Sunday, January 18, 2009

Albern

Das im Internet ALLES kommentiert werden können muß, scheint schon geschriebenes Gesetz zu sein. Jetzt explodiert seit langem aber ein zweiter Trend, und den finde ich herzlich übertrieben und überflüssig: Das Bewerten von Kommentaren. Ich habe es zum ersten Mal bei Youtube gesehen, wo neben jedem Kommentar zwei Daumen (einer rauf, einer runter) abgebildet sind, die man - wenn man will - klicken kann, um den Kommentar als "oberknorke" oder "voll nicht drin" einzustufen. Und schnell breitete sich das Phänomen aus. Ich habe es jetzt auch schon in den Kommentaren von Online-Zeitungen gefunden. Ich frage mich nur, was das Ganze soll?

Beispiel: Da stellt jemand z.B. einen Film bei Youtube rein, der eher etwas für Anhänger eines bestimmten Genres ist, sagen wir mal "Equilibrum" oder "Ultraviolet" als nur bedingt taugliche "Matrix"-Babies, die aber von Hardcore-Genrefans trotzdem gerne gesehen werden. Jetzt schreiben alle, die diese Film oberanständig finden in den Kommentaren "Klasse", "Supah" oder "Boah!". Diese Leute sind in der Mehrheit, denn sie haben die Filme (die meistens in diversen 10-Minuten-Schnipseln bei Youtube auftauschen) in der Regel schon einmal gesehen und auch gemocht und wollen durch einen kurzen Kommentar dem Einsteller für das Wiedersehen danken. Die Nichtgutfinder der Filme sind weniger vertreten, weil sie die Streifen - wenn überhaupt- nur einmal bis zum Ende gesehen haben und danach bedient waren. Wenige machen sich die Mühe, extra nach den Filmen zu suchen, den Link zu öffnen und einen Kommentar wie "Mist", "Schrott" oder "gähn" abzugeben. Tun sie es doch, läuft die zweite Runde an: Alle Freunde des Films klicken auf den "runter"-Daumen der Nörgler und - um den Abstand zwischen dem Kulturbanausen und den Kennern schriller aussehen zu lassen - gleich noch auf ein paar "rauf"-Daumen in der Nachbarschaft.

Schön und gut, aber was soll das? Finde ich den Film dann plötzlich trotzdem gut, weil mein Kommentar bei der Meute nicht ankommt? Gehe ich in mich und unterziehe sowohl meinen Filmverstand als auch das zur Debatte stehende Werk einer ernsthaften Untersuchung? Wissen wir nicht schon beim Abgeben eines Kommentares, daß einige Leute ihn mögen werden, andere nicht? Wissen wir nicht schon beim Hineinstellen von wasauchimmer ins Internet, daß einige Leute sich freuen, andere sich ärgern werden? Ist dieses Kommentare-Bewerten eine Art "Luftablassen", wenn man sich über einen Kommentar ärgert oder auch freut? Und wenn ja, wo bitte kann ich meine Bewertung der Bewertung eines Kommentares abgeben? Denn diese Bewertungen könnten ja schließlich manchmal auch ärgerlich sein.

Ist eigentlich alles halb so schlimm und auch nur halb ernst gemeint. Vor dem Hintergrund der steigenden Zahl der Internetanschlüsse, der in Kommentarspalten quasi wie in einem Lehrbuch zur Problematik einsehbaren Verschlichtung der Gemüter, Verwilderung der Sprache und Verrohung der Sitten und dem sich immer deutlicher abzeichnenden Abschied von einer objektiven Wahrheit frage ich mich schon hin und wieder, wann die ersten Leute wohl anfangen werden, "stimme zu" und "stimme nicht zu" mit "wahr" oder "falsch" zu verwechseln.

2 comments:

Raphaela said...

Haben sie schon längst getan, und zwar lange bevor es überhaupt Breitbandanschlüsse, geschweige denn Online-Videobörsen gab. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon vor 10 Jahren auf diversen Mailinglisten etc. immer wieder in unnötig lange (und ganz generell unnötige) Threads verwickelt wurde, weil irgendeine Intelligenzbestie die Bemerkung "ich mag x nicht" als "x ist objektiv Mist" aufgefaßt und dann auch entsprechend darauf reagiert hatte...

kalliopevorleserin said...

Ist das nicht schon weit länger so, als es überhaupt Computer gibt?
Der berühmte A sagt, xy sei gut - und xy wird Mode. (Oder eben der entgegengesetzte Fall. Für xy kann alles stehen von Rasierwasser über Kunstrichtung bis Religionszugehörigkeit.)