Friday, November 14, 2008

Ein Gebet, bitte

Ich hab's mal wieder geschafft.

Ich habe mich von dem wikingerhaften Verhalten der enttäuschten US-Schwulen zu einer deftigen Breitseite hinreißen lassen, an deren Ende ich eindeutig über das Ziel hinausgeschossen bin. "Gaystapo" ist ein Unwort, für das ich mich schäme (Ich hab's allerdings natürlich nicht erfunden, sondern nur aufgepickt).

Was stehen bleibt ist (auf Gefühlsebene) meine maßlose Enttäuschung und (auf Verstandesebene) meine totale Ratlosigkeit angesichts der nicht eben zimperlichen Methoden und Ausdrucksformen der US-Schwulenbewegung und die damit einhergehende Inkonsequenz. Das ist nicht drin, und darin lasse ich mich auch nicht beirren. Was ebenfalls stehenbleibt ist der Artikel "Laveldelfarbene Springerstiefel"; nicht, weil ich ihn nach drei Tagen der Ruhe immer noch einhundertprozentig legitim finde, sondern weil ich den Schandfleck nun nicht nachträglich verheimlichen will.

Leser Voltaire hat jetzt durch Fragen, die nichts weiter waren als Antworten, die ich mir schon längst hätte geben können und sollen, mir die Augen geöffnet und mich erkennen lassen, warum ich Bekannte, Freunde, ja sogar Familienmitglieder verliere. Nicht, weil ich ständig und immer im Unrecht bin. Sondern weil ich will, daß bestimmte Leute bestimmte Dinge haben, ohne daß ich ihnen diese Dinge gebe oder ihnen wenigstens zeige, wo sie diese Dinge finden können. Das ist nicht weniger unredlich als das Verhalten der tobenden US-Gays. Ich bin Herr meines Zorns. Doch leider lasse ich ihm unter dem Deckmantel der 'Heiligkeit' oft eine viel zu lange Leine.

Wenn es auf "am römsten" auch viele Momente gibt, die mich als nicht ganz so messerstechend und unbarmherzig zeigen, so sind es doch die schrillen Spitzen, die hängenbleiben.

Also: Erwartet bitte nicht, daß ich (um beim aktuellen Fall zu bleiben) die Schwulenehe jemals als eine gute Idee betrachten werde. Erwartet nicht, daß ich jemals Verständnis für die Störung von Gottesdiensten oder das Niederbrüllen von alten Damen aufbringen werde. Aber: Gewalt gegen Schwule und/oder Lesben (in welcher Form auch immer) ist nicht nur unchristlich, sondern auch bar jeglicher Logik. Dies schreibe ich jetzt erst einmal mir ins Herz (denn wenn ich auch die körperliche Gewalt stets abgelehnt habe, so habe ich wohl mit meinen Worten in der Vergangenheit genügend nicht-körperliche Gewalt ausgeübt), richte es aber auch an all jene Wirrköpfe, die sich auf mein Blog verirren und meinen, in gewissen Sätzen eine Legitimation zu finden. Laßt es sein. Seid wie die Protestanten in Lansing oder wie die katholischen Jugendlichen in Sydney: Zuckt mit der Schulter und betet. Wenn's geht auch für mich, damit ich endlich diese Unbeherrschtheit loswerde.

13 comments:

Mcp said...

Bleiben Sie um Gottes Willen wie Sie sind.

Johannes said...

Na ja. Eine Truppe, die sich in Deutschland so verhalten würde, bekäme Ärger mit der Staatsgewalt. §176, Störung der Religionsausübung) Ist immerhin mit einer Haftstrafe bis 3 Jahre bedroht, würde - Beispiele sind bekannt - auch in der Regel hoch bestraft) Gaystapo ist wohl ziemlich daneben. Wenn ich mich an die Definition von Faschismus erinnere, Faschismus ist, wenn es morgends um fünf klingelt und es ist nicht der Milchmann, sondern die Gestapo.
Aber Terror gegen Andersdenkende ist das typische Merkmal totalitärer Staaten. Vieleicht doch nicht so daneben?

Alipius said...

Ich will ja nicht völlig zahnlos werden. Aber ich hätte mich gerne ein wenig besser unter Kontrolle.

Voltaire said...

Cool! Danke! Das ist wirklich mal selten, eine große Geste.

Johannes said...

Auch die amerikanischen Katholiken haben von Nazi-Methoden gesprochen. Wer sonst hat es gewagt, einen Gottesdienst zu unterbechen? Anarchisten, Kommunisten, Jakobiner. So weit ist das dann nicht weg.

Elsa said...

>>Ich will ja nicht völlig zahnlos werden. Aber ich hätte mich gerne ein wenig besser unter Kontrolle.>>

Lieber alipius,
Sie/Du bist aber nicht alleine damit.
Es gibt nun mal eben Dinge, die einen persönlich verstören. Dazu gehören solche Sachen wie den Gottesdienst anderer Leute stören - auch ich komme da ganz ganz merkwürdig drauf und ich komme insgesamt äußerst merkwürdig drauf, egal ob es sich um jüdische Gottesdienste, das Freitagsgebet, einen christlichen Gottesdienst oder ein Hinduritual handelt, welches gestört wird.
Natürlich kann man immer wunderbar sachlich argumentieren - und voltaire hat das auch prima gemacht und ziemlich gut argumentiert, sehr gut sogar, aber das gelingt halt auch immer am besten, wenn man selbst emotional über den Dingen steht und nicht betroffen, traurig, schockiert oder entsetzt ist.
Dieses Blog dient ja nicht nur dazu, Ihren/Deinen Weg zur Heiligkeit zu dokumentieren, es gehört auch dazu, dass man einfach mal seine Emotionen rauslässt. Das kommt freilich nicht immer gut an und manchmal sitzt man eben da und muss erkennen, dass man sich einfach in was reingesteigert hatte.
Ist doch in Ordnung. Auch wenn man klar erkennen sollte, dass Gewalt gegen andere oft schon durch Worte oder Gedanken anfängt, ist es trotzdem noch lange nicht so, dass man sich bereits durch Taten schuldig gemacht hat, nur weil man eben mal ein bisschen verbal auf die Pauke gehauen hat, das muss man ebenso klar sehen.
Man kann eben nicht die ganze Zeit für all die Deppen da draußen beten, es gibt wirklich wichtigere Gebetsanliegen, finde ich.
Und wenn alle nur auf ihrem Blog ihrem Frust freien Lauf lassen würden, gäbe es viele Probleme auf der Welt erst gar nicht.
Insofern Kopf hoch.
Ich unterstütze auch gerne mit Gebet, daran solls nicht liegen (ich pflege ja nur für notorische Deppen nicht zu beten, die lege ich einfach nur dem Herrn ans Herz und sage: Kümmere du dich bitte drum, ich kann das grad echt nicht *gg*)
Mein Tipp: Nicht so viel Aufreger bloggen, immer wenn ich neulich dachte: Boah, ich muss jetzt endlich mal loswerden, was ich wirklich über B. Obama denke und einen Rieseneintrag bloggen dachte ich mir: Nee, dann habe ich die ganzen Gutfindnasen im Kommentarbereich und rege mich noch mehr auf - fotografier ich lieber mein Essen oder meine Heuschrecken am Haus und blog das dann ... *gg*
Alles Liebe
Elsa

Stegi said...

1. fand ich keinen Begriff unadäquat, auch nicht "Gaystapo". Deutsche Standup Comedians verkleiden sich als Hitler- da meldet sich auch niemand zu Wort. Ich kann nicht verstehen, weswegen man bestimmte Worte nicht in den Mund nehmen darf, nur weil irgendwann in der Geschichte mal etwas Schreckliches im Kontext vorgefallen ist.
Im 30jährigen Krieg wurde ein Dorf in der Nachbarschaft fast völlig von den Schweden ausgelöscht- sollen wir jetzt keine ongs von ABBA mehr hören??? Entscheidend ist die Intention, welche hinter dem Gebrauch des Begriffes steckt.

2. bleib, wie Du bist. Ein Gottesmann unserer Tage muss bis zu einem gewissen Grad "militans" sein, ohne Rücksicht darauf, bei irgendwelchen heuchlerischen Gremien, Politikern usw. anzuecken.
Um den Gedanken weiter zu extrahieren:
Jesus Christus und die Apostel waren durchaus auch militant veranlagt, man denke an dioe Vertreibung aus dem Tempel.

Ach ja: Psalm 69/10
"Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt; die Schmähungen derer, die dich schmähen, haben mich getroffen."

Ähm..."wer von Euch ohne Sü.."..ach Ihr wisst schon...

Alipius said...

Voltaire: Gern' geschehen ;-)

stegi: Wir wissen beide, daß ich, wenn ich "Gaystapo" sage, nur in einer Grand-Canyon-weiten Analogie spreche. Aber es muß trotzdem nicht sein.

Johannes: Ich weiß, viele sprechen von Nazi-Methoden und nüchtern betrachtet habe sie nicht Unrecht. Mir ging's auch nicht darum, die Vorgehensweise der Schwulen zu entschuldigen. Mich hat nur meine Wortwahl geärgert.

Elsa: Danke! Für Deine Worte und für den Begriff "Gutfindnasen".

Alipius said...

Elsa: P.S.: Wir sind doch per "Du", oder?

Olifant said...

Ich gestehe mich schuldig, aber an "Gaystapo" kann ich nichts wirklich schlimmes entdecken. Ich warte immer noch darauf, bis "Christ" in Deutschland als Schimpfwort eingeführt wird.

Elsa said...

@ali: Ich glaub schon, wollte aber höflich sein in dieser schwierigen Situation*gg
Im Übrigen lese ich dein Blog tatsächlich auch mehr so wie im Comedybereich, was die militans-Einträge betrifft, das liegt daran, dass du eben nicht vor Hass triefst wie einschlägige andere Blogs und habe Gaystapo eben auch mehr als "Zitat des Zitats des Zitats" gelesen und nicht wirklich ernst genommen.
Ich meine, es ehrt dich natürlich, dass du sagst: Das ist nicht schön (ist es auch nicht), aber wie stegi schon sagte ...

Wenn hier jetzt ständig der pure unreflektierte und unironisch ungebrochene Hass zu lesen wäre, nee, das wär eklig - aber dem ist ja nicht so. Es ist schon ein Unterschied, finde ich und ich nehme den auch ganz fein wahr, ich würde hier nicht mitlesen, wenn du ständig nur abkotzen würdest ohne witzig und ironisch dabei zu sein. Aber weißte, ali, manche Meldungen werden auch gemacht, damit wir hassen und uns aufregen. Grad bei youtube oder so wird man auf viel Manipulation treffen.
Das ist vielleicht wichtiger, sich bewusst zu machen, als wegen eines blöden Wortspiels, das andere schon tausendfach vorher machten und machen, und sich rein gar nichts dabei dachten, in Skrupel zu versenken.
Aber ich will dich bestimmt nicht von deiner Läuterungsphase abbringen - allerdings mag ich auch nicht auf alipius militans verzichten! NAch wie vor meine Lieblingsrubrik!

Alipius said...

Keine Bange: "militans" bleibt bestehen!

kalliopevorleserin said...

Lieber Alipius,
ich bin in einigen Dingen unverbesserlich anderer Auffassung als Du, auch was Schwule angeht. Einig sind wir uns über die vollständige Hirnrissigkeit von Menschen, die mit Gewalt gegen Gewaltlose Rechte einfordern - das ist selbst dann Schwachsinn, wo das Einfordern solcher Rechte nicht grundsätzlich falsch ist.
Sehr froh bin ich, daß Du einen Ausdruck, der mich geärgert hast, nun selbst als Ärgernis siehst - und daß Du Dich selbst darob mit Augenzwinkern ansehen kannst. Sei gewiß, ich habe dem Alipio militanti gelegentlich schon ein bißchen Hochmut und Besserwisserei vorgeworfen (in beiden Disziplinen bin ich selbst auch ganz gut!), niemals aber Messerstecherei. ;-)