Monday, May 24, 2010

Hypatia - Wie es wirklich war (?)

Zum im März in Deutschlnad angelaufenen Film Agora empfehle ich zunächst einmal dieses Interview, welches die Historikerin Maria Dzielska dem SPIEGEL gab.

Eine weniger sanfte Kritik gibt es auf der Seite Catholic Education Resource Center. Da dies ein engischer Text ist, habe ich das Fazit mal übersetzt:
    In einer der visuell beeindruckendsten Szenen zieht Amenabar [der Regisseur] die Kamera auf einen hohen Aussichtspunkt, von dem man die Bücherei in Alexandria übersieht während sie vom christlichen Mob geplündert wird. Aus dieser Perspektive sehen die Christen genauso aus, wie herumhuschende Küchenschaben. In einer anderen erinnerungswürdigen Szene zeigt der Regisseur eine Gruppe von christlichen Schlägern, die die zerfledderten Leichen grade erst ermordeter Juden davonkarren, und er komponiert die Einstellung so, daß die aufgestapetlten Leiber sehr lebhaft die Körper der Toten auf Photos von Auschwitz und Dachau vor das innere Auge rufen. Die nicht so subtile Andeutung ist, daß Christen gefährliche Typen sind, eine Bedrohung für die Zivilisation, und daß sie, wie Schädlinge, ausgemerzt werden sollten. Ich frage mich, ob es Amenabar je in den Sinn kam, daß sein Film zur Gewalt gegen religiöse Menschen, besonders Christen, anstacheln könnte, und daß genau diese Art von Kritik von einigen der schärften Verfolger der Christen im vergangenen Jahrhundert angewendet wurde. Meine wirkliche Befürchutng ist, daß die Gemeinheit, die Halb-Wahrheiten und die offene Verleumdung solcher Bücher wie Hitchens' "God is not great" oder Dawkins' "The God Delusion" dabei sind, ihren Weg in die Populär-Kultur zu finden.
Umso wichtiger ist die neue Aufklärung.

Mark Shea hat im National Catholic Register auch noch ein paar gute Worte zum Thema. Hier ein Auszug [ÜS meine]:
    Die Leute beziehen immer weniger von dem, was sie "wissen" aus Büchern oder durch das Abarbeiten von Argumenten mit ihren kritischen Fakultäten. Propaganda - mit kinematographischer Kunst hübsch präsentiert - kann bei der Transformation von Kulturen Wunder wirken. Das Bild schleicht sich an den rationalen Fakultäten vorbei und die Leute stellen am Stammtisch fest, daß sie darin übereinstimmenm, daß di Christen Feinde des Lernens sind und die Bibliothek von Alexandrien zerstörten.
Als damals in der Serie Die Tudors Kardinal Wolsey doch tatsächlich Selbstmord beging, habe ich nur geschmunzelt. Dann las ich in einigen Foren und Youtube-Kommentaren, daß viele Leute dies für die historische Realität halten. Jetzt schmunzle ich schon weniger.

6 comments:

Marcus, der mit dem C said...

Das ist ja auch in der Politik gang und gebe. Interessanterweise sind diejenigen, die am lautesten "Geschichtsfälschung" schreien, jene mit einem ihrer Weltanschauung angepaßten historischen Verständnisses.

Siehe als ein Beispiel unter vielen die Pseudodebatte um das "Schweigen des Stellvertreters"

Das Klischees einen hervorragenden Wiedererkennungswert haben, beweist die Schlagzeile: "Papst schweigt zur Odenwaldschule"

Gorgasal said...

Ich als Korinthenkacker schlage "rationale Fähigkeiten" statt "rationale Fakultäten" vor...

Alipius said...

Ich mag's halt altmodisch...

Josef Bordat said...

Das Problem ist: Wenn „Christ“ erst einmal im Kopf mit „Gewalttäter“ besetzt ist, dann kommen Christen nicht mehr als Opfer von Gewalt in Frage. Die schillernde Strahlkraft von Kampfbegriffen wie „Hexenwahn“ und „Kreuzzüge“ reicht aus, um sich Christen als Opfer ein für alle mal aus dem Kopf zu schlagen, ganz unabhängig von der historischen Wahrheit. Das ist tragisch, denn seit Jahrzehnten tobt eine globale Christenverfolgung epochalen Ausmaßes, der bereits mehrere Millionen Christen zum Opfer fielen. 250 Millionen Christen erleiden derzeit erhebliche Nachteile wegen ihres Bekenntnisses. Und es werden immer mehr. Auch wegen der bewussten Fortschreibung einer falschen Vorstellung vom Christentum. Ich sage: Wer schon kein christliches Menschenbild hat, sollte wenigstens ein menschliches Christenbild haben.

Ihr
J. Bordat

Alipius said...

@ JoBo: Sehr wahr, danke!

kalliopevorleserin said...

Über Hypatia ist bekannt, daß sie von einer Gruppe fanatisierter Christen ermordet wurde, außerdem, daß Sokrates Scholastikos in seiner Kirchengeschichte voll des Lobes für Hypatia ist und den Mord als "Schmach für die ganze alexandrinische Kirche" sieht. Hypatias bewundernder Schüler Synesios von Kyrene wandte sich gegen jeden Fanatismus.
Der koptische Bischof Johannes von Nikiu (7. Jh.) sah sie als "Hexe" und hielt den Mord für gerechtfertigt.

Wenn hier die Christen samt und sonders als böse, böse Fanatiker gezeigt werden, so zeigt das, daß die Filmemacher zu faul sind, 1. Wikipedia zu nutzen und 2. die (romanhafte, aber äußerst sorgfältige) Hypatia-Biographie von Arnulf Zitelmann zur Kenntnis zu nehmen - also auch nur so zu arbeiten, wie ich es von einem jugendlichen Referenten in der Schule erwarte.