Saturday, March 21, 2009

Danke, lieber Gott!

Heute war so ein schöner Tag...

Ich bin früh aufgestanden und habe gleich für Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher das Fenster geöffnet. Nach Lesehore und Laudes habe ich erst mal ausgiebig geduscht und mir die Haare gewaschen (In letzter Zeit fallen die viel weniger aus. Ist das irgendwie saisonbedingt oder ist irgendwann ein Ausdünngrad erreicht, der dann nicht mehr überschritten wird?). Dann habe ich ein wenig gefrühstückt und Zeitung gelesen und mich dann langsam auf den Weg zu Il Gesu gemacht, wo ich mich samstags meistens herumtreibe.

Die Messe las heute mal wieder dieser kleinwüchsige und mindestens 70 Jahre alte Jesuit, der auf der Liste der niedlichsten Priester aller Zeiten ziemlich weit vorne liegt. "Niedlich" wird hier einfach mangels eines besseren Begriffes gebraucht. Wie gesagt, er ist mindestens einen Kopf kürzer als ich, ansonsten von ganz normaler Opi-Statur, hat einen Kranz silbergrauer Haare, einen langsamen, fast meditativen Gang und einen Mund, dessen Lippen (wohl durch das häufige Aussprechen des Satzes "Il Signore sia con voi" mit langgezogenem "voi") bei Sprechen ein wenig spitz zulaufen. Sein Gesicht drückt immer eine sehr anrührende Mischung von Güte, Lebensklugheit und Müdigkeit aus. Seine Stimme ist in der Kür sehr feierlich und eher monoton. Wenn er predigt (was unter der Woche eher selten vorkommt), dann wird es auf einmal wahnsinnig melodisch, munter und ausgelassen-unschuldig. Irgendwie so, als tobte auf einer Frühlingswiese eine Klarinette mit Welpen herum, wenn Ihr wißt, was ich meine.

Nach der Messe bin ich zuerst zu meinem Zeitungsmann geschlendert und habe mir die letzte Ausgabe der ZEIT besorgt. Dann ging's weiter zu meinem Stammcafe, wo ich bei schönem Wetter jeden Samstag irgendwann zwischen 10:00 und 11:00 Uhr einen Cappuccino zu mir nehme und entweder in der mitgebrachten Zeitung blättere oder die lustigen Italiener bei ihrem Treiben beobachte. Heute habe ich mal die ZEIT ZEIT sein lassen und ein wenig geschaut. Es wird nun auch langsam kleidungstechnisch Frühling, wie ich feststellen durfte. Die Damen zeigen mehr Bein und die Jungs rennen schon wieder alle ohne Jacken rum, so daß die viel zu tief hängenden Jeans (hört das denn nie auf?) die Etiketten an den Gummibündchen der Calvin Kline Buxen freilassen. Dann sehe ich noch die nicht richtig zugeschnürten Sneakers und es wird so ein quasi-mütterlicher Instinkt wach: Ich will immer aufspringen, hinrennen und denen die Senkel festzurren und die Hosen mit Gürteln dort fixieren, wo sie hingehören und dabei noch so etwas sagen wie: "Hach Jüngelchen! Zieh dich doch mal richtig an! Freie Nieren! Du holst dir ja den Tod! Und ist das so schwer, sich die Schuhe zuzubinden?" Dann fällt mir ein, daß ich auch mal jung und bekloppt war und ich grinse nur so ein bißchen in mich hinein.

Nach dem Cappuccino ging's zurück nach Hause, Bücher unter'n Arm und rauf auf die Dachterrasse, um ein wenig zu büffeln. Ich lese grade parallel Benedikt XVI "Jesus von Nazareth" auf Englisch (weil wir im Christologie-Examen dazu gecheckt werden und ich mich irgendwie besser vorbereitet fühle, wenn ich auch die englische Übersetzung kenne) und Kaspers "Jesus der Christus" (auch auf Englisch), was irgendwie ziemlich akademisch und außerdem in kopfschmerzfördernd kleiner Schrift daherkommt aber unterhaltsame Passagen hat ("Jesus von Nazareth" möchte ich hier offiziell und mit Nachdruck jedem, der es noch nicht gelesen hat, noch einmal dringendst ans Herz legen. Ganz heißer Stoff, auch für Nicht-Theologen).

Ich saß in einer windgeschützten Ecke in der Sonne und hatte meine "Ich sollte eigentlich eine Badewanne werden"-Kaffeetasse dabei, randvoll mit ganz viel Milch und einem Espresso. Die Sonne hat um diese Jahreszeit im Rom immer schon gewaltige Strahlkraft, so daß es wirklich richtig angenehm war da oben. Um mich herum tobten die gefiederten Freunde, und aus den Häusern der Nachbarschaft stiegen sukzessive die Düfte der anstehenden Mittagessen auf. Hmm...

Um 13:30 ging's runter ins Refektorium (was hier ein eher kleiner Raum mit vier Tischen für je sechs Personen ist) zum Mittagsmahl. Unsere Schwestern, die uns normalerweise vom Absacken ins totale Messietum bewahren, haben samstags frei. Aber sie kochen schon Freitagsabends immer leckeres Zeugs vor, welches wir dann nur nochmal aufwärmen müssen. Sie haben wilde Reisrezepte auf Lager, die - ebenso wie die Rinderstreifen mit Broccoli oder die Hühnchenfetzen mit Pilzen - frisch gar nicht besser schmecken können als aufgewärmt. Nach dem Essen geht es dann immer mit der ganzen Männerbande in die Küche zum Spülen, Abtrocknen und Wegräumen, was immer ein Wochenhöhepunkt ist, weil es da natürlich schwatzmäßig und chaostechnisch hoch her geht.

Ich habe mir dann nach dem Küchendienst einen Mittagsschlaf gegönnt und danach noch ein Kapitel "Jesus von Nazareth" zu Ende gelesen. Dann war's auch schon 17:00, also so grob Zeit für eine frühe Vesper. Jetzt sitze ich bei offenem Fenster am Computer und schreibe. Draußen schweben Möwen gegen den Wind und lassen sich die Schwanzfedern von der sinkenden Sonne wärmen. In der koptischen Kirche nebenan wird bei offener Türe gesungen und irgendwo weiter weg ist mal wieder Zeit für eine öffentliche Demonstration. Grade peitscht ein hysterischer Redner über Soundanlage die Menge ein. Einzelne Worte lassen sich nicht ausmachen, was vieleicht nicht unbedingt ein Nachteil ist. Die Möwen fühlen sich natürlich eingeladen und kreischen seit einigen Minuten munter mit.

Knapp einen Meter unterhalb meiner schmalen Fensterbank gibt es einen breiten Vorsprung, der das Fenster des darunterliegenden Stockwerks nach oben hin abschließt. Dort sitzen immer Tauben rum und gurren und scharren und flirten und machen und tun. Manchmal kommt eine hochgeflogen, setzt sich auf meine Fensterbank und nimmt sofort wieder Reißaus, wenn ich mich bewege. Grade ist das wieder passiert. Neugieriges Pack. Neulich kam ich mal nach Hause und fand ein Häuflein Vogelkot mitten auf meinem Schreibtisch. Keine Ahnung, was ich denen angetan habe, daß die mich so behandeln. Vielleicht war's ja auch als Geschenk gedacht...

Ah, 18:00 Uhr! Da die Uhren in Rom alle in Abständen gehen (auch die Kirchenuhren) kann ich immer aus verschiedenen Entfernungen und daher in verschiedenen Lautstärken ganz viele verschiedene "Dings" und "Dongs" hören, wenn's zur vollen Stunde schlägt. Eine Piazza weiter steht die Kirche S. Carlo ai Catinari. Deren Glocken setzen immer noch ein sehr simples "Ave Maria" drauf, um die Leute ans Angelus zu erinnern. Okay, zum langsam abebbenden 18:00-Uhr-Gebimmel Roms beende ich nun auch mal diesen Beitrag.

Danke, lieber Gott, für einen so unspektakulär schönen Tag!

Euch allen einen schönen vierten Sonntag in der Fastenzeit!

P.S.: Ja, ich experimentiere grade schwer mit kleinen Befinfindlichkeits-Chorherren herum, die ich dann immer oben links im Beitrag plaziere.

2 comments:

Elsa said...

Das ist eine Unverschämtheit zu hören, dass ihr mal wieder anderes Wetter habt als wir! Ich kann hier gleich mitsamt dem (äußerst mehrteiligen und voluminösen) Haus weggepustet werden!
Mit Interesse habe ich deine ethnologischen Beobachtung zu diesem Priester gelesen, überhaupt verdient die italienische Zelebration eventuell mehr Beachtung - obwohl ich sie ja allesamt für unglaubliche Schlürche halte - wir sollten da mal verstärkte Beobachtungen eintragen - und ja, glücklicherweise komme ich mittlerweile auch sehr gut ohne die ZEIT aus.
Herzliche Grüße nach Rom!

*liebt deinen Befindlichkeits-Chorherren inzwischen heftigst und innigst und will auch so einen - aber als Befindlichkeitselsa wird er sich nur halb so gut machen*

Stegi said...

Schwelg...dieser Blog kann von einem ROMA-philen Menschen nur als purer Sadismus empfunden werden. [Neid unterdrücktz]