Saturday, February 24, 2007

Zur Fastenzeit

Ein befreundeter Priester hat mal scherzhaft gesagt: "Heute gibt es doch eh nur noch zwei Bereiche, in denen die Menschen mit Sünde vertraut sind: Verkehr und Ernährung."

Joh, da hat er mal nicht unrecht. Wobei die Verkehrssünden ja in der Regel die sind, bei denen man sich erwischen läßt, während die Kaloriensünden die sind, bei denen man sich selbst erwischt. Letztere sind somit von der Sache eigentlich nicht so weit entfernt. Man genießt gegen besseres Wissen und aus Eigensinn den momentanen Vorteil (z.B. das Extra-Stück Schwarzwälder-Kirsch), rückt es subjektiv in eine haarklein in die Lücke passende Perspektive (z.B. 'Man lebt nur einmal') und verdrängt die nun verzerrte Zukunft (z.B. die auseinanderbrechende Waage). Mit dem, was katholischerseits unter Sünde verstanden wird, ist es ebenso: Man tut etwas, das man nicht tun soll, redet es schön und verdrängt die Folgen für das eigene Heil (und nicht selten auch das der Anderen).

Die vorösterliche Zeit wird streng genommen mit dem Begriff "Fasten" zu eng bezeichnet, wird sie doch erst durch den traditionellen Dreiklang aus Fasten, Gebet und Almosen wirklich zu einer Zeit, die echte Frucht bringt. Natürlich steht am Anfang die Enthaltsamkeit. Man verzichtet, sagt "Nö, ich kann auch ohne". Dann kommt aber - je nachdem, wie Hardcore der Verzicht ist - ziemlich schnell der Moment, an dem man eigentlich die liebgewonnene Gewohnheit wieder aufnehmen möchte. Nehmen wir z.B. mal die "Keine Schokolade"-Taktik. Da durchfährt einen dann plötzlich der ganz heiße Wunsch nach einem Biß in einen Lion-Riegel. Jedoch: Der Buzzer ertönt. Was tun? Beten! Ja, einfach hinsetzen, die Augen zu oder auf das Kruzifix an der Wand geheftet und schon kann man den nicht inhalierten Lion-Riegel aufopfern und zusammen mit ein paar persönlichen Zeilen an Gott den Moment zu einer echten Win-Win-Situation werden lassen. Das funktioniert nicht nur, daß kann sogar zu einer Methode heranwachsen, die weit über die Fastenzeit hinausgeht. Das Problem: Nur, wer es versucht und nicht schon beim ersten Mal die Flinte ins Korn wirft, wird es soweit bringen, die Frucht seiner Arbeit auch zu kosten. Wie ich schon einmal an anderer Stelle sagte: Erst, wenn man einer Versuchung gewohnheitsmäßig über längere Zeit widersteht, wird man feststellen, daß diese Versuchung tatsächlich nachläßt. Das ist es, was mit "Abtötung des Fleisches" gemeint ist. Man sagt dem Fleischlichen, dem Weltlichen "Halt die Klappe!" und hat plötzlich ganz viel Raum und Zeit für das Geistige, das Über-Weltliche. Und, um das nachkarnevalistische Dreigestirn voll zu machen: Die durch Verzicht gesparte Kohle läßt sich dann am Ende der Fastenzeit prima einem guten Zweck spenden.

Tja, aber wie wendet man jetzt dieses an, wenn man ein im frühen 21. Jahrhundert lebender Durchschnitts-Mitteleuropäer ist, der - wenn überhaut - nur eine sehr lockere Bindung an Christus und seine Kirche hat? Welchen Grund gibt es, den so hübsch und bequem ausgetrampelten Pfad der Selbst-Rechtfertigung und Selbstgerechtheit zu verlassen und sich auf den steinigen Pfad der schonungslosen Offenheit gegenüber Gott zu begeben? Langfristig gesehen gibt es nur einen Grund: Das andere, das nächste, das bessere, das Ewige Leben. Und bezogen auf unser Erdendasein bietet sich hier jedem Menschen die Gelegenheit, sich seines Status als von Gott geliebtes, von Gott gewolltes und von Gott geschaffenes Individuum zu erkennen und somit einen Grad an Freiheit zu erlangen, der alles übersteigt, was die an Fallstricken, Täuschungen und Bosheiten nicht arme Welt einem zu bieten hat.

Glaubt mir, ich bin der letzte, der nicht weiß, wie verführerisch diese Fallstricke, Täuschungen und Bosheiten sind und wie praktisch die "Das ist schon alles okay"-Masche ist. Aber ich habe auch immer den schalen Geschmack des Moments danach in Erinnerung, der es mir letztlich unmöglich machte, weiterhin vor Gott den Betrug an mir selbst und die Mißachtung seiner Liebe und Majestät zu leben. Eine Hilfe dabei ist, nicht exklusiv mit der Erbsünde zu operieren, sondern den Blick auch und vor allem auf den Gekreuzigten und Auferstandenen zu heften. Dann schließt sich der Kreis. Ja, wir sind Sünder, hineingeboren in eine gefallene Welt. Aber das Sündersein ist nur eine Vorstufe zu einem Dasein von unbeschreiblicher Herrlichkeit. Dieses Dasein steht grundsätzlich jedem Einzelnen offen, ist aber nicht für lau zu haben. Und, nein, der zu zahlende Preis liegt nicht in der Kategorie von "Gott ist so lieb, der mag mich eh und holt mich bestimmt auch in den Himmel, egal was ich mache und egal ob ich hier auf der Erde auf irgendwelche Gebote höre, die von alten Opas mit lustigen Hüten unters Volk gebracht werden." Der Zusammenhang zwischen Erlösung und Zugehörigkeit zur einen Kirche wird im Neuen Testament verdeutlicht:
    "Darum geht hin und mach euch alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie alles halten lehrt was ich euch geboten habe." (Mt 18,19)

    "Was immer ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel gelöst sein." (Mt 18,18)

    "Wer euch hört, der hört mich, wer euch verwirft, der verwirft mich; wer aber mich verwirft, der verwirft den, der mich gesandt hat." (Lk 10,16)
Yup, ich weiß, ich weiß! Die Kirche selbst ist nicht frei von Sünde. Aber schaltet mal in den zweiten Gang Leute: Verdunkelt diese Tatsache die Worte unseres Herrn? Wohl kaum. Mehr dazu hier, in einem älteren Artikel.

Alles Liebe und frohes Fasten,
Alipius

1 comment:

Claudia said...

Alles zugegeben wahr. Aber was soll ein armer Sünder machen, wenns ihm so geht: http://kalliope-vorleserin.de/49490.html
Ist halt nicht immer so federleicht mit der Konsequenz...