Thursday, October 15, 2009

'68 unmaskiert: Herrschen/Dienen

"Das öffentliche Heil": Dies ist der Titel ("Le Salut Public") einer am 13. März 1848 erstmals in Lyon erschienenen Tageszeitung. Gleich in der Erstausgabe wird stolz Bestand aufgenommen [holprig aber sinngemäß aus dem Französischen]:
    Die Presse, plötzlich befreit von ihren Fesseln, die ihre Handlungsfreiheit einschränkten und ihren Aufschwung aufhielten, erlangt heute eine unerwartete Autorität und einen unerwarteten Einfluss. In den Ruinen, die sie geschaffen hat, alleine gelassen, übernimmt die Presse das Erbe der anderen drei Staatsgewalten, zu deren Zerstörung sie beigetragen hat."
Damit wir uns richtig verstehen: Pressefreiheit ist etwas Großes. Der Mißbrauch derselben aber gehört mit zu dem Schäbigsten, was ich mir denken kann. Denn in der Tat ist der Einfluß der Presse groß genug, um den - mit einem lachenden und einem weinenden Auge verliehen - Titel "Die Vierte Gewalt" zu rechtfertigen. Mißbrauch der Pressefreiheit bedeutet in den seltensten Fällen schamloses Flunkern. Es sind eher (und nicht selten) die einseitige Berichterstattung und das Hinweglassen von den Blick auf das Thema weitenden Tatsachen, welche dazu in der Lage sind (und daher auch dazu benutzt werden), Volkes Stimme einen bestimmten Klang zu verleihen. Natürlich findet der wache Leser hier in den diversen Berichterstattungen über die Katholische Kirche im Allgemeinen und vom päpstlichen Hofe im Besonderen beinahe unendlich viele Beispiele für schlamperten Journalismus. Das ist heute bereits ein Effekt des vor längerer Zeit angekurbelten Teufelskreises.

Über die Kirche gemotzt wuerde immer und dies häufig zurecht, gebe ich gerne zu. Problematisch wurde die Dynamik, als sowohl die Enzyklika Humanae Vitae als auch die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils genau zu einer Zeit veröffentlicht wurden, als die breite Masse ihr neuestes Spielzeug - die ungehemmte und nicht eben auf Verantwortung schielende Sexualität - grade erst zu Gitarrenklang und Dope-Schwaden ausgepackt hatte. Also genau in dem Moment, als die Studentenbewegung virulent wurde, die langhaarigen Männer mit den kurzhaarigen Frauen Kommunen bildeten, um dort einer nicht näher definierten (aber auf jeden Fall neuen) Religiosität (und bald schon Frömmelei) des Leibes, des Ungehorsams und des trotz "Welt"-Anspruchs doch immer lokal begrenzten Friedens zu frönen, da knallte Papi mit der einen Hand ein Schreiben auf den Tisch, welches den Spaß am entblößten Nebeneinander gehörig zu vermiesen drohte, war aber gleichzeitig so nett, mit der anderen Hand ein paar Dokumente hinterherzuschieben, die bei gelungener Auslegung plötzlich gestatteten, das grassierende Hippietum bis ans Allerheiligste heranzuschieben. Und da ja ohenhin grade "Nö, mach' ich nicht" angesagt war, wurde Humanae Vitae ebensoschnell verworfen, wie die Konzilsbeschlüsse in einem Alles-muß-sich-ändern-Rausch grob fehlinterpretiert und mißverstanden wurden. Dies aber sicherlich nicht immer aus eigenem Antrieb, denn wer hat damals all diese Dokumente schon gelesen? Vorbild waren hier die von '68er-Geist infizierten Nonnen, Priester, Studenten und Theologen, deren Beitrag zum Niedergang des Katholizismus ich bereits hier einmal angedacht habe.

Welchen Anteil hat nun die Presse und was hat das alles mit Herrschen und Dienen zu tun? Nun, die Presse war damals (vergleichsweise) blitzschneller Verteiler und Multiplikator. Gemessen an der Komplexität der Dinge leuchtet es ein, daß nicht alles, was damals gedruckt wurde, auch diversen Prüfungen auf Wahrheit, Vollständigkeit oder gar Ernsthaftigkeit unterzogen wurde. Zugleich wurde damals von bürgerlicher Seite gegen den "Linken Pöbel", die "Langhaarigen", die "Gammler" oder die "Kommunisten" geschimpft. Es lag also eine Rolle parat, in die zu schlüpfen angesagt war, wollte man den direkten Weg hinaus aus dem Establishment und hinein in die Avantgarde beschreiten. Und da vermischten sich schnell diejenigen, die es mit dem Links- und Alternativ-Sein wirklich ernst meinten mit den Trittbrettfahrern, die halt nur mal ein wenig anders sein wollten als Papi und Mami, die damals wahrscheinlich eh dem Adolf zugejubelt hatten, also gab's als Bonus noch den moralischen Hochsitz und den Urteilsspruch aus dem gemachten Nest, welches mit Mühe für den Nachwuchs aus Ruinen wieder aufgebaut worden war von denen, über die nun gerichtet wurde. Und, klar, wenn eine Generation entscheidet, daß sie nun Legislative (Wir leben nach unseren eigenen Gesetzen), Jurisdiktion (Laut unserem Kanon seid ihr spießige Sexmuffel in staubigen Talaren...) und Exekutive (...daher entziehen wir uns Eurem Spiel und ihr habt an dem unseren keinen Anteil) ist, dann ist es nur zu leicht, daß die Presse sich als "Vierte Gewalt" stärker etablieren kann. Denn irgendwoher muß ja eine Richtungsvorgabe kommen. Also wurde die Kerbe, die man zu Beginn der '68er-Bewegung zaghaft geschlagen hatte, mit zunehmender Unterstützung im Volk munter weiter getrieben, was weitere Unterstützung einbrachte, was zu einer weiteren Ausweitung der Kerbe führte etc. Bald fraß man sich gegenseitig aus der Hand und der "bürgerliche" Widerstand war gebrochen, so daß - um nur ein Beispiel zu nennen - plötzlich als hehre Bühnen- oder Leinwandkunst mit intellektuellem (da "verkrustete Strukuren" aufbrechendem) Anspruch galt, was kurz zuvor die Leute noch massenhaft zu den Speikübeln getrieben hätte.

Dieser Siegeszug der Medien führte dazu, daß bald jedermann, der sich ihrer bedienen konnte, sich als kleiner Herrscher fühlte, dem es oblag, die Dinge der Welt beim Namen zu nennen und in Regeln zu pressen.

Kurzer Exkurs: Gestern hatten wir abends eine kurze Vorstellrunde bei den Mexikanern, damit die Neuen sich mit den Alten bekannt machen konnnten. Eine unserer Schwestern sagte dann von sich ungefähr dieses (Sie spricht sehr schnell Italienisch und hat den Hang, manchmal ins Spanische zu verfallen):Mein Name ist Maria. Ich möchte hier im Hause den geweihten und künftigen Priestern dienen; denen, die täglich am Altar zum "alter Christus" werden, eben so, wie Maria Christus diente und ihm bis zum Kreuze treu blieb.Hallöchen! Da hat der Herr Alipius aber mal kurz mit den Tränen gekämpft. Solche Worte mit leiser Stimme von einer 60-jährige Frau, die während jeder Sekunde des Tages den Eindruck erweckt, sie habe die Dinge fest im Griff. Und natürlich hat sie das. Denn sie weiß, was sie tut. Und sie weiß, wofür sie es tut.

Diese Bereitschaft zum Dienen (die natürlich nur funktioniert, wenn sie auf die entsprechende Gegen-Caritas der Priester trifft und nicht ausgenutzt wird) findet man heutzutage, glaube ich, fast nur noch in der Katholischen Kirche. Und sie ist mir soviel lieber als die eben von mir beshriebene Form der Herrschaft. Denn mich beschleicht in letzter Zeit immer häufiger ein seltsames Gefühl (zuletzt, als ich den kurzen Artikel über die "Revolution" in der Kirche schrieb): Die Leute, die heute die Ideale der französischen und anderer Revolutionen so hoch halten, tun das nicht, weil sie, wenn es diese Revolutionen nicht gegeben hätte, Diener wären. Nein, sie tun es, weil sie, wenn es diese Revolutionen nicht gegeben hätte, keine Herren wären.

3 comments:

Johannes said...

Obacht! Wie hieß das erste Pamphlet der RotenArmeeFraktion lieber Alipius? "Dem Volke dienen". Und warum ist dieser Dienst ein so ganz anderer als der Gottes-Dienst? Das Dienen kann es also nicht sein, in dem sich Anarchisten und Katholiken unterscheiden.

Alipius said...

Naja, wenn ein Freier sich mit einer Prostituierten ins Bett legt, spricht er sicherlich auch manchmal von "Liebe". Wenn ich das mit dem Verständnis von Liebe in z.B. "Deus Caritas Est" vergleiche, komme ich zu dem Schluß, daß nur weil ein Begriff von irgendjemandem gebraucht wird, er noch lange nicht mit einer korrekten Bedeutung behaftet sein muß. Sprich, wenn die Anarchisten von "Dienst am Volke" reden, dann wird natürlich im gleichen Atemzug definiert, wer denn nun "Volk" ist, und dann stehen ganze Gruppen plötzlich ziemlich blöde da und finden sich enteigent, eingekerkert, auf der Flucht außer Landes oder gleich massakriert (z. B. Spanien 1936-1939). Also entweder "dem Volke" oder "dienen". Beides zusammen scheint aus anarchistischer Sicht nicht so recht zu funktionieren.

Stegi said...

gut pariert, alle Achtung.
Das Studium bringt ja wirklich was.