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Tuesday, June 22, 2010

Der letzte Tag...

Ich habe heute natürlich noch tausend Dinge zu tun. Fünfhundert habe ich schon erledigt:
  1. Zimmer gesäubert: Check

  2. Alle Löffel, Messer und Gläser, die ich im Laufe der Zeit aus der Küche in mein Zimmer geholt habe, wieder zurückgebracht: Check

  3. Alle Bücher, DVDs und CDs, die ich der Gemeinschaft überlassen will, malerisch und zum Mitnehmen im Gemeinschaftsraum aufgebaut: Check

  4. Koffer gepackt: Halb-Check
Jetzt gehe ich erst einmal mit Josef zum Vatikan, "Tschö!" sagen. Dann noch ein paar Last-Minute-Besorgungen, ein kleines Mittagessen, Siesta, und später melde ich mich dann wieder auf am römsten um auch hier offiziell "Auf Wiedersehen!" zu sagen!

Ach ja! Heute finden ja die entscheidenden Spiele in der Mexiko-Gruppe statt. Die Jungs gehen zur Villa Borghese, um sich das Spiel auf einer Riesenleinwand live anzusehen. Wenn das Wetter sich hält, dann gehe ich da vielleicht mit. Drückt Mexiko die Daumen! Ich will mit meinen Mitbewohnern noch mal so richtig feiern, bevor ich abreise! Danke!

Saturday, June 19, 2010

Noch eine Riesenbitte...

Ich habe soeben erfahren, daß eine mir sehr nahestehende und sehr liebe Verwandte, die ich leider viel zu selten sehe, Brustkrebs hat. Ich wäre Euch unendlich dankbar, wenn Ihr mich in meinen Gebeten unterstützen könntet. Mir liegt wirklich viel daran.

Danke!

Wednesday, June 16, 2010

Schluchz



Es wird ernst.

Früher schüttelte ich Leuten, die mittlerweile tatsächlich zu so etwas wie Freunden geworden sind, im Juni die Hand und sagte: "Schönen Sommer! Wir sehen uns im Oktober!" Jetzt stehe ich denselben Leuten gegenüber, sie ebenso verlegen, schulterzuckend und leicht bedröppelt wie ich. Schließlich gönnen wr uns eine herzliche Umarumung und sagen: "Hoffentlich sehen wir uns mal wieder!"

Zu Glück haben schon ein paar Leute zugesagt, daß sie wenigstens versuchen wollen, zu meiner Diakonatsweihe zu kommen. Und dann werde ich ja Rom auch sicherlich den ein oder anderen Besuch abstatten und dann auf alte Bekannte treffen, die nicht wie der Herr Alipius sich in die Patoral retten, sondern noch ein wenig die akademische Laufbahn verfolgen.

Trotzdem: Es ist ein komisches Gefühl und ich merke - glaube ich - erst in diesen Tagen, daß ich diese Zeit in Rom doch immer irgendwie als selbstverständlich betrachtet habe.

Aber - wie gesagt: Ich kann es andererseits kaum erwarten, nach Klosterneuburg zurückzukehren, die Weihen zu empfangen und zu hoffen, daß die Studien-Saat dann während meiner Arbeit ein wenig aufgeht. Ich freu mich drauf!

Friday, June 04, 2010

Irgendwie freue ich mich ja...

Klar, auf meine Weihen sowieso. Aber dann auch auf die Arbeit in einer österreichischen Gemeinde.

kath.net berichtet heute von einer "Anti-Rom-Demo" der "Katholischen" Jugend in Linz. Es werden am Ende des Artikels auch noch ein paar neu Higlights von Hallo Rom zitiert.

Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich mich der jungen Leute in einer Gemeinde annehmen kann, die glauben, Probleme mit der "Amtskirche", mit "Rom", mit der "Hierarchie", mit der "Männerkirche", mit dem "Klerikalismus" oder mit sonst etwas zu haben.

Ich freue mich darauf - fern jedes "am römsten"-Geätzes - diesen jungen Leuten ruhig und klar zu erklären, warum das schon so seine Richtigkeit hat mit unserem Papst in Rom, mit seiner Kurie, mit den Bischöfen und den Priestern.

Mit dem Blog ist das schwierig, weil ich da nur auf etwas reagiere und die Leute dann mit ihrem stillen Widerspruch alleine lasse. Wenn ich sie vor der Nase haben und sie mir ihre Bedenken und Wenns und Abers vortragen, dann kann ich direkt darauf reagieren.

Ich habe schon festgestellt, daß auch kirchenkritische Leute - selbst manch ganz manische - sich in einem vernünftigen Gespräch hin und wieder davon überzeugen lassen, daß eine andere, neue Sichtweise zumindest als Gedankenspiel mal ausprobiert werden darf, ohne daß dies gleich bedeutet, daß man das hohe Gut des kritischen Hinterfragens gänzlich über Bord werfen muß.

Großen Mut geben mir übrigens die berühmten und bekannten Bekehrungs-Geschichten diverser Blogoezesanen! Dafür einen herzlichen Dank an Euch und an unseren Herrn!

Monday, March 15, 2010

And now for something completely different...

... oder auch "Des Herrn Alipius wunderbare Welt der Schwerelosigkeit".

Ein "Hoch!" auf die Dauerberieselung! Es ist geschafft! Es ist vollbracht! Ich bin schmerzfrei! Ich bin jenseits der Grenze!

Die Flut steigt, die Seele kommt zur Ruhe. Deutschland ist gefallen, Österreich wankt, der Vatikan zittert, ich blinzele in die Sonne. Selbst die "Klosterschwuchteln" des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Werner Königshofer werden nur noch registriert.

Kein Gramm Trotz, kein bißchen Verzweiflung, und irgendwie will auch der Heilige Zorn sich nicht mehr breitmachen.

Meine Kirche bleibt meine Kirche. Während aus einem Paralleluniversum düstere Schlagzeilen aufsteigen wie Schatten in einem Alptraum, schwebe ich - umhüllt von einem Panzer aus Gebeten, Vogelgezwitscher und Blütenduft - dem Augenblick des Aufwachens entgegen: Meiner Priesterweihe. Dort muß ich hin. Dort will ich hin.

Gestern mußte ich noch schreien. Heute erkenne ich, daß ich in nur etwas mehr als einem Jahr reden und handeln kann. Ich werde allen Mumm und alle Kraft zusammennehmen und mit Gottes Hilfe (und den Gebeten all jener, die mir auf diese Art verbunden sind) bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Muskelzucken alles tun, um den Menschen eine Kirche zu zeigen, die eigentlich ganz anständig ist und derer man sich selbst wegen ihrer Priester nicht zu schämen braucht.

"Ich bin bereit!" Wieviel Kreuz wird auf diese Worte folgen? Wieviel Last? Hoffnungsvoller, unbelehrbarer Optimist, der ich bin, sehe ich den gewaltigen Brocken der Verantwortung, der schon am Horizont schwebt, mit gepolsterten Sitznischen, blumenumrankten Aussichtsplattformen und sprudelnden Trinkwasserbecken ausgestattet. Schlimmer als den klaffenden Seelen, den hungernden Herzen, für die ich bald zu sorgen habe, kann es mir wohl auch nicht ergehen.

Grade verkündeten draußen die Glocken, daß es nun vier Uhr am Nachmittag ist. Diese vier schönen Töne sind für mich im Moment reicher, als alles, was in den letzten Wochen auf Papier gedruckt, in Mikrophone und Kameras gesprochen und auf Internetseiten veröffentlicht wurde.

Meine Kirche bleibt meine Kirche, denn mein Herz bleibt mein Herz.

Friday, March 05, 2010

Ich bin traurig ...

... wegen der Mißbrauchsfälle und der Art, wie innerhalb und außerhalb der Kirche damit umgegangen wird. Also, bitte: Schreib mir Eure guten Nachrichten oder eine aufmunternde Geschichte oder auch nur einen Satz.

Thursday, December 17, 2009

Man muß ja auch mal "Danke" sagen...

... wenn die Leut' so mithelfen!

Ihr erinnert Euch, daß ich vor einiger Zeit um das Gebet für einen guten Freund bat, um dessen Gesundheit es nicht so gut zu stehen schien? Nun, ich habe gestern erfahren, daß die beiden medizinischen Befunde negativ ausgefallen sind.

Vergelt's Gott!

Sunday, November 29, 2009

Wenn Ihr's noch irgendwie reinquetschen könnt...

... möchte ich Euch herzlich bitten, für einen Feund zu beten, der sich morgen einer Computertomographie unterziehen wird. Das Ergebnis könnte unter Umständen sehr niederschmetternd sein...

Friday, November 13, 2009

"Klerikalpsychopathen"

Dieser Begriff taucht auf in den Kommentaren zu Florians Posting über die Reaktionen auf seinen Entschluß, Priester zu werden.

Vorab: Die dahinterstehende Geschichte unterstütze ich voll und ganz. Es gibt Männer, die haputsächlich (wenn nicht gar ausschließlich) aus folgenden Gründen Priester werden: Es gibt ein geräumiges Pfarrhaus, man hat ein gesichertes Einkommen und es wird einem irgengwie doch häufig immer noch ein gewisser Respekt entgegengebracht, welcher sich darin äußert, daß man auf der Straße gegrüßt oder mit "Hochwürden" angesprochen wird: Solche Männer sollten sich wirklich gut überlegen, was sie tun und sollten ihr Innerstes täglich auf den Kopf stellen auf der Suche nach der Berufung.

Sed contra: Wenn ich in Rom oder Wien spontan angelächt und gegrüßt werde (was sich in Rom immer besonders charmant anhört: "Buon giorno, padre"), dann freut mich das sehr. Denn ich sehe darin eine Geste, die dem gesamten Klerus gilt. Sprich: Es weckt in mir nicht dieses "Ganz genau! Ich bin toll, und ihr tut gut daran, dies nicht zu vergessen!"-Gefühl. Meine Gedanken gehen eher in richtung: "Och, guck mal! Da gibt's noch Leute, die sich über den Anblick eines Priesters freuen können und ihm das auch irgendwie mitteilen wollen". Dann freue ich mich weniger für mich selbst, als für die Priester und für die Kirche. Umgekehrt prallt es an mir ab, wenn ich stellvertretend für den gesamten Klerus von irgendwelchen Wickingern angespuckt werde. So etwas vernichtet mein Selbstwertgefühl ebensowenig, wie ein freundlicher Gruß es über das Ziel hinausschießen läßt.

Was ich künftigen und auch bereits geweihten Priestern damit raten will (wenn's denn gestattet ist): Giert nicht nach Gruß und Ehren, aber fallt auch nicht in das Extrem, allzu stolz auf Eure Demut zu werden.

Thursday, October 29, 2009

Schönheit

Ich bin ein Schönheits-Junkie. Ich habe bis jetzt noch keine Definition von Schönheit gefunden, die all das umfaßt, was mich durchschüttelt, wenn ich mich mit der Schönheit konfrontiert sehe. Und ich habe auch noch nicht den Versuch unternommen, Schönheit für mich selbst griffig zu definieren.

Natürlich ist die Philosophie Schönheits-mäßig schon geraume Zeit unterwegs. Natürlich hat sich von - sagen wir mal - Plato, wo Schönheit ja nicht nur Schönheit war, sondern auch das moralisch Gute einschloß und als Transportmittel zur Wahrheit der übergeordneten Ideen gedacht war, über Aristoteles, wo Schönheit neben dem Wahren, dem Guten und dem Einen Gegenstand einer eigenen Lehre wurde, bis heute, wo Schönheit privat extrem subjektiv behandelt, gleichtzeitig aber in der Öffentlichkeit streng genormt kommuniziert wird (wobei es Schönheitsideale ja immer gab, diese sich aber auch immer änderten und ändern), einiges geändert. Der Gegensatz zwischen subjektiven Empfinden und objektiver Analyse scheint ja ohnehin eines der gewaltigsten Problemfelder beim Thema Schönheit zu sein.

Und wo fängt man beim Thema Schönheit überhaupt an? Lohnt sich die Diskussion, ob Schönheit überhaupt existiert? Meiner Meinung nach nicht. Das ist wie das freiwillige Nachdenken darüber, ob der Mensch einen freien Willen hat. Ich will nicht behaupten, daß jeder Mensch schon einmal sich so von Schönheit gepackt sah, daß ihm oder ihr die Tränen kamen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, daß jeder Mensch wenigstens eine grobe Intuition dafür besitzt, was für ihn persönlich schön ist.

Kann man Schönheit messen? Lassen sich Regeln oder Formeln für die Schönheit aufstellen? Ich bin mir nicht sicher. Es gibt ja z.B. den berühmten goldenen Schnitt. Doch scheint dieser weder alleine für Schönheit verantwortlich zu sein, noch Schönheit zu garantieren.

Was macht Schönheit mit mir, wenn sie mir erfolgreich auflauerte und ich nun starr bewundernd vor ihr verweile? Spielt das Resultat automatisch ins Erotische oder Sexuelle? Wird ein "Haben!"-Reflex ausgelöst? Überwiegt die Freude des Augenblicks, oder mischt sich schnell Trauer über den zu erwartenden Verfall ein, wie weit entfernt dieser zeitlich auch immer liegen mag?

Fragen über Fragen, und ich bin über ein stetiges In-mich-Hineinblicken noch nicht hinaus. Ganz ehrlich: Für mich ist Schönheit ein ziemlich reiner Genuß. Und auf eine seltsame Art ist Schönheit für mich auch etwas, was in der Natur der sich mir präsentierenden schönen Sache existiert, weniger in mir. Und, Knüller: Ich fand im Laufe der Jahre heraus, daß Schönheit für mich dort am überzeugendsten ist, wo sie sich nicht "wehren" kann. Ein schöner Mensch, laß es eine Audrey Hepburn oder einen George Clooney sein, wird irgendwann ihr/sein möglichstes tun, nicht schön zu sein (ohne dies zu beabsichtigen, versteht sich). Sprich: Die Traumfrau oder der Traummann wachen nicht nur irgendwann einmal mit Mundstuhl und zerknitterter Visage neben Euch auf, sie entlarven natürlich mit der Zeit Charakterzüge, die ein wenig von der Schönheit fortnehmen. Die Stadt Bamberg, das Schloß Pommersfelden oder die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen müssen schon von Naturkatastrophen oder marodierenden Horden heimgesucht werden (was Gott verhüte), bevor ihre Schönheit abnimmt, aber sie werden sich nicht selbst plötzlich als un-schön präsentieren.

Jetzt ist es auch so, daß ich nicht selten dort Schönheit sehe, wo manch Anderer unnützes Extra erblickt. Klar, da steht meine Vorliebe für das Barocke natürlich erst einmal an erster Stelle. Diese führt dazu, daß ich manchmal ganz schrecklich unmoralisch werde. Also zum Beispiel Schloß Pommersfelden: Daß das Gebäude selbst mich umhaut, dürfte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Aber es geht noch weiter: Bei diesem Bau, sowie bei vielen anderen schönen Barockschlössern, die ich besuchte, kommt es vor, daß ich plötzlich eine ganz konkrete Vorstellung von dem Leben bekomme, was einst dort herrschte. Und das finde ich dann auch ganz gewaltig schön. Nicht auf so'ne doofe Neidart: 'Määäänsch! So hättste auch gerne gelebt!' Nein, ich empfinde einfach dieses 'Das ist schön!' und wenn überhaupt ein Gefühl sich dem anschließt, dann eine stille Freude für die, die so lebten. Sowas darf man natürlich heutzutage streng genommen nur noch ganz leise sagen, weil jedermann und seine Mama dir gleich mit dem Blut und dem Schweiß der Bauern kommen. Aber das ist für mich einfach eine andere Kategorie. Erstens empfand ich nämlich, als ich einmal in einem "Mittelalterdorf" eine karge Durchschnitts- bis Low-Level-Bauernhütte betrat, ebenfalls dieses 'Das ist schön!', als ich zu spüren glaubte, wie die so ziemlich am Existenzminimum herumkrebsende Familie sich zusammenfindet und am spärlichen offenen Feuer Augenblicke der Normalität erlebt (Dies übrigens auch nicht auf eine komische Schuld-Art nach dem Motto 'Hach, die waren mit dem Geringsten schon glücklich und ich verfressener Wohlstandssack...'). Zweitens bedeutet Freude für die Barockschloßbewohner ja nicht automatisch Kaltherzigkeit gegenüber den damals weniger Glücklichen.

Und irgendwie zieht sich dieses Gefühl in verschiedenen Varianten durch all meine Schönheits-Erlebnisse. Wenn ich ein besonders ausgeschmücktes Pontifikalamt sehe (und sei es nur auf Photos), dann finde ich dies nicht nur schön, dann freut mich das auch für alle, die dort anwesend sind oder waren (trotz der Menschen, die das Geld, was für Mitra, Hirtenstab, Brustkreuz, Bischofsring, Barockkasel und Cappa Magna ausgegeben wurde, besser gebrauchen könnten). Wenn ich - was bisher eigentlich nur eine handvoll Mal vorkan - in einem wirklich erstklassigen Restaurant bei Kerzenschein und zu Pianoklängen unter geziemend gekleideten Menschen in einer Atmosphäre, die ich nicht anders als schön bezeichnen kann, ein Hammer-Menü zu mir nehme, dann finde ich dies eben nicht nur schön, sondern dann freut es mich auch für alle Anwesenden (trotz der Obdachlosen, die 100 Meter weiter in der Kälte kauern). Also ich sag das jetzt nur erklärend, nicht wertend...

Naja, das war jetzt nur ein Milligramm von all dem, was sich so abspielt, wenn ich mich mit Schönheit auseinanderzusetzen habe. Und es war auch eher so ein "Für mich selbst Reflektieren", welches ich jetzt aber trotzdem poste, weil es ja vielleicht Leute gibt, die ein paar Empfindungen und Gedanken teilen wollen oder so...

Sunday, October 25, 2009

Was soll ich dir tun?

Das Evangelium vom vergangenen Sonntag (Markus 10,35-45):
    Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, daß du uns eine Bitte erfüllst.

    Er antwortete: Was soll ich für euch tun?

    Sie sagten zu ihm: Laß in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.

    Jesus erwiderte: Ihr wißt nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?

    Sie antworteten: Wir können es.

    Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind.

    Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Das Evanglium vom heutigen Sonntag (Markus 10,46-52):
    Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, daß es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!

    Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

    Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun?

    Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.

    Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Zweimal überläßt Jesus die Initiative den Anderen. Nicht wie der Verführer, der gleich mit Schätzen, Sicherheit und Weltherrschaft winkt. Sondern ganz allgemein. "Was soll ich für Euch/dir tun?"

Und die Sehenden antworten, als seien sie mit Blindheit geschlagen, während der Blinde antwortet, als sähe er bereits: "Rabbuni"!

Die fruchtbare Verzweiflung des Bartimäus ist es, was ich mir immer wieder wünsche. Einen Hunger, der einerseits täglich durch den Empfang der Eucharistie gestillt wird, der aber doch immer wächst, weil er versucht, auf einen Ruf, eine Liebe zu antworten, die so ganz anders und ungewöhnlich ist. Nicht über das Menschenmögliche will ich hinauswachsen. Denn dieses Angebot stinkt nach Schwefel, stammt immer vom Verführer. Heiligkeit wird nicht angeboten, ist nicht persönlicher Verdienst, sondern Gnade. Mit meinen menschlichen Mitteln will ich versuchen, dem Angebot, dem "Was soll ich für dich tun?" gerecht zu werden. Weltherrschaft! Cool, aber brauche ich diesen Streß wirkich? Reichtümer! Großartig, aber stillen sie den Hunger? Sicherheit! Bequem, aber bringt sie mich vorwärts? Rechts neben IHM den Platz einnehmen! Klasse, aber reicht es nicht, SEINER Gegenwart nicht für alle Ewigkeit verlustig zu gehen?

Ich glaube wirklich, daß ich in meiner Gemeinschaft in Klosterneuburg nicht nur das Glück finden kann, sondern auch meinen Platz. Einen Platz, der es mir ermöglicht, halbwegs anständig im Weinberg des Herrn zu wirken. Ganz unabhängig von Ehren, Titeln und Anerkennung. Ich glaube es wirklich. Wenn Ihr wollt und könnt, betet dafür, daß es so geschehen mag.

Saturday, March 21, 2009

Danke, lieber Gott!

Heute war so ein schöner Tag...

Ich bin früh aufgestanden und habe gleich für Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher das Fenster geöffnet. Nach Lesehore und Laudes habe ich erst mal ausgiebig geduscht und mir die Haare gewaschen (In letzter Zeit fallen die viel weniger aus. Ist das irgendwie saisonbedingt oder ist irgendwann ein Ausdünngrad erreicht, der dann nicht mehr überschritten wird?). Dann habe ich ein wenig gefrühstückt und Zeitung gelesen und mich dann langsam auf den Weg zu Il Gesu gemacht, wo ich mich samstags meistens herumtreibe.

Die Messe las heute mal wieder dieser kleinwüchsige und mindestens 70 Jahre alte Jesuit, der auf der Liste der niedlichsten Priester aller Zeiten ziemlich weit vorne liegt. "Niedlich" wird hier einfach mangels eines besseren Begriffes gebraucht. Wie gesagt, er ist mindestens einen Kopf kürzer als ich, ansonsten von ganz normaler Opi-Statur, hat einen Kranz silbergrauer Haare, einen langsamen, fast meditativen Gang und einen Mund, dessen Lippen (wohl durch das häufige Aussprechen des Satzes "Il Signore sia con voi" mit langgezogenem "voi") bei Sprechen ein wenig spitz zulaufen. Sein Gesicht drückt immer eine sehr anrührende Mischung von Güte, Lebensklugheit und Müdigkeit aus. Seine Stimme ist in der Kür sehr feierlich und eher monoton. Wenn er predigt (was unter der Woche eher selten vorkommt), dann wird es auf einmal wahnsinnig melodisch, munter und ausgelassen-unschuldig. Irgendwie so, als tobte auf einer Frühlingswiese eine Klarinette mit Welpen herum, wenn Ihr wißt, was ich meine.

Nach der Messe bin ich zuerst zu meinem Zeitungsmann geschlendert und habe mir die letzte Ausgabe der ZEIT besorgt. Dann ging's weiter zu meinem Stammcafe, wo ich bei schönem Wetter jeden Samstag irgendwann zwischen 10:00 und 11:00 Uhr einen Cappuccino zu mir nehme und entweder in der mitgebrachten Zeitung blättere oder die lustigen Italiener bei ihrem Treiben beobachte. Heute habe ich mal die ZEIT ZEIT sein lassen und ein wenig geschaut. Es wird nun auch langsam kleidungstechnisch Frühling, wie ich feststellen durfte. Die Damen zeigen mehr Bein und die Jungs rennen schon wieder alle ohne Jacken rum, so daß die viel zu tief hängenden Jeans (hört das denn nie auf?) die Etiketten an den Gummibündchen der Calvin Kline Buxen freilassen. Dann sehe ich noch die nicht richtig zugeschnürten Sneakers und es wird so ein quasi-mütterlicher Instinkt wach: Ich will immer aufspringen, hinrennen und denen die Senkel festzurren und die Hosen mit Gürteln dort fixieren, wo sie hingehören und dabei noch so etwas sagen wie: "Hach Jüngelchen! Zieh dich doch mal richtig an! Freie Nieren! Du holst dir ja den Tod! Und ist das so schwer, sich die Schuhe zuzubinden?" Dann fällt mir ein, daß ich auch mal jung und bekloppt war und ich grinse nur so ein bißchen in mich hinein.

Nach dem Cappuccino ging's zurück nach Hause, Bücher unter'n Arm und rauf auf die Dachterrasse, um ein wenig zu büffeln. Ich lese grade parallel Benedikt XVI "Jesus von Nazareth" auf Englisch (weil wir im Christologie-Examen dazu gecheckt werden und ich mich irgendwie besser vorbereitet fühle, wenn ich auch die englische Übersetzung kenne) und Kaspers "Jesus der Christus" (auch auf Englisch), was irgendwie ziemlich akademisch und außerdem in kopfschmerzfördernd kleiner Schrift daherkommt aber unterhaltsame Passagen hat ("Jesus von Nazareth" möchte ich hier offiziell und mit Nachdruck jedem, der es noch nicht gelesen hat, noch einmal dringendst ans Herz legen. Ganz heißer Stoff, auch für Nicht-Theologen).

Ich saß in einer windgeschützten Ecke in der Sonne und hatte meine "Ich sollte eigentlich eine Badewanne werden"-Kaffeetasse dabei, randvoll mit ganz viel Milch und einem Espresso. Die Sonne hat um diese Jahreszeit im Rom immer schon gewaltige Strahlkraft, so daß es wirklich richtig angenehm war da oben. Um mich herum tobten die gefiederten Freunde, und aus den Häusern der Nachbarschaft stiegen sukzessive die Düfte der anstehenden Mittagessen auf. Hmm...

Um 13:30 ging's runter ins Refektorium (was hier ein eher kleiner Raum mit vier Tischen für je sechs Personen ist) zum Mittagsmahl. Unsere Schwestern, die uns normalerweise vom Absacken ins totale Messietum bewahren, haben samstags frei. Aber sie kochen schon Freitagsabends immer leckeres Zeugs vor, welches wir dann nur nochmal aufwärmen müssen. Sie haben wilde Reisrezepte auf Lager, die - ebenso wie die Rinderstreifen mit Broccoli oder die Hühnchenfetzen mit Pilzen - frisch gar nicht besser schmecken können als aufgewärmt. Nach dem Essen geht es dann immer mit der ganzen Männerbande in die Küche zum Spülen, Abtrocknen und Wegräumen, was immer ein Wochenhöhepunkt ist, weil es da natürlich schwatzmäßig und chaostechnisch hoch her geht.

Ich habe mir dann nach dem Küchendienst einen Mittagsschlaf gegönnt und danach noch ein Kapitel "Jesus von Nazareth" zu Ende gelesen. Dann war's auch schon 17:00, also so grob Zeit für eine frühe Vesper. Jetzt sitze ich bei offenem Fenster am Computer und schreibe. Draußen schweben Möwen gegen den Wind und lassen sich die Schwanzfedern von der sinkenden Sonne wärmen. In der koptischen Kirche nebenan wird bei offener Türe gesungen und irgendwo weiter weg ist mal wieder Zeit für eine öffentliche Demonstration. Grade peitscht ein hysterischer Redner über Soundanlage die Menge ein. Einzelne Worte lassen sich nicht ausmachen, was vieleicht nicht unbedingt ein Nachteil ist. Die Möwen fühlen sich natürlich eingeladen und kreischen seit einigen Minuten munter mit.

Knapp einen Meter unterhalb meiner schmalen Fensterbank gibt es einen breiten Vorsprung, der das Fenster des darunterliegenden Stockwerks nach oben hin abschließt. Dort sitzen immer Tauben rum und gurren und scharren und flirten und machen und tun. Manchmal kommt eine hochgeflogen, setzt sich auf meine Fensterbank und nimmt sofort wieder Reißaus, wenn ich mich bewege. Grade ist das wieder passiert. Neugieriges Pack. Neulich kam ich mal nach Hause und fand ein Häuflein Vogelkot mitten auf meinem Schreibtisch. Keine Ahnung, was ich denen angetan habe, daß die mich so behandeln. Vielleicht war's ja auch als Geschenk gedacht...

Ah, 18:00 Uhr! Da die Uhren in Rom alle in Abständen gehen (auch die Kirchenuhren) kann ich immer aus verschiedenen Entfernungen und daher in verschiedenen Lautstärken ganz viele verschiedene "Dings" und "Dongs" hören, wenn's zur vollen Stunde schlägt. Eine Piazza weiter steht die Kirche S. Carlo ai Catinari. Deren Glocken setzen immer noch ein sehr simples "Ave Maria" drauf, um die Leute ans Angelus zu erinnern. Okay, zum langsam abebbenden 18:00-Uhr-Gebimmel Roms beende ich nun auch mal diesen Beitrag.

Danke, lieber Gott, für einen so unspektakulär schönen Tag!

Euch allen einen schönen vierten Sonntag in der Fastenzeit!

P.S.: Ja, ich experimentiere grade schwer mit kleinen Befinfindlichkeits-Chorherren herum, die ich dann immer oben links im Beitrag plaziere.

Tuesday, February 03, 2009

Paaaaaaaaainlich...

Neulich bin ich mal zwischen den Examens-Büffeleien für eine Stunde an die Luft, weil ausnahmsweise mal die Sonne rauskam. Die Cafés haben dann auch gleich Tische und Stühle ins Freie gezerrt. Also habe ich mich in Trastevere zu einem Täßchen niedergelassen und ein wenig Leute geguckt. Unweit von mir saß eine Mama mit einem zuckersüßen kleinen Baby. Die Beiden haben so ein wenig herumgescherzt und gezappelt und gemacht und getan. Dann mußte das Baby niessen.

Normalerweise klingt ein Babyniesser ja hoch, kurz und meistens irgendwie trocken. So "Pfzit" oder "Tschapp" oder "Ptsui". Was ich zu hören bekam war ein lautes, saftiges "Pftlorscht", nach welchem dem Krümel plötzlich eine luftballongroße Schnodderblase aus dem Nasenloch hing. Nicht nur ich, sondern sämtliche Cafe-Gäste wischten sich noch Minuten später die Lachtränen aus den Augen.

Heute war ich (nach gut bestandenem "Die göttlichen Tugnenden: Glaube, Hoffnung, Liebe"-Examen) um 10:00 in der Messe in Il Gesu. Kurz vor dem Schlußsegen hatte ich plötzlich das Bild von dem Blubber-Säugling vor Augen und bin vor lauter Sich-das-Lachen-verkneifen fast bewußtlos geworden. Als der Druck einfach nicht mehr zu ertragen war, kanalisierte ich den Lachreiz in einen schnellen, hysterischen Panik-Huster um, der aber so ungeschickt war, daß er eher einem trompetenartigen Warnsignal gleichkam. Das Amüsement hielt sich anfangs in Grenzen, aber als nach dem Segen der Priester verschwunden war, bekam ich von der Gemeinde schon so den ein oder anderen "Hähä!"- oder "Wat war datt denn?"- oder "Benjamin Blümchen-Fan?"- Blick geschenkt.

* * imbodenversink * *

Tuesday, December 09, 2008

Das Blöde an einem Blog-Adventskalender ist,...

... daß man sich selbst dem Druck aussetzt, jeden Tag etwas posten zu müssen. Mir ist heut so leer im Haupte, daher erzähle ich einfach eine Adventsgeschichte aus meiner Kindheit.

Meine Oma wohnte damals mit ihren zwei Schwestern bei uns im Haus, zwei Etagen über uns. Sobald der Advents-Startschuß gefallen war, ging bei Oma die Produktion der Weihnachtsplätzchen los. Dann wurde der Küchentisch von der Wand gezogen, meine Schwester und ich dahintergesetzt und Oma legte los. Spritzgebäck war mein Favorit. Oma hatte einen Fleischwolf, vor den man eine Leiste mit vier verschiedenen Spritzformen schieben konnte. Das Ding war schon mal ziemlich interessant aber auch frustfördernd: Ein Spritzgebäck war kaum länger als 7-8 cm, aber das Drehen am Fleischwolf machte so'n Spaß! Konflikt! Dilemma! Schwesterherz und ich haben dann natürlich trotzdem manchmal acht Kilometer lange Teigwürste produziert, weil man einfach nicht mehr aufhören konnte, wenn man einmal angefangen hatte.

Besser noch als der Fleischwolf aber war der Spritzgebäck-Teig in Rohform. Weiß nicht mehr genau, aber da kam glaub ich nur Butter, Mehl, Ei, Zucker und Vanillezucker rein. Aber - Mann! - hat das Zeug geschmeckt! Ich frag mich heute noch, wie man so etwas in den Ofen stecken und aus einer klebweichen, schmatzsaftigen, brutalsüßen Masse ein trockenes Stück Keks machen kann.

Schick sahen wir immer aus, wenn das Gröbste vorüber war. Es gibt - glaub ich - noch in irgendeinem Familienalbum ein Photo, das Schwesterherz und mich von den Nasenspitzen bis zu den Schnürsenkeln mit Mehl bedeck zeigt.

Oh, der Fairness halber sollte ich noch erwähnen, daß die fertigen Plätzchen nach dem Backen immer noch zur Hälfte mit Schokolade bestrichen wurden, was die ganze Geschichte natürlich für vernaschte Gören dann doch wieder irgendwie interessant machte.

Seufz... Lang ist's her...

Monday, August 11, 2008

Pro

Ich kam vorgestern von einer sehr schönen, sehr ruhigen und sehr kräfteschonenden Woche der Vor-Profess-Exerzitien bei den Redemptoristen in Heilbad Heiligenstadt zurück. Das ist ein schnuckliges kleines Städtchen im Eichfeld, der einzigen katholischen Enklave in der Ex-DDR.

Ich hatte für die stillen Stunden mein Brevier, die Imitatio Christi und etwas Gottestaat dabei. Einen Exerzitienleiter im strengen Sinne hette ich nicht, sondern eher einen Alfonsianer, mit dem ich täglich ein paar Stunden durch die Gegend spaziert bin, um über das Ordens- und Priester-Dasein zu reden. Das war insofern würdig und recht und vor allem hilfreich, als daß dieser Mann aufgrund der Art und Weise wie er über eben sein Ordens- und Priester-Dasein redete, es so präsentierte, als sei es nicht nur für ihn, sondern für jeden gesunden und beherzten Mann das normalste, lohnendste und am wenigsten furchterregende Ding der Welt. Er wirkte dabei kein bißchen unauthentisch oder aufgesetzt. Das fand ich nicht nur schön, sondern auch ermutigend.

Im Eichsfeld ißt man ganz gerne Mettfleisch, welches gar fies gewürzt ist. Das hat mir geschmeckt, vor allem mit einem Humpen Köstritzer Schwarzbier dazu.

In der DDR gab's ja nicht wenig kolchosige Monokultur. Da kann man heute noch Felder sehen, wo vom einem Horizont zum anderen nur eine Getreidesorte draufsteht. Einerseits öde, andererseite aber auch irgendwie imposant.

Der Aufbau Ost scheint übrigens doch stattgefunden zu haben. Vielleicht ist nicht überall gleich viel getan worden, aber ich habe in Heiligenstadt und auch in Orten wie Duderstadt mal "Voher - Nachher"-Bilder gesehen und kann nur sagen: Boah! In zwanzig Jahren von schmuddeligem, tristem Graubraun zu gepflegter, munterer Buntigkeit. Da kann man nicht meckern.

Thursday, May 29, 2008

Schule des Lebens, Schule des Glaubens

Ich werde dieses Jahr 40.
Das liest sich irgendwie nicht mehr so schön, wie eine drei gefolgt von welcher Zahl auch immer. "40"! Das bedeutet weniger Haar, mehr Hüfte, ein Keramikgebiß und ab und zu mal ein kleiner, routinehafter Eingriff.

Andererseits...

"40" bedeutet auch, zu wissen, was ich will, was ich darf und was ich kann. Es bedeutet, daß ich nicht mehr nur lerne, sondern auch gelernt habe und im Idealfall hin und wieder sogar mal lehre. Es bedeutet, daß ich nicht mehr nur träume, sondern auch mache.

Die größten Veränderungen in meinem Leben während der letzten circa 15 Jahre wurden durch meinen Glauben bewirkt. Irgendwann in meinen frühen Zwanzigern wachte der nämlich plötzlich wieder auf. Klar, erst hat er sich mal verwundert die Augen gerieben, die Glieder gestreckt, so ein bißchen hin und her geguckt, ein Stöckchen aufgehoben und mich gepiekt und gewartet, ob sich was regt. Und tatsächlich. Plötzlich ging ich wieder regelmäßig zur Messe. Plötzlich hatte ich mir einen Rosenkranz gekauft. Plötzlich wiesen die Seiten meiner Bibel Gebrauchspuren auf.

Mit dieser Entwicklung einher ging das Erlernen einer gewissen Unabhängigkeit. Ich habe früher viel zu oft Dinge unhinterfragt hingenommen und Anderen nach dem Mund geredet, weil ich dazugehören wollte. Dies galt in hohem Maße auch für die Meinung, die ich mir über die Kirche gebildet hatte. Da war dann erstmal alles Mist, was auch nur ansatzweise nach überlieferter Frömmigkeit, Magisterium, Talar, Dogma oder "Amtskirche" roch. Angesagt war eine jugendlich-naive Dissenz um der Dissenz willen. Wenn die Autoritätsperson es sagt, muß es ja fragwürdig sein. Von der Modernität mal ganz abgesehen: Gehorsam? Tradition? Zölibat? Keine weiblichen Priester? Kein Freifahrschein für jede Form der Sexualität? Zudem eine Kirchengeschichte, die in drei Worten zusammenzufassen war: Hexenverbrennungen, Kreuzzüge, Galileo. Da röchelte mein junges Revoluzzerherz schwer in meiner Brust.

Mein wiederentdeckter Glaube war mir sehr dabei behilflich, mir ein neues Bild von der Kirche zu machen, indem ich zuerst auf Christus schaute und nicht auf die persönlichen Vorlieben und Wünsche meiner Alters- und Glaubensgenossen hörte. Als dann noch mein Interesse an der Kirchengeschichte geweckt wurde und ich feststellete, daß dort in den Reihen der Kritiker häufig schamlos übertrieben oder geflunkert wird (wahrscheinlich nicht einmal aus Bosheit, sondern weil man es halt nicht besser weiß und weil es dem persönlichen Anliegen grade dienlich ist), wußte ich, daß auch hier die eine, große Frage immer zu stellen ist: Wer will wieviel Macht und warum?

Es fiel mir daher nach recht kurzer Zeit sehr einfach, aus ganzem Herzen nicht nur zu meinem Gott, sondern auch zu meiner Kirche "Ja!" zu sagen. Das war für mich ein wichtiger Schritt, denn er brachte eine gewisse Ruhe in mein Leben. Ich hatte plötzlich wieder Zeit und Energie, ein bißchen genauer auf die Zeichen zu achten. So landete ich dann schließlich in Klosterneuburg.

Heute sage ich nicht mehr "2 und 2 ist 4, könnte aber auch 3 sein und im Sinne der Toleranz / Artenvielfalt / Ökumene vielleicht gar 5". Heute sage ich: "Es gibt eine objektive, natürliche, moralische Ordnung und eine absolute Wahrheit". Daher ist es heute für mich natürlich nicht mehr ganz so einfach, mich mit einer mainstream-tauglichen Meinung behaglich im Schoße der Masse einzurichten. Andererseits ist aber auch die langweilige Lauwarmheit weg.

Tuesday, May 01, 2007

Berufung

Petra beschäftigt sich auf Lumen de Lumine mit dem Thema Berufung zur Ehe, zur Ehelosigkeit und zu Misch- und Wechselfällen.

Persönlich kenne ich keine Berufungsgeschichten von Männern, die zuerst verheiratet waren und dann Priester wurden (oder umgelehrt). Zwar kenne ich zwei Jetzt-Priester, die eine Familie haben, aber ich stehe ihnen nicht so nahe, daß ich mich schon mit ihnen über das Thema hätte austauschen können.

Als ich aber das Wort "Berufung" auf Petras Seite las, da kam wieder eine alte Geschichte hoch, die ich als den Beginn meiner rekordverdächtig langen "Berufung, ja. Entscheidung, noch nicht."-Phase betrachte, und die ich jetzt hier mal auftischen werde. Es mag vielleicht etwas persönlich sein, aber ich möchte die Gelegenheit nicht verpassen, dem Ein oder Anderen, dem es vielleicht ähnlich ergeht, zu zeigen, daß es nie zu spät ist, die Entscheidung zu treffen, die sich in meinem Fall als die richtige erwiesen hat. Also:

Als ich klein war, wohnte ich nicht nur mit meinen Eltern und meiner Schwester unter einem Dach. Meine Oma väterlicherseits und zwei ihrer Schwestern hatten eine Art "Golden Girls"-WG zwei Etagen über uns. Eine der beiden Schwestern verließ regelmäßig am Sonntag das Haus und kehrte ungefähr eine Stunde später wieder zurück. Das blieb Klein-Alipius (der damals noch gar nicht Klein-Alipius war) natürlich nicht verborgen. Also ergab sich eines Tages folgender Dialog:
    "Du, Tante Hetta, wo gehst Du eigentlich sonntags morgens immer hin?"
    "In die Kirche."
    "Warum?"
    "Ich besuche die Heilige Messe."
    "Darf ich auch mal mitkommen?"
    "Ja. Du mußt aber 45 Minuten stillsitzen."
    Kurzes Abwägen des Für und Wider. "Okay!"
Am nächsten Sonntag saß Klein-Alipius also brav, unbeweglich und schweigend in der Bank und staunte. Ich habe damals nichts verstanden, außer, daß dort am Altar die Welt zu Hause war und etwas geschah, das einerseits furchterregend und andererseits unvorstellbar großartig war. Meine einzigen Berührungspunkte mit meinem Schöpfer und meinem Erlöser waren bis zu diesem Zeitpunkt nur Wohn- oder Schlafzimmer-Kruzifixe, Weihnachtskrippen, Tisch- oder Nachtgebete und einige unzusammenhängende Informationen über einen Mann, der mal Gott und mal Jesus Christus heißt und der alles weiß und alles kann. Daß es an diesem Sonntagmorgen um eben diesen Mann ging, blieb mir nicht verborgen.

Nach der Messe ging ich mit meiner Tante heim und es gab das übliche sonntägliche Mittagessen mit Eltern, Schwester, Oma und Großtanten. Und ich weiß heute noch, wie ich dann später zu Hause saß und ein ganz komisches Gefühl hatte. Jeder von Euch weiß, wie sechsjährige Buben ihre Zukunft planen:
    "Ich werde Feuerwehrmann!"
    "Ich werde Fußballer!"
    "Ich werde Tierarzt!"
    "Ich werde Priester!"
    "Ich werde Astronaut!"
Undsoweiter. Bei mir spielte sich etwas Anderes ab. Ich kann es heute nur unzureichend in Worte fassen, aber der Grundtenor meines Gedankenganges war wohl folgender:
    "Was soll ich später einmal werden, wenn ich mich mit reinem Herzen dazu entschlossen habe, auf keinen Fall Priester werden zu können oder zu wollen?"
Ich weiß, es klingt ein wenig komisch. Aber ich dachte damals - noch unter dem Eindruck der Messe - daß es die Aufgabe eines jeden Mannes sei, Priester zu werden. Dies allerdings so zwanglos, daß man, wenn man sich einmal gegen das Priesteramt entschieden hat, dann seine Berufung problemlos woanders suchen kann.

Naja, der Rest ist dann ein beinahe dreißig Jahre dauerndes Reifen durch die üblichen Hochs und Tiefs im Leben eines Kindes, Teenagers, jungen Erwachsenen, Thirtysomething begleitet von ständig wiederkehrenden Berufungszyklen mit uneinheitlicher Frequenz aber immer im Extrembereich liegender Amplitude. Im Herbst 2003 machte es dann wieder einmal "Klick" und dieses Mal blieb die Blende offen. Kein "Klack", kein plötzliches Abschneiden des einströmenden Lichtes. Und ich bereue nicht einmal, daß es so lange gedauert hat. Ich danke Gott für jede einzelne kleine Erfahrung, die ich in meinem Leben sammeln durfte. Ich danke ihm noch mehr für die Gnade, die er mir erwies, als er mir mit einem kleinen Klaps auf den Hinterkopf klarmachte, daß ich den mir aufgezeigten Weg beruhigt gehen darf und kann. Jetzt bin ich zwar wieder Lehrling, gehe zur Schule und weiß, daß ich nichts weiß. Das Gute an der Sache ist, daß ich mich tatsächlich auch wieder fühle, wie ein Kind.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um Euer Gebet zu bitten. Nicht nur für mich, sondern auch und vor allem für all die Männer, die mit einem Fuß im Priesteramt stehen und das andere Bein nicht so recht nachziehen wollen oder können.

Alles Liebe,
Alipius