Thursday, July 10, 2008

Maul ohne Hirn, Revolte ohne Ziel

Sabina Guzzanti (Bild) ist eine italienische "Komikerin". Am Dienstagabend nahm sie an einer Demonstration auf der Piazza Navona teil. Es sollte eine Demonstration gegen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi werden. Am nächsten Tag war aber nur noch von einer Opposition die Rede, die sich zwischen Angriffen auf die Demokratie, den Präsidenten und den Papst zerstritten hat. Saubere Arbeit, Mädels!

Einen Ehrenplatz in den Schlagzeilen verdiente sich Guzzanti mit folgendem Juwel:
    "Ratzinger ist in zwanzig Jahren tot und wird in der Hölle enden, gefoltert von Schwulen."
Zweitrangig ist hier die Frage, ob Guzzanti ihr Wissen über die Katholische Kirche und Religion ausschließlich oder nur zum großen Teil aus Dan Brown-Verfilmungen, aus drittklassigen "historischen" Romanen, aus antiklerikalen Internetseiten und von der Rückseite von Cornflakes-Packungen bezieht. Interessanter ist die Vorstellung von Schwulen, die jetzt gerne würden, aber nicht dürfen. Denn immerhin hat ja eine Papstkritikerin sie auf "satirische" Weise in die Hölle befördert und das ist dann schon okay. Da muß man rosaseits nun halt warten, bis wieder ein Vertreter der echten dunklen Macht das Wort ergreift und zart auf einen Widerspruch zwischen gelebter Homosexualität und göttlicher bzw. natürlicher Ordnung hinweist, bis man erneut aufgrund bitterster Verfolgung und Unterdrückung in Nonnenkostüme schlüpfen und zum Kirchenbrand aufrufen kann. Ist aber auch manchmal ungerecht, die Welt...

P.S.: Guzzantis offizielle Interntseite ist seit anderthalb Tagen offline...

Tuesday, July 01, 2008

Sommer!

Hallöchen!

Endlich daheim! Seit dem 20. Juni bin ich wieder in vertrauter und geliebter Umgebung. Im Stift ist alles im grünen Bereich. Die Mitbrüder sind gesund und munter. Das Wetter schwankt zwischen flirrender Hitze und spontanen, krawalligen Wolkenbrüchen. Mit Mücken hat keiner meiner Mitbrüder Probleme, denn die sind alle in meinem Zimmer, vor allem nachts.

Hier ein paaar Bilder aus dem Stiftsgarten, der in diesen Tagen ganz besonders schön ist:
















Zum Schluß gibt's ein paar Blümchen fur Euch. Bitte sehr!

Alles Liebe und bis später,
Alipius

Olé! - Ohje!

Olé!
Spanien ist Europameister. Dazu meinen ganz ehrlichen und ungeheuchelten Glückwunsch. Nachdem meine Favoriten bereits früh (Holland) und viel zu früh (Tschechien) ausgeschieden waren, galt meine heimliche Sympathie den Ibero-Kickern (weil sie einen gepflegten Ball schieben und weil ihr Trainer so obercool ist). Ich fand Deutschland auch nur begrenzt meisterhaft. Die einzigen wirklich höherklassigen Partien waren die gegen Portugal und gegen die Türkei. Letztere nicht wegen des Gesamteindrucks sondern wegen der Art, wie man rotzfrech vier Minuten nach der türkischen Führung ausglich und in der Schlußminute durch eine Superkombination den Sieg klarmachte. Auch das muß man erstmal hinkriegen. Das Spiel gegen die Spanier war aber leider zu grottig. Pech, vielleicht klappt's beim nächsten Mal.

Ich habe während dieser Meisterschaft die Spiele ja in Italien und in Österreich gesehen. Das ersparte mir einerseits die weinerlichen deutschen "Asche auf unser Haupt, wir sind so schlecht, Rumpelkick, Weltuntergang, Strick her"-Kommentare bei ZDF und ARD. Andererseits gestattete es einen Einblick in die Bewertung deutschsohliger Partien in anderen Ländern. Die italienischen Kommentatoren waren immer ganz aus dem Häuschen, wenn Deutschland halbwegs anständig spielte. Sie sparten nicht mit Lob und Begeisterung. Nach dem Portugal-Kick wurde Deutschland dann sogar kurzfristig als Favorit #1 gehandelt.

Die Österreicher andererseits... Naja, es ist ja bekannt, daß unter anderem auch im Sport der Blick beider Nationen auf den jeweils Anderen nicht durch überflüssige Harmoniesucht oder Liebesbezeugungen verkleistert wird. Dementsprechend die unverhohlene Freude über das deutsche Beinahe-Aus gegen die Türken und der zungenschnalzende Genuß der fiesen sportlichen Demontage durch die Spanier. Für das österreichische EM-Studio hatten sie irgendwo den Hansi Müller gefunden und vor die Kamera gezerrt. Der Arme hat dann ganz brav versucht, die deutsche Leistung gegen das türkische Team wenigstens ein kleines bißchen aus dem Tümpel zu ziehen, in welchen die beiden österreichischen Studio-Kommentatoren sie drückten. Keine Chance. Als beim Finale das 1:0 für Spanien fiel, wurde in Kloburg und Umgebung gejubelt, als sei bei einem Spiel der österreichischen Mannschaft ein Paß beim Mitspieler angekommen. Naja, Schadenfreude ist bekanntlich die schönste Freude.


Ohje!
Immerhin scheint es so, als seien die Österreicher den Spaniern nun auch über den Rasen hinaus zu Dank und Unterstützung verpflichtet: In der heutigen Ausgabe der "Presse" berichtet ein Artikel über die "rote Kirche" in Entrevías, einem Vorort von Madrid. Die Kirche San Carlos Borromeo wird im Volksmund "rot" genannt, weil Pfarrer Javier Baeza ("Javi") Junkies, Häftlinge und illegale Einwanderer betreut, in Jeans zelebriert und statt Hostien Brezeln und Krapfen verteilt. Sprich: Er nimmt eine hervorragende Idee und gibt ihr eine scheußliche Form. Das blieb natürlich auch Antonio María Rouco Varela nicht verborgen. Denn der ist Erzbischof von Madrid und somit Baezas Boss. Es kam also bald zum üblichen Szenario:
    Erzbischof an Pfarre: Talar an, Brezeln weg!
    Antwort der Pfarre: Gar nicht ignorieren.
    Reaktion des Erzbischofs: Licht aus, Kirche zu!
    Reaktion der Spanier: Protest!
Jetzt ist man bei der Presse natürlich nicht so naiv und erklärt den Sachverhalt einfach so, wie er sich kirchenrechtlich präsentiert (Randgruppenbetreuung gut. Kein Talar und keine Hostien ungut). Dann wäre der Artikel erstens bedeutend kürzer, zweitens bedeutend tränentrockener und drittens bedeutend unvoreingenommener. Da es aber gilt, eine durch Publikationen wie "profil" stramm auf das Konsumieren und Abnicken antikirchlicher Beiträge getrimmte Leserschaft dort zu packen, wo es weh tut (also auf Gefühlsebene) wird der Bericht mit ein paar kleinen aber feinen Tricks zu einem tendenziösen Schlachtengemälde des tapferen kleinen iberischen Dorfes mit seinem Helden Baezaix gegen das römische Imperium unter Kaiser Roucus Varelius aufgepeppt.

Schon optisch werden gleich mal klare Fronten geschaffen: Ein großes Bild präsentiert den Pfarrer. Ein sympathisches Pummelchen mit kariertem Hemd vor einer Wand mit Kindergemälden. Erzbischof Rouco Varela ist spaltenbreit abgebildet mit Kasel und Pallium (schauder: Uniform) und gefalteten Händen (grusel: Frömmigkeit). Über dem Foto liest man den Schriftzug: "Der Widersacher". Widersacher? Hä? Da besteht bei einem Pfarrer offenbar Lernbedarf bezüglich der kirchenrechtlich festgelegten Form der Liturgie. Und der Bischof, der diesen Pfarrer aufklärt und - nachdem keine Besserung zu erkennen ist - abstraft, ist der Widersacher? Na servus.

Der Artikel entlarvt sich und Pfarrer Baeza, wenn von den Gründen für die Talarlosigkeit und die breite Unterstützung in der Bevölkerung die Rede ist:
    "Eines Tages sagte ihm [Baeza] eines seiner Problemkinder: 'Ihr mit euren Meßgewändern gehört doch zu den Mächtigen, so wie der Polizist in der Uniform und der Richter im Talar'. Da zog sich Javi die Soutane aus und nie wieder an."

    "... Von da an wurde San Carlos zum Theme in den Hauptabendnachrichten. Tausende strömten jeden Sonntag zur Messe, weit mehr, als in dem Kirchlein Platz finden. Gläubige und Atheisten, linke und rechte Politiker..."
Ein paar Zeilen weiter wird dann ein Ex-Häftling zitiert:
    "Er [Baeza] hat mich fundamentale Werte des Lebens gelehrt, die mir mein Sozialarbeiter nie hätte vermitteln können."
Hier hakt die Geschichte: Wenn Baeza tatsächlich fundamentale Werte vermitteln kann und will, dann gehört er flugs wieder hinein in die Soutane. Denn (scharfe Analysen gesellschaftskritischer Problemkinder hin oder her) nur so kann er einen weiteren fundamentalen Wert glaubhaft vermitteln. Nämlich den, daß bei allen guten Taten es immer auch darauf ankommt, sich nicht eitel und medienwirksam der Welt anzugleichen, sondern gleichzeitig ganz und somit auch äußerlich ein Zeugnis für Christus abzulegen. Und wie kann man das in unserem säkularisierten und entklerikalisierten Europa besser tun, als in der Soutane? Wenn dann zu den sonntäglichen Happenings auch Atheisten aufkreuzen, gerät die Geschichte vollkommen aus den Fugen. Denn dann wird klar, daß es (bei allem guten Willen und all der guten Arbeit von Pfarrer Baeza) zumindest in der Öffentlichkeit um so ziemlich alles geht, nur nicht um die Einheit in Christus.

Die Pfarre ist übrigens vom Kardinal wieder geöffnet worden. Er hat sich dem öffentlichen Druck gebeugt und Baeza zum "Kaplan der Randständigen" ernannt. Schaun wir mal, ob Javi auch so flexibel ist und vielleicht als Zeichen der Versöhnung mal wieder in die Berufskleidung schlüpft und Hostien konsekriert.

Reliquien-Diebstahl in Essen

Gefunden auf Der Westen:
    Essen. Dreiste Diebe haben aus dem Altar des Essener Doms ein mit Gold und Edelsteinen besetztes Reliquienkästchen mit Knochenstücken der drei Bistums-Patrone gestohlen. Das Bistum reagierte empört.

    Das Reliquienkästchen hat einen hohen ideellen Wert», sagte Sprecher Ulrich Lota am Montag. Es sei auch noch ausgerechnet im Jubiläumsjahr zum 50. Geburtstags des Bistum gestohlen worden. Die Polizei hat noch keine Spur.

    Das Reliquienkästchens, das aus dem Essener Dom gestohlen wurde. Die Polizei hat noch keine Spur. (Foto: dpa) (dpa)
    Das Reliquienkästchens, das aus dem Essener Dom gestohlen wurde. Die Polizei hat noch keine Spur. (Foto: dpa)
    Die Diebe müssen am Sonntag zwischen dem Ende der Abendmesse um 20 Uhr und der Abschließzeit des Doms zugeschlagen haben. Um 20.45 Uhr zum Beginn des EM-Endspiels habe der Domsakristan abgeschlossen, sagte Lota. Wie auch die Polizei nach ersten Ermittlungen festgestellt haben, müssen die Diebe ein aus Bronzeengeln bestehendes Gitter am Altar aufgebrochen und das Reliquienkästen aus einer Mulde genommen haben. Am Montagmorgen wurde der Diebstahl entdeckt.

    Den materiellen Wert schätzt das Bistum auf einen fünfstelligen Betrag. Der Deckel des 15 mal 15 Zentimeter großen Kästchens sei mit etwa 50 Edelsteinen wie Topas, Amethyst und Rauch sowie Bergkristallen besetzt. Die Seitenwände zeigen religiöse Abbildungen. Die Reliquien stammen von den frühmittelalterlichen Bischöfen und Patronen Maternus, Liborius und Liudger der drei Mutterbistümer Köln, Paderborn und Münster. (dpa)
Na super. Und da wundern sich manche Besucher der Stiftsbasilika, daß wir das schmiedeeiserne Gitter zwischen Vorraum und Langhaus schließen, wenn keine Führungen sind.

Wer zur Ergreifung der Diebe beiträgt, es mir mitteilt und belegt, für den bete ich einen Monat lang täglich den Rosenkranz.

Säcke!

Thursday, June 19, 2008

Geschafft!

Und zwar doppelt: Erstens habe ich heute das letzte Examen hinter mich gebracht und zweitens war das Spiel gegen Portugal nicht nur ansehnlich, sondern auch erfolgreich.

Morgen muß ich dann meine Bude schrubben (für die Gäste, die den Sommer über vielleicht hier wohnen werden), packen, überall "Ciao!" sagen und dann geht's ab nach Klosterneuburg. Ich freue mich natürlich schon riesig.

"Am römsten" wird während der nächsten drei Monate auf der üblichen Sommer-Sparflamme laufen. Das kennt Ihr ja schon. Schaut halt ab und an mal vorbei. Möglich, daß sich was tut. Ich werde versuchen, wenigstens nach Augustini ein paar photographische Eindrücke von der Profess zu posten.

Ansonsten wünsche ich Euch allen einen schönen, erholsamen Sommer.

Alles Liebe,
Alipius

Tuesday, June 17, 2008

Mammismo bizarr

Gefunden auf shortnews:
    Italien: Wohnung war dreckig - Mann entführt Ex-Freundin, damit sie putzt

    Im Hafen von Genua kam es zu einer Entführung einer Frau. Die Frau wurde von ihrem Ex-Freund aus einer Kneipe gezogen und mit dem Auto zu dem Haus ihres ehemaligen Freundes gefahren.

    Der 43-jährige Mann sprach gegenüber der Frau Drohungen aus, falls sie nicht das Geschirr abwäscht und die Wäsche bügelt.

    Die Polizei, die von Augenzeugen alarmiert wurde, konnte die Frau befreien und den Mann verhaften.
Tja, laut Statistik leben 8 von 10 Italienern im Alter von 18 bis 30 Jahren bei ihren Eltern. Und wenn sie dann mal ausziehen, scheint es ohne ordnende weibliche Hand wohl auch nicht zu funktionieren.

Monday, June 16, 2008

Papa

Die spanischen Domkapitel

Farbig geht's zu in Spaniens Kathedralen. Die Domherren dort tragen häufig Chortrachten, die schwer altertümlich anmuten und mir natürlich grade deswegen besonders gut gefallen. Variatio delectat.

Hier ein paar Beispiele:


Guadix-Baza


Leon


Segovia: Die schönste Farbe


Orihuela-Alicante: "We're gonna party like it's 1499!"


Pamplona: Mein persönlicher Favorit


Salamanca: Etwas zu schrilles Pink, aber dafür fluffiges Pelzwerk.

Countdown

Servus!

Hab heute das siebte von acht Examen bestanden. Puh! Donnerstang folgt noch Dreifaltigkeitslehre II, und am Freitag geht's dann ab nach Klosterneuburg, wo ich zumindest für die letzten Junitage erstmal GARNIX mache (außer natürlich brav meine Hauspflichten zu erfüllen, was aber weniger Arbeit als Freude ist, also geschenkt).

Joh, das erste Jahr Theologie ist also damit praktisch vorüber. Was haben wir in den letzten neun Monaten gelernt? Das Theologiestudium selbst ist weniger aufreibend als das Philosophiestudium. Dafür ist aber das Lernen für die Examen in Theologie komischerweise anstrengender. Während des Philosophiestudiums geschah es im Grunde fast einmal täglich, daß ich dasaß und mir plötzlich ein Gedanke aus irgendeinem der Kurse durch den Kopf schoß und mich ein wenig beschäftigte:
    Brentano: "Vielmehr scheint die innere Erfahrung unzweifelhaft zu zeigen, daß die Vorstellung des Tones mit der Vorstellung der Vorstellung des Tones in so eigentümlich inniger Weise verbunden ist, daß sie, indem sie besteht, zugleich innerlich zum Sein der anderen beiträgt."

    Alipius: "Ich will hier raus! Und zwar jetzt!"

    Brentano: "Dies deutet auf eine eigentümliche Verwebung des Objekts der inneren Vorstellung mit dieser selbst und auf die Zugehörigkeit beider zu ein und demselben psychischen Akte hin."

    Alipius: "Ach so. Sag das doch gleich!"
Sprich: Die Materie war irgendwie ständig präsent. Und es war alles so neu. Da war es einfach, den Kram zu nehmen und ihn gemäß der diversen Outlines der Professoren im Hirn zu ordnen, zu examinieren, zu verstehen und wieder auszuspucken. In der Theologie sieht es so aus, daß ich mit vielen Dingen schon hauchzart vertraut bin und daher Themen wie Liturgie, Exegese, Moral, Fundamentaltheologie oder auch Eschatologie sich nicht wie von selbst auf ein leeres Blatt in meinem Hirn schreiben, sondern irgendwie zwischen meinen eigenen Konzepten Platz finden und mit ihnen ein friedliches Nebeneinander arrangieren müssen. Sprich: Ich komme mir da beim Studium und speziell beim Pauken für die Examen manchmal ganz schön selbst in die Quere. Naja, bis jetzt ist alles gut verlaufen.

Ciao,
Alipius

Friday, June 13, 2008

Oranje-Power

Whoa! Momentchen mal!

3:0 gegen Italien! 4:1 gegen Frankreich!

Ich würde ja jetzt gerne Waldi- oder Heribert-mäßig sowas sagen wie "Der Weg zum EM-Sieg in diesem Turnier führt ganz klar über Holland!"

Aber es ist wohl eher so, daß Hollands EM-Sieg in diesem Turnier über die Trümmer der anderen Mannschaften führt. Wer soll diese Jungs denn bitteschön schlagen?

Aber (ganz ehrlich jetzt): Ich würde es ihnen gönnen und mich - glaube ich - sogar ein ganz klitzekleines bißchen mit ihnen freuen.

Denn sie haben es sich verdient! Warum? Darum:

Einem Land, das so etwas produziert, gebührt höchste Ehre, und sei es nur auf dem Rasen.

Thursday, June 12, 2008

Das ist einigermaßen verstörend

Klar, diese "Der Papst ist der Antichrist" oder "Rom ist die babylonische Hure"-Evangelisten haben in der Regel nicht alle Löffel in der Besteckschublade. Wer's nicht glaubt, war noch nie auf einer ihrer Webseiten. Für einen Katholiken (und jeden anderen Menschen, der sich ernsthaft als Christ bezeichnet) sind diese Haßschleudern ungefähr so interessant und relevant wie die Sedis.

Ich bin von diesen Freaks einiges gewöhnt, aber dieses Fundstück von der Seite "Remnant of God" hat mich dann doch überrascht:

Bildunterschrift: "Der junge Josef Ratzinger grüßt Adolf Hitler."

Gefunden habe ich dieses Bild nicht auf der Seite selbst, sondern auf einem englischsprachigen Atheisten-Blog, der natürlich unter anderem für sich beansprucht, mindestens doppelt so vernünftig zu sein wie jeder Anhänger welcher Religion auch immer, ohne dabei auch nur ansatzweise von Haß, Bigotterie oder Voreingenommenheit erfüllt zu sein.

Ein kurzer, scharfer Blick auf das Bild, Google-Suche: "Ratzinger Primiz Segen" und schon hatte ich, wonach ich suchte:

Die Gebrüder Ratzinger spenden während ihrer Primiz den Segen.

Dem "Remnant" mache ich keinen Vorwurf. Wer so kaputt ist, daß er in der Tat solchen Müll wie "Papst = Antichrist" glaubt, der schreckt natürlich auch vor (Selbst-)Betrug und Bildverfälschung nicht zurück, wenn es gilt, sich selbst das Gefühl zu geben, daß am eigenen "Glauben" vielleicht tatsächlich etwas dran sein könnte.

Ich wundere mich nur ein wenig über die rekordverdächtig vernunftbegabten Atheisten. Nicht mal ein kleines bißchen Recherche auf eigene Faust? Kein Hinterfragen des Motivs? Ich kann die Angst fast bis hierhin spüren: "Es könnte vielleicht nicht stimmen! Aber woher nehme ich dann meine moralische Überlegenheit, meinen so malerisch erhobenen Zeigefinger, meine hehre Entflammung?"

Ich hör schon die Zwischenrufe der entrüsteten Berufs-Atheisten: "Aber nicht alle Atheisten sind so!"

D'oh! Natürlich sind nicht alle Atheisten so. Ebenso wie nicht alle, die sich Christen nennen, gute Menschen sind. Ich habe das bereits erkannt. Habt Ihr denn Lust, auch mal irgendwann die Augen zu öffnen, den Elfenbeinturm zu verlassen und vielleicht nicht unbedingt mit den Anhängern verschiedener Religionen gemeinsam, aber wenigstens parallel zu ihnen und nicht gegen sie für eine gute Welt zu arbeiten? Ich hoffe doch.

Bis es soweit ist, gibt es einen kleinen Rat: Macht wenigstens Eure Hausaufgaben, bevor Ihr in den Ring steigt.

Und ich sach noch...

    "Naja, wenigstens spielt Deutschland diesmal nicht in einer K.O.-Begegnung gegen Kroatien, sonst wär da vielleicht schon Schluß."
Aber läßt das Team sich das eine Warnung sein? Nöö, die verzocken mal eben den Gruppensieg.

Super, die Weichen für "Cordoba II" sind also gestellt.

Monday, June 09, 2008

Nerv!

Gerd Lüdemann ist evangelischer Theologe. Gerd Lüdemann bezeichnet sich selbst nicht mehr als Christ, ist aber "aus beruflichen Gründen" ($ € klingel € $) immer noch Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Gerd Lüdemann stürmt in diesen Tagen durch diverse Weblogs. Denn Gerd Lüdemann weiß: " Das Grab des Gekreuzigten war nicht leer."

Schön.

Die Argumentation geht ungefähr so: Paulus schrieb 1 Kor circa 55. Das erste Evangelium (Markus, wie die Gelehrten mittlerweile bestimmt haben) stammt ungefähr aus dem Jahr 70. Paulus zitiert in 1 Kor 15:3-8 eine Bekenntnisformel:
    "Vor allem habe ich euch überliefert, was ich selbst empfangen habe. Christus ist der Schrift gemäß für unsere Sünden gestorben. Er wurde begraben und ist der Schrift gemäß am dritten Tage auferstanden. Er ist dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen, hierauf fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind. Einige davon sind entschlafen. Sodann ist er Jakobus und darauf sämtlichen Aposteln erschienen. Zu allerletzt ist er auch mir erschienen, der ich doch gleichsam eine Mißgeburt war."
Das Erscheinen Jesu war aber nur eine Vision. Jetzt war für den ersten Evangelisten - 15 Jahre nach Verfassung des Korintherbriefes - guter Rat teuer, als es um die Frage ging, wie Christus denn den Leuten erscheinen konnte.
    "Ach, komm, was soll's. Ich schreib einfach, daß das Grab leer war!"
Ergo: Der Auferstehungsglaube wurzelt in einer Vision, nicht in der Entdeckung eines leeren Grabes und schon gar nicht in der Begegnung mit einem wieder zum Leben erstandenen Leichnam.

Ich gestehe, daß ich trotz begonnenem Studium natürlich immer noch ein theologischer Waisenknabe bin. Trotzdem grübele ich halt mal ein wenig herum.

Erstens paßt mir folgender Satz aus dem Lüdemann-Artikel überhaupt nicht:
    "Diese von Paulus zitierte Bekenntnisformel, die in die allererste Zeit der Urkirche hinabreicht, liefert eine wichtige Einsicht: Auslöser des Auferstehungsglaubens war eine Erscheinung, ein "Sichtbar-Werden" Jesu vor Kephas. Das heißt: Kephas hat Jesus in einer Vision gesehen. Eine Vision ist ein Vorgang im menschlichen Geist und Produkt der eigenen Vorstellungskraft, obwohl Visionäre es regelmäßig anders einschätzen. Sie empfangen von außen Bilder, die Vision wirkt auf sie mit der vollen Kraft einer objektiven Tatsache."
Bull! Wenn ein Flugzeug durch die Wolkendecke bricht, wird es vor meinen Augen sichtbar, und mein Verstand sagt "Hey! Guck mal! Flugzeug!". Wenn meine Vorstellungskraft als Produkt ein durch die Wolken brechendes Flugzeug liefert, wird mein Verstand ebenfalls sagen "Flugzeug!" Wieso sollte die Erscheinung Jesu als Auferstandener in die Kategorie "Produkt der Vorstellungskraft" und nicht in die Kategorie "Realität" gehören? Das ist doch nur die Meinung des Autors, die hier ohne weiteren argumentativen Unterbau serviert wird.

Plus: Nur weil nicht sofort alle Welt sich an die Griffel stürzte und das Evangelium von Leben, Leiden, Tod und Auferstehung Christi niederschrieb, muß das noch lange nicht heißen, daß die leibliche Auferstehung nicht stattgefunden hat. Vielleicht ging es den Aposteln und den ersten Christen zuerst einmal um das Verbreiten des Wortes. Mensch, die Jungs und Mädels mußten damals doch praktisch aus dem Häuschen gewesen sein. Da lief doch garantiert 99% der Geschichte auf "Haste schon gehört"-Basis. Angesichts der erwarteten unmittelbaren Parusie war es außerdem sicherlich zielführender, herumzureisen und anweisende und ermunternde Briefe zu schreiben, als Evangelien zu verfassen. Als dann mit Parusie irgendwie doch nichts gebacken war, mußten selbstverständlich die Ereignisse schriftlich festgehalten werden. Kurzer Check bei der mündlichen Tradition: "Wie war das mit der Auferstehung? Wieso konnte Christus den Leuten erscheinen? Ach, klar: Das Grab war leer."

Jetzt sitzt da ein knurriger Theologe herum und ist angefressen, weil nicht irgendjemand so nett war, die leibliche Aufertehung unseres Herrn zu einem gefälligst opportunen Zeitpunkt schriftlich festzuhalten. Doof.

Mußte das Grab leer sein, damit Paulus glaubwürdig erscheint oder erschien Christus dem Petrus, den Zwölfen, 500 Brüdern, Jakobus und Paulus, weil das Grab leer war? Mußte das Grab leer sein, weil man doch sooo sehr auf das Reich Gottes gehofft hatte und nach der Kreuzigung einfach nicht klein beigeben wollte, oder legte Thomas seine Hand in die Wunde, weil das Grab leer war?

"Weißt" du noch, oder glaubst Du schon?

Saturday, June 07, 2008

Halbzeit!

Tach!

So, vier von acht Examen sind erstmal überstanden (Eine 15-Seiten Arbeit für "Die großen Religionen der Welt", eine schriftliche Prüfung in Moraltheologie und zwei mündliche Prüfungen: Die Synoptiker und Eschatologie). Zwar steht noch keine Note fest, aber ich habe alle Arbeiten bestanden (sagt mir zumindest mein Gefühl).

Ergo steht der heutige Samstagnachmittag ganz im Zeichen der hochgelegten Füße und der halbgeschlossenen Augen. Einzig für die treue "am römsten"-Leserschaft mach ich jetzt mal fix ein wenig Energie locker.

Gestern habe ich einen kleinen Erholungsspaziergang durch Trastevere gemacht. Normalerweise habe ich bei solchen Touren immer meine Kamera dabei. Gestern hatte ich sie vergessen und - logo - ich sah eine der bisher abgefahrensten Sachen in Rom: Einen Kerl, der ein kleines Kaninchen an der Leine spazieren führte. Keine Ahnung, was der tiefere Sinn dahinter ist, aber dem hoppelnden Knäuel gefiel es offensichtlich. Es spurtete von Grünstelle zu Grünstelle und fraß sich durch das Grasmenü. Ein ziemlich großer und nicht angeleinter Hund (etwa Dobermann-Größe aber undefinierbar) kam vorbei und ich schnatterte schon in Erwartung des anstehenden Blutbades. Jedoch blickte der Hund nur mal kurz in Richtung Kaninchen und trottete dann weiter. Puh!

Ich ließ mich dann in der Kirche Santa Maria in Trastevere nieder, um in der Sakramentskapelle mal fix ein paar Extra-Gnaden für das nächste Examen einzufahren. Hallöchen, liebe Touris aus Deutschland! Da saß ein ganzes Rudel von Augsburgern herum und ließ sich von einem Tourleiter (der offensichtlich selbst zur Gruppe gehörte, denn er sprach Süddeutsch und redete die Leute mit "Ihr" an) das Bildprogramm der Kapelle erklären. Der gute Mann scheint nur eine "draußen"-Stimme zu besitzen, denn wenn er redete, vibrierten in meiner Hand die Rosenkranzperlen. Macht ja nix, daß etwas entlegene, mit einem Ewigen Licht ausgestattete Kapellen in der Regel für das stille Gebet gedacht sind. Ich lauschte dann ein wenig den Ausführungen des Nebelhorns und war ganz amüsiert, als er ein kleines bißchen Abneigung gegen den Herrn Luther durchblicken ließ. Hähä, da hab ich ihm das Brüllen gleich verziehen.


Sonst noch was? Nö.., ach, doch!

Ihr erinnert Euch vielleicht, daß ich vor längerer Zeit mal über einen anderen Alipius berichtete, nämlich über James Alipius Goold, den ersten Bischof von Melbourne. Damals fand ich irgendwie so gar kein Bildmaterial, welches ihn halbwegs unvernebelt zeigte. Jetzt habe ich neulich im Online-Archiv der "State Library of Victoria" doch tatsächlich zwei prima Photographien gefunden, die ich Euch jetzt mal präsentiere:



Sieht ein bißchen knurrig aus, der Herr Bischof. Dafür hat er aber einen granatenmäßigen Rauchmantel!


Oh, hey! Momentchen mal! In einer Stunde fängt ja die Euro 2008 an! Schweiz - Tschechische Republik, wenn ich mich recht entsinne.

Und morgen dann Deutschland - Polen. Hatten wir doch vor zwei Jahren auch schon. Naja, wenigstens spielt Deutschland diesmal nicht in einer K.O.-Begegnung gegen Kroatien, sonst wär da vielleicht schon Schluß. Am 16. dann die "Das machen wir aber nicht nochmal"-Partie gegen Österreich. Grnfzt. Ich bin ja jetzt Quasi-Österreicher und habe bei Turnieren auch immer ein Herz für die Underdogs. Aber am 16. setzt ich die Schwarz-Rot-Gold-Brille auf (und drück eine gepflegte Weizenkaltschale aus der Heimat weg, denn wir haben hier einen Laden entdeckt, wo's Weißbier gibt).

Okay, genug geschwatzt. Wir sehen uns nächste Woche wieder.

Alles Liebe,
Alipius

P.S.: Rekord! Das ist dar Beitrag mit den bisher meisten Labels auf "am römsten"!

Wednesday, June 04, 2008

Ein kleines Lebenszeichen

Damit Ihr nicht denkt, ich sei mittlerweile unter Bergen von Büchern begraben oder von entsetzten Professoren verhaftet worden, gibt's hier ein fixes "Hallo!".

Josef ist grade in Rom. Heute morgen sind er, Gabriel und ich zum Vatikan spaziert. Da habe ich gleich mal ein Photo gemacht:



Diesen witzigen Drachen-Brunnen auf der Via della Conciliazione mußte ich natürlich auch knipsen:



Naja, zurück an die Arbeit...

Monday, June 02, 2008

Und noch ein schönes Papst-Photo

Tag der Republik

Heute feierten die Italiener den "Tag der Republik". Da ich schwer zu büffeln hatte, ging ich nicht auf die Straße, um mich unter die Feiernden zu mischen. Ich schoß allerdings dieses Photo, kurz nachdem ich gewaltiges Düsenjäger-Brausen gehört hatte:

Hach, diese Italiener! Trotz Chaos, Dreck und "Nicht mein Job"-Attitüde sind mir ja doch irgendwie sympathisch.

Weiterschlafen!

Aus der heutigen Ausgabe des Telegraph (Übersetzung meine):
    Christliche Prediger sehen sich Verhaftung gegenüber.

    Ein Polizist befahl zwei Christlichen Predigern, das Aushändingen von Evangelien-Flugblättern in einer überwiegend von Moslems bewohnten Gegend von Birmingham einzustellen.

    Die Evangelisten sagten sie seien für das Verüben eines "Hate Crimes" mit Arrest bedroht worden. Ihnen wurde gesagt, sie riskierten außerdem, verprügelt zu werden, falls sie zurückkommen sollten. Der Vorfall wird die Befürchtungen verstärken, daß es in Englischen Städten "No-go"-Zonen für Christien gibt, wie der Bischof von Rochester vor kurzem im Telegraph befürchtete.
Dafür gab's von moslemischer Seite natürlich Todesdrohungen (nur um den Begriff "Hate Crimes" ein bißchen ins rechte Licht zu rücken).
    ...

    Die Prediger händigten im Februar Flugblätter in der Alum Rock Road aus, wo sie mit vier Asiatischen Jugendlichen ins Gespräch kamen. Der Polizist unterbrach das Gespräch und befragte die Evangelisten über ihren Glauben. Die Prediger sagten, daß der Officer Tiraden gegen Präsident Bush und die Kriege in Afghanistan und im Irak abfeuerte, als er herausfand, daß beide Männer Amerikaner sind.

    Mr Cunningham - einer der beiden seit vielen Jahren in England lebenden Prediger - sagte: "Ich erklärte ihm, daß dies nichts mit der Botschaft zu tun hat, die wir predigen, doch er wurde agressiv. Er sagte, wir seien in einer moslemischen Gegend und es sei uns nicht gestattet unsere Christliche Nachricht zu verbreiten. Er behauptete, wir würden ein "Hate Crime" begehen, indem wir den Jugendlichen sagen, sie sollen den Islam verlassen. Er sagte auch, daß er uns zur Polizeistation mitnehmen wolle."

    Die Prediger weigerten sich, dem Officer ihre Adressen zu geben, weil sie sein Verhalten als bedrohlich und einschüchternd empfanden. Sie sagen weiterhin, der Polizist habe sie gewarnt, nicht wiederzukommen: "Sie sind gewarnt worden. Wenn sie hierher zurückkommen und verprügelt werden..."

    Die West Midland Police weigerte sich, eine Entschuldigung auszusprechen. Sie sagen, der Vorfall sei untersucht worden und der Officer bekäme nun Training im Verstehen von "Hate Crimes" und Kommunikation.
Das Traurigste an der Geschichte ist, daß man in England offenbar die "No-Go-Zones" mittlerweile als Tatsache hinnimmt und ihnen gegenüber resigniert. Schön ins Bild paßt hier der Verbot von Gülsen Celebis Buch über Ehrenmorde in Deutschland (Offiziell wegen einer zu privaten Passage über eine Vergewaltigung. Mal schauen, ob das Buch nach Überabeitung Freigabe kriegt). Zur momentanen Situation sagt Anwältin Celebi in einem Interview:
    "In Deutschland findet in der türkischen Gemeinschaft eine Re-Islamisierung statt. Das Wort Integration ist bei diesen Menschen nicht angekommen"
Das Erschießen, Erstechen, Erwürgen oder Überfahren der eigenen Tochter oder Schwester erfolgt im Namen der Ehre, und das Verprügeln Ungläubiger geschieht im Namen Gottes. Klar, daß da für das Verteilen von Flugblättern nur der Haß als Motivation bleibt.

Berlinstanbul...

Mohamsterdam...

Birmingistan...

Bitte weiterschlafen, Europa.

Sunday, June 01, 2008

Saturday, May 31, 2008

Rosenkranz mit dem Papst

Heute fand vor dem Petersdom um 20:00 Uhr ein Rosenkranzgebet mit einer anschließenden Marienfeier statt. Ich also nix wie hin. Papst Benedikt XVI war nicht nur anwesend sondern hielt auch eine Ansprache. Hier ein paar Photos:


Das Bild habe ich vom meinem Platz aus geschossen. Ich saß oben, neben diesem grottigen Metallbaldachin...


... in einem Meer von Schwestern und ehrwürdigen Oberinnen. Das war vielleich lebhaft und lustig. Hinter mir saß eine recht betagte und mikroskopisch kleine Schwester. Die beugte sich irgendwann kurz vor Beginn des Gebetes vor und sagte auf Italienisch etwa: "Wenn Ehrwürden sitzen und ich stehe, sehe ich trotzdem nur Ehrwürden's Kopf." Ich drehte mich um und tatsächlich: Sie stand und ich sah ihr direkt in die Augen. Also räumte ich das Feld, was der Schwester und ihren sechs kichernden Gangmitgliedern gar nicht recht war: "Aber wir wollen Ehrwürden doch nicht fortjagen!" Zu spät. Ehrwürden begab sich dann ganz ans Ende der Versammlung (von wo aus ich auch diese Aufnahme machte), denn alle noch freien Plätze befanden sich ebenfalls vor kleinen Damen, die immer ganz verschreckt guckten, wenn ich mich näherte.


Als es dunkler wurde, gab es auf dem Petersplatz ein buntes Kerzenmeer zu bestaunen.


Der gute, alte Petersdom

Friday, May 30, 2008

Heiligstes Herz Jesu


    In Wahrheit ist es würdig und recht, Dir, Allmächtiger Vater, zu danken und Dich mit der ganzen Schöpfung zu loben durch unseren Herrn Jesus Christus. Am Kreuz erhöht, hat er sich für uns dahingegeben aus unendlicher Liebe und alle an sich gezogen. Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles. Durch ihn rühmen Dich Deine Erlösten und singen mit den Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit.
Präfation vom Heiligsten Herzen Jesu

Giovanni Paolo Panini

Er gilt als der bedeutendste römische Vedutista des 18. Jahrhunderts. "Römisch" nicht, weil er dort geboren wurde (* 1691 in Piacenza), sondern weil er ausschließlich in Rom wirkte. Seinen Stadtansichten, besonders den Ruinenlandschaften, hat Panini immer eine gehörige Portion Phantasie beigemischt, so daß die Motive aufgrund einer gewissen Realitätsferne auch als capriccio eingestuft werden können. Andere Künstler taten dies auch, allerdings etwas dezenter. So hat der große Canaletto zum Beispiel auch hin und wieder mal einen Kirchturm im Bildhintergrund auftauchen lassen, der aus der gewählten Perspektive eigentlich außerhalb des Bilderrahmens lag.

Ich mag Panini weniger wegen seiner Veduten, als wegen seiner Darstellungen von Bildergalerien und der Innenansichten des Petersdoms, denn auf diesen Gemälden gibt es so herrlich viel zu sehen. Ich stelle Euch hier mal ein paar Spitzenwerke vor (von denen Ihr wahrscheinlich ohnehin schon einige kennt):

Eine Bildergalerie mit Monumenten des antiken Rom. Ich könnte stundenlang vor einem solchen Gemälde stehen und staunen. Pantheon, Trajanssäule, Kapitol, Kolosseum, Konstantinsbogen, Forum Romanum und so weiter und so fort. Ich weiß, ich kann mir diese Bauten auch in natura anschauen (wa ich natürlich auch schon längst getan habe), aber so geballt auf einen Blick als Bild im Bild: Das hat schon was.


Eine weitere Bildergalerie, hier mit Ansichten des zeitgenössischen Rom. Und hier ebenso: Piazza del Popolo, Petersdom, Piazza Colonna, Fontana di Trevi, Spanische Treppe, Vierströmebrunnen: Alles auf einen Blick, wie in einem Photoalbum (nur, daß man nicht zu blättern braucht). Herrlich!


Eine private Bildergalerie, nämlich die des Kardinals Silvio Valenti Gonzaga. Die Architektur ist weniger akkurat. Die Gemälde, die man sieht, gehörten allerdings in der Tat alle zur Sammlung des Kardinals. Man entdeckt schnell einige alte Bekannte, wie z.B. Rafael, Mantegna oder Velazquez. Bei einer Ausstelllungskritik hat ein Kolumnist der "Nashville Scene" mal flott geurteilt, daß der Kunstverstand des Prälaten in dessen Leibesfülle eine bezeichnende Entsprechung findet. Wörtlich: "Der Kardinal steht inmitten seiner Trophäen, ein korpulenter Mann, der eher von Appetit als von Geschmack erfüllt ist. Das Sammeln von Bildern wird hier zu einem Akt des Exzesses und der Völlerei." Exzessivität kann man dem Kardinal sicherlich nicht absprechen. Allerdings galt er in seiner Zeit als einer der gebildetsten Kirchenfürsten und besaß nicht nur einen großen Appetit sondern auch einen exzellenten Kunstverstand. Nur so zur Ehrenrettung.


Bei Innenansichten dieser Art finde ich die Perspektive immer ganz außerordentlich. Der Standpunkt des Betrachters ist irgendwo außerhalb des Baus. Fotografisch könnte man diese Motiv nicht festhalten, es sei denn, man entfernt die Vorderseite des Petersdoms.


Diese Ansicht gefällt mir noch besser, weil hier viel mehr los ist.

Thursday, May 29, 2008

Schule des Lebens, Schule des Glaubens

Ich werde dieses Jahr 40.
Das liest sich irgendwie nicht mehr so schön, wie eine drei gefolgt von welcher Zahl auch immer. "40"! Das bedeutet weniger Haar, mehr Hüfte, ein Keramikgebiß und ab und zu mal ein kleiner, routinehafter Eingriff.

Andererseits...

"40" bedeutet auch, zu wissen, was ich will, was ich darf und was ich kann. Es bedeutet, daß ich nicht mehr nur lerne, sondern auch gelernt habe und im Idealfall hin und wieder sogar mal lehre. Es bedeutet, daß ich nicht mehr nur träume, sondern auch mache.

Die größten Veränderungen in meinem Leben während der letzten circa 15 Jahre wurden durch meinen Glauben bewirkt. Irgendwann in meinen frühen Zwanzigern wachte der nämlich plötzlich wieder auf. Klar, erst hat er sich mal verwundert die Augen gerieben, die Glieder gestreckt, so ein bißchen hin und her geguckt, ein Stöckchen aufgehoben und mich gepiekt und gewartet, ob sich was regt. Und tatsächlich. Plötzlich ging ich wieder regelmäßig zur Messe. Plötzlich hatte ich mir einen Rosenkranz gekauft. Plötzlich wiesen die Seiten meiner Bibel Gebrauchspuren auf.

Mit dieser Entwicklung einher ging das Erlernen einer gewissen Unabhängigkeit. Ich habe früher viel zu oft Dinge unhinterfragt hingenommen und Anderen nach dem Mund geredet, weil ich dazugehören wollte. Dies galt in hohem Maße auch für die Meinung, die ich mir über die Kirche gebildet hatte. Da war dann erstmal alles Mist, was auch nur ansatzweise nach überlieferter Frömmigkeit, Magisterium, Talar, Dogma oder "Amtskirche" roch. Angesagt war eine jugendlich-naive Dissenz um der Dissenz willen. Wenn die Autoritätsperson es sagt, muß es ja fragwürdig sein. Von der Modernität mal ganz abgesehen: Gehorsam? Tradition? Zölibat? Keine weiblichen Priester? Kein Freifahrschein für jede Form der Sexualität? Zudem eine Kirchengeschichte, die in drei Worten zusammenzufassen war: Hexenverbrennungen, Kreuzzüge, Galileo. Da röchelte mein junges Revoluzzerherz schwer in meiner Brust.

Mein wiederentdeckter Glaube war mir sehr dabei behilflich, mir ein neues Bild von der Kirche zu machen, indem ich zuerst auf Christus schaute und nicht auf die persönlichen Vorlieben und Wünsche meiner Alters- und Glaubensgenossen hörte. Als dann noch mein Interesse an der Kirchengeschichte geweckt wurde und ich feststellete, daß dort in den Reihen der Kritiker häufig schamlos übertrieben oder geflunkert wird (wahrscheinlich nicht einmal aus Bosheit, sondern weil man es halt nicht besser weiß und weil es dem persönlichen Anliegen grade dienlich ist), wußte ich, daß auch hier die eine, große Frage immer zu stellen ist: Wer will wieviel Macht und warum?

Es fiel mir daher nach recht kurzer Zeit sehr einfach, aus ganzem Herzen nicht nur zu meinem Gott, sondern auch zu meiner Kirche "Ja!" zu sagen. Das war für mich ein wichtiger Schritt, denn er brachte eine gewisse Ruhe in mein Leben. Ich hatte plötzlich wieder Zeit und Energie, ein bißchen genauer auf die Zeichen zu achten. So landete ich dann schließlich in Klosterneuburg.

Heute sage ich nicht mehr "2 und 2 ist 4, könnte aber auch 3 sein und im Sinne der Toleranz / Artenvielfalt / Ökumene vielleicht gar 5". Heute sage ich: "Es gibt eine objektive, natürliche, moralische Ordnung und eine absolute Wahrheit". Daher ist es heute für mich natürlich nicht mehr ganz so einfach, mich mit einer mainstream-tauglichen Meinung behaglich im Schoße der Masse einzurichten. Andererseits ist aber auch die langweilige Lauwarmheit weg.

Wednesday, May 28, 2008

Neulich im Schloß

Der Kardinal-Lebemann


Ich weiß auch nicht, warum die zwiespältigen Biographien es mir häufig so angetan haben. Jedenfalls stand und steht Francois Joachim de Pierre Kardinal de Bernis ganz oben auf meiner Liste der historischen Persönlichkeiten, bei denen ich gerne mal Mäuschen gespielt hätte.

Gründe dafür sind die Aufs und Abs in seinem Leben, die unzähligen Anekdoten, die sich um ihn ranken, seine zugleich dreiste und doch irgendwie sympathische Bombasterei als französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl und vor allem auch seine späte aber ehrliche Konversion zu einem Leben in Gottvertrauen und Stille.

Man stelle sich das mal vor: Da wird ein Bub im Jahre 1715 in eine traditionsreiche aber verarmte französische Adelsfamilie hineingeboren und zum geistlichen Stande bestimmt. Als ob das automatisch einen Parade-Priester hervorbringt. Ganz und gar nicht: Für den jungen Francois bedeutete der Titel "Abbé" erst einmal nichts weiter, als das Tragen einer Tonsur und schwarzer Kleidung. Auf der To-Do-Liste des komplett weltich orientierten Herrn standen ganz andere Dinge: Ein Entfliehen aus der für einen Mann seiner Herkunft unwürdigen Mittellosigkeit und das Erlangen eines Namens, der mit der Bedeutung der Familie konform geht. Das Projekt lief eher schleppend an. Zwar wurde De Bernis Mitglied in zwei Domkapiteln und aufgrund seiner schriftstellerischen (besonders dichterischen) Fähigkeiten gar Mitglied der Academie Francaise. Aber die Vita des Abbé kam erst richtig in Fahrt, als er Bekanntschaft mit der künftigen Madame Pompadour machte. Die zwei mischten für einige Jahre den französischen Hof ein wenig auf. Wenn die Folgen der Pompadourerei für Versailles auch verheerend waren, bedeuteten diese Jahre für De Bernis immerhin ein hübsches Einkommen, einer hübsche Pension und endlich den hübschen Posten des Französischen Gesandten in Venedig (1852-1755).

Hier wird der Abbé zum ersten Mal für ein breiteres Publikum erfaßbar: Der "größte Liebhaber aller Zeiten", Giacomo Girolamo Casanova de Seingalt, macht in seiner Biographie ein wenig Platz für De Bernis. Dies so spektakulär, daß der gute Kardinal der Nachwelt zum größten Teil als "der Pfaffe, mit dem Casanova ein Schnittchen teilte" in Erinnerung ist. Keine Ahnung, wie doll der Abbé es damals wirklich trieb. Es scheint, als war sein Interesse an der berühmt-berüchtigten Nonne "M.M." (wie auch später in Rom im Falle der Prinzessin Santa Croce) eher erotischer als sexueller Art. Ob De Bernis nun ein Hansdampf in allen Betten, ein verunsicherter Voyeur oder nur ein händchenhaltender Romantiker war: Ich lasse den ersten Stein mal liegen.

Für die Geschichtsschreibung greifbar wird der Abbé dann wieder in Frankreich. Sein Venedig-Auftritt wurde als ziemlich erfolgreich eingestuft und brachte ihm das Wohlwollen der französischen Krone und des Papstes ein. Hier ist (zumindest für mich, der ich kein Historiker sondern nur plumper Konsument diverser De Bernis-Biographien bin) ertsmals ein Hauch von Konversion spürbar. Wahrscheinlich erkannte der Abbé, daß eine Zukunft im Talar eine nicht uninteressante Option ist. Immerhin empfing er noch vor der Rückkehr nach Frankreich vom venezianischen Patriarchen die Weihe zum Subdiakon.

In Frankreich wartete die Beförderung zum Außenminister (1756), ein Job, der leider alles andere als glücklich verlief: Am Ende des Siebenjährigen Krieges war es De Bernis, dem der geballte Zorn des Hofes galt. Berechtigt ist dies nur zum Teil, denn die Weichen für die neue Politik wurden bereits von seinem Vorgänger gestellt und die französischen Generäle, die im Siebenjährigen Krieg kämpften, waren überwiegend Pompadour-Kreaturen und daher Looser in flotten Uniformen. Da aber der Abbé beim Aufstieg der Pompadour mitspielte, muß er sich schon den ein oder anderen Vorwurf gefallen lassen. Naja, jedenfalls wurde er vom König erst einmal vom Hof in die Abtei Vic-sur-Aisne verbannt. Normalerweise war dies für einen aufstrebenden aristokratischen Court Lizard der soziale Tod. Für De Bernis war es genau die Pause, die er brauchte.

Er schrieb, grübelte, betete, ließ sich zum Diakon und Priester weihen und wurde Vegetarier (aus Gesundheitsgründen). Der Papst war schließlich der Erste, der sich an die Verdienste des Abbé erinnerte. Er machte ihn im Jahre 1758 zum Kardinal. Der französische Hof zog dann auch nach. Der Groll Ludwigs des Fünfzehnten verflog und De Bernis wurde im Jahre 1764 Erzbischof von Albi. Hier bestach er durch ein reges Interesse an den Geschehnissen in seiner Diözese. Ich habe zwar all meine Biogrphien daheim im Stift, aber ich erinnere mich gut an eine englischsprachige Vita, in welcher der Kardinal als eine "scheinbar an allen Orten zugleich auftauchende Feuersäule" beschrieben wird. Auch nutzte er seine Jahre in Albi, um schon mal ein wenig für den Höhepunkt in Rom zu proben: Er motzte die erzbischöfliche Residenz und die dazugehörigen Gärten auf, hielt aber zugleich auch ein Auge auf die Bedürfnisse seiner Schäfchen: Als die Diözese von schweren Unwettern und Überschwemmungen heimgesucht wurde, entleerte De Bernis nicht nur seine Privatschatulle, sondern nahm auch noch Kredit auf, um zu helfen. Sprich: De Bernis erwarb sich einen anständigen Ruf, der ihm sicherlich dabei behilflich war, den Gipfel zu erklimmen: Im Jahr 1769 wurde er zum Französischen Botschafter in Rom ernannt. Mit diesem Titel waren nicht nur Ansehen und Ehren, sondern auch ein beachtlicher Haufen Extra-Kohle verbunden, so daß De Bernis, als er einmal in Rom eingetroffen war, praktisch über Nacht vom wohlhabenden Mann zum Millionär wurde.

Es steht geschrieben, daß der Kardinal in Rom die erstaunlichste diplomatischte Niederlassung der Geschichte aufbaute. Das mag stimmen oder auch nicht. Fest steht, daß er in der Tat weder Kosten noch Mühen scheute, als Botschafter Frankreichs die Liebe zu seinem Land und zu seinem König in allen Aspekten auch äußerlich zum Tragen zu bringen. Auf dem Corso wurde der riesige Palazzo de Carolis bezogen (Bild links; heute Hauptniederlassung der Banca di Roma) und ziemlich erlesen ausgestattet. Ein Heer von Angestellten und Mitarbeitern wurde eingestellt. Das Botschafteramt verbunden mit der Kardinalswürde führte dazu, daß, wenn De Bernis mit seiner Entourage in offizieller Funktion sich vom Palazzo de Carolis zum Vatikan begab, sein Treck von bis zu 14 (vierzehn) Karossen ein Umleiten des Verkehrs in Halb-Rom erforderte.

Unter den Angestellten des Botschafters ist sicherlich der Koch besonders hervorzuheben. De Bernis war ein geselliger Kerl und bewirtete an einem normalen Tag durchschnittlich 20 Gäste an der Abendtafel. Daß diese Gäste mehr wollten als Curry-Combi und Pommes-Schranke, ist klar. Und sie bekamen mehr. Noch in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, fünf Jahrzehnte nach dem Tod des Botschafters, wurde von seiner Küche mit ehrfürchtigem Ton gesprochen, so als umwehte sie ein Hauch von Heiligkeit. Das Nobel-Futter war nicht nur Selbstzweck. Immerhin trug der Botschafter mit seiner Tafelrunde seinen Teil dazu bei, daß die europäischen Mächte sich in Form ihrer Gesandten im Palazzo de Carolis zwanglos begegnen konnten und somit eine gewisse Harmonie aufrecht erhielten.

Es gibt eine nette Anekdote über den Koch des Kardinals: Dieser wurde eines Tages beauftragt, einen besonderen Fisch (habe leider vergessen, welchen) in größtmöglicher Ausführung zu kaufen. Er fand das Gewünschte auf einem Markt und wollte schon zulangen, als der Koch des spanischen Botschafters auftauchte und ebenfalls Interesse bekundete. Nach einem kurzen "Ich bin der Koch des Botschafters von Frankreich!" - "Und wenn schon! Ich bin der Koch des Botschafters von Spanien!" folgte reges Feilschen, welches ein Ende fand, als der spanische Koch eingestand, er müsse erst die Erlaubnis seines Herrn einholen, bevor er so viel Geld für einen Fisch ausgibt. Er trottete davon und De Bernis' Koch - an kein Limit gebunden - schlug zu. Die Menge der Schaulustigen, die sich mittlerweile angesammelt hatte, ließ darauf den französischen Botschafter spontan hochleben.

Und nicht nur im Palazzo wurde dick aufgetragen: Wenn es galt, ein Ereigniss wie z. B. die Geburt des Dauphin zu feiern, verwandelte De Bernis seine Kirche San Luigi dei Francesi (Bild) in ein Opernhaus voll von überdrehter Barock-Dekoration. Daneben war der Kardinal aber auch großzügig und spendabel, sei es im Großen (er finanzierte jährlich die Hochzeiten von Dutzenden von Waisenkindern) oder im Kleinen, wie diese Anekdote zeigt: Zum Inner Circle des Kardinals gehörte ein alter und einfacher französischer Abbé. Dieser Mann hatte im Laufe der Jahre eine gewisse Zuneigung zu De Bernis entwickelt, konnte aber die Gegenwart des Kardinals nie richtig genießen, da er aufgrund seiner sozialen Stellung bei Tisch immer viel zu weit vom Hausherrn entfernt saß. Eines Tages wurde De Bernis auf diese Problematik aufmerksam gemacht. Bevor man sich zum Speisen niederließ ging er zum Abbé und sagte etwa: "Ich kann Euch heute bei Tisch sicherlich nicht oft in die Augen schauen oder Eure Anwesenheit geziemend würdigen. Wenn ihr aber seht, daß ich meinen Finger auf diese Art an meinen Nasenflügel lege, dann wißt Ihr, daß ich in diesem Moment an Euch denke." Geigenklang und Vogelgezwitscher, aber so steht es geschrieben und - wie die Italiener sagen: "Se non e vero, e ben trovato!"

Ein Kardinal im Rom des 18. Jahrhunderts war quasi gesetzlich verpflichtet, eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft zu pflegen und so für Klatsch und Tratsch zu sorgen. Tat er dies nicht, so sorgte er für umso mehr mehr Klatsch und Tratsch. De Bernis' Erwählte war die Prinzessin Santa Croce. Auch hier gibt es eine wilde und in neueren Publikation nicht mehr überlieferte Legende: Während der Papstwahl im Jahre 1775 war De Bernis der von den Bourbonischen Mächten auserkorene "Papstmacher". Erstens hatte er diese Rolle bereits 1769 gut ausgefüllt und zweitens hielt man ihn für unjesuitisch genug. Der Kardinal selbst hatte aber so gar keine Lust auf Kirchen- oder Europapolitik, schmachtete er doch gleich nach dem Betreten des Konklave nach seiner Prinzessin. Da seine Box am Ende einer der Reihen stand, ließ er kurzerhand ein Loch in eine Seite brechen und mit Tuch verhängen, so daß er nach Lust und Laune kommen und gehen konnte. Zwar wußte bald Jedermann und seine Mama vom Hintertürchen ins Paradies, offenen Widerspruch gab es aber wegen der Wichtigkeit des Französischen Botschafters nicht. Naja...

Jedenfalls lebte der Kardinal lange genug, um die Folgen der französischen Revolution selbst in Rom zu spüren. In der englischen Biographie gibt es einen netten Absatz. Beschrieben wird eine fiktive Situation, in welcher De Bernis im Jahr 1789 in seiner Kutsche durch Rom rollt. Eine gepuderte Perücke auf dem Haupt, sich aus einer juwelenbesetzten Schnupftabakdose bedienend, schaut er aus dem Fenster und sieht einen jungen Kerl mit langen Hosen und noch längerem braunen Haar. Und er weiß, daß dieser Mann auf eine Zukunft hindeutet, die er, der Kardinal, nicht verstehen wird.

Und - klar genug - so kam es dann auch: Da er Aristokrat und Prälat war und darüberhinaus sich im Ausland aufhielt, wurde er als Emigrant eingestuft, was dazu führte, daß sein Besitz in Frankreich geplündert, verschleudert oder zerstört wurde. De Bernis nahm es mit Schulterzucken und anständigem Humor. Dazu wollten die neuen Machthaber in Frankreich, wenn überhaupt, so sicherlich keinen Kardinal als Gesandten im Rom, so daß De Bernis nicht nur auf seine Einkünfte aus seiner Diözese und seiner Abtei sondern auch auf sein Botschafter-Gehalt verzichten mußte. So stieg er dann im Jahre 1791 den Hügel wieder hinab und sank von Überfluß in Mittellosigkeit (denn der Kardinalstitel alleine brachte schon damals nichts ein). Immerhin machte der spanische Hof eine Rente locker, so daß De Bernis nicht das gesamte Mobiliar des Palazzo de Carolis verkaufen mußte. Der schwächelnde Kirchenfürst gewährte den aus Frankreich geflohenen Tanten des Königs Unterschlupf in seinem Haus. Als dann im Jahre 1793 König Ludwig XVI ermordet wurde und der Kult der Vernunft den Katholizismus in Frankreich praktisch auslöschte, wußte De Bernis, daß die Welt, die er kannte und liebte, nicht mehr existierte. Da sah wohl auch der Kardinal nicht ein, warum er sich noch krampfhaft ans Leben klammern sollte. Noch grade rechtzeitig gedachte er der "Vanitas vanitatis" und verbrachte sein letztes Jahr in einem nun leeren, stillen und dunklen Palast damit, sich ernsthaft und fromm auf das Ende vorzubereiten. Er verstarb am 3. November 1794.

Tuesday, May 27, 2008

Ohne Ende...

Armer Bischof Schwarz!

Vor drei Tagen hab ich mich ja ein wenig über die tobenden Laien in der Diözese Linz amüsiert. Da die Erfahrung lehrt, daß dort, wo einmal die Aufmerksamkeit der Medien geweckt ist und man sich im Glanz der TV-Beleuchtungstechnik sonnen kann, die Wellen sich nicht so schnell legen, bin ich ein wenig am Ball geblieben und habe die Geschichte weiter verfolgt.

Noch am Tag meines ersten Beitrags fand ich auf kath.net einen Artikel über einen gewaltigen Ausrutscher: Die sogenannten Jugend-Katechesen, die der Linzer Bischof alle zwei Monate in der Krypta des Domes gibt, werden nämlich von den Rabatzlern der Katholischen Jugend organisiert. Nun hatten einige Linzer Jungendliche angekündigt, sie wollten sich bei der Katechese am 24. Mai mit ihrem Bischof solidarisch zeigen und sein Anliegen um die Treue zu Rom, zur Weltkirche und zur kirchlichen Lehre unterstützen.

Das geht natürlich nicht. Die KJ setzte ein Schreiben (Abbildung links, zum Vergrößern klicken) auf, in welchem man sich "vehement gegen die Instrumentalisierung und die Vereinnahmung zu Kundgebungszwecken" wehrte. Für sowas gibt's schließlich Bischofshöfe. Wie man lesen kann, widersetzt sich die KJ nicht nur klar den Anordnungen des eigenen Bischofs, sondern ist obendrein auch noch frech genug, dem Oberhirten indirekt Sabotage vorzuwerfen und die Forderungen des Kirchenvolksbegehrens als "aktueller denn je" zu bezeichnen. Kinders! Aktuell ist ein Stummfilm!

Ober-Knüller: Das Schreiben trägt die Überschrift "Wir können unmöglich schweigen (Apg 4,20)". "Können" schon, "wollen" aber nicht. Im Geiste wird Bischof Schwarz der KJ aber sicherlich schon mit dem vorangehenden Vers 19 geantwortet haben:"Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst."

Heute dann das Sahnehäubchen, ebenfalls auf kath.net zu lesen: Die Stimmung wird von Seiten der Laien weiter angeheizt, indem man zum täglichen Glockenläuten gegen den Bischof aufruft. Schluchz. Das ist ja alles so schön einfach. Wenn ein katholischer Bischof seiner Lehre (und sicherlich auch seinem Gewissen) folgt und deswegen nicht stramm auf Linie ist, dann wird halt die mediale Brechstange ausgepackt. Super, liebe "katholische" Jugend. Wie heißt es doch in dem Protestschreiben? "Es geht uns als kj oö darum, im Dialog zu bleiben..." Dialog? Ich würde so gerne ans Scham- oder Ehrgefühl appelieren...

Stattdessen etwas zur Erbauung: Dieses nicht grade unelegante Photo von Bischof Ludwig Schwarz, der mir alleine schon wegen dieses Absatzkicks sympathischer ist, als all die "Wir wären so gerne Kirche"-Hippies zusammen:

Der brave Herr Alipius...

... muß in den nächsten drei Wochen gar fleißig studieren. Sieben Examen stehen an und da muß die Nase halt hin und wieder auch mal in die Bücher. Deswegen wird es auf "am römsten" - wie immer zur Examenszeit - vielleicht ein wenig ruhiger zugehen. Wir werden sehen...

Monday, May 26, 2008

Glückwunsch nach Heiligenkreuz!

Die Zisterzienser des Stiftes Heiligenkreuz im Wienerwald haben es doch tatsächlich geschafft: Nachdem sie den von Universal Records ausgerufenen Choral-Wettbewerb gewonnen haben, ist ihr Debüt-Album "Chant - Music for Paradise" nun auf Platz 9 in den Britischen Albumcharts eingestiegen.

Biretta ab, liebe Heiligenkreuzer!

Wie jetzt?

Jedesmal, wenn ich von der Marssonde lese, taucht der Begriff "Leben" auf.

Warum ist das Leben auf anderen Planten so fesselnd, wenn wir hier auf der Erde nicht genug von den diversen Möglichkeiten bekommen, das Leben zu beenden (vorzeitig oder auch nicht)?

Das kürzeste Rochett


Engelbert Kardinal Sterckx (1792-1867), Erzbischof von Mecheln.

Saturday, May 24, 2008

Hüben und Drüben

Dieser Artikel ist leider in englischer Sprache geschrieben. Ich übersetze mal schnell und dreckig die wichtigsten Punkte:
    Burkes Bemühungen führen zum zahlreichsten Priesterjahrgang seit Jahrzehnten

    Ein- oder zweimal im Jahr schaut jeder Student des Kenrick-Glennon-Seminars in Erzbischof Burkes Residenz vorbei und geht dann von dort mit dem Bischof über die Lindell Avenue zum Forest Park...

    Die Spaziergänge bieten den jungen Männern die Gelegenheit für vertrauliche Gespräche, in deren Verlauf sie auch die persönliche, menschliche Seite von Burke kennenlernen.

    Kenrick-Mitarbeiter organisieren die Spaziergänge, indem sie Zeitpläne aushängen, in welche die Studenten sich eintragen können. Der Andrang ist groß. "Es ist so, als ob du Futter in einen Fischteich wirfst" sagt Seminarist Edward Nemeth, 26. "Die Jungs stolpern förmlich übereinander, um ihren Namen auf die Liste zu kriegen."

    Am Samstag wird Nemeth mit acht anderen Seminaristen zum Priester geweiht. Es ist die zahlenmäßig größte Priesterweihe in der Erzdiözese St. Louis seit 25 Jahren.

    Erzbischof Burke wird angerechnet, daß er Probleme, die junge Männer vom Verfolgen ihrer Berufung abhalten könnten, offen anspricht. Er ist in der Priester-Rekrutierung aktiv und kennt die Seminaristen - ihre Namen, ihre Lebensgeschichten, ihre Freuden und Ängste. Er besucht auch häufig das Seminar und schaut hin und wieder überraschend zum Mittagstisch vorbei. "Er ist das Zentrum und die Quelle dieser ganzen Sache," Sagt Rev. Michael Butler, der Berufungsdirektor der Erzdiözese.

    Das Kenrick-Glennon-Seminar peilt im nächsten Jahr 120 Seminaristen an. Dies wären doppelt soviele Stundenten wie noch vor einem Jahrzehnt.

    Offiziell schreibt die Erzdiözese den Erfolg einer höheren Macht zu. Immer mehr Männer vernehmen wieder den Ruf und folgen ihm. Aber Erzbischof Burke leistete eifrige Hilfe, indem er die Berufingsfrage zur Priorität machte, als er 2004 in St. Louis eintraf. Aber es ist nicht nur Burkes direktes Eingreifen, welches als Grund für den Erfolg genannt wird. Auch die Tatsache, daß er konservativ ist, spricht junge Seminaristen an. Da junge Männer, die heute einer Beufung folgen, in der Regel konservativer sind als ihre Altersgenossen, können sie mit dem Erzbischof leicht eine Verbindung herstellen. Die Seminaristen reden offen darüber, daß sie Burke als ihren spirituellen Vater betrachten und begrüßen die traditionsbewußte Atmosphäre, die der Erzbischof in der Diözese und im Seminar bevorzugt. So ist Burke zum Beispiel einer der großen Unterstützer der tridentinischen Messe, die seit vergangenem Jahr jeden Freitag im Seminar zelebriert wird. Auch wird bei Morgen- und Abendgebet nun auf formellere Kleidung geachtet. Burke sagt, daß solche "kleinen Dinge" hilfreich sind, um eine "starke Identität bei den Seminaristen zu kreieren."

    Der Erzbischof spielt aber die Vorstellung, er sei die Hauptattraktion, herunter: "Ich bin nicht losgegangen und habe nach traditionsverbundeneren Männern gesucht. Die kommen von alleine. Wenn mir die Jungs sagen, daß sie meiner Führung vertrauen, sage ich ihnen, daß sie hierherkommen sollen, weil sie der Erzdiözese dienen wollen, nicht mir."

    Edward Nemeth erinnert sich, daß Burke, als er nach St. Louis kam, versprach, das Seminar zum Herzstück der Diözese zu machen. Nemeth glaubt, daß Burke dieses Versprechen eingehalten hat und dadurch für die Seminaristen "wie ein Vater" ist. Für Nemeth war das erste Jahr im Seminar das schwierigste, da 2002 die Mißbrauchs-Affäre hohe Wellen schlug. "Ich war so wütend auf die Priester. Egal wo ich hinging, ich fühlte mich immer wie unter einem Mikroskop: 'Ist das vielleicht einer von denen?'" Nemeth sagt, daß die Art und Weise wie Erzbischof Burke in den folgenden Jahren mit Kontroversen fertig wurde, ihm Kraft gab. "Er steht für die Wahrheit ein, auch wenn er weiß, daß es nicht leicht wird und wir wissen, daß er uns unterstützen wird, wenn wir dies eines Tages tun müssen."
Soviel aus den USA.

Jetzt ab nach Österreich.

Dort hatte Bischof Schwarz wenige Tage nach dem Papstbesuch ein Schreiben verfaßt, welches die in der Diözese offenbar weit verbreitete Praxis der Laienpredigten während der Eucharistiefeier untersagt, bzw. welches an das Verbot der Laienpredigten während der Eucharistiefeier erinnert, denn es ist nicht so, als seien diese Predigten je gestattet gewesen. Nun wurde kürzlich in Linz auch noch die Laientaufe unterbunden. Die Reaktionen auf beide Verbote sind einigermaßen grotesk: Da zettelten etwas 100 Studenten der Linzer Theologischen Hochschule eine Demo gegen die Anordnungen ihres Bischof an. Offenbar wird in Linz gelehrt, daß Laienpredigt ein unveräußerliches Recht ist und daß die Laientaufe auch gespendet werden kann, wenn kein schwerwiegender Ausnahmefall vorliegt. Die Demo - die gleich mal mit gedachtem Diademgriff zum Schweigemarsch aufgebläht wurde - hatte als Ziel den Bischofshof. Bischof Schwarz wollte kein kompletter Spielverderber sein, so empfing er dann erst einmal mit einigermaßen gefaßtem Lächeln die Aktivisten (und natürlich rudelweise Presse). Ein Vertreter der bunten Schar überreichte dem Bischof dann erst einmal ein Schreiben, welches "unsere Sorgen und Anliegen" enthielt. Es folgte eine Einladug an den Oberhirten "nicht nur als unser Bischof, sondern auch als unser Bruder im Glauben mit uns gemeinsam für einen fruchtbaren Weg in unserer Diözese zu beten"...

Ein von der kirchlichen Lehre abweichender Theologiestudent lädt einen Bischof als "Bruder im Glauben" zum Gebet? Spätestens hier galt Bischof Schwarz meine ganze Bewunderung. Es macht scheinbar eben doch einen Unterschied, ob man die christliche Botschaft und die kirchliche Lehre ganz vertritt (und somit dem Rotzlöffel nicht mal eben eine Breitseite verpaßt, die sich gewaschen hat), oder ob man sich die Rosinen aus Bibel, Katechismus und CIC rauspickt und den Rest dann selbstgerecht als "verknöcherte Strukturen" oder "unzeitgemäße Formen" zu verkaufen versucht.

Naja, das gemeinsame Gebet gestaltete sich dann gar absonderlich: Zuerst wurde einmal woodstock-gerecht ein Tuch auf dem Boden ausgebreitet und darauf eine Kerze plaziert. Dann folgten die Fürbitten. Ich schalte hier mal einen Link, da es erstens nicht zu beschreiben ist und da es zweitens eh keiner glaubt, der es nicht gesehen hat: "Dazu segne uns Gott, unser Vater und unsere Mutter..."

Bischof Schwarz blieb glücklicherweise locker, schob den Protestlern 30 Sekunden Kurzkatechese rein ("... im Interesse unserer gemeinsamen Mutter Kirche, der wir alle angehören seit der Taufe, und wo wir eben unseren Beitrag leisten wollen für einen guten Fortgang, für die Ausbreitung des Reiches Gottes und für ein Leben aus dem Geist des Evangeliums...") und ließ einen Haufen konsternierter und "das gibt's doch nicht"-ender (vor allem) Damen zurück, von denen einige wohl schon gehofft hatten, als gültig geweihte Priesterinnen der katholischen Kirche den Heimweg anzutreten.

Sorry, liebe Studis, aber so macht man keine Kirche, auch wenn man der festen Meinung ist Kirche zu sein.

Zwischentöne

Der Spiegel veröffentlichte in Ausgabe 19/2008 einen Bericht über Kardinal Meisner.

Sieben Wochen zuvor gab es einen Artikel über ein christliches Begegnungszentrum, welches die Katholische Kirche in der Türkei - am Geburtsort des Heiligen Paulus - errichten möchte.

Aus dem "Begegnungszentrum"-Artikel:
    "Für den Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke etwa wäre der Bau in Tarsus 'ein überaus wichtiges Symbol'. Jaschke, in der Deutschen Bischofskonferenz für den interreligiösen Dialog zuständig, will natürlich keinen simplen Handel Kirche gegen Moschee. Aber dann fügt er listig hinzu: 'Es würde sehr der Akzeptanz der Türken in Deutschland dienen, wenn auch in der Türkei ein Zeichen der Akzeptanz der Christen entstünde'.
Seit wann ist gesunder Menschenverstand 'listig'? Und wenn Jaschkes Äußerung schon als listig gilt, wie sollen wir denn dann die Einflußnahme einer radikal-islamischen Organisation wie Hisb ut-Tahrir in deutschen Moscheen nennen? Ich hoffe, der Spielgel sieht hier des Bischofs Listigkeit als eine positive Eigenschaft, die einem schamlosen und hinterlistigen Ausnutzen westlichem Großmutes durch brettharte "Demokratie, nein danke!"-Moslems gegenübersteht. Immerhin betreibt der Artikel im weiteren Verlauf dann keine Augenwischerei, was die Toleranz in der Türkei betrifft:
    "Obwohl die Zahl der Christen erheblich dezimiert wurde, wird von islamistischen und nationalistischen Kräften eine vollkommen überzogene Furcht vor 'christlicher Mission' geschürt. Sowohl der türkische Geheimdienst wie auch die Armee und die Sicherheitskräfte der Polizei verbreiten Horrornachrichten über die Christen in der Türkei. So veröffentlichten die Streitkräfte einen Bericht mit dem Titel 'Missionarische Aktivitäten in unserem Land und in der Welt', in dem vor der 'Gefahr von Konvertiten' gewarnt wurde. Gouverneure, Sicherheitschefs und Bildungsdirektoren der Provinzen wurden aufgerufen, gemeinsam gegen 'missionierende Christen' vorzugehen."
Uuuuuhhh! Die Angst geht um! Die seit 1920 im Bevölkerungsanteil der Türkei auf wundersame Art von 20% auf 0,1% zusammengeschrumpften Christen wollen missionieren! Was für'n Glück, daß wir in Deutschland bereits 3000 Moscheen haben, in denen schon dafür gesorgt wird, daß dem Kreuzfahrerpack bald die Falschheit seiner Wege vor Augen gehalten wird.


Aus dem Bericht über Kardinal Meisner:
    "Im Fall des Kölner Erzbischofs hat sich der Dämon Mühe gegeben, als wollte er des Teufels Kardinal kreieren. Kaum einem anderen Kirchenmann entschlüpfen so viele Fehlleistungen. Homosexualität sei etwas, was man 'ausschwitzen' müsse, sagte er einmal. Man darf ihm glauben, dabei nicht an die Lager gedacht zu haben. Das macht es nicht besser."
Orthographische Feinheiten und berechtigten Horror einmal außen vor lassend, bin ich nur bedingt der Meinung, daß es das nicht besser macht. Denn immerhin wird hier - im Sinne eines älteren "am-römsten"-Artikels - geoffenbart, wo das eifernde Bewahren-Wollen auch stattfindet: Der Spiegel sagt selbst, daß man dem Kardinal glauben darf, hier nicht an die Lager gedacht zu haben. Also müssen es die Zuhörer gewesen sein, die die Konnotation hineinbrachten. Wessen Verstand ist demnach mehr von vorgefertigten Konzepten blockiert? Wessen Flexibilität ist demnach stärker durch das Festklammern an überlieferte "Unwort"-Urteile gehemmt?

Oberflächlich betrachtet könnten einem diese Fragen schnuppe sein, sind wir Deutschen doch tatsächlich dazu verpflichtet, ein gewisses Fingerspitezngefühl zu demonstrieren. Wenn dann aber der Spiegel-Artikel über den Kardinal mit dem Satz
    "Für die liberale Öffentlichkeit ist er ein Feindbild."
beginnt, lohnt sich weiteres Nachdenken. Wird beim "ausschwitzen" nicht, wie so oft, einfach nur auf Knopfdruck reagiert? Und wenn Meisner der Buhmann sein soll, dem man Naivität im Umgang mit der Sprache unterstellen will, sollte dann die "liberale Öffentlichkeit" nicht zumindest den ehrbaren Versuch starten, nicht selbst in die Falle der Naivität gegenüber dem gesprochenen Wort zu tappen? Ich bin mir sicher, daß Meisners Homosexualität-Urteil für viele Menschen auch ohne den Pseudo-Nazi-Beigeschmack bedenklich genug ist. Da ist es für mich entweder eine Frage der Intelligenz oder der Fairness, ob man die "Fascho"-Keule auspackt oder steckenläßt.

Wenn Ihr Euch jetzt fraget, was die beiden Artikel eigentlich miteinander zu tun haben:
    "Meisner setzt sich für den Bau einer Kölner Moschee ein. Kein deutscher Bischof hat mehr für die deutsch-polnische Aussöhnung getan."
Manchmal glaube ich, daß Etiketten wie "konservativ" oder "liberal" durch weniger verallgemeinernde Bewertungen ersetzt werden sollten. Meisner ist sicherlich nicht immer auf der Höhe der Diplomatie oder der Geschicklichkeit. Aber wer ihn deswegen pauschal verdammt, enthüllt doch nur genau den Mangel an Eigenständigkeit und Flexibilität, der eigentlich uns mittelalterlichen Pfaffen vorbehalten sein sollte.