Wednesday, January 07, 2009

Als Barockliebhaber...

... bin ich gesetzlich verpflichtet, Chronogramme zu mögen.

In diesem Zusammenhang möchte ich heute einen interessanten Herrn vorstellen, der vor Barock aus allen Nähten platzt, obwohl er doch so unbarock dürr ist: Benedikt Knittel hat nicht nur die barockstmöglichen Lebensdaten (1650-1730), er war nicht nur Abt eines Klosters (Schöntal, Baden-Württemberg), er hat nicht nur in einem Anfall quasi-schönbornscher Bauleidenschaft maßgeblich dazu beigetragen, daß dieses Kloster sich heute in barocken Formen präsentiert, nein, er hat tatsächlich auch noch Verse und besonders gerne Chronogramme verfaßt.

Was sind Chronogramme? Es sind Verse, bei denen sich eine Jahreszahl ergibt, wenn man den Zahlenwert der lateinischen Buchstaben addiert. Ein Beispiel: Abt Knittel schrieb eine Zeile über den Tag, an welchem er seine Gelübde ablegte:
    saLVs tVa DeVs sVsCepIt Me
    (Deine Gnade hat mich aufgenommen, Gott)
Nun gilt es, die groß geschriebenen Buchstaben (also die, die im Lateinischen für einen Zahlenwert stehen) zu addieren:
    L (50) + V (5) + V (5) + D (500) + V (5) + V (5) + C (100) + I (1) + M (1000)
Und heraus kommt eine Jahreszahl, nämlich 1671, welches natürlich das Jahr ist, in welchem die Gelübdeablegung erfolgte. So etwas verursacht bei einem Barock- und Spielerei-Nerd wie mir sofort nervöse Begeisterungszuckungen.

Einen bildlichen Nachweis habe ich auch gefunden: Links seht Ihr die Inschrift einer Ehrensäule, die anläßlich des Sabbatjubeljahres von Abt Knittel errichtet wurde und Gott, Maria und dem Schutzengel geweiht ist. Addiert man die groß geschriebenen Buchstaben, ergibt sich das Jahr 1732, in welchem der Abt sowohl sein Jubiläum feierte als auch seine irdische Pilgerschaft beendete. Damit es mit dem Jubeln überhaupt klappte, griff Knittel in die Trickkiste: Er fühlte bereits, daß sein Leben dem Ende zuging und wollte nicht auf sein 50-jähriges Abtsjubiläum (1733) warten. Daher hielt er sich an einen jüdischen Brauch, nach welchem sieben mal sieben Jahre ein Jubeljahr darstellen und konnte so schon 1732 feiern. Naja, 49 Jahre Abtsregentschaft sind ja auch ziemlich astronomisch.

Die Knittelverse sind übrigens nicht nach dem Abt benannt, wenn dieser auch den Begriff gerne auf seine Dichtkunst anwanfte.

5 comments:

Adenauer said...

Eine sehr interessante Sache, diese Chronogramme, jedoch können sie in modifizierter Weise auch missbraucht werden. Ein Beispiel dafür, das ich kürzlich gesehen habe:
Ein Titel des Papstes lautet bekannterweise ja Vicarius Filii Dei. Ersetzt man das "u" durch ein "v" so erhält man tatsächlich: V+I+C+I+V+I+L+I+I+D+I=666, was uns aus der Offenbarung bekannt ist. Natürlich zog der spitzfindige Evangelikale, dessen Feder diese Schöpfung entsprungen ist, dann den Schluss, dass der Papst der Antichrist sei und sich mit diesem Titel sogar noch schmücke!
Da tut es gut, solche Beispiele wie das von Knittel zu sehen.

Johannes said...

Ah, sieh an, jetzt weiß ich, warum die großen Buchstaben groß geschrieben wurden. Schon manches mal gesehen und nicht gewusst bisher.
Dank!

Alipius said...

Ja, das 666-Beispiel kenne ich. Wenn's den entsprechenden Leuten bei der Identitätsfindung hilft...

dilettantus in interrete said...

"wenn dieser auch den Begriff gerne auf seine Dichtkunst anwanfte"

Laß andere Dilettanten Dir einen Druckfehler unterstellen; ich liebe Deine Barockes Wortwirken!

Schönes Neues!

Alipius said...

Wow! Das sehe ich ja jetzt erst! Ist wirklich zum lieb haben, das "anwanfte"!

Dir auch ein schönes Neues!