Tuesday, January 08, 2008

"Sie kommen dich holen mit Messern und Pistolen"

So verspricht es das Lied "Gewalt" von irgendeiner Deutschpunk-Band.

Passend dazu die neue Ausgabe des Spiegel: "Die Migration der Gewalt" heißt es da auf dem Cover oben und klein. Dem hier möglicherweise einsetzenden Geplärre gegen Ausländer ("Siehße Willi! Sinn alles Migranten, die und auffe Zwölf hauen!") wird aber sogleich der Stachel gezogen, denn die eigentliche Schlagzeile lautet: "Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt."

Es verbirgt sich ein kleines Problem in dieser Formulierung. Die Spezies hört auf der Ebene "Mensch" auf. "Mann" addiert nur den Unterschied des Geschlechts, "Harry" addiert lediglich den des Individuums. Beide Unterschiede sind akzidentieller Art. Weder "Mann" als solcher noch "Harry" als Individuum sind in ihrer Substanz etwas formal Reicheres als "Mensch". Junge Männer sind also entweder das gefährlichere Geschlecht im gefährlichsten Alter oder einfach die gefährlichsten Individuen.

Warum dies einen Unterschied macht? Tut man sie als Spezies ab, können die Prügler leicht in einer Gruppe verschwinden, in welcher der Zwang zum Mitmachen so groß ist, daß man alle Bedenken über Bord wirft. Dann braucht der besorgte Soziologe oder Psychologe oder Kriminalist oder Streetworker nur auf die Gruppe zu schauen. Er sieht "arbeits- und perspektivlose Einwanderersöhne" und wundert sich etwas weniger. Es sind aber immer noch Individuen, die - jeder für sich - die Hemmungen vergessen und die Entscheidung treffen, auf ein hilfloses Opfer einzudreschen, bis es sprudelt. Der pensionierte Studiendirektor aus der Münchner U-Bahn ist das berühmte Beispiel.

Unser Stiftsdechant ist der weniger bekannte Fall. Bei ihm stiegen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vergangener Woche drei junge Kerle ein. Was dann geschah, könnt Ihr Euch in den beiden verlinkten Zeitungsartikeln durchlesen. Ich war schon ziemlich geplättet, als ich die Story aus München mitbekam. Da ich aber unseren Stifsdechant persönlich kenne, und daher weiß, wie meilenweit sein Charakter und sein Gemüt davon entfernt sind, sich auch nur eine federleichte Watschen zu verdienen, sitze ich jetzt schon wieder mit leicht zitternden Händen an der Tastatur.

Wie vertiert muß jemand sein, der auf einen 68-jährigen Herrn einschlägt, bis dieser eine Fraktur unter dem rechten Auge und ein Hämatom von der Größe eines Volleyballfelds im Gesicht hat? Fein, Du suchst nach Deiner Zukunft, Du hast keinen Job, Dein Deutsch ist brüchig, Deine Bildung dürftig, alle haben X-Box oder Wii nur Du nicht. Da wird das Leben natürlich einfacher, wenn man sich zusammentut und alte Herren oder junge Frauen zusammenfaltet.

Ich sehe ein, daß diese Leute als Gruppe betrachtet Hilfe brauchen. Aber als Individuen brauchen sie erst einmal ein großes Paket anständiger Ethik und Normen. Ich weiß nicht mehr, wie sich bei mir in der Kindheit und der ganz frühen Jugend die Erziehung konkret vollzog. Aber für mich existierte das Einschlagen auf einen alten Menschen oder einen Priester noch nicht mal als Konzept. Nicht, weil man es mir explizit verboten hatte, sondern weil ich in einem Umfeld (und wahrscheinlich auch in einer Zeit) groß wurde, in dem solche Dinge für den ganz großen Teil meiner Mitmenschen schlicht undenkbar waren.

Es ist schon komisch: Wenn ich vor Jahren mich beschwerte, daß die Jugend immer verrohter und rücksichtsloser wird, bekam ich oft zur Antwort, daß die Jugend immer schlimm war und sich immer alle über sie beschwerten und daß das alles schon okay ist und so weiter. Jetzt schreibt der Spiegel über die
    ... massive, zerstörerische Jugendgewalt, die in Deutschland in den neunziger Jahren aufflammte und seitdem auf beängstigendem Niveau zur Dauererscheinung geworden ist.
Soll das heißen, daß wir einfach mit der Gewalt mitwachsen müssen? Wenn ja, dann sollten die verantwortlichen Denker sich ganz fix ein paar Lösungen einfallen lassen, bevor ihnen die unverantwortlichen Macher zuvorkommen.

Natürlich ist auch der Blick auf die Gruppe legitim, weil die Schläger alleine wahrscheinlich nicht genug Mumm haben. Ich möchte mich aber an jeden einzelnen jungen Mann egal welcher Herkunft, der halbwegs oder gut oder perfekt Deutsch versteht, wenden: Stell Dir mal vor, wie unsere Gesellschaft aussähe, wenn man sich von seinem Frust zur Abwechslung mal dazu anregen läßt, gemeinsam loszumarschieren und Anderen Gutes zu tun. Du hast es vielleicht noch nicht oft ausprobiert, aber ich verspreche Dir, daß das dankbare Lächeln eines fremden Menschen Dich ruhiger schlafen lassen wird, als seine Schmerzensschreie. Es macht sich übrigens auch in der Personalakte bedeutend besser, was für Leute, die wirklich auf der Suche nach einer Zukunft sind und nicht nur nach einer billigen Ausrede suchen um draufloskloppen zu können, ganz interessant sein dürfte. Und wenn auch ein geschenktes Lächeln nicht so satt macht wie 300 abgezockte Euro, so kann es Dir sicherlich dabei behilflich sein, einen eigenen Wert zu erkennen, der über dem eines keulenschwingenden Einzellers liegt. Sozialneid hin oder her: Vor dem Verhungern stehst Du nicht, also laß die Flossen von den Alten und Schwachen.

Wenn Du zu denen gehörst, die gerne auf Schwache einprügeln und Dein Gott nicht Satan heißt, dann ist in seinem Reich kein Platz für Dich. Wenn Du keinen Gott hast, dann denk nochmal nach. Du bist ein Kerl. Benimm Dich entsprechend.

9 comments:

bee said...

Dass das nicht deine Welt ist, kann ich gut verstehen. Schließlich bist Du nicht durch den Lehrprozess gegangen, die diese Herrschaften hinter sich haben. Die Jungs (Mädels gibt es da auch) sind nicht dämlich. Wenn Du lernst, dass Du nur wahrgenommen wirst, wenn Du Rabatz machst, machst Du Rabatz, wenn Du Zuwendung brauchst. Wenn Du lernst, dass deine Bedürfnisse nur respektiert werden, wenn Du sie mit deinen Fäusten verteidigst, dauert es nicht lange und Du weißt wie man sich durchschlägt. Wenn Recht haben, eine Sache der Lautstärke wird, brüllst irgendwann bei der kleinsten Kleinigkeit wie ein Löwe. Wenn Geld, Klamotten und Handy das einzige ist, was deinen Gruppenstatus sichert, besorgst Du das was nötig ist. Wenn Du lange genug zu siehst, dass der der einlenkt und Kompromisse macht, am Ende den Kürzeren zieht, sinkt deine Kompromissbereitschaft irgendwann gegen Null. Wenn Regeln für jeden anders ausgelegt werden, warum sich an irgendwas halten?
Von was für einer Würde labern die Leute eigentlich? Am Anfang dieses Lernprozesses stand jemand, der sich genau diese Würde bewahren wollte.
Weite Teile unserer Gesellschaft arbeiten hart daran, dass wir genau diese Kinder haben, sie sind klug und sie werden sehr schnell erwachsen.

Alipius said...

Du sagst, daß diese Jungs und Mädels nicht dämlich sind. Ich glaube aber nicht, daß es etwas mit Intelligenz zu tun hat. Pawlows Hund fängt auch an zu sabbern, wenn nur der Reizton erklingt und es kein Futter dazu gibt.

Ich wehre mich eben exakt gegen die Art von "Lebensschule", die einem Menschen beibringt, daß er nur wahrgenommen wird, wenn er Rabetz macht oder daß seine Bedürfnisse nur mit Gewalt zu befriedigen sind.

Aber Du hast Recht: Wenn ich mir vorstelle, daß diese Leute irgendwann einmal erwachsen werden und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen sollen, dann kann ich nur noch Gott um seinen Beistand anflehen.

Anonymous said...

Leider ein typisch zeitgeistiger Kommentar, „dass die Teile der Gesellschaft hart daran arbeiten, solche Kinder zu erzeugen“. Tatsächlich zeigt die Vorgehensweise der Täter gerade im Fall Hr. B.A. vom Fehlen jeglicher Werte (wer steigt in einen Pfarrhof ein und bestiehlt und schlägt einen schlafenden Priester?!!). Diese Tat mit „der Gesellschaft“ zu entschuldigen, scheint neben der Sache zu liegen. Es ist nämlich nicht die die strukturelle Gewalt ausübende/erzeugende kapitalistische Gesellschaft, der die Schuld an solchen Vorfällen zu geben ist. Der einzelne Mensch ist für seine Taten verantwortlich. Ich gehe davon aus, dass es (auch) in Klosterneuburg/Kierling andere Personen gibt, die ähnlich unterprivilegiert wie die Täter sind, sich aber anders, nämlich sozialadäquat, verhalten. Einzig zutreffend ist mE, dass gerade junge Straftäter nur Stärke respektieren. Die Frage ist nur, ob eine zu nachsichtige Gesellschaft von den Tätern nicht als schwach empfunden wird, was sie geradezu zu weiteren Straftaten motiviert, und ich leider befürchte. Unter diesem Aspekt ist es mE sinnvoll, dass junge Straftäter erfahren/erfühlen, was sie ihren Opfer antun. Erst wenn sie den Unwert ihres Handels erkennen, können sie sich entscheiden, ob sie ihr Verhalten einstellen oder nicht. Hierfür ist aber nicht die Gesellschaft, sondern immer der einzelne Mensch verantwortlich. HGr PeterStein

Claudia said...

Warum wird es so wichtig gefunden, daß der Geschädigte (dem meine Sympathie sicher ist) ein katholischer Priester ist? Das ist für die Strafwürdigkeit des an ihm begangenen Verbrechens vollständig gleichgültig. Warum wird wichtig gefunden, daß die Täter Ausländer sind? Auch das darf für die Strafwürdigkeit keine Bedeutung haben!

Alipius said...

Für die Strafwürdigkeit des Verbrechens ist es in der Tat gleichgültig, daß der Betroffene ein Priester ist.

Als Indiz für die fortschreitende Verrohung, Ignoranz und Sittenlosigkeit in unserer Gesellschaft erscheint es mir aber wichtig. Ich kenne viele Leute (u.a. mich selbst), die gerne dazu bereit sind, einem Kardinal den Ring zu küssen, dabei aber primär das Amt und nicht den Mann ehren. Ebenso sollte man einen Priester nicht körperlich attackieren, eben weil man das Amt respektiert.

Und hier ist es von Belang, wenn die Täter Ausländer sind. Denn wenn es Ausländer sein sollten, die keinen Christlichen Hintergrund haben, dann fällt das Verzeihen leichter, weil sie es im Zweifelsfall einfach nicht besser wissen.

Klar, viele der im sogenannten post-christlichen Europa heranwachsenden Inländer wissen es natürlich auch nicht besser. Sie kennen Priester in der Regel nur als Menschen, denen mit erhöhtem Argwohn zu begegnen ist, weil sie einem die Freude an der Sünde und der Selbstgerechtheit vergällen wollen.

Claudia said...

Die Täter haben ja lt. Bericht irgendwas auf Rumänisch gesagt. Also kommen sie vermutlich aus einem christlichen Land.
Die Deutschen, denen ich in meiner Berlin-Weißenseer Wahlheimat begegne, haben übrigens meistenteils nicht so viele Berührungspunkte mit dem Christentum.
Und ob die Christen, denen ich im Leben begegnet bin, tatsächlich aus Gründen des Christseins den größeren Durchblick haben, wage ich auch zu bezweifeln.
Nebenbei bewundere ich den Dechanten, der mit einem so zugerichteten Gesicht noch so fröhlich lächeln kann! Ich wünsche ihm alles Gute.

bee said...

Ich entschuldige das doch gar nichts. Aber schön, dass hier schon mal die Strukturen der kaptialistischen Gesellschaft im Ganzen und grundsätzlich verteidigt werden, bevor sie überhaupt als Gesamtkonstrukt angegriffen werden. Ich habe nur einen Lernprozess beschrieben, den ich selber ganz gut kenne. Finde es schon toll, dass stumpf davon ausgegangen wird, dass diese Erfahrungen im Kapitalismus gesammelt worden sind. Gerne bestätige ich diese Annahme. ;-) Vollkommen daneben ist jedoch die Annahme, dass möglichst harte Strafen das lange Erlernte schnell vergessen lassen. Und wie sollen die überhaupt aussehen? Und man erreicht auch nur die, die sich erwischen lassen. Wer glaubt, dass Rache und Strafe effektive Mittel sind, darf das gerne mal bei einem Stafford-Terrier ausprobieren. Die Kosten fürs Einschläfern über nehme ich. Man kann bei Menschen auch nicht einfach Strglt+Alt+Entf drücken und laufende Tasks beenden, die Festplatte formatieren und ein neues Programm aufspielen. Schade eigentlich. Um Verhaltensänderungen zu erreichen, müss sich wirklich mit Menschen und deren Erlebenswirklichkeit auseinandersetzen. Dabei hat man mit dem eigenen Erleben ja meist genug zu tun. Mist!

Anonymous said...

Bloß, das Erfahren/Erfühlen des Leides der Opfer hat zunächst nichts mit der Bestrafung von Tätern zu tun (wovon ich auch gar nichts geschrieben habe). Wenn der Staat - mit seinen zugegeben mitunter unzulänglichen Mitteln - als Inhaber des Gewaltmonopols gegen Straftäter nicht einschreitet, endet diese staatliche Untätigkeit in der Selbstjustiz und Anarchie (dann hält sich wirklich niemand mehr an Gesetze). Falsch ist der Versuch, die Täter als Opfer der gesellschaftlichen Gewalt zu exkulpieren. Nach meinem Empfinden haben zumindest die meisten EU Staaten erkannt, dass bei jungen Straftätern Resozialisierung und nicht das reine Wegsperren im Vordergrund zu stehen hat. Viele junge Straftäter haben schon deswegen keine Achtung vor anderen, weil ihnen jegliche Achtung vor sich selbst fehlt. Derjenige aber, der Achtung vor sich selbst hat, sollte eigentlich auch in der Lage sein die Integrität anderer zu achten. - Und all das hat sehr viel mit Werten zu tun. Wenn es dem Mensch an diesen Werten mangelt, kann er weder sich noch den Nächsten lieben, sondern – im schlimmsten Fall – hassen/ver-/missachten, wie sich selbst. Somit glaube ich, dass die Resozialisierung junger Straftäter eine wichtige staatliche Aufgabe ist, die durch die Resozialisierungsprogramme und/oder Diversion - iS gemeinnütziger Arbeit - anzustreben ist. HGr PeterStein

bee said...

Gut, aber da haben wir ja ganau das was ich anfangs beschrieben habe. Wenn man so richtig durchknallt, dann wird großer Aufwand betrieben, es wird sich plötzlich gekümmert. Jedoch, so kenn ich das, hält das Kümmern meist nur so lange, bis die z.B. eine Bewährungsstrafe ausläuft. Danach ist man nicht mehr zuständig.
Da werden Jugendliche wieder in Familien zurückgeschickt, mit solchen Sprüchen wie:"Versuch Dich nicht so von deinem Stiefvater provozieren zu lassen, dann klappt das schon." Wo die Sozialprognose eigentlich eine Langzeitbetreuung der gesamten Familie nahelegt, was aber nicht passiert bis wieder was passiert.