Saturday, December 16, 2006

Die triumphierende Kirche

Und so sage ich dir: Du bist Petrus. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was immer du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16, 18-19)

Es können sich nur die Betagteren unter meinen Lesern an die Zeit erinnern, in welcher der an Christi Sieg und Versprechen teilhabenden Kirche von ihren Mitgliedern Ehre, Respekt und Vertrauen entgegengebracht wurden. Mehr als vierzig Jahre ist's her. Es hat sich viel geändert.

Damals wurden die Fehler, Versäumnisse und Schwächen der Christlichen Geschichte nicht einfach unter den Teppich gekehrt. Aber damals war man sich bewußt, daß die Dimension des Göttlichen innerhalb der Kirche dies allemale wieder wettmacht. Man sah auf die Dauerhaftigkeit der Kirche durch alle Hochs und Tiefs, durch alle Erfoge und Quälereien und erkannte die historische Bestätigung des Anteils der Kirche am Siege Christi.

Dann erschien das Wort "Triumphalismus" im theologischen Vokabular, die Geschichte der Kirche wurde bedauert, ihre Fehler wurden unter dem Miroskop betrachtet, und was dort zu sehen war, wurde als im Größenverhältnis 1 zu 1 der Relität entsprechend in einer Woge von Publikationen an das Volk gebracht. Küng, McKenzie, die holländischen Theologen und hunderte Anderer starteten einen masochistischen Wettlauf des Muttermordes. Und wehe dem Katholiken, der nicht sein Haupt in Schande senkte: "Pfui! Triumphalist!"

Der Masochismus war gepaart mit dem Narzissmus der "Woodstock-Generation", so daß jeder, der das Wort "Jesus" fehlerfrei schreiben konnte, sich automatisch als eine prophetische Stimme in der "neuen Kirche" dünkte. Ganze Gruppen innerhalb der Kirche zogen los auf einen Ego-Trip in der bunten Zirkuswelt der Mini-Theologie. Jede Lehre, die auf die Kirche als mystischen Leib Christi, auf die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zur Kirche und auf die unauflösliche Einheit zwischen Christus und seiner Kirche hinwies, wurde entweder als schlechte biblische Gelehrsamkeit oder gar als Wahnvorstellung abgetan. Die Folge war, daß sich aufgrund der Schnelligkeit der Medien und des ungefilterten Hervorschwellens immer neuer Pamphlete aus den Federn von Theologen, Gelehrten und Journalisten das neue Kirchenbild mit rasender Geschwindigkeit verbreiten und vor allem in den Köpfen von Studenten, Seminaristen und jungen Priestern und Laien Schaden anrichten konnte. Kurzerhand wurde Christus von der Kirche getrennt und Sätze wie "Ich glaube an Christus aber nicht an die Kirche" oder "Jesus ja, Kirche nein" wurden zu beliebten Schlagworten.

Seminare leerten sich, Priester fielen von der Kirche ab, Nonnen hüpften aus der Ordenstracht und Laien suchten in Scharen das Weite. Dies waren die Folgen der traurigen Stunde, in welcher die Doktrin des mystischen Leibes Christi in den lärmenden Denunziationen gegen die "sündige Kirche" niedergeschrien wurde.

Erstaunlich ist allerdings, daß Sünde in der Kirche ein solcher Schocker war, grade für Theologen. Die Kirche hat menschliche Schwäche immer eingestanden und immer für die Vergebung ihrer Sünden gebetet. Die ganze Liturgie ist voll von Eingeständnissen und Bitten. Woher also der puritanische Schrecken über Sündhaftigkeit in der Kirche, die doch niemals ein Geheimnis war? Die Kirche hat Christus als ihr sündenloses Zentrum. Aber sie besteht auch aus Menschen, denen das ganze Spektrum menschlicher Natur als Handlungsspielraum zur Verfügung steht. Es gibt die Heiligkeit, es gibt die Sünde. Und auf letztere mit einem überraschten Zorn zu schauen ist schlicht billiges Moralisieren, angesichts der Tatsache, daß die Kirche eine Kirche von Menschen ist. In ihrer eigenen Vorstellung mögen jene, die über die unvollkommene Chrsitlichkeit der Kirche maulen vielleicht Humanisten sein. In der Praxis sind sie es nicht, schämen sie sich doch der Menschlichkeiten, die sie in der inkarnierten Kirche finden. Sie bejubeln die Glorie und die Würde des Menschen, sparen aber nicht mit Verwünschungen, wenn sie menschliche Schwäche sehen. Und sie sind so fixiert auf alles Menschliche in der Kirche, daß sie die Herrlichkeit Christi und des Heiligen Geistes in ihr nicht sehen können.

Impuls-Wochendenden und Yoga-Exerzitien für eine bessere Welt standen bald auf den Menüs der "religiösen Begenungsgruppen". Gemeinsam studierte man, wie man die Kirche zu einer Körperschaft mit ausschließlich sozialer Verantwortung ummodeln könnte. Dies waren die Folgen der traurigen Stunde, in welcher die Armee der Laien- und Pop-Theologen auf die Kirche blickte und mit Pharisäer-Stimme unisono sagte "Dank sei Gott, daß ich nicht so bin, wie diese Zöllner dort".

Aber die Kirche ist eine pilgernde Kirche. Sie ist nicht vollkommen. Sie ist auf dem Weg zur Vollendung im Königreich Christi. Sie trägt auf ihren Gewändern den Schmutz der Geschichte, das ist wahr. Aber sie trägt immer noch ihre Gewänder, die ihr von Christus in dem Augenblick verliehen wurden, als er sie aus Liebe zu uns errichtete, um einen Ort zu schaffen, an dem er immer bei uns sein kann. Wer faule Tomaten gegen die Kirche wirft, wirft sie auch gegen Christus.

Ich mache den Menschen, die die Kirche so, wie sie in den letzten 4 Jahrzehnten gemalt wurde zurückweisen, keinen Vorwurf. Ich selbst würde mich schämen einer Kirche anzugehören, die so ist, wie es in den plärrenden Kritikschriften der postkonziliaren Zeit dargestelt wurde. Das Problem ist: Das Bild ist eine Fälschung. Und die Wenigsten, die zustimmend nicken und zornig die Hände zu Fäusten ballen, wenn man ihnen die neuesten Urteile über die Kirche präsentiert, sind solche Kunstkenner, daß die den Trug erkennen.

In einer Zeit, in der Europa eine stabile Identität und eine moralische Autorität so dringend braucht, ist es für alle Gläubigen angebracht, den Kopf aus dem Sand zuziehen, den Schulterschluß zu wagen, sich gemeinsam hinzustellen und sich als laut und deutlich betende Stimme in den Chor der humanistischen Weltverbesserer, der feministischen Theologen, der CSD-Paraden, der Muezzine, der Hobby-Atheisten und der Freizeit-Theologen einzuschalten, um das Bild von der Heiligen Katholischen Kirche, dem mystischen Leib unseres Herrn Jesus Christus, wieder ein wenig grader zu hängen. Dann kann die Kirche auch wieder triumphieren, ohne triumphalistisch zu sein.

4 comments:

ctb said...

Ich wollte einfach mal 'Danke!' sagen, Herr Alipius. Für all die Arbeit, die Sie sich in diesen Blog hineinstecken.
Lese & schmunzle hier sehr gerne rum... :-)

Gruß aus Hamburg

PS: Mit diesem Beitrag haben Sie mir übrigens aus dem Herzen gesprochen! Wie oft habe ich in Gesprächen über die Kirche Variationen zum ewig gleichen Thema "Böse, böse Kirche" gehört...

Alipius said...

Gern geschehen ;-)

PMB said...

Frohe Weihnachten und herzlichen Glückwunsch zu diesem hervorragenden Essay! Eine scharfe und erfrischende Analyse der Situation, die ich gerne bei Gelegenheit mal zitieren und weitergeben würde- Einverständnis vorausgesetzt.
Viel Glück noch mit dem Gepäck und ein gesegnetes neues Jahr!
Grüße (auch aus der Erzdiözese Hamburg)
Patrick

Alipius said...

Herzlichen Dank für das Lob.

Gerne dürfen Sie aus diesem Essay zitieren. Er ist ohnehin nicht gänzlich auf meinem Mist gewachsen, sondern ist eher die schriftlich festgehaltene Quintessenz vieler interessanter Diskussionen zwischen mit und zwei befreundeten Priestern.

Auch Ihnen ein gesegnetes neues Jahr.