Saturday, February 27, 2010

Find' ich doof!

Anfang vergangener Woche war ich auf dem Weg zum Supermarkt. Da stürmte plötzlich auf offener Straße ein circa 1,90 Meter großer, schätzungsweise 150 Kilogramm schwerer, kahlgeschorener Kerl mit Tätowierungen auf beiden Handrücken auf mich zu. Mir wurde - zugegeben - ziemlich mulmig. Jedoch: Mit nicht unfreundlichem Grinsen hielt mir der Riese eine Pranke hin und flötete mit hohem Stimmchen: "Buon giorno, Padre!" Ich ließ mich nicht lumpen, ergriff die Hand und buongiornote zurück.

"Padre, eine Bitte..." hieß es dann. Mir war klar, was folgen würde, also zückte ich gleich die Geldbörse. Da war aber außer einem Fuffi nix drin, wie ich feststellte. Meine zögerliche Reaktion wurde gleich interpretiert und es folgte eine Schilderung der daheim nach Nahrung krähenden Kinder. Ich gab dem Mann zu verstehen, daß ich erst wechseln müsse und daß er mich gerne bis vor den Supermarkt begleiten und dort warten könne. Er nickte. Unterwegs erkundigte ich mich ein wenig:"Wieviel Kinder haben sie denn?"

"Zwei Söhne. Giorgio und Angelo."

"Und wie alt sind die?"

"Vier und Zwei."

Wir kamen am Supermarkt an. Ich kaufte ein, er wartete draußen. Als ich wieder hinauskam, hatte sich eine zierliche Frau zu dem Hünen gesellt, die er mir als die Mutter seiner Kinder vorstellte. In Anbetracht der Fastenzeit und des von mir aufgrund des ein oder anderen Verzichtes zusammengesparten Geldes drückte ich dem Mann 20 Euro in die Hand.

"Padre, eine Bitte..."

Ich starrte. "Hä?"

"Eine Bitte! Ich habe zwei Söhne und wir brauchen etwas zu essen..."

Sprachlos und mich um Fassung bemühend deutete ich auf den 20-Euro-Schein, den der Kerl noch in der Hand hielt.

"Wir haben aber zwei Söhne..."

Ich drehte mich um und ging, nachdem ich "Sagen sie beim nächsten Mal einfach 'Danke'" geraunt hatte.


Heute komme ich von einem kurzen Spaziergang zurück und genau dieser Kerl stellt sich mir wieder in den Weg, allerdings an anderer Stelle. "Buon giorno, Padre. Eine Bitte..."

"Nö, nicht nochmal", antwortete ich, leicht gereizt wegen aufkommender Erinnerungen.

"Wie jetzt, 'nicht nochmal'?"

"Erinnern sie sich nicht? Ich gab ihnen letzte Woche 20 Euro."

"Aber es ist für meine Familie..."

"Ja? Wie viele Kinder haben sie denn?"

"Einen Sohn. Er heißt Manolo."

"Einen Sohn. Manolo. Interessant... Wie alt ist er denn?"

"Noch kein halbes Jahr. Wir brauchen dringend Geld für Windeln."

"Tschö!"

Es ist wirklich nicht so, daß ich Bettlern gegenüber knausrig bin. Im Gegenteil. Aber solche Maschen bringen mich auf die Palme. Der Löwenanteil der Bettler in Rom kommt aus der Zigeuner-Ecke. Daß die nicht "Danke" sagen, sondern erst einmal mehr fordern, daran habe ich mich schon vor gut einem Jahr gewöhnt. Allerdings ging's da meistens um Beträge zwischen zwei und zehn Euro. Daß aber erstens selbst bei einem Zwanni noch weiterprobiert wird und Einem dazu ganz offensichtlich irgendwelche erschwindelten Rührstückchen aufgetischt werden, um das Spenderherz weiter zu öffnen, daß macht mich wahnsinnig. Erstens: Was glauben die, wer ich bin, daß man mich erst belügen muß, um eine Spende zu bekommen? Zweitens: Das ist sooooo unprofessionell, daß der Typ sich nicht mal ein Profil zulegte und sich dann stramm daran hielt. Einmal zwei Söhne, einmal einer. Einmal Giorgio und Angelo. Einmal Manolo. Einmal zwei und vier Jahre alt. Einmal ein halbes Jahr alt.

Ich hab jetzt erstmal die Nase voll und geb' nur noch den alten, zerbrechlichen italienischen Opas und Omas etwas. Von denen gibts auch genug und die wissen sich auch noch zu bedanken. Daß wir uns nicht falsch verstehen: Mir ist der Dank nicht wichtig, weil ich mich dann toll fühle. Er ist mir wichtig, weil er die Sache echter wirken läßt und weil er den Leuten, die mich um Kleingeld angehen, ermöglicht, wenigstens etwas zurückzugeben.

5 comments:

Elsa said...

Ich kann dich gut verstehen. Ist mir auch schon passiert. Du bist in Fastenlaune und möchtest gerne auf jeden Fall etwas geben. Und dann fängt ein Gezeter an, dass es nicht genug sei! Unglaublich ...
Und dann will ich noch was sagen, zu dem Danke-Problem. Es geht nicht darum, etwas zurückhaben zu wollen.
Aber wenn ich in einer islamischen Stadt ein Almosen gebe, dann fängt der Bettler an eine halbe Stunde lang den Segen Allahs auf mich herabzurufen, weil er weiß, was er seiner eigenen Ehre schuldig ist!
Und das ist dann nämlich wieder ein Grund für MICH, mich bei ihnen zu bedanken - dass ich etwas geben durfte.
Und das finde ich gut.

Alipius said...

Stimmt!

Arminius said...

Auf der Straße spende ich grundsätzlich nichts. Für so etwas zahle ich meine Steuern. Wozu gibt es denn schließlich Harz IV?

Elsa said...

@Arminius: In Italien gibt es ja kein Hartz IV ... Es gibt überhaupt kein nennenswertes soziales Netz, das man mit dem in Deutschland irgendwie vergleichen könnte. Wenn was läuft, dann meist über kirchliche Hilfe.

ultramontanus said...

@Armin: Du hast Recht. Es gibt daneben allerdings Leute, die zu blöd oder sonstweshalb unfähig sind, bei den Ämtern die notwendigen Prozeduren für Hartz IV durchzumachen (Irre, Vollverwahrloste, sonstwie Orientierungslose), oder Leute, die versuchen, eine Gegenleistung zu bieten (Straßenmusik, gehäkelte Topflappen, ...).