Saturday, May 15, 2010

Ich, der selbstherrliche Brutalo

Schreibt die Süddeutsche gestern:
    Juristisch wird der Fall Mixa wohl ungeahndet bleiben: Straftaten aus seiner Zeit als Schrobenhauser Stadtpfarrer sind verjährt.

    Sie illustrieren jedoch, wie selbstherrlich und brutal die katholische Kirche bis in die jüngste Vergangenheit mit Schutzbefohlenen umgesprungen ist.
Denk ich mir zuerst: "Komm, Alter... Laß gut sein! Ist halt die Süddeutsche..."

Dann les ich's nochmal; einmal, um zu gucken, ob das wirkich da steht, dann aber auch, weil mich eine ganz neue Qualität des Angepißtseins befällt.

Einen schönen Maßstab hat sie da gesetzt, die Süddeutsche. So knapp unter dem Niveau des National "Catholic" Reporter" dürfte sie sich jetzt befinden. Beim NCR ist man immerhin schon soweit, die Anklage nicht an die "Katholische Kirche" zu richten sondern nur an alles, was sich in der Hierarchie überhalb eines clownnasentragenden, woodstock-affinen Hanfpfarrers oder einer habit-verweigernden, streetworkenden Nonne befindet und was innerhalb des Kirchenvolks durch eine wie sanft auch immer ausgeprägte Anhänglichkeit an katholische Glaubensinhalte unangenehm auffällt.

Die Argumentation der Süddeutschen hingegen ist neu: Wo auch immer es zu Fällen von sexuellem Mißbrauch oder körperlicher Gewalt und damit zusammenhängenden Vertuschungsversuchen innerhalb der Kirche kommt, dort wird illustriert, wie selbstherrlich und brutal die katholische Kirche ist. Denn wie wir ja alle wissen, werden regelmäßig anhand repräsentativer Umfragen unter Klerus und Kirchenvolk Leitlinien für ein genaues Vorgehen in ganz spezifischen Fällen innerhalb der katholischen Kirche erarbeitet.

Beispiel-Szenarien sind unter anderem:
    A.) Ein pädophil (oder auch/eher ephebophil) veranlagter Priester stellt fest, daß er mit einem Ministranten ganz alleine in der Sakristei ist. Der Bub ist ein wenig traurig, weil seine Eltern sich gestritten haben. Der Priester tröstet ihn und legt ihm den Arm um die Schulter. Der Junge lächelt dankbar. Wie soll der Priester Ihrer Meinung nach weiter vorgehen (2 Antworten gleichzeitig sind gestattet)?

    1. Er gibt dem Jungen einen Klaps auf den Hinterkopf und sagt "Also, Kopf hoch! Ich werde mit deinen Eltern reden. Das kriegen wir schon wieder hin!"

    2. Er schickt ein Stoßgebet zum Himmel, unterdrückt alle schadhaften Triebe und schickt den Buben nach Hause

    3. Er zieht ganz schnell und ganz verschämt mit hochrotem Kopf den Arm zurück und sucht fluchtartig das Weite

    4. Er begrapscht den Buben

    B.) Ein katholischer Priester, der an einer Grundschule Religion unterrichtet, hat zwei rüpelhafte Knaben in der Klasse, die ständig den Ablauf des Unterrichts stören. Wie muß er reagieren, wenn die Störungen Überhand nehmen?

    1. Er besucht die Eltern der Jungen und spricht sie auf die Probleme an

    2. Er bittet die Jungen immer wieder sanft um Stille

    3. Er wendert sich an die Schulleitung

    4. Er ruft seinen Fanclub gewaltbereiter Ordensschwestern herbei und zerbricht jeweils ein Holzlineal auf einem der Sturköppe, während er von den Nonnen mit Schlachtgesängen angefeuert wird
Ja, liebe Süddeutsche. Ihr habt uns durchschaut! Wir haben natürlich alle bei beiden Fragen Antwort 4 angekreuzt. Das ist die selbstherrliche und brutale katholische Kirche. Wir stehen ALLE voll hinter Phänomenen wie Kindesmißbrauch, Vertuschung, schleppender Aufarbeitung von bekannt gewordenen Fällen, Selbstherrlichkeit und Gewalt. Daher sind wir auch alle so schlecht zu sprechen auf die Mainstream-Medien. Wie können die es wagen, durch ihre unschätzbare Aufklärungsarbeit, uns - die katholische Kirche - so bloß zu stellen?

Andererseits könnte es noch schlimmer kommen! Denn man stelle sich mal vor, eine Süddeutsche geht hin und berichtet über katholische karitative Einrichtungen in Ländern, in denen die Kirche - manchmal bis aufs Blut - verfolgt wird und in denen sie trotzdem (nicht nur "in jüngster Vergangenheit" sondern in diesen Minuten) jederman Hilfe leistet, wenn die Situaiton es erfordert! Das alleine wäre schon übel genug. Aber es könnte so auch offenbar werden, daß all die Leute, die so aufopferungsvoll ihre Arbeit verrichten, dies nur tun können, weil die katholische Kirche so straff, hierarchisch und weltweit organisiert ist. Wäre das peinlich, wenn die Leute plötzlich denken, wir wären ein Haufen popoputzender Gutmenschen. Nee, dann doch lieber das cool-distanzierte Image selbstherrlicher Schläger. Es ist also dringend nötig, den Mainstream-Medien weiterhin vorzugaukeln, daß all das Gute, was im Namen des katholischen Glaubens mit dem Wissen und der Unterstützung der Kirchenleitung geschieht, ganz und gar nichts mit der "katholischen Kirche" zu tun hat, sondern nur ein zufälliges, ungewünschtes Abfallprodukt unserer tiefen Verachtung für alles Menschliche oder gar (** gasp **) alles Christliche ist.

Bittt-bitte-bitte, liebe Süddeutsche (und Konsorten): Halte weiterhin die Augen so brav geschlossen und den Verstand genau auf Linie!

4 comments:

Benedetta said...

*meld* Ich oute mich auch! Ich bin auch selbstherrlich und brutal, und ich bin echt NICHT LIEB!!

...klasse Artikel!

Johannes said...

Mein hochverehrter Lehrer hat seinerzeit gesagt: Wenn Sie sauer sind, schreiben Sie einfach am besten.

Gebe das hier mit Freuden weiter.
Gesegneten Sonntag

Alipius said...

Danke und Danke!

simon said...

Danke Dir, Alipius, der Artikel ist spitze und trifft den Nagel auf den Kopf!