Saturday, May 29, 2010

Arrivederci, Roma!

Mann, mir läuft die Zeit davon! Nicht mal mehr ein Monat bleibt! Dann werde ich mich von der Ewigen Stadt erst einmal verabschieden müssen. Und wenn ich wieder mal zurückkomme, dann wird es auch irgendwie nicht mehr so sein, wie während der vergangenen fünf Jahre.

Dieses Gefühl, hier wirklich zu wohnen und zu leben, daß war so einzigartig beruhigend. Ich hatte nicht so den US-amerikanischen Touri-Streß ("Europe in 20 days!" las ich einst auf einem Bus...), sondern konnte mich gemütlich niederlassen und ganz entspannt die Stadt anschauen.

Jetzt, nach fünf Jahren, habe ich ein ganz seltsames Gefühl: Da ich nicht nur die Stadt Rom sah, sondern sie in der Tat ein wenig kennenlernte (und dazu auch noch die Römer und das römische Leben), spielte sich auf der Austausch-Ebene viel mehr ab, als bei einem einwöchigen Besuch in einer beliebigen Stadt. Es kommt mir manchmal so vor, als hätte nicht nur ich Rom besichtigt und angeschaut und kennengelernt, sondern als hätte die Stadt genau dies auch mit mir gemacht. Seltsam.

Naja, jedenfalls ist es jetzt bald erstmal vorbei.

In der neuen ZEIT gibt es ein Interview mit Marcel Reich-Ranicki. Dort sagt der "Papst der Literaturkritik":
    "Ich bin nicht glücklich. Ich bin überhaupt nicht glücklich. Ich war es nie in meinem Leben. Ich war es nie. Ich war nie in meinem Leben glücklich. Das ist etwas, was ich nicht kenne."
Das tut mir leid. Lieber Herr Reich-Ranicki: Schnappen Sie Sich Ihre Gattin, ziehen Sie nach Rom und suchen Sie Sich schnell eine Stamm-Bar, vor der Sie dann mit den lustigen, ständig tratschenden, römischen Opis bei astreinem Cappucino stundenlang herumlungern können, um über wirklich alles zu quasseln.

Aber wahrscheinlich bedeutet "glücklich sein" für so ganz verschiedene Menschen auch ganz verschiedene Dinge. Ideal ist es natürlich, wenn das Gespür für die Momente des Glücks auf dem eigenen Mist gewachsen ist und einem nicht durch die Hintertüre ins Herz geschmuggelt wurde ("Nur der neue Fortun-o-matic wird Dich wirklich glücklich machen!").

Und was heißt es überhaupt, wenn man nach 90 Lebensjahren sagt: "Ich war nie in meinem Leben glücklich"? Heißt es, man hat keine längere Periode des Glücklichseins erlebt? Oder heißt es wirklich, daß man sich an keinen einzigen, noch so kurzen Augenblick des Glücklichseins erinnern kann? Das wäre furchtbar traurig.

Ich weiß, wie "traurig sein" sich anfühlt. Und es ist ein Gefühl, welches ich schätze und vor dem ich nicht zu fliehen versuche. Denn es überfällt mich so selten, daß ich - wenn es kommt - immer der Meinung bin, ich sollte es durchaus auskosten, da es irgendwie zur Bildung eines halbwegs vollständigen Charakters gehört.

Aber zum Glück (Danke, liebes Glück... nein: Danke, Lieber Gott!) weiß ich noch viel besser, wie sich "glücklich sein" anfühlt. Es kommt in so vielen wunderbaren, verschiedenen Geschmacksrichtungen. Und in den letzten 5 Jahren kamen noch einmal ein paar dazu.

Glück ist ja auch nicht ausschließlich der Moment. Glück ist auch die Rückschau, die Freude über das Gewesene und damit verbunden die Feststellung, daß manche Momente des Glücklichseins sich in Hirn und Herz einnisten wie niedliche, kleine, pelzige Tierchen, die man nach Belieben immer wieder mal hervorkramen und streicheln kann, während sie verzückt quietschen. Glück war und ist die Einkleidung als Novize im Stift Klosterneuburg und auch die Ewige Profeß. Glück war und ist das erste Glucksen, das aus dem Mund meiner ersten Nichte kam. Glück war und ist jeder normale Tag, der durch die Anwesenheit eines oder mehrerer guter Freunde zu einem besonderen Tag wurde. Glück ist auch der Blick nach vorne. Glück ist jetzt schon die erste Heilige Messe, die ich zelebrieren werde. Glück ist jetzt schon mein nächster Spaziergang durch Bamberg. Glück ist jetzt schon das Ablästern als 70-jähriger Chorherr über die schrecklichen, neuen Novizen, die - "So was hätte es bei uns ja niemals gegeben!" - sogar im Auto Interntanschluß haben, und gleichzeitig die verschmitzte, ehrliche, tiefe Dankbarkeit für die Anwesenheit dieser schrecklichen Meute in unserer Mitte, ihre Dienste, ihre Bereitschaft, bei Tisch auch der abgenagtesten Story zum dreihundertsten Male zuzuhören. Und wenn Gott entscheiden sollte, daß meine Zeit vorüber ist, bevor eines dieser künftigen Glücke Realität wird, so ist es dennoch bereits Glück gewesen.

Ich weiß nicht, ob das Glück wirklich immer und überall zum Greifen nahe ist und sich unter mehr Steinen am Wegesrand versteckt, als man annehmen sollte. Vielleicht habe ich auch einfach eine niedrigere Schwelle, so daß ich es bereits als Glück empfinde, wenn ich in einem Park bei strahlendem Sonnenschein für eine Vierteltunde eine Handvoll Vögelchen beobachten kann. Oder vielleicht ist meine Definition von Glücklichsein auch schlicht weit genug, um ganz vielen Dingen Platz zu bieten.

Wahrscheinich ist es aber doch so, wie mit der göttlichen Gnade: Sie ist da, aber sie will, daß du "Ja" zu ihr sagst. Sie darf sich dir nicht an den Hals schmeißen und sagen "Okay! Kann losgehn!", denn deine Freiheit ist ihr wichtig. Du mußt für sie offen sein, so, wie du auch für das Glück offen sein mußt.

Hmm... Vielleicht gibt's da ja auch einen Zusammenhang!

9 comments:

Anonymous said...

Lieber Alpius, noch'n Gedicht von Gerard Reve, als Arzenei fuer/gegen Deine Melancholie.


De Blijde Boodschap

Ik zat met kloppend hart voor de kleurentelevisie en dacht: "Zijne Heiligheid zal toch wel gewag maken van het toenemend verval der zeden?"

En ja hoor, nauwelijks was hij begonnen, of ik hoorde al:
decadentia, immorale, multi phyl ti corti rocki; influenza filmi i cinema bestiale contra sacrissima matrimoniacale criminale atheistarum rerum novarum (et cum spiritu tuo), cortomo: nix aan de handa.
Het was jammer, dat het zo kort duurde.
Maar toen het uit was, was er fijne muziek van het leger.
Ik vind dit leven al geweldig. En straks nog het eeuwig leven in de Hemel. Je vraagt je wel eens af: "Waar hebben wij het aan verdient?"

Die Frohe Botschaft

Ich sass mit Herzklopfen vor dem Farb-fernseher und dachte: "Seine Heiligkeit wird doch wohl den zunehmenden Sittenverfall erwaehnen?"
Und tatsaechlich, kaum hatte er begonnen, da hoerte ich schon:
decadentia etc.etc...(et cum spiritu tuo),
kurz und guto, nichts fuer unguta.
Es war schade, dass die Rede so kurz war. Aber danach gab es schoene Musik von der Militaerkapelle.
Ich finde dieses Leben schon fantastisch.
Und demnaechst gibt's auch noch das ewige Leben im Himmel. Manchmal denke ich: "Womit haben wir dies alles verdient?'

tradi.nl

Le Penseur said...

@Alipius:
Ein berührender Artikel, danke!

Was das "Glück" betrifft — Reich-Ranicki tritt irgendwie in Goethes (unvergleichlich größere!) Fußstapfen, der ja auch Eckermann gegenüber, glaube ich, gesagt hatte, daß er in seinem Leben vielleicht 14 Tage glücklich gewesen sei. Ein Goethe ...!

Ich las dieses Goethe-Zitat m.W. in Guggenheims unendlich schönem Buch "Sandkorn für Sandkorn" (das leider völlig vergessen zu sein scheint), das ich Ihnen nach dem Prüfungsstreß anempfehlend zur gelegentlichen Lektüre ans Herz lege. Ein Buch, das in unnachahmlicher Weise den Brgiff von "Glück" und "geglücktem Leben" vermittelt.

Wenn Sie wieder Zeit haben: lesen!

Eugenie Roth said...

Welch ein Glück!!! daß wir Sie haben! Glückliche Menschen bringen Sonne in die Küche, auch wenn die schon längst "um die Ecke" ist.

Tobias Weber said...

Lieber Herr Alipius,

mir ging es genauso wie Dir, obwohl ich nur ein knappes Jahr dort verbringen durfte. Noch heute fühle ich mich irgendwie "daheim", wenn ich wieder römischen Boden unter den Füßen habe. "Ubi Roma, ibi patria" - wer einmal Rom als die Liebe seiner Jugend genossen hat, wird diese Liebe immer in seinem Herzen tragen, auch wenn er später einmal eine andere "heiratet" (wie Du Dein Kloster).
Ich bin heute noch zutiefst dankbar dafür, und ich denke, auch Du wirst Dein Leben lang dankbar und "glücklich" über diese Liebe sein. Genieße Deine letzten Wochen in vollen Zügen!

Alipius said...

@ tradi.nl: Gute Frage!

@ Le Penseur: Danke für den Tip! Ich werd's mir merken und gleich mal bei amazon zuschlagen!

@ Eugenie Roth: "Sonne in die Küche" => Gefällt mir gut!

@ Tobias Weber: Ich werd's versuchen!

Florian said...

Das ist der perfekte Blogpost, bevor ich ins Bett hüpfe. Danke dafür.

Zumal es mir zur Zeit genau so geht. In drei Monaten bin ich, so Gott will, im Propädeutikum und werde meine Heimatpfarrei nur einmal alle zwei Wochen sehen. Du kannst dir vorstellen, wie sehr ich jede Sekunde in unserer Sakristei mit "meinen" Minis genieße...

Oremus pro invicem. Bitte :-)

Und hab noch ein paar herrliche Tage in der ewigen Stadt!

Le Penseur said...

@Alipius:
So, jetzt hab ich das Zitat nachgesehen. In "Sandkorn für Sandkorn" zitiert Guggenheim aus Eckermanns Gespräch mit Goethe am 27.1.1824, wo dieser meinte, er habe in seinen 75 Jahren keine 4 Wochen eigentliches Behagen gehabt.

Guggenheim schreibt dazu, daß 75 Jahre recht exakt 4000 Wochen seien, daß also Goethes "eigentliches Behagen" (man kann es als Synomym für wirkliches Glücksempfinden nehmen) demnach nur ein Tausendstel seines Lebens ausfüllte ...

Ja, und nochmals: "Sandkorn für Sandkorn" ist lesenwert. Eine "Doppel-Biographie", nämlich die des Autors, der über sein Werden zum Schriftsteller berichtet, und die des französischen Insektenforschers Fabre. So wenig ich mich für Insekten interessiere — aber dieser Bericht ist einfach lesenswert ...

Eugenie Roth said...

@ Alipius: Ja, so ist das hier tatsächlich: Küche (Anbau) hat das Fenster nach Osten, im Süden steht das Haus. Und hier am Küchentisch wird gekocht, gebacken, geschrieben - und hier bin ich auch ganz inter - nett.
Und wenn die Sonne weg ist nehmen im Sommer die vielen grünen Bäume das Licht ziemlich weg. Aber jetzt wurde der "Urwsld" vor dem Fenster doch ziemlich gelichtet ...

Benedetta said...

Ich bewundere Dich für die Demut und Dankbarkeit, wie Du den sicher nicht leichten Abschied erträgst. Es ist nicht der meine, aber selbst ich bekomme eine zugeschnürte Kehle, wenn ich das alles lese. Ich könnte das nicht. Ich würde nie mehr zurückkommen wollen. Für mich gilt:

„Ja ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Gluck der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh geworden.“(Goethe)

Klingt theatralisch, ist aber so.