Tuesday, August 19, 2008

Schönheit oder Der Atheist und die Lust am Wegmachen

Michael Newdow, Doktor und Anwalt aus den USA, hat vor einigen Jahren endlich einen Weg aus der Anonymität und Belanglosigkeit hinein in die befriedigende Welt der Blitzlichter und Fernsehkameras gefunden: Atheismus! Sein letzter Coup: Er startete eine Petition, deren Ziel es ist, das "In God We Trust" von den Dollarscheinen zu entfernen. Es gibt sogar eine Internet-Abstimmung bei NBC. Dort stand es gestern noch 52:48 gegen Gott. Heute sind wir bei 59:41 für Gott. Aber selbst, wenn das Ergebnis wieder kippen sollte, darf man eines nicht vergessen: Die NBC-Klientel ist in der Regel ultraliberal, voll mit der Zeit gehend und total aufgeklärt, Du. Sprich: Hier stimmen nicht nur Atheisten für ihre Causa, sondern auch moderne Christen, die glauben, der Aufdruck auf den Geldnoten widerspräche der Trennung von Kirche und Staat.

Wäre ich ein US-Standup-Comedian, setzte ich mein Programm jetzt ungefähr so fort:
    "And... Atheists!"

    [Schmunzeln]

    "You've heard of atheists, right?"

    [Gekicher]

    "Boy, what's up with them?"

    [Gegacker]

    "I mean..."

    [Gebrüll]
Naja, leider hab ich's bei meiner werten Leserschaft nicht ganz so leicht, daher noch einmal eine patentierte Alipius-Breitseite mit offiziellem Torquemada-Gütesiegel auf unsere atheistischen Mitbrüder und Mitschwestern. Thema heute:


Schönheit oder Der Atheist und die Lust am Wegmachen

Bei den Atheisten muß immer irgendetwas wegradiert, fortgekratzt, versteckt, kaputtgemacht oder weggehängt werden. Gottesbezug in Präambeln, Bibeln in Gerichtssälen, Kruzifixe in Klassenräumen, "In God We Trust" auf Banknoten, Kirchliche Feiern auf öffentlichen Plätzen: Wegwegwegwegweg.

Etwas seit Jahrhunderten Bestehendes soll aus dem Weg geräumt werden, weil eine lautstarke Minderheit dieses Bestehende auf Kollisionskurs mit ihrem Programm sieht. Zur Verteidigung heißt es dann oft, daß man schließlich auf ein Utopia hinarbeitet. Gut marxistisch wird argumentiert:
    "Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittelst despotischer Eingriffe ..., durch Maßregeln also, die ... unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung ... unvermeidlich sind."

    (Manifest der Kommunistischen Partei, II. Proletarier und Kommunisten)
Keine Lust am Aufbau, keine Lust auf Kooperation, keine Lust auf Erhalten, keine Lust auf Toleranz: Das alleine ist natürlich schon verdächtig.


Aber es kommt noch dicker: Warum ist die erhabenste Kunst, die wir im Abendland haben, die Christliche (um nicht zu sagen, die Katholische)? Warum gibt es keine schöneren Gebäude, als romanische Dome, gotische Kathedralen und spätbarocke Wallfahrtskirchen? Warum sind die heiligen Textilien und die Gewänder der Priester so edel und schön? Warum verbreiten die Skulpturen, die Gemälde, die Ornamentik und sogar das Mobiliar der Zeit der Re-Katholisierung Europas einen so unwiderstehlichen Hauch von Lebensbejahung, Feierlichkeit und Optimismus? Warum ist auf allen Heiligenbildern der Mensch als Mensch dargestellt? Sicher, der Katholik als solcher will in der Regel lieber aufbauen als zerstören, sei es als Individuum mit seinen Händen oder sei es als Teil einer Gemeinschaft mit Herz und Seele. Aber es steckt mehr dahinter: Der Katholik liebt sowohl die Vielfalt der Schöpfung als auch die Möglichkeiten der Kunst und des Handwerks. Kurz: Er liebt die Schönheit. Und die Schönheit ist - wie das Gute und das Wahre - von Gott. Nicht nur dies: Die Schönheit ist - wie das Gute und das Wahre - objektiv. Sicher, jeder Mensch hat die Möglichkeit aufgrund eines persönlichen Vorzugs jedes beliebige Ding als schön oder gut oder wahr zu empfinden. Das bedeutet aber nicht, daß es nicht in jedem Ding selbst das Schöne, das Wahre und das Gute gibt. Und dieses Schöne, Wahre und Gute in den von Gott geschöpften Dingen ist mit ihrer Essenz verbunden, mit ihrem So-sein-wie-sie-sind, wenn man so will. Der Mensch ist daher schön, weil er Mensch ist. Und als Mensch ist er geschaffen, ist er ein Kunstwerk. Er ist ein Geschöpf Gottes, welches alleine wegen seines Geschöpfseins schön ist. Was die Akzidenzien betrifft, gibt es natürlich Vorzüge, die in verschiedene Richtungen gehen: Der Eine mag blondes Haar, der Andere schwarzes, der Dritte mag rotes. Der Eine mag blaue Augen, der Andere grüne, der Dritte mag braune. Der Eine mag schmale Nasen, der Andere breite, der Dritte mag gebogene. Der Eine mag zarte Körper, der Andere mag fleischige, der Dritte mag muskulöse. Das alleine beweist, daß nicht eine bestimmte Art von Mensch schön ist, sondern der Mensch als solcher.

1.: Der Mensch als von Gott ex nihilo geschaffen ist schön, wahr und gut. Seine Schönheit, seine Wahrheit und sein Gutsein sind mit seinem Menschsein direkt und intrinsisch verbunden, da Gott nichts schöpfen kann, was nicht schön oder wahr oder gut ist.


Aber ist ein Paar Hosen, ein Stuhl oder ein Gebäude oder irgendein von Menschenhand geschaffenes Ding in seiner Essenz als Hose, Stuhl, Gebäude oder Ding auch sogleich schön? Nicht immer. Dem Menschen fehlt die Perfektion des Schöpfers. Der Mensch muß auf die Essenz des von ihm geschaffenen Gegenstandes achten, um ihm Funktionalität zu verleihen. Er muß auf die Akzidenzien des Gegenstandes achten, um ihn schön zu machen. Schön ist ein filigran gearbeiteter, vergoldeter Armsessel. Schön ist die aus elfenbeinfarbenem Porzellan gefertigte Figur einer Harfe spielenden jungen Dame. Schön ist ein weitläufiger Saal mit spiegelndem Parkett und schimmernden Marmorsäulen. Schön ist ein dunkler, gotischer Kreuzgang mit uralten Epitaphen an den Wänden. Schön sind schwere Vorhänge aus Seidenatlas, die sich bei geöffnetem Fenster leicht im Winde blähen. Schön sind geschliffene Edensteine, in denen sich Kerzenlicht bricht. In unzähligen Geschichten und Gedichten haben über die Jahrtausende hinweg Schreiber all diese Dinge gelobt. Aber: Der eigentlich Poet ist Gott. Wir lesen nur sein Gedicht. Denn alles, was ich soeben beschrieb, geht ja auf Gott zurück. Er hat das eine, große, unvergleichlich schöne Werk geschaffen, aus welchem wir die Grundstoffe für unsere handwerklichen und künstlerischen Aktivitäten beziehen. Wenn wir den Kokon einer Raupe abkochen und dann daraus Seidenfäden gewinnen, dann lesen wir bereits Gottes Gedicht. Die himmelblauen Polsterbezüge, die smaragdgrüne Weste, die scharlachrote Tapete und das senfgelbe Ballkleid, die dann aus der Seide gefertigt werden, sind bereits als unsere unbeholfene Nachahmung des Schöpfungsaktes die hingerissenen Seufzer der Anerkennung von Gottes Werk.

2.: Kunstwerke als vom Menschen aus Gottes Schöpfung fabriziert, sind wahr, weil sie real sind. Sie sind gut, weil sie quasi-schöpferisch sind. Sie sind schön, wenn der Mensch in seinem Schaffen sich seines Geschöpfseins bewußt ist und in kindlicher Naivität den Vater zu imitieren versucht.


Die Schönheit von Gottes Schöpfung ist uns Beweis seiner Existenz und eine stete Erinnerung an unser Ziel. In ihr erkennen wir einen Abglanz des Paradieses, des einzig wirklichen Utopias, des Himmelreiches. Die Schönheit der von unseren Händen geschaffenen Werke ist die Bestätigung, daß wir einst wirklich Anteil an Gott haben können. In ihr erkennen wir den festen Glauben, die beständige Hoffnung und die übergreifende Liebe des gefallenen aber nicht liegen gebliebenen Menschengeschlechts.

3.: Schöne Dinge zu schaffen bedeutet zu beten.


Schönheit in einer atheistischen Gesellschaft? Ein Phänomen so wahrscheinlich wie Spitzenfußball in Düsseldorf. Ein Konzept so beruhigend wie die Begegnung mit einer fünffachen Bärenmutter samt Anhang irgendwo in einem weiten, stillen Wald.

10 comments:

Raphaela said...

Bravo.

Tiberius said...

Salve Alipi! Es ist schön, wieder von Dir zu lesen. Ich stimme Dir zu.
Vale! Tiberius

Alipius said...

Danke Raphaela!
Danke Tiberius!

stegi said...

Sehr gutes Posting, allerdings :[Zitat] ..."da Gott nichts schöpfen kann, was nicht schön oder wahr oder gut ist."

Das bedürfte einer etwas gediegeneren Beweisführung. Reicht meines Erachtens nicht, dieses Argument in den Raum zu stellen.
"kann" im Sinne des Potenziellen oder Willkürlichen?

Du beschreibst richtig, dass Schönheit im Grunde genommen eine rein subjektive Empfindung darstellt.
Beweise mir, dass es sich mit dem Guten an sich nicht genauso verhält- erst recht angesicht unseres beschränkten Verstandes und unserer äußerst eingeschränkten Sichtweise.

Alipius said...

"Kann" im Sinne des Essenziellen. Gott ist allmächtig, richtig. Aber selbst er ist an die Gesetze der Natur gebunden, die er geschöpft hat. Sprich, er kann z.B. nicht das Prinzip des Nicht-Widerspruchs aufheben oder Vergangenes ungeschehen machen. Da Gott in erster Linie "ist" - seine Essenz ist das Sein - und da das Sein gut ist und das Böse ein Mangel an Sein darstellt, kann Gott nichts schaffen, was nicht gut ist. Er kann Übles geschehen lassen und tut dies auch, aber er "schöpft" es nicht.

Schönheit ist in erster Linie eine Realität in den Objekten. Die "subjektive Empfindung" ist Hinwendung zu etwas, das aufgrund persönlicher Bevorzugung als schön empfunden wird. Ebenso verhält es sich mit dem Guten. Das Gute ist das, was begehrt wird, ganz nackt und klar auf prä-moralische Art. Da kann das Gute dann z.B. Schmerz sein, den man sich oder anderen zufügt, abhängig davon, wie kaputt man ist und wie sehr man diesen Schmerz begehrt. Und auch bei der Wahrheit gibt es die Unterteilung in die Wahrheit, die die Objekte und Realitäten tatsächlich in sich tragen und die Wahrheit, die wir den Objekten und Realitäten zusprechen wollen. Im Grunde verhält es sich genauso, wie ich es im Artikel schon schrieb: Jeder Mensch hat die Möglichkeit aufgrund eines persönlichen Vorzugs jedes beliebige Ding als schön oder gut oder wahr zu empfinden. Das bedeutet aber nicht, daß es nicht in jedem Ding selbst das Schöne, das Wahre und das Gute gibt.

Gregor said...

Sehr einverstanden. In einem Punkt aus Deiner letzten Antwort bin ich mir allerdings nicht ganz sicher: "Aber selbst er ist an die Gesetze der Natur gebunden, die er geschöpft hat." (Abgesehen davon, daß IMHO "schöpfen" im Deutschen sich nur auf Flüssigkeiten beziehen kann, während "creare" mit (er)schaffen übersetzt werden müßte - kleinlich, ich weiß, aber so bin ich halt ;-) Ich habe jetzt leider nicht die Zeit, das gründlich durchzudenken und nachzulesen, aber obwohl ich Dir im Ergebnis (Bindung an das Prinzip des Nicht-Widerspruchs etc.) zustimme, weiß ich nicht, ob diese Begründung zutrifft. Folgt das nicht eher aus dem Sein selber und dessen ontologischen Notwendigkeit (ich hoffe, ich vertue mich hier nicht in den Begriffen) als aus der Schöpfung? Ich werfe einfach mal so Summa Theol. Iª q. 25 a. 5 co. ein:

Sed tamen ordo a divina sapientia rebus inditus, in quo ratio iustitiae consistit, ut supra dictum est, non adaequat divinam sapientiam, sic ut divina sapientia limitetur ad hunc ordinem. Manifestum est enim quod tota ratio ordinis, quam sapiens rebus a se factis imponit, a fine sumitur. Quando igitur finis est proportionatus rebus propter finem factis, sapientia facientis limitatur ad aliquem determinatum ordinem. Sed divina bonitas est finis improportionabiliter excedens res creatas. Unde divina sapientia non determinatur ad aliquem certum ordinem rerum, ut non possit alius cursus rerum ab ipsa effluere.

Oh, und da ich mich eh schon wieder als Korinthen... offenbart habe: Du bist doch an sich auch kein Anhänger der Rechtschreibreform - bitte "essentiell"; wenn ich das mit "z" sehe, kann ich gar nicht hingucken...

Alipius said...

Hallo Gregor!
Zuerst einmal: Essentiell mit "z" steht bei mir nur, wenn ich Texte langer Postings in Word vorschreibe und mir die dämliche Autokorrektur alles auf neue Rechtschreibung setzt. Ich korrigiere dann zwar immer zurück, aber hin und wieder geht mir halt mal was durch die Lappen.

Ansonsten bin ich durchaus Deiner Meinung. Zwar habe ich das Verb "schöpfen" bewußt gewählt, da es - wenn man es nicht auf Flüssigkeiten bezieht - IMHO stärker als "(er)schaffen" den Aspekt der Schöpfung "ex nihilo" und des Geschöpfes als von Gott her stammend ausdrückt. Aber klar: Meine Begründung folgt aus dem Sein selber, kommt aber ebenso auch von Gott her. Denn da Gottes Essenz seine Existenz, sein Sein ist, sehe ich hier nicht unbedingt einen Widerspruch. Gott ist vornehmlich sein Sein. Er ist. Er ist das Sein.

Ich hoffe, das klingt alles nicht zu nebulös...

Gregor said...

Alipius,

verstehe, das ist der Vorteil, wenn man wie ich eine uralt Word-Version hat, die noch auf alte Rechtschreibung prüft.

Bei dem anderen Punkt habe ich mich vielleicht nicht klar genug ausgedrückt: Was ich meinte, ist, daß es bei Dir so klang, als sei Gott nur deshalb an diese Prinzipien gebunden, weil er sie der Schöpfung eingestiftet hat ("an die Gesetze der Natur gebunden, die er geschöpft hat"). Was ich betonen wollte ist, daß er, da diese Prinzipien sich aus dem Sein selbst ergeben, und wie Du zurecht sagst, cum esse Dei sit ejus essentia, er gar keine andere Natur, in der diese Prinzipien etwa nicht gälten, hätte erschaffen können.

Ich finde es übrigens interessant (ich stelle jetzt mal eine möglicherweise gewagte, möglicherweise aber auch schon von hundert anderen geäußerte These auf), wie der Aspekt der göttlichen Allmacht heute von vielen, die sich nicht näher damit beschäftigt haben, sozusagen landläufig, als absolute Ungebundenheit auch an die Vernunft gedeutet wird. Meiner Meinung nach entspricht dies gerade dem islamischen Gottesbild, im Gegensatz zum christlichen, wie es der Papst in Regensburg gesagt hat. Vertretbar? Fernliegend? Offensichtlich?

Alipius said...

Gregor,

dann sind wir ja im Grunde einer Meinung, denn so wollte ich es auch verstanden wissen (wenn ich's vielleicht auch ein bißchen mißverständlich ausgedrückt habe).

Zum anderen Punkt: Mir geht's ganz genau so!

stegi said...

Die Rechtschreibprüfung ließe sich ohne weiteres anpassen.