Wednesday, November 19, 2008

Aufräumen!

Ich habe gestern eine dieser klassischen, unmotivierten Internet-Reisen hingelegt: Man sucht irgendwas, landet auf einer Seite, sieht dort einen interessanten Link, klickt mal drauf, landet auf einer zweiten Seite, auf der man wieder eine ansprechende Verknüpfung entdeckt, die man auch gleich mal checkt, undsoweiter...

Ich stolperte während des Trips auch für eine Weile durch die Arena des immerwährenden "Rechts/konservativ gegen Links/liberal" (hier und im ganzen Artikel ganz breit gemeint), wobei ich mir dort größtenteils Bildmaterial ansah (Photos oder Videos). Es gab unter anderem:
    Den "Walk for Life" in San Francisco, Januar 2006

    Die "Stanley 'Tookie' Williams-Nachtwache vor dem St. Quentin-Gefängnis, Dezember 2005

    Der "Schweigemarsch" in Berlin, September 2008

    Ein kurzer Bericht über das Schauspiel "Corpus Christi" (nur Text)

    Nochmals Phyllis Burgess gegen die enttäuschten Proposition-8-Gegner

    Und nochmals die tapferen argentinischen Jungs, die dem Ansturm einer Pro-Choice-Demo standhielten
Zwei Dinge fielen mir auf:

Erstens: Das Konzept "Rechts" hat eine nicht unbeeindruckende Ausdehnung. Hier gibt es zwei Probleme: Erstens schwimmen im "Rechts"-Topf Attribute, die dort zwar nicht vollkommen fehl am Platz sind, aber andererseits keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben können ("fremdenfeindlich", "frauenhassend", "ultrakatholisch" etc.). Die gemeinsame Zugehörigkeit dieser Attribute zum Konzept "Rechts" widerum führt dazu, daß sich ein gewisses "Synonym-Syndrom" einstellt: "Pro-Life" ist da gleich neben "Fremdenfeindlich", "Frauenhassend" oder "Holocaust-leugnend" zu finden, also ist, wer gegen Abtreibung ist, im Idealfall dann auch mal gleich ein xenophober Alt-Nazi-Misogynist. Wer die Todesstrafe für Tookie Williams okay findet, ist "racist, sexist, anti-gay" und ein "religious bigot", wie die "Free-Tookie"-Meute skandierte. Wer sich gegen das Schauspiel "Corpus Christ" ausspricht (Prämisse: Christus wurde in Corpus Christ, Texas, geboren und war - ebenso wie seine Jünger - schwul) ist ein Moralist der religiösen Rechten, der die sich gegen Unmenschlichkeit aussprechende Message des Stücks nicht kapiert. Und so weiter... Da muß dringend mal aufgeräumt werden.

Zweitens: Soweit ich es beobachten konnte, haben die "Rechten" sich immer anständig benommen, egal ob sie - wie in San Fran oder Berlin - die Demonstrierenden, oder - wie in Argentinien - die Gegen-Demonstrierenden waren. Was die "Linken" betrifft, sieht es ein wenig anders aus. Da wurden in San Francisco die Abtreibungsgegner, die schweigend und geordnet (rechts und links von Polizisten geschützt) dahergingen mehr als übel beschimpft, angepöbelt, mit Kondomen beworfen, das ganze Programm halt. Dreimal versuchten die Gegendemonstranten, den Marsch zum Stehen zu bringen, wurden aber immer von Motorad-Cops dezent von der Straße geschubst. Auch in Berlin wurde kräftigst gebrüllt und mit Obszönitäten nicht gespart. Und Argentinien... Naja, Ihr habt das Video ja gesehen oder könnt es Euch ansehen.

Jetzt drängt sich natürlich die Frage auf: Warum auf der einen Seite dieses in manchen Fällen fast an Besessenheit erinnernde Gehüpfe, Gekreische und Gederwische und auf der anderen Seite diese Ruhe? Ich habe eigentlich auch nicht so wirklich eine Idee. Sind "Konservative" tatsächlich glücklicher, ruhiger und weniger verbiestert? Neigen "Liberale" wirklich häufiger zu emotionalen Ausbrüchen als zu vernunftgesteuertem Diskurs? Sind christlich motivierte Demonstranten (wenn sie nicht grade in osteuropäischen Ländern Schwule mit Kot und Steinen bewerfen; Idiotenpack) ihren Inhalten treuer und nehmen tatsächlich von Gewalt und Haßausbrüchen Abstand? Haben "Linke" tatsächlich nicht genug geistige Bewegungsfreiheit, um eine "Pro-Life"-Demonstration als eben eine Demonstration für das Leben und nicht eine Manifestation religiös motivierten Hasses zu erkennen? Selbst, wenn alle Fragen zugunsten der "Rechten" zu beantworten wären, muß es doch dafür einen Grund geben. Ich habe eigentlich nur eine Vermutung: Viele Leute im "linken" Spektrum wollen das Paradies auf Erden, wissen aber nicht, daß es dies nicht gibt. Das kann natürlich schon mal in Verzweiflung und leichter Unwirschheit enden. Ich finde es nur schade, daß darunter auch die Sicht auf sich selbst zu leiden scheint. Denn in fast allen oben gegebenen Beispielen wird von Seiten der "Linken" eine Freiheit gefordert, ohne daß im Gegenzug auch eine Freiheit - nämlich die der Meinungsäußerung - respektiert wird. Zusammen mit dem wilden Betragen ergibt das eine unangenehme Mischung. Ich empfinde es als unredlich, ein irdisches Paradies durch Mundtotmachen herbeizaubern zu wollen.

4 comments:

kalliopevorleserin said...

Wenn man lange genug sucht, findet man unter Garantie auf der rechten Seite (die keineswegs durchweg religiös geprägt ist) den gleichen Prozentsatz an tumben Hasspredigern und -tätern wie auf der linken (der ich nahestehe, und der eine Reihe mir bekannter und grundfriedlicher Leute angehören). Nur, wie sagt Sartre: "Die Hölle, das sind die anderen." Auf der "eigenen" Seite findet man die Hölle nicht so leicht.

Alipius said...

Nicht falsch. Aber mir ging es hier eben um ein sich abzeichnendes Prinzip und weniger um Dinge, die man erst lange suchen muß ;-)

Anonymous said...

"Wenn man lange genug sucht, findet man unter Garantie auf der rechten Seite ... den gleichen Prozentsatz an tumben Hasspredigern und -tätern wie auf der linken".

Ja? Irgendwelche Belege? -- Wenn die Menschen doch endlich mal von ihren Vorurteilen runterkämen.

kalliopevorleserin said...

Belege? Gut.
Das junge Paar, das mir vor etwa zwei Jahren angesichts meines Kreuzchens sagte, sie würden mich umbringen, wenn sie mir mal nachts alleine begegneten - und das durchaus ernst meinte! -, war eindeutig der rechten Szene zuzuordnen.
Ebenfalls rechtsaußen die gewollt Haarlosen, die in meiner schönen Heimatstadt und anderswo gelegentlich auf Schwarzhaarige, Linke oder einfach nur irgendwie intellektuell Aussehende eindreschen, bis die sich nicht mehr bewegen. Kommt hier öfter mal vor, steht dann regelmäßig in der Zeitung.