Thursday, February 25, 2010

Und wie geht's mir so dabei?

Elsa hat bereits leicht angefressen mal verbal die Faust auf den Tisch geknallt. Ihr Fazit:
    "Verfolgt die missbrauchenden Priester gnadenlos, als seien sie der Leibhaftige. Aufklärung, Strafanzeigen, Laiisierungen, mir egal. Alles, was nötig. Aber hört auf, unsere integren, opferbereiten, liebevollen und hervorragenden Priester zu demontieren und zu demotivieren."
Ich habe das große Glück bzw. die mir von Gott geschenkte Gnade, daß ich undemontierbar und undemotivierbar bin. Ich tauge auch nicht für Depressionen oder so Zeugs. Ich lese die fürchterlichen Nachrichten über den Kindesmißbrauch in der Kirche und die häufig äußerst geschmacksfreien Kommentare der üblichen Verdächtigen zu diesem Thema. Und ich denke mir dann, daß erstens die gesamte Kirche und zweitens die Betroffenen mein Gebet brauchen und auch kriegen werden.

Ansonsten fühle ich mich im Hinblick auf meine (so Gott will) bald startende Arbeit als Priester eigentlich eher entspannt, wenn nicht motiviert.

Es ist doch so: Ich kann in Zukunft ohnehin nur im begrenzten Aktionskreis einer Klosterneuburger Siftspfarre dafür sorgen, daß die Leute wenigstens wieder beginnen, eine Ahnung davon zu haben, was es bedeutet, daß Gott existiert, daß wir alle durch Christi Opfer am Kreuz erlöst sind, daß wir zu dieser Erlösung "Ja" sagen müssen und daß Christus, um uns dieses "Ja" zu ermöglichen, "seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfaßt [hat]" (lumen gentium 8), und daß diese Kirche "verwirklicht [ist] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird" (lumen gentium 8).

Wenn ich mit meiner Arbeit in einer Pfarre beginne, werde ich nichts haben, als meinen Glauben, meine Hoffnung, meine Liebe und mein Alipius-Sein. Jeder Priester hat wahrscheinlich seine eigene Herangehensweise, sowohl an die alltägliche Arbeit als auch an besondere Herausforderungen. Und da werde ich einfach auf den Herrgott vertrauen, daß er mir die nötige "Ausrüstung" mitgegeben hat, um sowohl die Arbeit als auch die Herausforderungen zu meistern. Ich habe keine Lust, mich zu verstellen, nur weil grade überall herumgekräht wird.

Ich bin überzeugt, daß es einen Bereich im Leben gibt, auf dem eine repressive Moral (besser: Pseudo-Moral) noch bedeutend größeren Schaden anrichten kann, als im Sexualverhalten. Und dieser Bereich ist der natürliche, normale Umgang mit anderen Menschen.

Laß ich mich jetzt von den bis zum Platzen mit Pseudo-Moralin angefüllten Schreihälsen in eine Ecke pressen, aus der ich nicht einmal mehr die Wangen eines süßen Baby's erreichen kann, um sie mal kurz begeistert zu zwicken? Das wäre doch so, als flirtete ich nicht mehr mit Hunden herum, weil ich Angst davor habe, als zoophil verschrieen zu werden. Daß wäre so, als fürchtete ich mich davor, einen lieben Mitbruder oder Freund beim Wiedersehen in die Arme zu nehmen, weil man dies mißdeuten könnte. Daß wäre so, als gäbe ich unseren lieben, süßen, mexikanischen Schwestern keine Abschiedküßchen, wenn ich ihnen im Sommer "Lebewohl" sage, weil ja bei den Jungen getuschelt und bei den Alten gleich an Gerontophilie gedacht werden könnte.

Dieses Spiel mache ich nicht mit. Es wurde mittlerweile auf vielen Blogs und in vielen Zeitungen auf die eklige Doppelmoral hingewiesen, die es ermöglicht, die Kirche (über das geziemende Maß hinaus) als Rundum-Sündenbock hinzustellen. Ich selbst habe mehr als einmal hingewiesen auf den Zusammenhang zischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen schlechten Gewissen und den Hang zu überzogener, manchmal schlicht irrationaler Kirchenkritik. Ich kann nicht in die Zukunft blicken (nein, sorry, kann ich wirklich nicht), aber ich befürchte, daß genau die Leute, die der Kirche jetzt ständig mit Zölibat und Sexualmoral kommen, bald diejenigen sein werden, die durch ihren Generalverdacht, ihre pseudomoralische Entflammung und ihre Schnüffelei mehr Priesterexistenzen ruinieren könnten, als der Zölibat es je fertigbrächte. Daher nochmals: Dieses Spiel mache ich nicht mit!

7 comments:

Raphaela said...

Bravo!

Einfach nur: Bravo.

Und die Pfarre, die Dich kriegt, darf sich glücklich schätzen.

Alipius said...

Oh, das ist lieb! Danke!!!

kalliopevorleserin said...

Mir fällt hierzu ein, daß bereits zahlreiche Lehrer an Grundschulen sich nicht mehr trauen, ein heulendes Kind in den Arm zu nehmen oder einem Kind mit Schmerzen oder Kummer die Wange zu streicheln - könnte ja mißdeutet werden.

Sarah said...

Danke für diesen schönen und persönlichen Text.

Anonymous said...

Lieber Herr Alipius!

Mit dieser Einstellung sorgst Du immerhin dafür, daß weder Dir als Pfarrer noch auch Deinen Pfarrkindern langweilig werden wird. Denn natürlich wird so allerlei probiert werden, das hat ja Don Camillo auch erfahren dürfen. Nicht umsonst ist die Kirche auf Erden die streitende Kirche. Wie heißt es so schön? No pasaran... ähm, Moment, Zitat verlegt, da haben wir's schon: Non praevalebunt. No, im Ergebnis dasselbe.

Gottes Segen!

Zwetschgerich

Bruckberger said...

Nicht nur Lehrer auch Eltern scheuen sich ihre Kinder in der Öffentlichkeit umzuarmen oder berühren.

So weit sind wir schon gekommen !

Sponsa Agni said...

Genauso soll es sein - danke! Wirklich danke!
:-)