Thursday, May 10, 2007

Kultur des Todes

Ich fand diesen Ausdruck immer griffig und malerisch, aber ehrlich gesagt auch ein wenig übertrieben. Es klang beim ersten Hinhören ein bißchen zu exklusiv, so nach dem Motto: "Wir leben in einer Kultur des Todes und nur diejenigen, die imstande sind, dies zu erkennen und den Finger in die Wunde zu legen, sind die Guten." Bis sich dann irgendwann der Begriff verschob und ich erkannte, daß nicht von DER Kultur des Todes als einzig vorherrschender Kultur die Rede ist, sondern von EINER Kultur des Todes, die sich allerdings anschickt, in gewissen Bereichen des öffentichen und privaten Sektors, der Kultur des Lebens ein ganz dickes Beinchen zu stellen.

Gestern gab's im Bundestag ja eine Anhörung zur Liberalisierung des Stammzellenforschungsgesetzes. Petra hat eine ausgezeichnete und umfassende Linksammlung zum Thema.

Bei Petra fand ich unter anderem auch einen Verweis zu einem Stern-Interview mit dem Wissenschaftler und Stammzellforscher Hans Schöler. Der spricht sich natürlich für eine Liberalisierung der Regelungen aus. Das Interview selbst ist sachlich und korrekt und frei von Brutal-Polemik. Es gab dann aber eine Stelle im Interview, die mich ein wenig stutzig machte:
    Frage: "Es gibt Vorbehalte und Ängste der Stammzellforschung gegenüber. Was glauben Sie, woher diese ablehnende Haltung kommt?"

    Antwort: "In der Bevölkerung ist die nicht da. Ich unterhalte mich mit vielen Leuten, halte viele öffentlichen Vorträge. Die Leute sind kritisch, aber nicht so ablehnend, wie immer behauptet wird. Mir ist aber auch klar, dass die katholische Kirche stark dagegen ist und versucht, ihren Einfluss auf die Parteien auszuüben - zum Teil erfolgreich."
Wenn die ablehnende Haltung angeblich in der Bevölkerunbg nicht da ist, die Katholische Kirche aber stark gegen Stammzellenforschung ist, heißt das, daß die Priester und Laien der Katholische Kirche nicht Teil der Bevölkerung sind? Ich will jetzt bestimmt nicht so paranoid sein und zwischen den Zeilen das "Böse Kirche, liebe Wissenschaft" lesen, aber seltsam mutet die Antwort schon an.

Und wie sieht das große Bild aus? Im Interview wird auch erwähnt, daß in Spanien momentan eine regelrechte Euphorie herrscht, was die Stammzellenforschung betrifft. Das einst Katholische Land hat sich nach der Ära Franco auf die säkularen Hinterbeine gestellt und nach der Wahl des Sozialisten Zapatero nach jedem der Katholischen Doktrin widersprechenden Würstchen geschnappt, das verlockend vor der Nase herumbaumelte. Zivilehe mit Adoptionsrecht? Aber hallo! Express-Scheidungen? Immer her damit! Abtreibungen? Kann ich garnicht genug von kriegen!

Auf den Punkt gebracht wird die Situation vom evangelisch geprägten Internet-Portal für Christen Livenet in der Schweiz. Unter der - ernstgemeinten - Überschrift "Lustbetont statt gehorsam und fromm" heißt es da:
    "Linke Regierungen haben den Staat von der Kirche losgelöst. Spanien hat die Zivilehe für Homosexuelle (samt Adoptionsrecht) und vor einem Jahr auch "Express-Scheidungen" zugelassen. Im EU-Vergleich haben die Abtreibungen in Spanien in den letzten zehn Jahren am stärksten zugenommen: um 75 Prozent auf gegen 80’000. Niemand wartet mit dem Kinderkriegen länger als die Spanierinnen."
Und hier wird aus der Kultur des Todes natürlich die Kultur des Wahnsinns, wenn 80.000 Abtreibungen pro Jahr ein Indiz für lustbetontes Leben sein sollen und beim Geschlechtsverkehr penibel darauf geachtet wird, daß er möglichst allem dient, nur nicht der Fortpflanzung.

Vielleicht ist das Aufbegehren gegen die sogenannte Kultur des Todes letztlich in der Tat nichts, als die Bereitschaft, nicht nur passiv an diesem Treiben keinen Anteil haben zu wollen, sondern, wie Papst Benedikt XVI es in "Jesus von Nazareth" schreibt, auch sich aktiv dem so angenehm betäubten kollektiven Gewissen entgegenzustellen und ihm ins Gesicht zu schreien, bis es erwacht, oder bis man um der Gerechtigkeit Willen verfolgt wird.

Übertrieben? Dann zählt hier mal eins und eins zusammen:

Nachdem der Vorstitzende der italienischen Bischofskonferenz, der Genueser Erzbischof Bagnasco, sich in deutlichen Worten gegen eine Legalisierung sogenannter Zivilpartnerschaften ausgesprochen hatte, fanden sich bald überall in der Stadt Graffitis, die den Bischof beschimpften und zum Mord an ihm aufriefen. In der Kathedrale lagen plötzlich Pamphlete aus, welche Maria als bisexuell portraitierten. Letzte Woche bekam Bagnasco einen Brief zugeschickt, der ein Photo von ihm und eine Patrone enthielt.

Am 26. April gab es eine Resolution des Europäischen Parlaments zur "Homophobie". Nachdem man Polen als "haßerfülltes" Land an die Wand gestellt und exekutiert hatte, wurden Maulkörbe an unbequeme Politiker und Religionsvertreter verteilt bevor man dann den 17. Mai zum Internationalen Tag gegen Homophobie erklärte.

Morddrohungen gegen Bischöfe gehen schon klar, so lange wir nur alle hübsch strammstehen und nicht etwa Unwillen erregen.

Als halbwegs aufrechter Christ kann man sich wahlweise schon mal auf die Löwen oder die Anderen freuen.

8 comments:

Charlotte said...

Sach ma, Du liest aber nicht kreuz.net? Habe da einen Artikel über die EU-Sache gefunden, "EU will Polen homosexualisiern", der Titel allein ist schon eine Gedenkminute wert. Darin äußert sich ein polnischer Abgeordneter dahingehend, dass Homosexuelle krank sind und Heilung brauchen, ... "Dagegen ist die Akzeptanz der Homosexualität als etwas Natürliches eine Glorifizierung der Krankheit." Sach ma. http://www.kreuz.net/article.5106.html
Die Polen wurden nicht "exekutiert". Die brauchen mal nen Schubs. Dringend. Weder EU-, noch Zivilisationsfähig sind die. Nur meine fünf Euro-Cents.

Alipius said...

kreuz.net lese ich eher sporadisch. Die sind in der Tat oft nichts weiter als eine Katholische BILD-Zeitung.

Mir ging's weniger um partikulare Entgleisungen, als um das große Bild. Wenn Polen als demokratischer Staat sagt, daß sie keine homosexuelle Aufklärung an Schulen wollen, dann ist das genauso eine zu akzeptierende und zu respektierende Realität wie eine EU, die Homophobie bekämpfen will. Daher fand ich die pauschale Breitseite gegen das ganze Land flach, zumal ja im Kielwasser der Empörung über den nicht grade sanft verlaufenen CSD in Warschau mit Sicherheit die Namen der extremen Vertreter der sogenannten Homophobie in Brüssel gut bekannt sind und man somit diese Leute direkt hätte ansprechen können. Daß Polen nicht EU-fähig ist, stimmt, gemessen an momentanen EU-Standards. Auf die Zivilisationsfrage läßt sich vielleicht erst in 50 Jahren antwoten, wenn Polen bleiben kann, wie es ist und man es dann mal mit den Niederlanden oder Spanien verlgeicht.

Wie gesagt: Pauschale Diskriminierung oder gar tumbe Gewalt gegen Schwule und Lesben sind natürlich abzulehnen, nein, aktiv zu bekämpfen. Auf der anderen Seite sehe ich einfach nicht, wo eine homosexuelle Beziehung mit Adoptivkind die gleiche Natürlichkeit und den gleichen formalen Reichtum besitzt wie eine heterosexuelle Familie. Nur aus diesem Grund wünsche ich mir, daß das Thema etwas vorsichtiger behandelt wird.

Ich weiß, die ganze Geschichte ist wahnsinnig emotionsgeladen und es wird oft unterhalb des Tränenpegels argumentiert. Es ist daher auch einfach, in meine Überzeugung "Homophobie" oder "Haßpredigt" reinzulesen. Ich weiß, daß Du smarter bist und Du weißt hoffentlich, daß ich weniger böse, als besorgt bin, wenn auch aus Gründen, die für Dich nicht immer leicht nachvollziehbar sein mögen.

P.S.: Zimmer ist klargemacht, Du mußt nur noch zusagen.

Charlotte said...

Bitte/Angebot: Geh mal in die Krankenhäuser und Reha-Kliniken, und suche dort die Kinder auf, die wegen Mißhandlung seitens ihrer Eltern da sind. Und dann finde mir EIN Kind, das von seinen homosexuellen Eltern dahin geprügelt/vergewaltigt/verbrüht/vernachlässigt wurde. Eins.

Ist das natürlich? Kinder, die von ihren heterosexuellen, verheirateten Eltern geschlagen werden, für Geld an Freunde für Sex vermietet werden, für Pornodrehs ausgeliehen, im Suff gequält und gedemütigt? Und das sind keine Einzelfälle, leider, das sagt Dir jeder Polizist, jeder Arzt, jede Krankenschwester, Sozialarbeiter, Psychologen. Und kein Schichtenproblem, auch das nicht, da sind Akademikerfamilien dabei, Unternehmer. Kindesmißhandlung im Elternhaus ist häufig, und das annähernd unangetatstete Monopol heterosexueller Eltern. Wenn das natürlich ist, dann bin ich gernst unnatürlich.

Aber ich persönlich glaube, dass am natürlichsten die Liebe ist. Und wer wen liebt, ist egal, vor allen Dingen ist das Gott egal, ich denke, der freut sich, wenn geliebt wird, denn Liebe ist die höchste und schönste Anerkennung Seiner Schöpfung. Und ein Kind zu lieben, es mit Respekt und Würde zu behandeln, das freut den Herrn, glaub es mir.

Charlotte said...

Arrgh. Ich werd nicht fertig damit.
1. Ein Staat, der sich, gegen welche Aufklärung auch immer, stemmt, hat das Klassenziel um schlappe 218 Jahre verpasst. Und egal, wo die Polen sich in 20 Jahren befinden werden, ich werde da nicht sein, weil die mich nicht wollen und ich sie nicht. Und der Rest der aufgeklärten Bevölkerung wird ähnlich denken, fürchte ich.

2. Das, was Du "Natürlich" nennst, nenne ich gefährlich leicht. Jeder Idiot kann bei jeder Prolltussi zum Schuß kommen, ein Kind zeugen, heiraten, ne Schrankwand kaufen und fertig ist die staatlich/kirchlich korrekte Familie. Das ist einfacher und teilweise billiger als der Führerschein.

Ein homosexuelles Paar geht bis zur Ehe und zum Kind einen WESENTLICH dornigeren Weg. Ergo ist sowohl die Eheschließung, als auch das Elternwerden 1000 mal häufiger durchdacht, abgewogen und betrachtet worden: Diese Schritte wurden reflektierter und bemühter vollzogen. Was schonmal ein Garant dafür ist, dass die Kinder seltener wie lästige Dinge behandelt werden.

Alipius said...

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Du mir ernsthaft unterstellen willst, ich hätte mit "natürlich" diese Auswüchse gemeint, also nehme ich den etwas emotional überladenen Kommentar schlicht als solchen an.

Um erneuten Missverständnissen vorzubauen: Ich dachte bei "natürlich" an den von der Natur und Gott vorgesehenen Weg der Kindszeugung. Das finde ich eh komisch: Es wird oft argumentiert, Homosexualität sei natürlich und somit ein Recht, weil die Natur ja die dafür vorgesehenen Werkzeuge bereitgestellt hat und man auch außerhalb der klassischen Kombination Mann-Frau prima seinen Spaß haben kann. Bleibt man diesem Weg der Argumentation treu, dann frage ich mich, wieso auf das Recht der Adoption gepocht wird, wenn es doch offensichtlich ist, daß die Natur und Gott Kinder nur dort entstehen lassen, wo Männlein und Weiblein zusammenkommen und somit ein Kind mit zwei Vätern oder Müttern alles andere als natürlich ist.

Ich sehe bei der Gewaltfrage auch den logischen Schluß nicht. Heterosexuelle Eltern vernachlässigen und schlagen ihre Kinder. Daher machen homosexuelle Eltern alles richtig?

Es ist doch so, daß offiziell homosexuelle Eltern gar nicht in der Statistik auftauchen, da das Adoptieren von Kindern homosexuellen Paaren ja vom Gesetz her noch gar nicht gestattet ist. Sollte sich dies eines Tages ändern, dann kannst Du darauf wetten, daß Du auch in homosexuellen Beziehungen mit Kindern die ganze Palette findest. Es sei denn, Du willst zwischen den Zeilen tatsächlich so etwas wie "Homosexuelle sind grundsätzlich liebevoller als Heterosexuelle" gelesen wissen.

Und wenn bei einem schwulen oder lesbischen Pärchen ein Mann oder eine Frau sein oder ihr Kind aus einer früheren heterosexuellen Beziehung mitbringt, dann ist es für mich nicht vollkommen unvorstellbar, daß Fälle von Vernachlässigung oder Gewalt in der Statistik unter "heterosexuelle Eltern" auftauchen, wenn z.B. die natürlichen Eltern nur getrennt aber nicht geschieden leben oder der neue Partner nicht bei Elternteil und Kind wohnt etc.

Ich spreche Schwulen und Lesben nicht die Fähigkeit ab, ein Kind lieben und es mit Respekt und Würde behandeln zu können. Ich spreche diese Fähigkeit einer klassischen Mama-Papa-Kombination ebensowenig ab. Gewalt und Fürsorge, Liebe und Wut, Anteilnahme und Desinteresse, Verstand und Idiotie sind längst nicht so "homophob" wie ich. Die verteilen sich gleich und gerecht auf alles was da lebt, sei es homo oder hetero.

Alipius said...

1.) Es sagt ja niemand, daß man nicht auch ohne "aufgeklärte" Bevölkerung seinen Spaß haben kann.

2.) Und wir alle wissen ja, daß Idioten und Prolltussis am besten zwangssterilisiert werden sollten. Aufklärung, ick hör Dir trapsen...

Klargestellt hast du allerdings eines: Wir sollten den Homosexuellen so viele Steine wie möglich in den Weg legen, wenn es um Heirat und Kinder geht. Das gewährleistet, daß wenigstens sie ihre Kinder liebevoll behandeln.

Charlotte said...

Man sollte es nicht nur den Homosexuellen, sondern allen etwas schwerer machen, oder? Wie gesagt, ein Führerschein braucht mehr Kohle und Know-How als die Elternschaft.

Und sag mir, was natürlicher ist: (alle unter 16 mal die Augen zuhalten): Eine weibliche Homosexuelle, die nach der ersten Nacht mit einem guten Kumpel spontan schwanger wird, oder eine infertile Hete, die eine vierjährige Hormon- und Sonstwasbehandlung durchleidet, bevor ein Mikroskop und eine Pipette sie schwängern? Das Leben ist doch manchnmal etwas bunter, oder sagen wir vielschichtiger, Clalipius. Liebe Grüße vom Schwesterherz
P.S. (von Janina): Du bist nicht ausreichend informiert, zumindest die Stiefkindadoption ist seit einigen Jahren auch homosexuellen Paaren gestattet. Somit gibt es sehr wohl Kinder mit zwei offiziellen Müttern/Vätern.

Alipius said...

Natürlich wußte ich, daß die Stiefkindadption am 1.1.2005 ermöglicht wurde. Aber dies ist doch ein Fall, der sich von der Adoption, von der ich rede, schwer unterscheidet. Und bei einem Zeitraum von nur zweieinhalb Jahren kann man nicht davon ausgehen, daß hier schon ernstzunehmende Untersuchungen über Gewalt im gleichgeschlechtlichen Elternhaus stattgefunden haben.

Grnft! Wir hatten jetzt von tobsüchtigen Heten grün und blau geprügelte Kinder, Schrankwandprolls, promiskutive Lesben und unfruchtbare Frauen. Hier liegt in keinem Fall ein Prinzip vor, sondern es handelt sich um ungewöhnliche bis kranke Auswüchse. Bei aller Wertschätzung für die mit Pipette unter dem Mikroskop hervorgezogenen partikularen Fälle und in Anbetracht der Tatsache, daß die von mir angesprochene Gleichheit von Heten und Homos bezüglich der elterlichen Fähigkeiten und Defizite nicht widerlegt wurde, bleibt das Universelle, auf das ich nochmal den Blick lenken möchte: Eine Gesellschaft lebt durch die und von der Familie. Und Familie ist da, wo von Papa und Mama gezeugte Kinder sind, die auch von Papa und Mama erzogen werden. Daß diese Aussage inkompatibel mit den persönlichen Bedürfnissen, Vorstellungen und Wünschen von Millionen ist, bedeutet nicht, daß ich sie nicht so oft, wie es nötig ist, wiederholen werde.