Sunday, December 06, 2009

Das heutige Evangelium

Evangelium nach Lukas 3,1-6:
    Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas.

    Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.

    So erfüllte sich, was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.
Ich erinnere mich an einen Bekannten. Jahre ist's her (späte 80er). Er war Katholik, hatte sich aber im Laufe der Jahre immer weiter von der Kirche entfernt und sich so ein wenig seine eigene Lehre zurechtgebastelt. Es war eine Mischung aus privatem Gebet und militant-revoluzziger Befreiungstheologie. Diese wurde nicht als die Theologie der Armen verstanden, so wie sie sich in den 60ern in lateinamerikanischen Basisgemeinden entwickelt hatte und dann 1968 in Medellin von der lateinamerikanischen Bischofskonferenz bestätigt wurde. Für meinen Bekannten war es eher eine Theologie gegen die Reichen, die weniger mit Gebeten als mit Gewehren zum Ziele führen sollte. Es klang alles sehr sozialistisch bis kommunistisch. Erstmal gehörte alles, was in Lateinamerika auch nur ansatzweise mit den USA zu tun hatte, zwangsverarmt und dann mindestens in den Knast. Die Kirche sollte komplett zu einer Basisgemeinden-Institution werden, in welcher Priester nur noch auf Anfrage aktiv werden (So nach dem Motto: "Heute hätten wir mal Lust auf eine Gottedienstform mit Amtsträger"). Priester sollten von dem leben, was die Bevölkerung ihnen zu geben bereit war. Wenn ihnen das nicht paßt: Knast! Die Bischöfe raus aus den prunkigen Fummeln und den Palästen und rein in die sackleinernen Kutten und die Hütten, von denen aus sie - franziskanisch im Schlamm watend - die Botschaft unters Volk bringen. Wenn sie das nicht wollen: Amtsenthebung, Würdenentzug und schwedische Gardinen!

Was mir ein wenig komisch vorkam war, daß er sich nie darüber äußerte, was man für die Armen tun kann, aber jede Menge Phantasie aufbrachte, wenn es darum ging, die Wohlhabenden zu entmachten und zu ruinieren. Sprich: Er nahm das Magnifikat irgendwie nur zur Hälfte wahr:
    "Er stürzt die Mächtigen vom Thron..." und "... läßt die Reichen leer ausgehen": Prima!

    "... und erhöht die Niedrigen" und "Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben...": Interessiert keine Sau!
In Bezug auf das heutige Evangelium hätte sich wahrscheinlich leicht folgender Dialog entwickeln können:
    Er: "Was der Prophet und der Evangelist sagen wollen: Alles, was an Besitz, Bequemlichkeiten, Versorgungs-Standard, Privilegien, ja selbst an Bildung auch nur um ein Haar über den Meeresspiegel hinausragt, gehört eingeebnet."

    Ich: "Und weiter...?"

    Er: "Wie jetzt, 'weiter'?"

    Ich: "Naja... Es wird ja nicht nur eingeebnet, sondern auch aufgefüllt."

    Er: "Och, das ist, glaub' ich, nur bildlich gemeint..."
Naja, vielleicht wäre es nicht ganz so krass gekommen. Aber vollkommen undenkbar ist es auch nicht.

Ich sehe schon, warum und daß man Jesaja zu einem Aufruf zur Revolution lesen kann, wenn man denn unbedingt will. Ich sehe aber noch viel eher und viel klarer, daß der Aufruf nicht an eine pikenschwingende Meute, sondern an jeden Einzelnen gerichtet ist und sich weniger auf die äußeren Lebensumstände als auf die Seelen-Hygiene bezieht:
    Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.

    Jedes Loch der Abwesenheit des Guten, welches Du in Dir findest, soll gnadenvoll werden. Jeder Berg des Sündenüberflusses soll schamesrot ins Meer springen und für immer darin versinken. Jeder krumme Weg, auf dem Du wandelst, soll zu einer schnurgraden Straße in Richtung Heil werden. Jeder Versuchungs-Hubbel, der Dir das Reisen erschwert, soll plattgetreten werden von Deinen Füßen, die sich unwiderstehlich angezogen fühlen vom menschgewordenen Gott.
Naja, so seh' ich's zumindest.

5 comments:

Yon said...

Wenn Du dann mal soweit bist, sei bitte so gut und so bescheiden, Deine Predigten ins Netz zu stellen, ja?

Als ich das vorhin gelesen hab, war es mir eine Aufforderung zur Mission. Erstmal Freude: Der Herr wird kommen! In Größe, in Pracht, in Freude, und die Erlösten ziehen hinter Ihm her, wie die Armen aus dem Exil. Aber wir müssen den Weg bereiten, Hügel einebnen, Täler füllen, damit der Herr auf breiten Wegen in jedes Herz einziehen kann. Besonders konkret war das noch nicht. Aber da hast Du jetzt geholfen: In der eigenen Seele anfangen. Jawoll! Danke. :)

Alipius said...

Gerne! ;-D

Conservare said...

Ja, damit kann ich schon eher was anfangen :-)

kalliopevorleserin said...

Ich denke, man darf für jenen Bekannten nicht ausschließen, daß er mit dem Alter ein wenig weiser geworden ist. Mag sein, daß er längst mit einem etwas genierten Lächeln an seine Sätze von damals denkt - hmm, ich könnts ihm nachfühlen. Mag auch durchaus sein, daß er inzwischen längst ein äußerst fleißiger Arbeiter in Gottes Weinberg ist - oder daß er es morgen wird. Ist ja bei dem, der Krummes gerade macht, nicht ausgeschlossen.

Deus semper major said...

...sich unwiderstehlich angezogen fühlen vom menschgewordenen Gott!

Das wäre dann aber schon ein Zustand höherer Gnade. Gefällt mir trotzdem :-)