Tuesday, July 28, 2009

Bamberg, zweiter Tag

Ich führe in diesem Bamberg-Urlaub ein kleines Experiment durch.

Ich krieg's nicht mehr ganz genau zusammen, aber ich war mittlerweile so circa 14 Mal in Bamberg. Die Hälfte der Aufenthalte habe ich alleine hier verbracht. Das waren aber auch die frühen Bamberg-Besuche. Ich war immer mit dem Wagen hier und bin dann auch wie doll in der Gegend herumgefahren, um mir die in Franken reichlichst vorhandenen Sehenswürdigkeiten reinzuziehen. Manche Orte habe ich nur einmal besucht, wie z.B. die Wallfahrtskirche Gößweinstein von Balthasar Neumann, oder die Schönborn-Schlösser Gaibach, Wiesentheid (heute noch Sitz derer von Schönborn) und Werneck. Letzterer Bau ist eine traumhaft schöne Barock-Anlage, die sich Friedrich Karl von Schönborn als Sommersitz zwischen seinen beiden Bischofsstädten Würzburg und Bamberg errichten ließ. Das Schloß fiel leider mit der Säkularisation von Bischofs- in Staats-Hand und wurde zur Nervenheilanstalt umfunktioniert. Dies hatte zur Folge, daß das Innere des Schlosses brutalst purifiziert wurde, so daß nun weiße glatte Flächen gähnen, wo einst puttenstrotzende Fresken, vergoldetes Stuck- und Schnitzwerk und damastene Tapeten an Wänden und Decken prunkten. Zu anderen Orten hat es mich immer und immer wieder hingezogen. Hier ist selbstverständlich die Residenz in Würzburg zu nennen. Außerdem die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen und natürlich Lothar Franzens Meisterstück, das Schloß Weißenstein zu Pommersfelden. Bei späteren Besuchen hatte ich dann immer Leute im Schlepptau, die ich davon hatte überzeugen können, daß zu einer gelungenen menschlichen Existenz mindestens ein Bamberg-Besuch gehört. Mit denen bin ich dann nicht nur in Bamberg hin- und hergepest, sondern auch wenigstens nach Vierzehnheiligen und nach Pommersfelden gefahren.

Und jetzt bin ich - wie gestern bereits erwähnt - zum ersten Mal seit langer Zeit wieder alleine in Bamberg. Und irgendwie hat die Stadt so lieb "Guten Tag!" gesagt, als ich gestern meine ersten Schritte machte. Da habe ich spontan beschlossen, für den Rest des Aufenthalts die große Rumfahrerei sein zu lassen, den Anker reinzuholen und mich einfach für zweieinhalb Tage durch meine Stadt treiben zu lassen. Und es funktioniert ganz hervorragend. Heute morgen bin ich - trotz Urlaub - schon um 7:00 aufgestanden. Ich habe mich in die Kutte geschmissen und bin hinauf zum Dom, um dort Brevier zu lesen und dann an der 8:00 Uhr-Messe teilzunehmen. Da waren immerhin gut 20 Leute anwesend. Danach bin ich zurück ins Hotel, hab gefrühstückt und Zeitung gelesen. Dann habe ich einen ausgedehnten Spaziergang gemacht, der mich unter anderem über den heißgeliebten Michaelsberg geführt hat. Gegen Mittag stand ich plötzlich wieder vor dem Hotel. Also habe ich mich auf die Terrasse gesetzt, ein Weizenbier getrunken und ein kleines Sandwich gegessen. Es ist auch heute wieder ziemlich heiß und bei Hitze kann ich nie viel essen. Dann bin ich wieder für drei Stunden herumgerannt, dieses Mal auf der bürgerlichen Seite der Regnitz. Bamberg teilt sich ja so ein wenig auf in die bischöflich-klerikale Hälfte mit Domberg, Michaelsberg, Residenz-Bereich etc und in die bürgerliche Hälfte, welche gleich mit dem auf eine Brücke gebauten Rathaus beginnt. Klare Trennlinie ist hier also der Fluß. Ach ja, ich war auch noch im Archiv des Erzbistums und habe mir ein paar Photographien aus dem kirchlichen Leben Bambergs zwischen 1900 und 1960 angesehen. "Seufz", kann ich da nur sagen. Priesterweihen mit 20 Jungspunden und mehr. Prozessionen von hier bis Wyoming und zurück; so lang, daß der Schluß des Zuges sich erst in Bewegung setzt, wenn die Leute vorne schon im Ziel sind. Prachtvolle Bischofs-Figuren, die ihre meterhohen Mitren und kilometerlangen Schleppen mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit trugen, und in Haltung und Mimik verrieten, daß ihnen beide Extreme ("Mach ma' Platz, ich bin der Bischof" oder "Oh weh! Ich seh' ja viel zu fürstlich aus!") reichlich fremd waren. Ach, könnte man doch nur mal wieder diese prachtvollsten Formen unserer katholischen Religion als Normalität haben, sowohl bei Laien als auch beim Klerus.

Aus gegebenem Anlaß ein Zwischenruf an zufällig mitlesende Laufkundschaft:
    Kommt schon, Ihr lahmen Säcke! Laßt Euch taufen! Lernt Eure Religion und Euer Gewissen kennen! Lest die Bibel und den Katechismus und vielleicht ein wenig Thomas und Augustinus! Geht beichten und besucht die Heilige Messe! Empfangt den Leib Christi! Weiht Euer Tagewerk dem Herrn und nicht einem Boss, der nur "Danke" sagt, wenn er sich auf die Millionenabfindung bezieht! Tretet vor den Traualtar und setzt Dutzende strammer kleiner Katholiken in die Welt! Spendet der in individuellem Grau erstickenden Welt ein wenig bunte Uniformität in Bekenntnis, Liturgie und Alltag! Brecht die Achse oder wenigstens ein paar Speichen des lahmen Arbeit- und Konsum-Hamsterrades! Laßt ab vom schnöden, trügerischen Kirchen-Bashing (denn wenn schon nachplappern, dann doch bitte das "Credo", das "Vaterunser", das "Ave Maria")! Werdet Priester, Mönche, Nonnen oder auch Chorherren! Vertraut Eurem Schöpfer, liebt Euren Erlöser und nehmt platz auf dem einladenden Schoß Seiner Braut, die er Euch als Mutter auf Erden zurückließ! Vergeßt nicht: Wenn sie auch manchmal nervt; wenn Ihr auch nicht immer wollt, was sie rät; wenn sie auch nicht immer will, was Ihr bevorzugt: Mama weiß es am besten und niemand liebt Euch so wie sie! Und - last but not least: Ehret Eure Priester! Betet für die Gefallenen, die Schwachen, die Enttäuschenden unter ihnen und nehmt Euch die Soliden, die Großen, die Guten zum Vorbild. Und bevor Ihr mit dem Finger zeigt, denkt daran, daß auch Ihr nichts seid als Staub und wir alle somit Geschwister sind, nicht nur im Gelingen, sondern auch im Scheitern.

Okay, zurück nach Bamberg: Nachdem ich mich also an dem in schwarz-weißen Photos festgehaltenen und doch so bunt scheinenden Prachtholizismus vergangener und wiederzugewinnender Tage ergötzt hatte, bin ich am Nachmittag zurück ins Hotel geschlendert. Jetzt sitze ich wieder auf der Brücken-Terrasse und trinke einen Espresso, während ich diese Zeilen in den Laptop hacke und unter mir die Regnitz rauscht. Der Himmel ist ganz entzückend blau mit fett-flauschigen "Willkommen in Bayern"-Wölkchen. Ich glaube, ich werde alt. Hätte nie gedacht, daß ein ganzer Tag des Nichts-Tuns so entspannend sein kann. So totalen Gammel-Urlaub kann ich irgendwie eh nicht. Also 24 Stunden Strand mit Sonnenbad und Wasserpausen und Strawberry-Daiquiri und so. Aber hier in Bamberg geht's. Die Stadt ist mein Strand und das gemächliche Herumspazieren (mit der ein oder anderen Espresso- oder Eistee- (in Bamberg ganz oft hausgemacht) Pause) ist mein In-der-Sonne-Liegen.

Okay, es ist kurz vor 18:00 Uhr. Ich mach mich mal wieder auf die Strümpfe. Gemäß einer meiner kleinen Bamberg-Traditionen esse ich am zweiten Abend eines Besuches in meiner Stadt immer im Restaurant des Hotel Nepomuk. Die haben nämlich einen nicht ganz fiesen Koch und immer saufrische und leckere Gerichte. Dann noch ein Verdauungs-Spaziergang zum Sonnenuntergang und dann sehen oder lesen wir uns morgen wieder.

6 comments:

dilettantus in interrete said...

So ging´s dem Maxistrant und mir die letzten Tage in Rom. Nach anderthalb Stunden im Vorhof von San Clemente, machen die gefühlten 87 Grad kaum noch was aus.

Stegi said...

Was macht man anderthalb Stunden im VORHOF von San Clemente!???
Wie lange wart Ihr dann erst im Innenraum- in der Unterkirche wären´s ein paar Grad weniger gewesen...

dilettantus in interrete said...

Nach der Kirche war´s dann doch nett draußen; so Japaner gucken und so - außerdem schnarcht es sich draußen besser!

Conservare said...

War die Messe im Dom in der Nagelkapelle?

Da hast du doch hoffentlich nicht den Heiligen Nagel übersehen?

Und hast du auch die Schwester Maria Columba besucht?

Alipius said...

Ja, nein und ja!

Conservare said...

sehr schön :-)
ich bin höchst erfreut über solch treue Bamberg-Fans