Friday, September 28, 2007

Ja, warum denn eigentlich...?

"Warum die Kirche nervt!" heißt es auf der Titelseite der neuen Ausgabe der Zeit.

"Warum wir finden, daß die Kirche nervt!" oder "Nervt die Kirche? Und wenn ja, warum?" als Alternativ-Überschriften? Bloß nicht! Dogma und Fundamentalismus gibt's ja glücklicherweise ohnehin nur da, wo wir diese zu finden glauben.

Versöhnlich dagegen, daß es "Die Kirche" heißt. Zwar wird im Artikel zweimal auf die leicht angefressene Befindlichkeit der Protestanten verwiesen, denen ja unlängst das sogenannte "Kirchesein" im engsten Sinne abgesprochen wurde, aber offenbar wissen auch die Leute bei der Zeit, welche Institution gemeint ist, wenn von DER Kirche die Rede ist.

Drei Antworten auf das "Warum" (ein Schelm, wer hier an "Dodgeball" denkt) bietet der Artikel an. "Einen guten, einen tragischen und einen furchtbar traurigen", wie es im O-Ton heißt. "Furchbar" traurig? Naja, wir wollen doch, daß auch die "Würde bitte für eine Sekunde vielleicht irgendjemand auch mal an die Kinder denken"-Fraktion weiterliest.

Furchtbar traurig sind die konservativen Bischöfe, die "den Glauben in Verruf" bringen. Hier werden die drei unangenehmen M's, Gerhard Ludwig "Sexskandal" Müller, Walter "Gebärmaschinen" Mixa und Joachim "entartete Kultur" Kardinal Meißner genannt.

Letzterer hat ja mit seinem gewaltigen Tritt ins Fettnäpfchen immerhin das typische und obligatorische Schubladendenken des moralisch leicht entflammbaren Teils der Öffentlichkeit bloßgelegt: "Hmmm... Entartet..., entartet..., entartet... Ah, da steht's! Mal die Schublade aufmachen und reinschauen. Oha! Eine "To do List"...
    1.) Betroffen gucken
    2.) Entrüstet mit dem Fuß stampfen
    3.) Mahnend an die Vergangenheit erinnern
    4.) Sich freuen, daß man zu den Guten gehört
    5.) Die Diskussion vom eigentlichen Punkt wegleiten auf den bösen Buben

    Achtung: Unbedingt alles vermeiden, was einer zu einer Rückeroberung des Begriffs für den allgemeinen Sprachgebrauch führen könnte. Diesen Schatz dürfen wir uns nicht nehmen lassen!
Bischof Mixa musste sich von der "Maria Schell der Sozialdemokratie" (ebenfalls aus der "Zeit") mit einem kastrierten Kater vergleichen lassen. Kurt Beck wollte mit diesem Witzchen aber nur um Verständnis für den Bischof werben. Ja, genau...

Bischof Müller, der Louis XIV des deutschen Episkopats, steht im Mittelpunkt der Zeit-Kritik, dies mit Recht. Wer überwuchernde Laienaktivität beschneidet und goscherte Priester und Theologen in die Schranken weist, muß dann halt auch beim Umgang mit in ihrem Sexualverhalten gestörten Geistlichen Klugheit und Umsicht beweisen und hart durchgreifen, sonst ist die Mitra mehr als fehl am Platze.

Der Artikel leidet insgesamt am mittlerweile gesellschaftsfähig gewordenen und seit langem sich mit rasender Geschwindigkeit verbreitenden emotionalen Overkill ("furchtbar traurig"). Der Verstand, so weiß man aus der Logik, arbeitet mit Universalen. Wenn eine "fröhliche ältere Dame" den Kardinal Meißner nicht mehr will, weil er Fuchsaugen habe, so ist dies ein auf Gefühlen basierender singulärer Eindruck, der nicht wirklich etwas zur Suche nach dem Prinzip "Bischof" beiträgt. Auch ein im Nebenzimmer wimmernder Säugling während eines Besuchs von Bischöfen in den Räumlichkeiten eines Aids-Projektes in Mfuleni mag die Herzen höher schlagen lassen, ändert aber nichts an der Tatsache, daß das HI-Virus primär durch Geschlechtsverkehr und erst sekundär durch die Abwesenheit eines Gummihäutchens übertragen wird. Naja und dann halt jede Menge "Amtskälte", "Menschenferne", "Mitschuld", "Bischof Müller könnte mit den Mullahs an einem Tisch sitzen", "Die Kluft zwischen Gläubigen und der Amtskirche verschwindet erst, wenn man an die Basis geht..." etc.

Es gibt also drei Beispiele für Bischöfe, die nicht so wollen, wie sie (nach wessen Meinung auch immer) sollen. Von diesen drei Herren kann man streng genommen nur Müller einen echten Vorwurf machen, weil nur er das Prinzip der bischöflichen Amtsführung scheinbar voll in die falsche Kehle bekommen hat. Dann nervt aber gleich die ganze Kirche. Komisch, hier werden Universale dann plötzlich wieder interessant. Das finde ich ein bißchen zu einfach und auch ein bißchen bigott.

Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der die Menschen immer öfter "Gott" sagen, aber immer seltener 'Gott' denken. Gott kann nur EINER sein, dies liegt in der Natur eines allmächtigen, perfekten Wesens. Wegen seiner Perfektion, also der Abwesenheit jeglicher negativen Indikationen, kann Gott auch nicht lügen, daher ist erstens die Trinität - wenn sie vielleicht auch schwer verständlich ist - ebenso leicht zu glauben, wie die Auferstehung Christi, und daher ist zweitens für einen gläubigen Christen jede auf Christus folgende "göttliche Offenbarung" abzulehnen, dies allerdings nicht mit Gewalt, denn so hat unser Herr auch keine Anhänger gewonnen. Die Kirche kann ebenfalls nur EINE sein, denn sonst gibt es ihrer irgendwann so viele, wie da Menschen sind. Man vergleiche nur die Anzahl der lutherischen / anglikanischen / /zwinglianischen / calvinistischen / puritanischen / amischen / methodistischen / baptistischen etc. Glaubensgemeinschaften mit der einen, heiligen, katholischen, apostolischen Kirche, die ja übrigens auch auf einem Felsen und nicht auf mehreren errichtet wurde. Tja und dann muß man halt als gläubiger Christ in den sauren Apfel beißen und der Katholischen Kirche erstens beitreten und zweitens mit dem Wohlwollen begegnen, welches sie zum Überleben braucht. Böse Bischöfe sollten wirklich nicht interessanter sein und mehr wiegen als das Gute in der Kirche, das Wohl derselben und auch das eigene Seelenheil.

In Zeiten, in denen Europa zu Erbsen zerfällt, sich an der eigenen Christus- und Kirchenlosigkeit zu er-"götzen" beginnt und sich im Taumel der Vorfreude über die eigene Kapitulation hemmungslos an seiner Zukunft vergeht, erscheint ein Fokus auf die "nervigen" Aspekte der größten und ältesten Institution unseres Kontinents nicht wirklich hilfreich. Sicher, die Fehler und Vergehen der Bischöfe sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber wir sollten auch nicht vergessen, daß wir seit fast zweitausend Jahren mit den Launen solcher "Kirchenfürsten" leben. Und trotzdem gibt's uns immer noch. Wahrscheinlich hauptsächlich wegen der Leute, die sagen "Du bist mein Herr und dies ist Deine Kirche. Ich danke Dir, daß Du sie uns als Deinen mystischen Leib hinterlassen hast, und ich will ihr treu bleiben" und nicht "Du bist mein Papst / Bischof /Pfarrer und Du bist
    gegen Frauenordination
    für den Zölibat
    gegen Clownnasenmessen
    gegen die Homo-Ehe
    konservativ
    selbstherrlich
    versoffen
    blöde
    sonstwas
    (Zutreffendes bitte ankreuzen)
darum mag ich Dich jetzt nicht mehr und die Kirche auch nicht."


So hat man also einen Gott und einen Weg zu ihm. Steht nicht da und meckert über die Schlaglöcher. Ihr seid doch schlau genug, sie zu sehen. Also umgeht sie, warnt die nach Euch kommenden und marschiert weiter Richtung Heil. Die perfekte Straße gibt es ebenso wie die vollendete Kirche ohnehin erst im Jenseits.

2 comments:

Anonymous said...

Der arme Mann heißt Meisner ;-).

Alipius said...

Urgh!

Ich weiß...
Aber den Fehler mache ich seit Jahren, werd's mir wohl auch nicht mehr abgewöhnen können ;-)

Sorry!