Friday, September 19, 2008

Wie der Spiegel es gerne hätte...

Aus dem Spiegel:
    "... Die Sendung aus dem Städtchen Aschaffenburg enthielt einen Katechismus und einen Schmähbrief, in dem Bittlinger aufgefordert wurde, sich endlich zum wahren Glauben zu bekehren, dem allein selig machenden Katholizismus. Der Absender gehört zu einem Kommando von Glaubensfundamentalisten, die seit Wochen das Fegefeuer gegen Bittlinger anheizen."

    (Peter Wensierski, "Fegefeuer für Protestanten" in: Spiegel Nr. 38/2008, S. 66)

Hier der Brief:
    "Sehr geehrter Herr Bittlinger!
    Mensch, Clemens,

    Sie sind einer der bekannteren christlichen Songwriter in Deutschland, außerdem Beauftragter für Mission und Ökumene im Dekanat Darmstadt-Land der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau - und Sie haben Fragen zum katholischen Glauben.

    Vor diesem Hintergrund hat uns - eine Gruppe katholischer Weblogger - die Chuzpe erstaunt, mit der Sie Ihren Song "Mensch Benedikt" und seine fragwürdige Message unter die Leute bringen: Der Heilige Vater, so suggerieren Sie, suche Streit mit anderen Christen, verweigere zynisch den Opfern christlicher Aggressoren die Anerkennung und beleidige sie noch im Angesicht ihrer Nachkommen. Generell sei er Schuld an Aids, habe bis vor kurzem ungetauft verstorbene Kinder in eine Art Hölle geschickt, führe flächendeckend das Latein wieder ein und überhaupt sei statt dem Reiche Gottes die machthungrige Kirche gekommen.

    Das ganze Arsenal antikatholischer Propaganda also, das auch gesungen von einem protestantischen Pfarrer nicht richtiger wird - sondern sich durch die aufmerksame Lektüre seriöser Publikationen stichhaltig widerlegen ließe.

    Wir "armen Laien" (C. B.) erlauben uns, Ihnen für den Anfang ein "Katechismus der Katholischen Kirche - Kompendium" zu schenken. Es enthält eine kompakte Darstellung des Glaubens der katholischen Kirche und kann Ihnen vielleicht helfen, diese Kirche, die wir lieben und aus der wir leben, besser kennen zu lernen. Dieses Werk wird sich Ihren Fragen auch dann nicht verschließen, wenn sie der Form nach unangemessen sind.

    Des Weiteren möchten wir Ihnen das Kompendium der Soziallehre der Kirche und die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils ans Herz legen. Wenn Sie das Geschriebene durch Erfahrung ergänzen möchten, empfehlen wir Ihnen, bei der Madonna von Guadelupe, Mexiko, vorbeizuschauen; dort ließe sich erleben, wie sich die Sehnsucht der indianischen Völker erfüllt hat.

    Was die Vielfalt unserer liturgischen Sprachen betrifft, so könnte Ihnen das unvoreingenommene Mitfeiern einer Heiligen Messe zeigen, was es tatsächlich heißt, vor dem immer größeren Geheimnis Gottes "kaum was verstehn" (C. B.), aber umso mehr erfahren zu können.

    Vielleicht werden Sie dann auch ohne Privataudienz "ein paar Schritte" (C.B.) mit unserem Heiligen Vater machen können. Tut er doch seit Jahr und Tag nichts anderes, als jeden einzuladen, mit ihm ein Stück auf dem Weg zu gehen, der die Wahrheit und das Leben ist.

    Mit freundlichen Grüßen und Segenswünschen
Okay, Glaubensfundamentalisten ist ja noch irgendwie schmeichelhaft. Aber erstens suche ich immer noch den Schmähbrief. Und zweitens finde ich die Stelle nicht, an der Bittlinger aufgefordert wird, sich endlich zum wahren Glauben zu bekehren, dem allein selig machenden Katholizismus.

Ich muß jetzt mal etwas ausholen, weil's so schön ist: Vor vielen, vielen Jahren lief im Spiegel-TV ein Bericht über den Heiligen Rock von Trier. Der damalige Bischof Spittal relativierte ein wenig und sagte so etwas wie
    "Die Leute sind nicht gezwungen zu glauben, daß dieser Rock der Rock Christi ist. Die symbolische Aussagekraft ist stark genug, da lassen wir uns nicht von Ergebnissen einer C14-Analyse abhängig oder gar verrückt machen."
Stimme aus dem off:
    "Bei soviel Lug und Trug wird auch am Rest nicht viel dran sein. Trotzdem pilgern jährlich Hunderttausende von Menschen auf den Petersplatz, um sich den Segen urbi et orbi abzuholen..."
Dann zurück ins Studio, wo Stefan Aust schon seinen patentierten Oberlehrer-Blick in die Kakera schickte.


Tjaaaaa... Soll ich? Darf ich? Bitte bitte? Okay:
Bei soviel Lug und Trug wie im Wensierski-Bericht, wird auch am Rest nicht viel dransein. Dennoch kaufen sich Woche für Woche Hunderttausende von Menschen den Spiegel, um sich den Segen "Informiert und Aufgeklärt" abzuholen...


Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information? Jup, jetzt sehe ich's ganz deutlich...

10 comments:

Scipio said...

Vielleicht nicht nur, wie es der Spiegel gerne hätte:

Im Darmstädter Echo stand:
"Über einen Bericht im „Publik-Forum – Zeitung kritischer Christen“ wurde das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ auf den Fall aufmerksam und machte ihn bundesweit bekannt. Der Artikel sei zwar mit ihm abgestimmt worden, der zu reißerisch formulierte Titel („Fegefeuer für Protestanten“) habe aber erneut Staub aufgewirbelt, sagt Bittlinger."

http://www.echo-online.de/suedhessen/template_detail.php3?id=659038

Elsa said...

Ich hab immer noch den Preis von einer Flasche Ferrari Spumante im Wert von etwa 12 Euro (!) ausgesetzt für denjenigen, der in unserem Brieftext semantisch einwandfrei die Aufforderung zur Konversion herausarbeiten kann, aber bisher wollte sich niemand der Herausforderung stellen.
Wenn das mein Papa, evangelisch und kritischer Spiegel-Leser, noch erleben müsste ... wie sie seine Tochter SCHMÄHEN und VERLEUMDEN!

Ich dachte immer, das sei katholische Propaganda mit der Polemik gegen die Berichterstattung des Spiegel.
Jadoch!

*gg*
Liebe Grüße

Anonymous said...

(Eben läutets hier in Zürich zum Angelus, - anders als in Europa eine Stunde früher - dem seinerzeit anberaumten und nicht mehr aufgehobenen internationalen Gebetssturm gegen die Türken vor den Toren Wiens..)
In dieser unserer ordentlichen Stadt gibt es einen äusserst unordentlichen Menschen namens Urs Meier (sic!), ein sog. Original, Säufer (hier "Süffel" genannt), Arbeitlos natürlich, Schwul, äusserst ungepflegt, lärmig und manchmal völlig unerträglich, mit gutem Gespür und scharfen Worten, und am Schlimmsten: bekennend Römisch-katholisch sowie firm in allen liturgischen Belangen, gefürchteter Gast an sämtlichen ordentlichjen schweizerischen Kirchen-Apéros.
(Jetzt ein erkärender Einschub: das schweizerische Pendent zur Bild-Zeitung heisst "Blick")
Besagter Herr nannte den "Spiegel" schon vor langem "Intellektuellen-Blick". Er scheint es recht gut getroffen zu haben..

Und hier ungefragt noch meine persönliche Meinung: Diese ganze Bittlinger- und Spiegelgeschichte wäre längst vergessen, wenn Ihr lieben, eifrigen "rechtskatholischen" Blogger nicht dauernd dafür Reklame machen würdet! Es nützt nämlich gar nichts - im Gegenteil, bereits werden strafwürdige Morddrohungen konstruiert. Songschreiber B. weiss garantiert, wie man mit der Medien umgeht.
Mit besten Grüssen
Thysus
(Es hat jetzt zu läuten aufgehört, die Zürcher sind am Beten..)

Alipius said...

Lange Einleitung für eine wohl bekannte Pointe: Jeder nicht an die Matrix angeschlossene Verstand Deutschlands sieht im Spiegel schon lange nichts mehr, als eine Intellektuellen-Bild. Urs Meier war da eigentlich überflüssig, zumal auch ein positiv aufwertendes ad hominem ein ad hominem bleibt.

Das Argument, ein ärgerliches bis lästiges bis bedrohliches Phänomen verschwindet am ehesten, wenn man es einfach ignoriert, ist so alt wie die Geschichte von der Maus, die vom Kater gefressen wird, nachdem sie sich selbst stundelang einredete, daß er sie schon in Frieden lassen wird, wenn sie so tut, als sei er nicht da...

Elsa said...

Das hab ich jetzt schon ein paar Mal gehört: wir hätten das doch erst gar nicht anfangen sollen.
Ich könnte dazu jetzt schlechtgelaunt was schreiben, aber ich belass es auch bei einer rhetorischen Figur:
Wenn die Klügeren immer Nachgeben (ersetze: Maul halten) regieren irgendwann die Dummen die Welt.

Der Spruch behandelt das Problem nicht erschöpfend, ich weiß. Aber ich hab momentan auch nicht wirklich voll Bock auf die Metaebene.

kalliopevorleserin said...

Heute war in St Marien in Berlin Friedenau ein lateinisches Hochamt. Die Berliner Choralschola sang die Missa de Angelis. Ach ja: die Kirche war voll bis zum letzten Platz, Handzettel mit Original und Übersetzung aller Gebete lagen aus, und die Gemeinde sang ihren Part durchaus nicht schlecht mit.
Ich war noch nie so gern ein unaufgeklärtes, untergebuttertes Hühnchen von Katholikin! :-)

Alipius said...

Elsa: Kann ich verstehen...
Claudia: ;-)

Anonymous said...

alipius (militans):
Alles fervehlt, o je. War zwar eigentlich gut gemeint, aber das ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut. Offenbar läutet es hierzulande nicht eine Stunde zu früh zum Angelus, sondern 11 Stunden zu spät.
(Finde allerdings den Vergleich mit der Maus doch etwas kühn: Ob sich die Catholica inkl. Papst von jenem singenden Pastor wirklich irgendwie zu fürchten hat?)
Mit bestem Gruss. thysus

Elsa said...

Danke.

Daneben poste ich ja dirzuliebe schon laufend Achtziger Jahre Hits, aber bevor nicht die Pale Fountains kommen, kann ich dich wohl nicht hinterm Ofen vorlocken, obwohl ich mir von The The eigentlich viel erhofft hatte*gg*

Alipius said...

Thysus: Okay

Elsa: Sorry, war drei Tage nicht so richtig in den Blogs unterwegs. Ich wußte gar nicht, daß es zu "This is the day" ein Video gab! Ich habe den Song zum ersten Mal gehört, als ich in den USA zum Schüleraustausch war. Ich will nicht sagen, daß Matt Johnson damals mein Leben verändert hat, aber er hat mich musikalisch schon etwas weitergebracht, sonst wäre ich heute wahrscheinlich noch Cure-Fan (nicht, daß ich die jetzt schlecht finde, aber sie sind halt nicht mehr die Götter, die sie einst waren).