Sunday, March 18, 2007

Der verlorene Sohn

Heute gab's mal ein Evangelium, das nun wirklich jeder kennt: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 1-3, 11-32):
    Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.

    Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

    Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: 'Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.'

    Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.

    Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.
Ja, dies ist in der Tat ein Text, der es Wert ist, immer und immer wieder gelesen zu werden.

Sagen kann er uns vieles. Mich sprechen immer sehr die Stellen an, an denen Neid und Stolz durchscheinen. Doch neulich ist mir zum ersten Mal ein anderer Gedanke gekommen: Wann erhält ein Sohn normalerweise sein Erbteil? Wenn der Vater gestorben ist. Was also der Sohn am Anfang des Textes zu seinem Vater sagt, ist nicht nur "Her mit der Kohle!", sondern auch "Du bist für mich gestorben!"

Wieviele Menschen gibt es heute, die von Gott jetzt schon alles verlangen, weil er für sie gestorben ist? Jedes Recht, jede Rechtfertigung, jede Unschuld, jede Freiheit, jede Gnade werden da in die Leben hineingeflochten und am Ende sitzen die Leute ebenso ruiniert da, wie unser Sohnemann aus dem Evangelium. Warum der Ruin? Am Herd und im Heim des Vaters sind nicht nur die familiären, sondern auch die materiellen Verhältnisse geordnet, wie später die Unterhaltung zwischen dem älteren Sohn und dem Vater zeigt. Dem älteren Sohn wird nicht deswegen die dicke Party verweigert, weil Papi ihn weniger mag, sondern weil er der Klügere war. Weil er derjenige war, der intuitiv seiner und des Vaters Natur entsprechend gehandelt und gelebt hat. Weil er derjenige war, der die Würde des Vaters und auch seine eigene Würde achtete.

Israel, ein versklavtes Volk, wurde unter Moses aus Ägypten geleitet und unter Josua (der in der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel "Jesus" heißt) in das gelobte Land geführt. Der Mensch, ein versklavtes Wesen, wurde durch Christi Tod und Auferstrehung rehabilitiert. Seither sind göttliche Gnade und ewige Seligkeit zum Greifen nahe.

Noch näher jedoch sind Sünde, Tod und Teufel, ständige Begleiter derjenigen, die zwar vielleicht den Verdacht hegen mögen, daß die Gesellschaft so, wie sie sich heute präsentiert, nichts weiter ist als die "Matrix", die aber auch zu feige sind, sich die rote Pille einzuwerfen, weil man ja nie wissen kann, ob das Leben als Mensch, der sich seiner und Gottes Würde bewußt ist, ebenso schön ist, wie das Leben als Sklave oder beinahe schon Tier. Glaubt mir, es ist nicht ebenso schön. Es ist unermeßlich schöner.

"γνῶθι σεαυτόν" mag die Inschrift des Apollo-Tempels in Delphi gewesen sein. Spätestens seit Christus solle das "Kenne Dich selbst" aber auch in jedes unserer Herzen geschrieben sein. Und zwar nicht im heidnischen oder freimaurerischen Sinne, sondern im Christlichen Sinne. Denn das konstante Geplärre von mir und meinen schwarzbekittelten Kampfgenossen will den Leuten ja nicht vorwerfen, daß sie Sünder sind, sondern es soll ihnen zeigen, daß sie besser sind, als sie es glauben und leben. Alle sind sie so gut und schön und geliebt, daß ihr himmlischer Vater jederzeit bereit ist, sie in die Arme zu schließen, sie in die prunkigsten Klamotten zu hüllen, sie mit Juwelen zu schmücken und ihnen zu Ehren das Mastkalb aufzutischen wenn sie mit gesenktem Haupt und hängenden Schultern zurückkommen und sagen "Ich hab Mist gebaut".

Freiheit zu erringen indem man Throne verwaisen läßt ist ein erprobtes und von der Geschichte bestätigtes Vorgehen. Solange ein Mensch aber in seiner absolutistischen Ein-Mann-Monarchie der Dekadenz und Selbstgerechtheit, der Sünde und Ignoranz, des Neides und Triebes, der Ferne von Chrsitus und Kirche lebt, werden selbst die 50 Euro pro Monat, die er als Ausgleich für die eingesparte Kirchensteuer an ein Kinderentwicklungsprojekt in Afrika zahlt, nicht viel mehr als Blutgeld sein.

Christus hält jedem von uns in seinem mystischen Leib, der Kirche, die offene Hand entgegen. All diejenigen, die aus der Kirche ausgetreten sind, weil sie sich "aus diesem Gefängnis befreien" mußten, sollten nochmal genau hinschauen. Ja, sie sind durch das vergitterte Tor geschritten. Allerdings in die falsche Richtung.

2 comments:

Claudia said...

Das Evangelium läßt offen, wie der ältere Sohn reagiert. Auch er hat ja ein Angebot vom Vater bekommen: Sei nicht mehr beleidigt, komm und feiere mit, freu dich, daß dein Bruder wieder da ist. Wenn er das Angebot ausschlägt, wird er keinen leichteren Weg haben als der junge Taugenichts, gerade weil er, weltlich gesprochen, "Recht hat". Der "verlorene" Bruder hat die Konsequenzen der Schuld zu spüren bekommen, daraufhin bereut und ist umgekehrt. Sein großer Bruder ist immer brav gewesen, und nun ist er beleidigt - um den hätte ich die größeren Sorgen.

Alipius said...

Als ich in dem Beitrag von Neid sprach, meinte ich natürlich den älteren Bruder. Sein Verhalten ist nicht korrekt, aber verständlich, wenn man es als eine Kurzschlußreaktion betrachtet. Ich bin jedoch ziemlich sicher, daß er dann mitgefeiert und sich auch gefreut hat. Es geht ja im ganzen Evangeliums-Text weniger um "Recht haben" als um Verletzung und Heilung.