Thursday, March 22, 2007

Die Pius-Frage

Das Mindszenty-Debakel machte den von den Kommunisten verfolgten Kardinal in Europa zum Helden. Das hatten die Sowjets sich natürlich ganz anders vorgestellt. Daher gingen sie beim nächsten Schritt dann ein wenig geschickter vor und warteten, bis das auserkorene Opfer - Papst Pius XII - gestorben war. Denn: "Tote können sich nicht wehren!" So lautet ein KGB-Zitat, welches ich immer lese, wenn Ion Mihai Pacepa, Kopf des rumänischen Gehimdienstes bis zu seiner Flucht 1978, über die Entstehung von Hochhuths "Stellvertreter" berichtet. Ein schauriges, ganz und gar nicht unglaubwürdiges Drama über Täuschung, Haß und Rufmord. Links zu Artikeln über diese umstrittene Geburtsgeschichte gibt es viele, daher verweise ich jetzt nicht von hier nach da, sondern empfehle den Interessierten, einfach mal "Pacepa", "Seat 12", "Pius XII", "Stellvertreter" und/oder "Hochhuth" in beliebiger Kombination zu ergoogeln.

Und selbst wenn der "Stellvertreter" ganz ohne kommunistische Hilfe zustande gekommen sein sollte: Das Werk hat einem bis zu diesem Zeitpunkt Namenlosen quasi über Nacht aufgrund einiger gewagter Behauptungen zu weltweitem Ruhm verholfen und einen ungeheuren Wirbel ausgelöst. Die Nachwirkungen des "Stellvertreters" sind allen bekannt. Schließlich tobt die Debatte über den Papst immer noch, während der Jahrtausendwende angeheizt durch einige weitere Meisterleistungen der Parasiten-Prominenz ("Ich stell' mich ins Rampenlicht, indem ich mich am Vermächtnis Verstorbener prominent sauge"): "Der Papst, der geschwiegen hat" von Cornwell; "Amen", Stellvertreter-basierte Anti-Pius-Verfilmung von Costa-Gravas und natürlich Goldhagens Slapstick-Nummer "Hitlers willige Vollstrecker" mit ungefähr so vielen historischen Ungenauigkeiten und Fehlern wie Seitenzahlen und der unsterblichen "Kardinal Faulhaber"-Untertitelung eines Photos, auf welchem Nuntius Orsenigo abgebildet ist. Hausaufgaben machen, wenn man die Kirche in den Dreck ziehen will? Wozu datt den?

Ich habe mal versucht, Leute zu finden, die sich schon vor 1958 vernehmbar gegen Pius XII aussprachen. Das ist mir nicht wirklich gelungen. Leon Poliakov und seine Vichy-Kritik stehen ziemlich einsam da. Stattdessen scheint es, als sei der Papst bis zum Erscheinen des "Stellvertreters" bei Christen und Juden gleichermaßen als rechtschaffener Mann bekannt gewesen. Albert Einstein, Golda Meir, Pinchas Lapide, Chaim Weizmann, Israel Zolli (Oberrabbiner von Rom während des Krieges; konvertierte nach dem Krieg zum Katholizismus und nahm den Taufnahmen Eugenio an), Moshe Sharett und andere mehr dankten dem Papst zu Lebzeiten und nach seinem Tode für seine Taten während des Zweiten Weltkrieges. Lapide schätzte, daß der Papst insgesamt zur Rettung von 700.000 Juden beigetragen hat. Diese Zahl wird von anderen Stimmen angezweifelt.

Jetzt geht's seit Januar um jüdische Kinder aus Frankreich, die während des Krieges in Klöstern versteckt und dort auch getauft wurden. Von diesen Kindern wollte Pius XII angeblich nicht, daß sie nach dem Krieg wieder rausgerückt werden. Er schickte ein Schreiben an den Vertreter des Vatikan in Frankreich, laut Tagesschau.de "Eugenio" Roncalli (Hausaufgaben?), in welchem er seinen Punkt klarstellte (Und in dem Schreiben ist nicht von "nicht wieder hergeben" die Rede, sondern von Vorsicht und auch davon, daß die Kinder ihren Eltern oder Angehörigen, so sie sich melden, sofort zurückzugeben seien). Und erneut ist das Geschrei in beiden Lagern groß. "Nazi!" hier, "Übersetzungsfehler!" da. "Antisemit!" hüben, "Aus dem Zusammenhang gerissen!" drüben.

Was also ist die Situation, in der wir uns finden? Juden und Christen loben und schmähen den Papst. Papst-Feinde und Papst-Freunde werfen mit Zahlen, Zitaten und Zeugenaussagen um sich. Hochhuth sülzt plötzlich herum, was für ein toller Historiker der Holocaust-Leugner Irving ist. Männer und Frauen schreiben Bücher und Artikel über Pius den Zwölften, in welchen sie ihm vorwerfen, nichts oder nicht genug getan zu haben. Die Kirche peilt seit geraumer Zeit die Seligsprechung des Papstes an. Rauf und runter, hin und her, drunter und drüber.

Wenn ich mir die Stimmen der Kritik anschaue, dann stelle ich fest, daß all diejenigen, die Pius XII gegenüber den moralischen Hochsitz einnehmen, immer gleichzeitig ganz weit in die Konjunk-Tiefe abtauchen müssen, um ihren Aussagen Schubkraft zu verleihen. "Hätte, wäre, könnte". Und dann "Er hat nicht genug getan". Ja, liebe Leute, habt Ihr sie denn noch alle? Wenigstens HAT er etwas getan (außer sich in der kuscheligen Sicherheit des Elfenbeinturmes der "Intellektuellen" im westlichen Nachkriegseuropa zurückzulehnen und von dort aus selbstgerecht mit dem Finger auf andere - vorzugsweise mundtote - zu zeigen).

Spekulationen aus heutiger Sicht über das, was der Papst bzw. der Vatikan bzw. die Kirche hätten anders oder besser machen können mögen für den ein oder anderen ein hehres Unternehmen und inneres Verlangen sein. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem letzten Ziel dieses Verlangens. Es kann ja eigentlich nur bedeuten, daß man glaubt, die Kirche habe einem Auftrag nicht entsprochen. Dann sollte man daran interessiert sein, daß die Kirche es in der Zukunft tut. Und der erste Auftrag, den die Kirche besitzt, ist, die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen, die Heiden zu taufen und die Sakramente zu spenden. Folglich dienten die Pius-Kritiker ihrem Ziel doch viel eher, wenn sie nicht in einer durch neue Informationen oder Zahlen oder Meinungen immer nur noch nebulöser werdenden Vergangenheit mit Stöckchen in Leichname stoßen und warten, ob sich was regt, sondern wenn sie stattdessen in der heutigen Zeit, die moralische Autorität und spirituelle Aufpäpplung so bitter nötig hat, den Menschen den Weg in die Kirche nicht nur weisen, sondern auch ebnen. Da ich davon aber nur wenig spüre, drängt sich mir der Verdacht auf, daß die meisten der Kritiker Papst Pius des Zwölften als letztes Ziel nicht mehr haben, als die Erhöhung der eigenen Person auf Kosten eines Mannes, der sich nicht mehr verteidigen kann.

Es sind viele Jahre vergangen, aber die Diskussion um den Papst ist immer noch heiß. Da ist es - vor dem Hintergrund steigender Sensationsgier und abnehmender Bildung - natürlich verlockend, sich mit einem hingeschluderten Anti-Pius- oder Anti-Kirchen-Werk mal nebenbei eine nette Einnahmequelle zu sichern, in gewissen Kreisen einen guten Namen zu erlangen, dicke Schlagzeilen zu bekommen und bei Bedarf auch noch der eigenen - meist jener der Kirche entgegenstehenden - Ideologie mit etwas Propaganda Schwung zu verleihen. Hier liegt die wesentliche Motivationsquelle für einen großen, wenn nicht den größten Teil zeitgenössischer Papst- und Kirchenkritik. Bei allem berechtigten Lamento über die Versäumnisse des Katholischen Klerus sollte man nie vergessen, daß es da draußen auch eine Horde zynischer Mammon-Jünger und Macht-Junkies gibt, die vor wenig zurückschrecken, wenn es darum geht, mit antikirchlichem oder antiklerikalem Geplärre erstens sich eine goldene Nase zu verdienen und zweitens der eigenen Ideologie zu mehr Macht zu verhelfen. Diese Leute sind aber immerhin clever genug, um mittlerweile durchschaut zu haben, daß sie nun an einem Punkt angelangt sind, an dem sie nicht mehr schweigen können. Denn es wird mit ihrer Herrlichkeit vorbei sein, wenn mal für ein paar Jahre Ruhe eintritt und den Leuten Zeit zur Reflektion und zur unvoreingenommenen Begegnung mit der Kirche gegeben wird. Sollte z.B. ein Pius XII plötzlich in einem positiven Licht dastehen, oder sollte die Kirche wieder als der mystische Leib Christi gesehen werden und nicht als eine Ansammlung von Individuen, dann könnte es plötzlich durchaus passieren, daß die Leute dem nächsten dahergelaufenen Autor sein "Mönche, Macht, Moneten, Mätressen: Die finstere Seite des Vatikan" oder sein "Papa trägt Frauenkleider: Eine Kardinalstochter berichtet" nicht mehr aus der Hand reißen, sondern ihn nur mitleidig anlächeln. Also immer hübsch weitergemacht mit der Kritik, egal wie haarsträubend und grotesk. Und Obacht, daß die Leute nicht anfangen, selbständig zu handeln oder - Schauder! - zu denken.

Ich entsinne mich eines Kommentars aus dem Jahre 1796, den ich irgendwo online gelesen habe. Der Autor bejubelte den Einmarsch der Franzosen in Bologna und freute sich darauf, das Napoleons Truppen bald den Vatikan einnehmen würden, um dann das Machtzentrum des religiösen Obskurantismus (oder so ähnlich) niederzubringen und dem Papsttum ein Ende zu bereiten. Wie die Zeiten sich ändern. Heute müssen wir beten, daß der Heilige Geist uns den Beistand schenkt, den wir benötigen, um die Menschen vom Obskurantismus der Kirchen- und Religionsfeinde zu befreien.

Diese Befreiung ist nötig, denn ohne sie werden weiterhin halbgebildete Schmierfinken Karikaturen z.B. von Papst Benedikt XVI veröffentlichen, auf denen er mit Hitler-Bärtchen zu sehen ist. Dann werden diese Leute sich zurücklehnen, die Arme verschränken und glauben, etwas für die Entwicklung der Menschheit getan zu haben. Und viele derjenigen, die die Karikatur sehen, werden zuerst lachen und dann den bösen Papst verfluchen. Ja, so einfach ist es, wenn man bereit und blöd genug ist, es sich so einfach zu machen.

Berechtigte Kritik an der Kirche gab es, gibt es und wird es immer geben. Aber diese Kritik ist nur dann fruchtbar, wenn sie erstens in dem Glauben an Christus gegründet ist, der uns von der Heiligen Schrift geschenkt und von der Kirche erhalten und überliefert wurde und wenn sie zweitens darauf zielt in der Kirche die Reparaturen vorzunehmen und nicht draußen zu stehen und auf die Risse im Mauerwerk zu zeigen. Das mag nach einem Widerspruch klingen, ist es aber nicht. Wer andere Wege geht, sei es den der Glaubenslosigkeit oder den des persönlich ausgelegten Glaubens, der eint nicht, sondern spaltet entweder sich alleine oder sich und seine geköderten Mitnörgler von der Kirche und somit vom Heil ab.

2 comments:

Claudia said...

Danke für diesen klugen und engagierten Artikel.
Aber mein Widerspruchsgeist regt sich beim letzten Satz. Ist nicht jeder Glauben, der nicht nur nachplappert, persönlich ausgelegt? Und gegen Exegese (zu unterscheiden von beliebiger "Eisegese") gibt es doch nichts Grundsätzliches zu sagen - eher sehr viel dafür. Natürlich ist es notwendig, daß die Kirche als Institution (z.B. durch die Dogmen) einen verbindlichen Mittelpunkt darstellt. Aber die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen sollte die Größe haben, verschiedene Auslegungen zu bedenken.

Alipius said...

Mit persönicher Auslegung meinte ich natürlich die von Dir angesprochene Eisegese und die daraus folgende Einstellung, für jedes Bedürfnis ein aus dem Zusammenhang gerissenes und für den aktuellen Zweck zurechtgedeutetes Bibelzitat parat zu haben.

Und Glauben bedeutet eine Sache zu wissen, nicht, weil man es mit eigenen Augen gesehen hat, sondern weil man es gesagt bekam, entweder direkt von Gott (durch die Schrift) oder indirekt von Gott durch die, die es direkt von Gott haben. Hier könnte man "Nachplappern" auch positiv verstehen, als Zeichen dafür, daß man verstanden hat, was einem mitgeteilt werden sollte.