Thursday, February 18, 2010

Ist doch klar...

Wenn die üblichen Verdächtigen nichts besseres wissen, denn als Reaktion auf Kindesmißbrauch durch katholische Priester gleich gegen den Zölibat anzuschreien, schreibt die Blogoezese gemeinsam mit einigen differenzierteren Kommentatoren dagegen an.

Wenn Bischof Walter Mixa die sexuelle Revolution für einige etwas unschönere Entwicklungen in der Gesellschaft mitverantwortlich macht, dann klagen diejenigen, die durch besagte Revolution auch heute noch dicke profitieren, gemeinsam mit denjenigen, die von einem Herunterspielen dieser Revolution und einer Aufwertung kirchlicher Stimmen viel zu viel zu befürchten haben.

Ich halte diese Reaktionen nicht für überzogen, hat man doch auf beiden Seiten etwas zu verteidigen. In welchem Maße das jeweilige Gut nun verteidigungswürdig ist, darüber läßt sich groß und schön zoffen, wie man ja momentan überall in den Medien merkt. Grade daher lohnt es sich, immer die Worte des aktuell Angeklagten im Original zu lesen, sie in den Kontext des gesellschaftlichen Ganzen zu stellen, sich daraufhin seine eigenen Gedanken zu machen und letztlich zu einem Schluß zu kommen.

Ich habe versucht, es so zu halten, und kann daher dem Bischof nur begrenzt Vorwürfe machen. Moment mal... Eigentlich habe ich nur einen Vorwurf: Mixa muß sch darüber im Klaren sein, daß er zu den Kirchenmännern gehört, bei denen nicht nur jedes Wort einzeln auf die Goldwaage gelegt wird, sondern die dazu noch den Medien gestatteten, ein hübsches - vermeintlich skandalträchtiges - Zitate-Archiv anzulegen. So liest man auf yahoo-news z.B.:
    Der Augsburger Bischof, der sich auch nicht scheut, Abtreibung mit dem Holocaust gleichzusetzen, geißelt die Taten zwar als „abscheuliches Verbrechen"...
Hier ist der berühmt-berüchtigte Satz des Augsburger Bischofs, entnommen einer Rede, die er vor einem Jahr beim politischen Aschermitwoch der CSU in Dikelsbühl hielt und in welcher er sich in scharfer Form von dem Holocaust-Leugner Williamson distanzierte sowie den Mord an den über sechs Millionen Juden als entsetzliches und singuläres Verbrechen bezeichnete:
    "Es hat diesen Holocaust sicher in diesem Umfang mit sechs Millionen Getöteten gegeben. Wir haben diese Zahl durch Abtreibungen aber bereits überschritten."
Wenn überhaupt, dann hat Mixa hier rein quantitativ die Abtreibung nicht mit dem Holocaust gleichgesetzt, sondern als noch dramatischer dargestellt. Abhängig vom Mangel an gutem Willen, ist es hier natürlich ein leichtes, zu behaupten, Mixa habe damals die Opfer des Holocaust herabwürdigen oder ein bzgl. des Leidens auch qualitatives Urteil fällen wollen. Das "zwar..." ist auch interessant, da es jeden Leser dazu ermahnt, sich mit der Geißlung der Taten als "abscheuliches Verbrechen" nicht zufrieden zu geben, angesichts des darauf folgenden Angriffs auf die heilige sexuelle Revolution.

In welchem Zusammenhang nun steht dieser Angriff? Hier ein Ausschnitt aus dem Bericht der Augsburger Allgemeinen:
    Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat sich im Interview mit unserer Zeitung von den Missbrauchsfällen tief berührt gezeigt. "Es gibt wenige Nachrichten, die mich so erschüttern und betroffen machen", sagte er. Nahe gehe ihm, dass selbst Priester "in entsetzlicher Weise schuldig werden können". Solche Täter versündigten sich an der Psyche ihrer Opfer und gegen die Kirche. Allerdings sei sexueller Missbrauch von Minderjährigen ein verbreitetes gesellschaftliches Übel, das auch in Familien, Schulen oder Sportvereinen auftrete.

    Bischof Mixa betonte, an diesen "abscheulichen Verbrechen" sei die "sogenannte sexuelle Revolution sicher nicht unschuldig". "Wir haben in den letzten Jahrzehnten gerade in den Medien eine zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit erlebt, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt", sagte Mixa. "Besonders progressive Moralkritiker" hätten sogar eine Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert.

    Der Augsburger Bischof räumte ein, dass in der Kirche "mancher Verantwortliche in der Vergangenheit gegenüber Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen zu blauäugig war". Missbrauch sei kein Gentleman-Delikt. Daher ging er mit dem Zeitgeist hart ins Gericht, der seiner Ansicht nach Resozialisierung statt Strafe propagiere und "auf eine Besserung des Täters in einem anderen Aufgabenfeld" gesetzt habe, anstatt diesen zur Verantwortung zu ziehen. Mixa spielte offenbar auf Fälle in der Vergangenheit an. In denen wurden Priester, die des sexuellen Missbrauchs verdächtig waren, zwar versetzt, hatten aber weiterhin Zugriff auf Minderjährige.

    Mixa verlangte, dass die verschiedenen kirchlichen Institutionen ihre Informationen über Auffälligkeiten oder Fehlverhalten von Mitarbeitern besser vernetzen sollten. Möglicherweise wird darüber auf der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz ab 22. Februar in Freiburg diskutiert.
Es wird klar, daß Mixa hier an keiner Stelle die Schuldigen aus dem Kreuzfeuer nehmen oder die Kirche reinwaschen will [man achte daher auch genau auf die Richtung, aus der nun Sätze geflogen kommen wie "Mixa verhöhnt die Opfer"]. Die Fakten, die der Bischof auftischt (Mißbrauch als verbreitetes gesellschaftliches Übel, zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit, Forderung einer Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen durch besonders progressive Moralkritiker), werden dadurch geschwächt, daß er sich zu einem Urteil über die "sexuelle Revolution" hinreißen läßt, in dem die Worte "nicht unschuldig" enthalten sind. Das läßt sich spielend leicht umschreiben in eine Gegenanklage der Marke "Der Bischof will ablenken" oder "Die Kirche spielt Verstecken" oder "Mixa will seinen Verein entschuldigen".

Somit ist einerseits das Aussprechen des Urteil durch den Bischofs ein zweiter kleiner Vorwurf, den ich ihm mache. Andererseits mache ich auch der Gegenseite den Vorwurf, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, um den Eindruck zu entstellen. Und dies - man möge es mir verzeihen, wenn man anderer Meinung ist - wiegt für mich schwerer.

Es lohnt sich dazu, auch einmal Statements von den Vertretern der "sexuellen Revolution" zu lesen. Stanislaus zitiert z.B. einen giftenden Oswald Kolle, dessen einigermaßen schäbige Wortwahl nur von seiner Undifferenziertheit und seinem ganz offensichtlichen Unwissen über die Kirche übertroffen wird. Stanislaus schlägt dann auch folgerichtig vor, sich das Geschrei vorzustellen, welches sich ausbreitete, fiele ein katholischer Bischof auf diese Weise unangenehm auf. Gut, man muß bei den Statements eines Oswald Kolle vielleicht nicht dieselbe Meßlatte anlegen, wie bei Äußerungen kirchlicher Würdenträger. Dann sollte aber fairerweise auch eine Differenzierung bezüglich des Gewichtes stattfinden und im Zweifelsfall ein zwar angefressener (und daher hier und dort mehr als nötig aussprechender) aber immer noch Raum für Selbstkritik lassender Bischof auf beiden Seiten ernster genommen werden, als ein tobender Sexguru.

11 comments:

Stanislaus said...

Gut gebrüllt! Inzwischen hat Bischof Mixa ja Schützenhilfe aus Seo-Sachsen bekommen.

Ulrich said...

wenn du möchtest, stelle ich heut abend das interview zur verfügung. Ich muss es nur noch photogr4n

Alipius said...

@ Stanislaus: Danke! Reinelt's Stellungnahme kannte ich nocht nicht!

@ Ulrich: Klar, gerne!

Ulrich said...
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Ulrich said...
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Ulrich said...
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Ulrich said...

irgendwie immer noch falsche URL.
http://img97.imageshack.us/img97/954/bmixainterviewaz160210.jpg

Alipius said...

So, jetzt stimmt's aber!
Danke!

Conservare said...

Also ich werfe dem Bischof nichts vor. Im Gegenteil hege ich die Hoffnung, dass mit dem Erwähnen der Sexuellen Revolution als nicht ganz unschuldigen Partner der Pädophilie, dieses Thema mal in der Öffentlichkeit zur Diskussion kommt.

Es wird wohl trotzdem nicht dazu kommen, weil das einfach nicht politisch korrekt ist, aber es wird Menschen geben, bei denen es dann im Gehirn "schnackelt" und sie sehen vielleicht, in welcher Situation diese Gesellschaft ist. Moralisch bankrott und allein schon der demographischen Krise wegen ohne Zukunft.

Ulrich said...

Conservare, das stimmt schon, nur benutzen gerade diejenigen, die es betrifft das Argument, dass es schon vorher Missbrauch gegeben habe ...

Ulrich said...

Stelle gerade fest, ich hätt's gar nicht hochladen brauchen:
http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Politik/Artikel,-Mixa-Sexuelle-Revolution-mitschuldig-an-Missbrauch-_arid,2072808_regid,2_puid,2_pageid,4290.html#

Man vergleiche aber den Wandel der Überschrift ...