Sunday, February 21, 2010

Stephen Fry versucht sich als Kirchenkritiker

Ein Leser hat mir folgenden Link zu einem Video zugeschickt.

Zu sehen ist der Schauspieler Stephen Fry, der sich während einer von der Initiative "Intelligence Squared" (Intelligenz hoch zwei) organisierten Debatte über die Katholische Kirche äußert. Ich fühlte mich sehr geehrt, bat der Leser (Danke übrigens!) doch mich um einen Kommentar, mit der Begründung, daß auf diesem Film jemand antworten soll, der Fry "rhetorisch gewachsen" ist.

Ich erklärte mich dann auch spontan zu einem Kommentar bereit, war da aber wohl etwas vorschnell. Ich habe mir das gesamte 20-minütige Video angesehen und - so leid es mir tut: Aus diesem sich als wohlmeinende, weltverbessernde, aufgeklärte Kritik verkleidenden Zugwrack von nicht zu Ende geführten Gedanken (manchmal gar Sätzen), ur-ur-uralten Lügen, theologischem Halbwissen, herablassendem Wohlwollen, billigsten Polemiken, hyperemotionalisiertem Sulz und grundsätzlich ignorantem Gefasel ausgerechnet den Körper herauszuzerren, den es zu retten gilt, das ist heute selbst mir zuviel Arbeit.

Um aber dem geneigten Leser wenigstens eine Idee zu vermitteln, auf welchem Niveau diese - vom Publikum stellenweise heiß umjubelte - Rede sich herumtreibt, präsentiere ich wenigstens ein paar Highlights:
  • Galileo wurde gefoltert

  • Das Fegefeuer ist unbiblisch

  • Die Aufklärung war daran interessiert, die Wahrheit herauszufinden

  • Die Katholische Kirche interessiert sich nicht für Geschichte

  • Wenn Jesus heute im Vatikan um Einlaß bäte, man würde ihn im hohen Bogen hinauswerfen

  • Thomas Morus verbrannte und folterte Leute, die eine englischsprachige Bibel besaßen. Man kann das nachlesen in dem ROMAN "Wolf Hall", der neulich erst den Man-Booker-Preis gewann

  • Alle Priester, Nonnen und Mönche sind sexuell funktionsgestörte Menschen

  • Die Kirche ist stolz auf ihre Milliarden von Mitgliedern, weil diese alle ungebildet und arm sind und sich gerne etwas erzählen lassen und es mögen, wenn man sie rumschubst und dominiert

  • Die Kirche ist sexbesessen

  • undsoweiterundsofort
Ich denke, Ihr kriegt die ungefähre Richtung mit.

Die Tatsache, daß der nicht-katholische Anteil des Publikums während der Rede in teilweise hysterischen Applaus ausbrach, ist für mich kein Indiz für die Qualität der Argumente. Daß die Leute klatschten, beweist nur, daß sie - ebenso wie Fry - in einer Standup-Comedy Kneipe während der Open-Mike-Night besser aufgehoben wären, als auf einer Veranstaltung, die unter dem Motto "Intelligenz hoch zwei" steht.

Wem die Zeit nicht zu schade ist, und wer die Nerven hat, der kann ja selbst nachschauen, indem er oder sie oben auf den Link klickt.

6 comments:

Conservare said...

Ich frage mich immer, ob es nicht eigentlich urkomisch ist, wenn uninformierte Menschen andere uninformierte Menschen "informieren".

Wenn ich jetzt so eine elitäre Person wäre und würde mich selber als "Intelligent hoch zwei" bezeichnen, würde ich das gesamte Studio auslachen. Aber so richtig.

Dummheit ist dafür kein Ausdruck mehr... das ist auf der einen Seite absichtliche Dummheit und auf der anderen Seite (Publikum) die Verstockung der Herzen par excellence.

*seufz*

Johannes said...

Katholiken sind dumm, Atheisten, Aufklärer, Protestanten intelligent. Max Weber hat das mal mit Statistiken untermauert, aber damit eigentlich nur bewiesen, daß Protestanten geschäftstüchtiger sind. Seit die Kritische Theorie die instrumentelle Vernunft in Verruf gebracht hat - und nebenbei bewiesen hat, daß Katholiken für diese Art der Geisteskrankheit am wenigsten anfällig sind - , sollte sich eigentlich ein anderes Verständnis von Vernunft entwickelt haben. Doch nach wie vor können die "intellektuellen" auf Beifallsstürme rechnen.

Uralte_Sage said...

Very well! Zu Beginn seines Vortrags spricht der lehrbuchmäßige Rhetor die Gefühle seiner Hörerschaft an und gewinnt sie sodann für seine Sache mit Argumenten, die nicht im geringsten zutreffen mögen, so lange sie, ganz gleich wie infam, weithergeholt und falsch sie sind, dennoch zu überzeugen wissen.

Rhetorisch gewachsen bedeutet natürlich keine Gleichsetzung der ratiozinativdiskursiven Möglichkeiten der Herren Alipius und Fry, sondern nur daß jenem zuzutrauen ist, selbst die liberal-aufgeklärte Öffentlichkeit, die Fry in dem Video zujubelt, mit nicht minder wirksamen rhetorischen (also nicht scholastischen) Mitteln wieder zurückzugewinnen. Wie seine Replik beweist.

Das Video selber ist ein Ärgernis (Entschuldigung Alipius!), aber wenigstens ein großes, weil Stephen Fry nicht nur auf der Insel als Ausbund des Witzes, der Intelligenz, und auch der Menschenfreundlichkeit gilt, und man doppelt leidet, daß gerade so jemand Nettes derart über die Kirche herfällt. Soll sich doch auch die scharf antiklerikale Öffentlichkeit über Kirchenmänner ärgern, die Witz, Intelligenz und Herz besitzen.

Alipius said...

@ uralte_sage: Grade das hat mich so abgeschreckt. Weil er diese medienwirksame Mischung aus Tränendrüsen-Apellen und Halb- bis Unwahrheiten dermaßen perfektioniert und dann auch noch mit seinem "Netter Schwiegersohn"-Image pusht, weiß ich gar nicht, wie ich ihm konkret antworten soll. Fakten interessieren solche Menschen bekanntlich nicht. Schlimmer: Sie werden als unanständig betrachtet, weil sie sich nicht den Regeln des Heul-Spiels unterwerfen.

Klar, es wäre nicht schwierig, Fry's "Argumentation" zu pulverisieren, aber dazu müßte ich mir diesen Müll nochmals anschauen und übersetzen und mich damit auseinandersetzen und so. Und dazu habe ich einfach keine Lust.

Laurentius Rhenanius said...

Der gute Stephen Fry ist ein guter Schauspieler, Komiker, im Zusammenspiel mit Hugh Laurie (besser bekannt als Doctor House) und Rowan Atkinson unschlagbar. Was seine Äußerungen zu allen möglichen und unmöglichen Themen in Büchern, Gazetten und Sendungen angeht, da wird es eher bedenklich. Schriftstellerkollegen machen sich seit jahren über seine hochgradige Uninformiertheit und seine ständigen Meinungsänderungen lustig. So fallen mir mindestens zwei englischsprachige Bücher ein, in denen sich die Autoren über diese Tatsache lustig machen.
Da preist S.F. in einer Woche die Vorzüge der sexuellen Enthaltsamkeit. Zwei Wochen später erklärt er in einem Interview, wie befreiend und gesundheitlich förderlich doch eine "durchlebte Nacht" sei.
Es ist natürlich skandalöser Blödsinn, was er da erzählt, aber ob es in GB überhaupt jemand sonderlich ernst nimmt, ist eine andere Frage.
Auch hier gilt mal wieder: Si tacuisses...

Anonymous said...

Wer ist, bitte, Stephen Fry? Daß er Schauspieler ist, habe ich dem Beitrag entnommen, und offenbar ist er in der Lage, einen Text zu lernen und erfolgreich vorzutragen. Weiters weiß ich von ihm nichts. Gebe nur zu bedenken, daß ein guter Schauspieler intelligente Texte "rüberbringen" kann; daß der Schauspieler selbst intelligent sein muß, ist nicht Teil der Berufsbeschreibung, sondern optional.

Zwetschgerich