In der neuen Ausgabe der
ZEIT werden dem 17-jährigen Noam Kohen im Dossier 3 Seiten gewidmet. Warum? Noam ist Jude und wurde in Laucha an der Unstrut (Sachsen-Anhalt) vor fast zwei Monaten brutal von einer tumben Glatze zusammengeschlagen. Der Täter, Alexander P., wurde bereits zweimal wegen Körperverletzung verurteilt. Dazu wurde zweimal wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gegen ihn ermittelt. Seine Rettung verdankt Noam dem 28-jährigen Mario Träbert, der im Auto vorbeikam, die Szene sah, anhielt, ausstieg und den Täter anschrie, was Noam die nötigen Sekunden verschaffte, sich in den Wagen des Retters zu verkrümeln. Gut gemacht! Schade nur, daß es überhaupt soweit kommen mußte.
Aber wie kam es soweit?
Schauen wir uns mal die Realität an, besonders die Realität des Menschen. Selbstgerechtigkeit, ein weig Hohn in Richtung der Gefallenen oder Geringeren und das Bedürfnis, sich an vermeintlichen Sündenböcken auszutoben, sind so alt wie der Mensch. Diese Phänomene zu instrumentalisieren und dadurch die Massen zu mobilisieren, war nie besonders schwierig. Mit Grausen starren wir heute fassungslos auf die antisemitischen Karikaturen der NS-Zeit. Mit noch größerem Grausen schielen wir auf die Opferzahlen, die infolge dieser Karikaturen und der durch sie legitimierten Praxis zu beklagen waren und sind.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Karikaturen präsentierten die Realität. Dies wäre damals unbequem gewesen, aber es hätte trotzdem nie und nimmer zu einem Völkermord legitimiert, ja, noch nicht einmal dazu, einen einzigen Juden zu verprügeln oder gar zu töten. Oder aber die Karikaturen waren eine hemmungslos überzogene Anklage in richtung eines nützlichen Sündenbocks, auf welchen sich so ziemlich alles abladen ließ. Dieses Szenario ist das stimmige. Nein, die Juden haben im Laufe ihrer Existenz nicht immer alles richtig gemacht (Sie tun es ja auch noch nicht). Sie haben hier für Murren, dort für Augenverdrehen und grade eben für internationale Entrüstung gesorgt. Je nach Orthodoxie-Grad verbrennen sie auch mal das Neue Testament. Geschenkt.
Es geht nicht darum, was die Juden taten, sondern darum, was man ihnen erfolgreich nicht als Individuen sondern in ihrer Rolle als
"Der Jude" anhängen konnte. Und all dies wirkt bis heute fort. Bis heute zeigen die Karikaturen, die Haßtiraden, die Vorurteile ihre Wirkung. Auch heute noch werden in Deutschland Juden auf offener Straße zusammengeschlagen, weil sie Juden sind.
Warum zog Alexander P. los und verdrosch einen jüdischen Jugendlichen? Weil er im Sinne der NS-Karikaturen gehirngewaschen wurde. Weil man die individuellen Fehler einzelner Juden über die Jahrhunderte hinweg einfach als an jedem Ort zu jeder Zeit für jeden jüdischen Menschen gültig erklärte. Und weil man es fertigbrachte, mit kruder Logik den Benachteiligten, den Kleinen, den Gernegroßen, den Komplexbeladenen einzubläuen, daß irgendwer an ihrer mißlichen Lage gefälligst Schuld zu sein hat - nur nicht sie selbst.
Und nun ist die Panik groß. Es gibt in der
ZEIT drei Seiten, mit Tathergang, Lebensläufen, deutschlandweiten Statistiken, Hintergründen, Fragen undsoweiter.
Doch diese Panik bezieht sich auf bereits Geschehenes.
Ganz im Sinne des
"Wehret den Anfängen" wäre vielleicht auch eine klitzkleine Spalte in einer großen deutschsprachigen Tages- oder Wochenzeitung wünschenswert, welche fragt, inwieweit neuzeitliche
Stürmer wie z.B. das NDR-
"Satire"-Magazin
extra-3 mit seinen perfiden und nicht eben unhetzerischen Darstellungen kirchlicher Würdenträger die tumbe Meute sündenbeladener, gewissensgehemmter Individuen auf ähnliche Art füttert und manipuliert wie seinerzeit die NS-Schmierfinken.
Oh, ja, ich weiß: Katholische Priester haben sich an Kindern vergangen. Doch rechtfertigt dies pauschale Tritte, verallgemeinernde Anklagen und stumpfes Kesseltreiben? Wenn ja, wieso sollte es dann bei den Juden (welche, wie gesagt, auch nicht alle und immer mit weißer Weste daherkamen) anders sein? Aus Gründen der Menschlichkeit und der Fairness, hoffe ich doch mal.
Zurück zur Realität: Noam wird zusammengeschlagen. Deutschlandweit wird auf drei Seiten darüber informiert. Ein fiktiver Kardinal legt in einem Müll-Video von
extra-3 einem Ministranten geifernd seine Hand auf die Schulter und erkundigt sich, ob er noch einen jüngeren Bruder habe. Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.
Jedoch: Das Noam-Szenario ist nur die logische Konsequenz der Sündenbocksuche, der Selbstgerechtheit, des Hohns und des Populismus mit welchem schlichte Gemüter noch schlichtere Bedürftige bedienen. Es ist die logische Konsequenz einer Geistes- und Gewissenshaltung, wie sie auch z.B. bei
extra-3 demonstriert wird.
Noam wurde zusammengeschlagen, weil vor fast sieben Jahrzehnten eine Gesellschaft den Augenblick verpaßte, in welchem sie geschlossen hätte rufen müssen:
"Es reicht!" Dies ist eine simple und lehrreiche Einsicht.
Werden sich heute, in Zeiten, in denen wir alle über die Folgen mangelnder Zivilcourage bestens informiert sind, genügend Leute mit Einfluß und Stimme finden, die bereit sind, dieses
"Es reicht!" immer und überall auszurufen, wo die Umstände es erfordern?
Oder wird die Realität des gefallenen Geschöpfes siegen und nicht zulassen, daß der Stammtisch sich ohne Sündenbock-Phantasien und Selbstgerechtigkeits-Betthupferl zum Schlafe niederlegen muß?