

Terry O'Neill, Präsidentin der National Organization for Women, verstieg sich noch vor der Ausstrahlung zu der Aussage, der Werbespot sei "außergewöhnlich beleidigend und herabwürdigend". Eine Mutter, die sich für das Leben ihres Kindes entscheidet und vor Millionenpublikum für die Dauer von 30 Sekunden das ihr aus dieser Entscheidung entstandene Glück schildert (und dabei nicht einmal das Wort Abtreibung in den Mund nimmt, wie man im Spot dann schließlich sah) ist "beleidigend und herabwürdigend"?

Kann mir bitte kurz jemand erklären, in was für einer Welt genau wir leben?

Nein, wartet! Erklärt es mir, nachdem Ihr das andere Statement von O'Neill gelesen habt:
    "Dieser Spot glorifiziert Gewalt gegen Frauen!"
I rest my case, wie man im Englischen so schön sagt.

9 comments:

Raphaela said...

"Eine Mutter, die sich für das Leben ihres Kindes entscheidet und vor Millionenpublikum für die Dauer von 30 Sekunden das ihr aus dieser Entscheidung entstandene Glück schildert (und dabei nicht einmal das Wort Abtreibung in den Mund nimmt, wie man im Spot dann schließlich sah) ist "beleidigend und herabwürdigend"?"

Na ich bitte Dich. Es kann doch nicht in der heutigen Zeit jemand hergehen und den Frauen suggerieren, daß Kinder zu haben vielleicht auch schön und -- shock, horror -- erfüllend sein kann! Wo kämen wir denn da hin? Wo bleibt denn da die ganze schöne Selbstverwirklichung, die bekanntlich nur nach ganz bestimmten, von ganz eng definierten Zeitgeistkreisen vorgeschriebenen Mustern zu erfolgen hat, um als gültig durchzugehen?

Ulrich said...

ich finde, die kritik war vollkommen gerechtfertigt. der spot ist einer der gewaltverherrlichsten die ich je gesehen habe!!111einselfelf

Alipius said...

@ Raphaela: Hatte ich ganz vergessen... ;-)

@ Ulrich: Hä-hä-hä...

Conservare said...

Jesaja, Kapitel 5

20 Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, / die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, / die das Bittere süß und das Süße bitter machen.

http://conservare.wordpress.com/2010/02/15/das-negative-recht-in-der-doppelten-verneinung/

*klimper klimper*

kalliopevorleserin said...

Bitte, liebe Christen, nun tut aber nicht so, als ob alle anderen Leute Kinder ätzend finden. Mir sind entzückende Eltern (nicht nur meine eigenen) bekannt, die ihre Kinder liebevoll erziehen und nicht religiös sind. Das gibts schon, gelle.
Im übrigen: So froh ich bin, daß da ein Kind nicht abgetrieben wurde und wider Erwarten gesund ist, so bedenklich stimmt mich, daß unbedingt dazu gesagt werden muß: Der ist groß, stark und berühmt geworden. Das klingt, als wäre ein schwaches, krankes, unbekanntes Kind nicht ganz so wertvoll und schützenswert.

Alipius said...

Hat denn hier wirkich jemand so getan, als ob alle anderen Leute Kinder ätzend fänden?

Die Freude über den großen und starken Buben soll nur unterstreichen, was aus einem Embryo werden kann, den die Ärzte schon abgechrieben hatten. Da man ja erst nach der Geburt feststellen kann, ob ein Kind schwach, krank und unbekannt ist, sehe ich hier auch keine Gefahr, denn wenn wir Pro-Lifer uns schon für die Kinder im Mutterleib stark machen, so werden wir auch für schon geborene Kinder die Stimmen erheben, und das nicht obwohl, sondern grade weil sie schwach sind.

kalliopevorleserin said...

Die Aussage "Aus dem Kind ist etwas geworden" hat keinen Argumentationswert zum Schutz der Ungeborenen. Es ist für die Tatsache, das Leben von Anfang an schützenswert ist, irrelevant, ob dies Leben mal zu einem Triebtäter oder einem Wohltäter der Menschheit wird, ob eine künftige unsoziale Schlampe geschützt wird oder ene künftige Friedensnobelpreisträgerin, sogar, ob es ein künftiger Bischof oder ein künftiger Chef einer Abtreibungsklinik ist.
Diese Klarheit, daß das Leben immer und unter allen Umständen zu schützen ist, geht mir verloren, wenn wir zugleich mit den großartigen Fähigkeiten von Menschen argumentieren, die entgegen bösem Rat nicht abgetrieben wurden.
Mir sind Menschen bekannt, die werden nie einen Schritt selbständig machen können, sind ihr Leben lang auf sehr teure medizinische Hilfe verschiedener Art angewiesen und werden nie über den geistigen Stand eines Sechsjährigen hinaus gelangen. Sie wurden GOTT SEI DANK nicht abgetrieben. Berühmt werden sie nicht.
Was meinen anderen Einwurf betrifft: Mir wird einfach zu viel so getan, als sei Kinderliebe ein Proprium der Christen. Es ist, wenn ich nicht irre, ein Proprium höher entwickelter Säugetiere.

Alipius said...

Du hast völlig recht, wenn Du sagst, daß as Leben immer von Anfang an schützenswert ist. Gar keine Frage!

Das Argument "aus dem Kind ist etwas geworden" ist auch weniger ein Argument, welches eine Art von Kind einer anderen Art von Kind gegenüberstellen soll, sondern eben ein Argument, welches genau auf die Tatsache hinweist, daß man dem Leben immer mit einem "Ja" begegnen muß.

Denn, nochmals: Vor der Geburt kann man ja nicht wissen, was aus den im Mutterleib heranwachsenden Früchtchen wird, somit baut sich dieses Argument automatisch zu einem grundsätzlichen Appell auf, das Leben immer zu schützen.

Es gibt einen "Witz" (der leider gar nicht witzig ist). Er klingt hypothetisch, nimmt aber genau vor dem Hintergrund des "Was draus geworden"-Arguments einen gespenstisch realen Zug an: Ein Mann klagt im Gebet, daß es so viele Probleme auf der Welt gibt, aber keine Menschen, die sie lösen. Darauf wird ihm von Gott persönlich geantwortet: "Ich habe Euch all diese Menschen geschickt. Sie können AIDS und Krebs heilen, sie können die Völker zusammenführen, die können die Umwelt und die Wirtschaft zugleich retten." Darauf fragt der Mann, wo diese Menschen denn seien und Gott antwortet: "Sie wurden abgetrieben."

Nicht nur in der Theorie, sondern ganz real - betrachtet vom Standpunkt der Möglichkeiten, um die wir uns berauben - fügt daher das Argument dem Gewicht jedes ungeborenen Lebens noch einmal ein paar Gramm hinzu.

Klar, es wird dann Leute geben, die sagen, daß ein neuer Hitler geboren werden könnte. Wenn deren Schlußfolgerung aber so konsequent ist, wie die der Lebensschützer (die sich für den Schutz jedes ungeborenen Lebens aussprechen), müßten sie die Vernichtung jedes ungeborenen Lebens fordern, was sogleich offenlegt, daß und an welcher Stelle die Argumentation ins Leere läuft.

Bzgl. Deines anderen Einwurfs muß ich nochmal nachfragen, ob denn wirkich jemand so getan hat, als ob alle Nicht-Christen Kinder ätzend fänden. Oder, anders gefragt: Da nicht nur Du, sondern auch ich Nicht-Christen kennen, die nicht nur Kinder haben, sondern auch mit denen umgehen können: Erwartest Du tatsächlich eine Fußnote zu allen chrtistlichen Pro-Life-Statements, die erklärt, daß man Nicht-Christen nicht kategorisch ausschließt? Will sagen: Im Idealfall sind alle Christen, die sich bemühen, diese Bezeichnung zu verdienen, Kinder- und Lebensschützer, aber nicht alle Kinder- und Lebensschützer sind Christen. Das versteht sich aber meiner Meinung nach von selbst und bedarf keines Hinweises.

kalliopevorleserin said...

Hast Recht. Ich bin etwas überempfindlich in der Hinsicht; in einer wundervollen atheistischen Familie aufgewachsen, wittere ich etwas öfter christlichen Dünkel als tatsächlich vorhanden. ;-)