Saturday, March 03, 2007

Katholisch zu sein...

... bedeutet, eine Geschichte zu haben.

Im Falle von Europa ist diese Geschichte bekanntlich recht lang. Und recht holprig. Anfangs verfolgter Underdog, schwang die Kirche sich zur Mit-Herrscherin des Kontinents auf, gönnte sich nach der Katastrophe der Reformation noch zwei brokat- und gold-schwangere Jahrhunderte, sank dann unter dem Ansturm der Welterheller und Revolutionäre langsam danieder und fegt sich heute noch - irgenwie peinlich berührt, wie es manchmal scheint - den Staub von den Schultern.

Sie hat die Armen genährt und die Reichen hofiert.
Sie hat die Verletzten gepflegt und die Waffen gesegnet.
Sie hat die Schwachen geschützt und den Starken applaudiert.
Sie hat in Ketten gelitten und in Kerkern gefoltert.
Sie hat in Lumpen gedient und in Seide regiert.
Sie hat gehungert und gefressen.
Sie hat gesegnet und verdammt.

Sie hat das Evangelium verkündet und die Sakramente gespendet.

Die Kirche ist menschlich, weil der Mensch in ihr wirkt.
Die Kirche ist heilig, weil Christus ihr Haupt ist.

Dem Menschen kann man das Menschsein nicht austreiben. Aber wenn man es geschickt anstellt, dann kann man ja vielleicht dem Bedürfnis nach Heiligung den Christus austreiben. Man kann nicht zu einem Menschen sagen "Werde doch lieber ein Hund, wedele brav mit dem Schwanz und höre auf jedes Wort, das ich dir sage". Aber man kann einem Suchenden sagen "'Glaube doch lieber an dich, und wenn es dazu nicht reicht, dann bete wenigstens all das an, was ich dir verkaufen will, sei es materiell oder ideell". Was ist schließlich wichtiger? Die nächsten Generationen oder die nächste Wahl? Die schmerzliche Wahrheit oder die populäre Lüge? Die Seele oder das Geschäft?

Wenn heute, wie es scheint, nicht wenige Bürokraten in Brüssel und Politker in Europa von einem Abendland träumen, welches vom Christentum bereinigt ist, dann arbeiten sie nur auf ein Ziel hin. Sie wollen endgültig nur noch das gelten lassen, was sie an der Kirche kritisieren: Den Menschen. Der blümchengeschmückte Deckmantel totaler Religionsfreiheit und Ökumene ist da nur ein logisches Hilfmittel. Denn wenn Schwingungskristalle, Totempfähle und Vodoo-Puppen die gleiche Wertigkeit besitzen wie die Eucharistie, dann ist der Sieg errungen.

Die Bigotterie, die dahintersteckt, ist leicht zu erkennen. Das Menschliche in der Kirche ist untragbar. Das Menschliche in der Gesellschaft ist das Einzige, was zählt. Das Menschliche in der Kirche wird kritisiert, weil man im vagen Bewußtsein des Göttlichen die Buxe ziemlich voll hat und - statt den schweren Weg der Besserung zu gehen - sich dann doch lieber mit dem Bodenpersonal anlegt und so von der Relevanz der übermenschlichen Wahrheit ablenken und sie - für andere, vor allem aber für sich selbst - schmälern kann. Auch die Motivation ist durchschaubar. Man schneidet die Menschen von ihrer Geschichte ab, entwurzelt sie und stellt sie auf einen solch schwankenden Grund, daß sie erst gar nicht versuchen werden, schwere Gewichte zu heben und für sich persönlich etwas zu erringen, sondern sich gerne mit dem Leichten, dem Flüchtigen, dem Nichtigen, dem Käuflichen begnügen. Viel interessanter als die Bigotterie und die Motivation aber ist die Blindheit. Der Mensch, so schön und gut er ist, ist fehlerhaft, von Sünde geschwächt und mit einem Gewissen ausgestattet, welches ihn untentwegt über diesen Zustand informiert. Geheilt wird dieser Makel durch die Taufe, durch den Glauben an Christus und in der Begegnung mit Ihm in seinem mystischen Leib, der Kirche. Alles andere ist Augenwischerei, denn jede andere Hilfe kommt nicht von Christus und mag somit vielem dienen, sicherlich aber nicht dem Heil der Seele. Und wenn hier auf Erden der Mensch - eben aufgrund seines Menschseins - nicht einmal mit Hilfe der Kirche und in der Kirche einen Zustand erreicht, der ihn über das gewohnte Tümpeldasein gefallener Kreaturen gänzlich erhebt, wie soll es dann in einer Gesellschaft aussehen, die mit der Kirche die Stimme unseres Herrn größtenteils ausgeschaltet und den Menschen gänzlich seinem Menschsein ausgeliefert hat? Wie soll es in einer Gesellschaft aussehen, in der nur noch das zählt, was doch in der Kirche grade das Übel zu sein scheint? Und wer, wenn nicht die Kirche, soll die Stimme beisteuern, die den Menschen vor dem Menschen warnt, wenn der Mensch sich vergöttern will?

Der auf sich allein gestellte Mensch kann das Heil nicht erreichen.
Wenn Europa den auf sich allein gestellten Menschen will,
dann wird Europa das Heil nicht erreichen können.

Ich will nicht dramatisch mit Hilaire Belloc sagen "Europa wird zum Glauben zurückkehren, oder sie wird untergehen"... Ach, Mist, jetzt hab' ich's ja doch gesagt.

Naja, trotzdem ein schönes Wochenende!

Alles Liebe,
Alipius

2 comments:

Claudia said...

Es geht Gott ja immer um jeden einzelnen. Und wenn in Europa zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind, ist Europa nicht ganz gottlos.
Im übrigen Dank für diesen sehr guten und sehr nachdenkenswerten Artikel!

Adeodat said...

Eine ziemlich scharfsinnige Analyse der heutigen Situation, denke ich.
Kardinal Meisner sagte zuletzt: "Wir brauchen einen Mentalitätswechsel", ich glaube, er hat recht. Nur wenn wir Gott Gott sein lassen (weil er es eben ist), können wir wirklich menschlich sein...
Adeodat