Sunday, February 07, 2010

Auf der Anklagebank

Katholische Kirche und Katholischer Klerus stehen momentan unter Generalverdacht und sitzen auf der Anklagebank. Die Äußerungen der vergangenen Tage - sowohl der Ankläger als auch der Verteidiger - machen momentan überall die Runde.

Highlights wie "Trauen sie keinem Pfarrer" (Friedhelm Mennekes SJ) oder "Rom verkennt die Sexualität" (Hermann Häring, kath. Theologe) oder "Kein Persilschein für Priester" (Otto Kallscheuer, Katholik und ehemaliger Jesuitenschüler) wurden bereits von einem verständlicherweise nicht so gut gelaunten Stanislaus geziemend abgewatscht.

In der Tagespost äußert sich Alexander Kissler zur Debatte über Mißbrauchsfälle an jesuitischen Schulen und legt den Finger in die Wunde:
    "Der Zölibat ist im 21. Jahrhundert das am deutlichsten sichtbare Zeichen, dem die Welt widerspricht; schließlich bezweifelt er deren gesamte Logik. Da in der Spätmoderne alles Welt werden soll, da alles aufgehen soll im Ewiggleichen, im Durchschnitt und im Diesseitigen, gilt dem Zölibat ausdauernde Ablehnung. Dass er im Kern ein Hoffnungszeichen ist für die Welt, indem er das Unbedingte zur Bedingung macht einer ganz anderen Existenzform, darf die Welt sich nicht eingestehen. Der Zölibat hält inmitten all des Vorläufigen und Relativen dem Absoluten die Tür offen. Die Welt aber will mehr vom Gleichen, nichts vom Besonderen; will mehr von der Gegenwart, kaum etwas von der Zukunft und schon gar nichts aus den Tiefen der Vergangenheit. Dort reicht ihr Regiment nicht hin."
Nicht übel!

Das "Ewiggleiche" ist natürlich ein wunderbarer Seitenhieb. Letztlich ist ja nur Einer Ewiggleich! Und diesem Einen spürt der zölibatär Lebende auf eine Art nach, die natürlich in der heutigen Zeit Stein des Anstoßes ist, die aber auch aufregend ist, weil sie andere Energien freisetzt, weil sie andere Perspektiven erlaubt und weil sie auf eine schonungslose und mit Verantwortung beladene Art frei macht. Daß Priester diese Verantwortung mit Macht verwechseln und sich von dieser schon falschen Macht zu noch falscheren Taten hinreißen lassen, ist nicht die Schuld des Zölibats und nicht die Schuld der Kirche.

Ich möchte noch einmal auf einen Zusammenhang aufmerksam machen, der meiner Meinung nach nicht genügend gewürdigt wird: Humanae Vitae wurde zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als die breite Masse ihr neuestes Spielzeug - die ungehemmte und nicht eben auf Verantwortung schielende Sexualität - grade erst zu Gitarrenklang und Dope-Schwaden ausgepackt hatte. Es wurden Kommunen gebildet, um dort "in einem kollektiven Diskurs eine neue Sexualmoral zu definieren". Also war Humanae Vitae erst einmal böseböse! Denn der Papst schien ja die lustige Versucherei bereits im Keime ersticken zu wollen! Unerhört. Leider machte diese "neue Sexualmoral" aber auch vor Kindern nicht halt. Was genau uns dies eingebracht hat, sehen wir heute. Sicher ist Kindesmißbrauch älter als die sexuelle Revolution. Aber hat schon mal jemand überlegt, inwieweit eben diese sexuelle Revolution vielleicht dafür verantwortlich sein könnte, daß Kindesmißbrauch für eine gewisse Zeit gar nicht als Kindesmißbrauch gehandelt wurde, sondern als ein Instrument der Befreiung, als eine Hilfe beim Reifeprozeß oder gar als ein Kavaliersdelikt? Ist doch klar, daß jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, die Gesellschaft mit heißem Dank und schlecht verholener Freude auf die Kirche zeigt und Kindesmißbrauch erst einmal dem Zölibat in die Schuhe zu schieben versucht. Pay-back für Humanae vitae und Ablenkung von der eigenen Sündhaftigkeit sind angesagt! Niemand ist wirklich so blöd, zu glauben, daß auch nur die Mehrzahl der Priester pädophile Neigungen hat. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Das lautstarke Anklagen lenkt einfach und bequem ab von den Fragen, die man eigentlich kollektiv an sich selbst stellen müßte.

Kissler fährt dann fort:
    "Der zölibatär lebende Priester kränkt, allein weil er ist, die Gegenwart fundamental. Sie vergilt es ihm mit Generalverdacht, Sippenhaft, Schuldsvermutung. Ebenso kränkend mag man einen weiteren, darum verschwiegenen Gedanken empfinden: Die Zeit, in der sich die nun in Rede stehenden Übergriffe ereignet haben, war der Höhepunkt einer inneren Krise der Kirche. In dieser nachkonziliaren Krise wiederum bildeten die Jesuiten die Speerspitze des Neuen. Unter ihrem von 1965 bis 1981 amtierenden General Pedro Arrupe, einem Basken, wandelten sie sich von den Prätorianern des Papstes, ihm treu und unüberbietbar ergeben, zu „des heiligen Vaters ungehorsamen Söhnen“ – so zumindest ein plakativer Buchtitel von 1991. Es waren Jesuiten, die den lockenden Seim des Marxismus und der Befreiungstheologie in sich aufsogen und den „Arbeiterpriester“ salonfähig machten; Jesuiten stemmten sich gegen die „Pillen-Enzyklika“ Pauls VI. und gegen den Pflichtzölibat, und Jesuiten wurden auch von Johannes Paul II. mehrfach zur (Kirchen-)Ordnung gerufen."
Boo-ya! Das ist einerseitst scharf geschossen, aber andererseits fast zuviel des Guten, denn hier werden die Jesuiten ja in die Sippenhaft genommen, gegen die der Autor sich wehrt. Dennoch: Kissler ist sicherlich auf einer ziemlich guten und interessanten Fährte.

7 comments:

Raphaela said...

"Niemand ist wirklich so blöd, zu glauben, daß auch nur die Mehrzahl der Priester pädophile Neigungen hat."

Exakt. Außer es liegt eklatant böswillige Blödheit vor.


Kleine Statistik zum Thema übrigens, falls Du sie nicht eh schon entdeckt hast...

Arminius said...

Diese Situation kommt nicht überraschend. Vor etwa einem Jahr, auf dem Höhepunkt der Haßkampagne gegen dem Papst, hörte ich im Deutschlandfunk einen Bericht über eine Gruppe, die sich gegründet hatte, pädophile Priester zu enttarnen und ihr Handeln öffentlichzumachen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie weit genug in die Vergangenheit vorstoßen würden, um fündig zu werden.

Ich bin also nicht wirklich über die aktuelle Berichterstattung überrascht. Ein wenig wundert mich allerdings, daß die Katholische Kirche in Deutschland wieder einmal so unvorbereitet erscheint.

kalliopevorleserin said...

Ich finde pauschale Jesuitenschelte öde und nicht gescheiter als pauschale Katholikenschelte.

Stegi said...

Komisches Volk , diese Jesuiten.

Ein hoher Bildungsgrad bewahrt offenbar nicht vor Dummheit.

Ich frag mich gerade, wie weit man z.B. einen Eberhard von Gemmingen noch strafversetzen muss, bis der Mensch mal keinen Schrott mehr von sich gibt.

Stanislaus said...

Hm, das liegt an der mangelnden Profssionalität kirchlicher Würdenträger im Umgang mit den Medien. Insofern hat mich auch P. von Gemmingens "Ausrutscher" nicht verwundert.

Es ist momentan sehr schwer, kirchliche Leute für Interviews und Stellungnahmen zu gewinnen.

Stegi said...

Mangelnde Professionalität!?

Von Gemmingen ist Journalist, und war jahrelang als Korrespondent und Leiter von Radio Vatikan tätig.

Auch als solche hat er überwiegend Unsinn von sich gegeben, gerade als Joseph Ratzinger Papst wurde, hat er sich als großer Experte gegeben- quer durch alle Kanäle des deutschen Fernsehens.

maternus said...

Ausgerechnet der Mennekes... über dessen Vorliebe für ephebische Reisebegleitungen hat sich seinerzeit halb Köln vor Lachen den Bauch gehalten. Denn offenbarte der sonst gern als moralinsauer-intellektueller Besserwisser auftretende Mann bei aller Arroganz am Ende doch innigsten Bezug zum Menschlich-Allzuweltlichen.