Sunday, February 28, 2010

Gott steh' uns bei!

Dieser Artikel auf Radio Netherlands Worldwise ist zwar in englischer Sprache, aber wer die ein wenig beherrscht, sollte ihn sich nicht entgehen lassen.

Summary: Eine Organisation mit dem Namen "Out of Free Will" hat in diesem Monat damit begonnen, Unterschriften für eine Gesetzesänderung in den Niederlanden zu sammeln. Angestrebt wird eine Euthanasie auf Wunsch und dazu gleich der Aufbau eines neuen Berufszweiges von Krankenschwestern, Psychologen, Ärzten und "geistlichen Professionellen", deren Dienstleistung es sein soll, Menschen ab dem Alter von 70 Jahren, die der Meinung sind, genug gelebt zu haben, beim Ableben behilflich zu sein.

Die Sprache ist stellenweise sehr gruselig. So sagt Dick Swaab, einer der Initiatoren der Aktion: "Im Tierreich werden Individuen einfach ersetzt und nicht endlos zusammengeflickt." Altern ist für Swaab nur Zellabnutzung durch Gebrauch. Wenn man fühlt, daß man kein Leben mehr in sich hat, sollte man das sagen und auch entsprechend handeln.

Eugène Sutorius, ein anderer der Initiatoren, räumt ein, daß dieser Service nur von Menschen beansprucht werden darf, die 70 Jahre oder älter sind. Selbstmord junger Leute kann nicht gerechtfertigt werden: "Eine ältere Person kann mehr verstehen, hat mehr Perspektive."

Klar. Und dann kommt der Schrei nach Gleichheit bzw. die Verurteilung von Euthanasiaphobie, und dann wollen auch 16jährige die entsprechenden Drogen verabreicht bekommen, weil sie zu Weihnachten die X-Box nicht bekamen oder weil ihre Freundin mit ihnen Schluß gemacht hat und sie deswegen "kein Leben mehr in sich" haben. Zumindest wird man sich aber bald auf die Untergrenze von 49 Jahren einigen, was ja bekanntlich das Alter ist, ab dem der Mensch als Konsument und Mitglied einer Zielgruppe nicht mehr so richtig interessant ist.

Ach ja: Die Organisatoren stellen sich vor, daß eine Stellenanzeige, mit der nach Personal gesucht wird, das beim Selbstmord hilft, etwa so klingen könnte: "Gesucht: Krankenschwester oder spiritueller Fürsorger im Besitz eines "Vollendetes Leben"-Zertifikat."

Gut, ich mache den Initiatoren nur begrenzt einen Vorwurf. Im Zusammenhang mit all den anderen, immer einfacher zugänglichen Notausgängen wie Scheidung und Abtreibung ist es ja nur konsequent, sich auch der letzten Verantwortung, nämlich der eines tatsächlich vollendeten Lebens, entziehen zu wollen.

2 comments:

kalliopevorleserin said...

Das ist wirklich Horror.
Mir mißfällt dabei besonders, daß Swaab mit der Formulierung, menschliches Leben sei "patched up endlessly" keineswegs vollkommen unrecht hat - aber die völlig falschen Konsequenzen zieht.
Einen sehr alten und todkranken Menschen sterben lassen (also: ihm Palliativmedizin gönnen, auch wenn die für Angst- und Schmerzfreiheit benötigte Menge sein Leben verkürzen kann; nicht: ihn morden!!!), statt ihn mit maschineller Hilfe zum Dahinvegetieren zu zwingen, finde ich richtig. Swaab scheint mit diesem Satz genau auf solche Fälle anzuspielen, und dann nimmt er das als Argument für Tötung auf Verlangen. Widerlich.
Ein kranker und alter Mensch kann sehr leicht beeinflußt werden. Wer also, wenn Euthanasie durchgesetzt wird, aufwendige Pflege braucht, vielleicht nicht besonders nett ist oder auch sehr wohlhabend, ist in Gefahr, zur Euthanasie überredet zu werden.

Anonymous said...

Betr. die in der Stellenanzeige geforderten Qualifikationen: Zählt auch eine abgeschlossene Lehre beim Scharfrichter?

Zwetschgerich