Tuesday, May 25, 2010

Lachen mit dem tagesspiegel...

In einem etwas verwirrenden, vermutenden aber natürlich dennoch (oder grade deswegen) hübsch anklagenden Artikel über den Mißbrauch in der Kirche versorgt uns die tagesspiegel heute unter anderem auch mit diesem "Witz:
    Ein anderer radikaler Weg, den man allerdings nicht Jesus in die Schuhe schieben kann, kursierte als Witz vor knapp 50 Jahren auf dem Festival des Heiligen Geistes, das als II. Vatikanisches Konzil Furore machte: Bei einer Fahrt der Hardliner-Kardinäle Ottaviani, Siri und Ruffini über den Albaner See in Castel Gandolfo schlägt das Boot der unbeliebten Reaktionäre um. „Wer wurde gerettet? Die heilige Kirche.“ In der Pointe klingt die Säuberungs-Illusion nach, mit einer Beseitigung ausgewiesener Buhmänner (Bischof Mixa? Kardinal Sodano?) sei die Runderneuerung an Haupt und Gliedern garantiert.
Lachen konnten über so etwas damals wahrscheinlich schon nur jene, die sich auf ihre habitfreie, brevierverleugnende, gebetsarme Priester- und Ordensleute-Zukunft als Streetworker im Namen von Jesus Christ Superstar freuten.

Warum solche Worte als "Witz" durchgehen, mag jene Szene illustrieren, welche Fr. Ralph Wiltgen in seinem Buch The Rhine Flows into the Tiber beschreibt [ÜS meine]:
    Am 30. Oktober, am Tag nach seinem 72. Geburtstag, sprach Kardinal Ottaviani zum Konzil, um gegen die drastischen Änderungen in der Heiligen Messe zu protestieren, die vorgeschlagen worden waren. "Versuchen wir Verwunderung oder gar Skandal im Christlichen Volk zu entfachen, indem wir Änderungen einführen in einem so ehrwürdigen Ritus, der seit so vielen Jahrhunderten gutgeheißen wird und nun so bekannt ist? Der Ritus der Heiigen Messe sollte nicht behandelt werden wie ein Stück Stoff, welches man nach der Laune jeder Generation umschneidern kann." Er sprach wegen seiner teilweisen Blindheit ohne Text und überzog die Zehn-Minuten-Grenze, die zu beachten alle gebeten worden waren. Kardinal Tisserent, Dekan der Konzilspräsidenten, zeigte Kardinal Alfrink, der an diesem Morgen den Vorsitz hatte, seine Uhr. Als Kardinal Ottaviani fünfzehn Minuten gesprochen hatte, läutete Kardinal Alfrink die Warnglocke. Aber der Redner war von seinem Thema so in Anspruch genommen, daß er die Glocke nicht bemerkte oder absichtlich ignorierte. Auf ein Signal von Kardinal Alfrink schaltete ein Techniker ihm das Mikrophon ab. Nachdem er den Umstand durch tippen an das Mikrophon bestätigt hatte, wankte Kardinal Ottaviani gedemütigt zu seinem Sitz zurück. Der mächtigste Kardinal der Kurie war zum Schweigen gebracht worden und die Konzilsväter applaudierten frohlockend.
Der von Ottaviani geleitete, konservative Teil der Kurie war schon mürbe geschossen worden, als die Kardinäle Frings und Liénart in der ersten Sitzungsperiode des Konzils durchsetzten, daß die anwesenden Bischöfe die Mitglieder der Konzilskommissionen selbst ernennen dürfen und die von der Kurie vorgeschlagenen 16 Konzilsväter verworfen werden. Mit dem Ausschalten des Mikrophons wurde symbolisiert, daß nun nicht nur Otaviani, sondern auch seine Mitstreiter, wie z.B. auch die Kardinäle Siri und Ruffini "ausgeredet" hatten.

Wie sieht also nun, nachdem man die schlimmen drei "Bewahrer" nicht ein- sondern ausgebootet hatte, die "gerettete" Kirche aus?

Natürlich macht man es sich zu einfach, wenn man alles auf "Das Konzil" schiebt. Natürlich wurden viele Vorgaben aus Konzilsdokumenten, die heute noch durch ein paar Klicks auf der Vatikan-Webseite einsehbar sind, schlicht ignoriert oder umgedeutet.

Aber war nicht schon der ruppige Umgang der Konzilsväter miteinander ein Zeichen dafür, daß Einheit im strengen Sinne nicht mehr gefragt war, sondern daß man sich nach dem Konzil einfach nur schnell entschließen mußte, zu welcher Seite man gehört: Zu der medienumschwärmten, von Pop-Theologen gutgeheißenen Seite der "progressiven", "weltoffenen", "frische Luft hineinlassenden" Erneuerer, die grenzenlose Rede- (und Aktions-) Freiheit genießen oder zu der belächelten, wenn nicht verachteten Seite der "muffigen", "verkrusteten", "nur auf Sicherung des Status quo schielenden" Bewahrer, denen man einfach den Saft abdreht?

Es ist heute wie damals und es wird immer so sein: Die "Buhmänner", die Sündenböcke, werden identifiziert und der jubelnden Meute zum Fraße vorgeworfen. Die ultra-traditionalisten (bis hinab zu den Sedisvakantisten) machen es ja nicht anders. Ob man das "normal" nennen will und darf... Naja...

Aber unnormal wird es, wenn wirklich nur noch das richtige Team wichtig ist und nicht mehr die katholische Identität, die christliche Botschaft, das geduldige Miteinander und das geziemende Maß an Ehrfurcht zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

5 comments:

Uralte_Sage said...

Daß die Kirche in ihrer heutigen Gestalt überdauern wird, steht außer Frage. Denn es wird immer genug Gläubige geben, die gerade diese Gestalt für die gottgewollte halten und sie auch der vorkonziliaren Gestalt weiterhin vorziehen. Allein wie groß diese Kirche künftig sein wird, ist der eigentliche Quell der Sorge, wenn ihr sowohl Progressivisten als auch "Vorkonziliare" den Rücken kehren. Die Kirche soll nicht zu einer weiteren randständigen Orthodoxie schrumpfen, die für Unkundige nur noch als Folkloreverein wahrgenommen wird, auf den etwa ein ähnlicher Blick fällt wie auf orthodoxe Juden mit exotischen Speisevorschriften und Zöpfchen und Kluft aus dem osteuropäischen Spätmittelalter. Die Kirche muß ihrem Auftrag folgen, alle und sämtliche Christen unter ihrem Dach zu vereinen. Was ist daher an dem konziliaren Gedanken des Aggiornamento so verwerflich? Aggionamento statt Einknicken vor dem Mediendiktat.

kalliopevorleserin said...

Moment mal...
Mir kommt das vor, als werden hier Beschlüsse des Konzils als "unkatholisch" dargestellt und Priester, die "untertage" kein Habit tragen, als unfromm. Das kanns ja wohl nicht sein! Sagst Du nicht selbst immer wieder, daß die Beschlüsse der Kirche gut und richtig sind? Und gehört nicht auch diese Wahlfreiheit für Priester, ob Habit oder nicht, dazu?
Nebenbei: Wenn eine Redezeit ausgemacht ist, hat man sich daran zu halten. Die Warnglocke war das verabredete, noch diskrete Zeichen. Wer sich nicht an Vereinbarungen hält, muß mit den Folgen leben - und wenn seine Worte noch so richtig sind.

Alipius said...

@ Claudia: Natürlich sage ich, daß die Beschlüsse der Kirche gu tund richtig sind. Aber ich kann micht nicht erinnern, daß die Kirche z.B. beschlossen hat, daß Priester äußerlich nicht mehr erkennbar seinen sollen, bzw. daß für Priester oder Ordensleute eine Wahl bzgl des Habits besteht.

Ich denke auch daß der Satz "Natürlich macht man es sich zu einfach, wenn man alles auf "Das Konzil" schiebt." zeigt, daß hier eben nicht die Beschlüsse des Konzils als unkatholisch dargestellt werden, sondern höchstens ihre Rezeption und Umsetzung.

Mit der Warnglocke hast Du rein technisch recht. Aber wenn man sich die (Vor-)Geschichte des Konzils ansieht, und das Läuten im Kontext sieht, dann erkennt man, daß es mehr war, als ein Erinnern an eine (nicht "gesetzlich" verbindende und nicht vorab mit der Strafe des Mundtotmachens belegte) Vorgabe.

Elsa said...

Ist das nicht aus dem TagesSPIEGEL? nicht tagespost?

Alipius said...

Oh Mann! Natürlich! Danke, daß Du mich drauf aufmerksam machst! Ich habe einfach die Titel durcheinander geworfen!