Friday, July 27, 2007

Priester gegen die Kirche

Profil, das 'unabhängige Nachrichtenmagazin Österreichs', ist gerne ganz weit vorne, wenn es darum geht die katholische Kirche im allgemeinen und den Vatikan, die Kurie, die 'Kirchenfürsten' (allen voran natürlich den Papst) und die 'Amtskirche' im besonderen zu kritisieren.

An der neuesten Ausgabe der Zeitschrift konnte ich nicht vorbeigehen, denn auf dem Titelblatt prunkt der kecke Spruch "Priester gegen Gott". Wer meint, hier solle ein neuer Dan-Brown-Roman oder ein heißer, bluttriefender Ego-Shooter vermarktet werden, liegt falsch. Die Profil-Macher haben sieben österreichische Priester ans Tageslicht gezerrt, die allesamt Familie haben und sich nun vor Kamera und Diktiergerät dazu bekennen.

Selbstverständlich strotzt der gesamte Beitrag vor 'Statistiken' und 'Umfragen'. Diese klingen garstig und malen ein gar schröckliches Bild der Zukunft. Wenn man sich aber die Form einmal genauer anschaut, weiß man gleich, woher der Wind weht:
    "Mehr als die Hälfte der Geistlichen hat Äffären schätzen Betroffene; andere leiden unter Einsamkeit und Depressionen, entwickeln religiös bedingte Neurosen oder verfallen dem Alkohol."
Wieviel eine von Betroffenen vorgenommene Schätzung zum Thema "Priester, die Affären haben" wert ist wird ebenso wenig verraten, wie die genaue Zahl der "Anderen", die unter Einsamkeit, Depressionen etc leiden. Aber es wird fix noch einer draufgesetzt:
    "Papst Benedikt XVI. nannte den Zölibat jüngst eine 'kostbare Gabe'. 'Für wen?' fragt ein stetig wachsender Teil der Priesterschaft."
Sei's drum. Mit Zahlen um sich werfen kann jeder. Ich spare es mir und sage an dieser Stelle nicht, wie viele der grob geschätzt 150 Ordensleute, Seminaristen und Jungpriester, die ich in den letzten drei Jahren kennenlernte, tatsächlich gegen den Zölibat sind. Das wird dann von anderer Seite eh wieder angezweifelt und dann haben wir eine fade Pattsituation.

Ich schaue mir lieber mal an, was sich auf der Ebene der Phänomene innerhalb und außerhalb des Profil-Artikels den Sinnen und dem Verstand bietet. Da haben wir sieben Priester mit Familie. Nur einer von ihnen wurde nach 1973 geweiht (1992, Heirat 2000), nur ein weiterer heiratete nach 1975 (2002).

Zwischengeschichte: Als Josef Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 zum Papst gewählt wurde, fand in den USA etwa zeitgleich irgendwo in Vermont (weiß nicht mehr genau, wo) die Ordination eines Koadjutor-Bischofs statt. Ein Seminarist aus dem North American College in Rom, den ich ganz gut kenne, war bei dieser Ordination anwesend und erzählte mir von diesem Tag. Den anwesenden Prälaten hatte man die Sakristei der Kathedrale zugewiesen, die jungen Kleriker mußten sich in einem großen Raum neben der Sakristei umziehen. Mein Seminarist kam nun einige Minuten zu spät und hatte die Nachricht von der Papstwahl bereits auf dem Weg gehört. Er ging an der Sakristei vorbei und sah dort den Großteil der betagten Bischöfe und Monsignori mit versteinerten, teils panischen Mienen stehen. Aus der Umkleide des klerikalen Nachwuchses schallte ihm schon der Partysound entgegen, und als er eintrat sah er - wörtlich "die Seminaristen und Kleriker auf den Tischen tanzen und high-fiven".

Zurück zu den Priestern mit Familie: Daß nach Studentenrevolten, Summer of Love, BH-Verbrennungen und "Wer zweimal mit der Gleichen pennt gehört schon zum Establishment" mehr als eine Generation von Priestern heranwachsen mußte, die nicht nur einen pervertierten Begriff von Gehorsam kultivierte, sondern auch eine ganz persönliche Interpretation des Zölibatsbegriffes fand, darf nicht weiter verwundern. Auch, daß Menschen mit den Folgen ihrer Sündhaftigkeit (vor allem der Promiskuität) nicht umgehen können und daher nach Möglichkeiten suchen, alles abzuwälzen (mit Vorliebe auf die "Katholen", die "Intoleranten" und die "Unaufgeklärten" oder - noch besser, weil die nicht zurückargumentieren - auf die Ungeborenen) leuchtet ein. Daß aber nun diese Altherrenriege aus ihrem Elfenbeinturm Funksignale sendet, die uns glauben machen sollen, wir lebten noch im Jahre 1968, hebt sich zumindest für mein Verständnis nicht wirklich wohltuend von der angeblichen Mittelaltermentalität der Männer im Vatikan ab.

Und noch etwas fällt auf: Wenn in dem Profil-Bericht von Priestern die Rede ist und von der Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, dann lese ich kein einziges Mal von Dienen, von Opferbereitschaft oder von Gehorsam. Es geht viel zu oft um Beliebtheit, um Ansehen und darum "jemand zu sein" und natürlich in erster Linie um "mich" und "meine Vorstellungen" und "meine Bedürfnisse" und "meine Wünsche".

Und dann ist da der alte, aber immer wirksame Trick, den Leuten nur die halbe Wahrheit zu erzählen und darauf zu hoffen, daß die Leser mittlerweile aufgrund antikirchlicher oder antipäpstlicher Dauerbeschallung so weiche Hirne haben, daß sie nicht mehr 1 und 1 zusammenzählen können. Im Profil-Bericht sieht das so aus: Da wird gemeckert, daß die böse schwarze Krake Vatikan einem der liebestollen Priester keine Dispens erteilt hat und ihm somit den Segen zu seiner (standesamtlichen) Ehe verweigerte. Die Suspendierung vom Priesteramt sei aber ganz flott in der Post gewesen. Nur eine Seite weiter lesen wir plötzlich von einem kirchlichen Segen zur Priesterehe, und zwar bei einem Mann, der zwar auch vom Priesteramt enthoben wurde, aber nicht nur standesamtlich, sondern eben auch kirchlich geheiratet und daher die Dispens erhalten hat. Schuld an einer nicht erteilten Dispens ist also nicht der Vatikan, sondern nur derjenige, der nicht vor den Traualtar treten will. Aber klar: Wenn ein Mann schon das in einer Kirche gegebene Treueversprechen zu Gott und Kirche nicht halten kann, dann wird er es sich wohl in der Tat lieber zweimal überlegen, bevor er dasselbe einer Frau antut.

Es taucht im Artikel natürlich auch noch ein Klassiker auf, der nicht fehlen darf: "Och menno! Wenn ein protestantischer Priester zum Katholizismus konvertiert und eine Familie mitbringt, dann ist das in Ordnung. Was soll diese Doppelmoral?!" Gähn, Leute! Überlegt mal für zwei Minuten selbst. Wenn Ihr wirklich nicht drauf kommt, schreibt mir und ich werde es aufklären.

Alles in allem ein ausgesprochen sommerlochfüllender Schinken, dem aber meiner Meinung und meiner Erfahrung nach der einhundertprozentige Realitätsbezug fehlt.

Männer, ihr hattet euren Spaß. Und der hat uns viel gekostet. Jetzt schaltet mal die Egos auf Sparflamme und laßt die Putzkolonne ran. Ich stehe hier Schulter an Schulter mit einer ganzen Horde von jungen Kerlen, die zur Abwechslung mal wieder gerne etwas zur Ehre Gottes, zum Wohl der Kirche und zum Heil der Seelen täten. Und da sind solche Zwischenrufe von vorvorgestern irgendwie so störend.

2 comments:

dilettantus in interrete said...

Tja und Du hast noch Glück - Du wohnst im Kloster!

Bei uns Diözesanchristen bestimmen die von Dir beschriebenen Nasen immer noch. Und Sie haben seit 20-30 Jahren Ihre Kreaturen positioniert, sodaß leider auch von der anstehenden Bischofsernennungswelle (mit anschließender Generalvikarernennungswelle mit anschl.....) nicht so viel zu erwarten ist! Wie sagt man so schön: Der Heilige Vater kann natürlich zaubern aber eben nur langsam.

Ein Punkt zur Vertiefung: Das Hauptproblem ist natürlich nicht der Zölibat oder die Sexualität sondern der Gehorsam, oder noch grundlegender: Der Glaube!

Ein Punkt zur Versöhnung:
In der Gemeinde sind ganz praktisch genannte Priester viel weniger schlimm, als die sie umgebende Corona von weiblichen Studienräten um die 55!

p.s. natürlich "weibliche Studienräte" als Lebensgefühl unabhängig von Geschlecht und Profession!

Claudia said...

Wenn man, wie ich, gut fände, Zölibat für Priester als Option, aber nicht conditio sine qua non zu sehen - nebenher auch gut fände, Frauen zur Weihe zuzulassen - und gleichzeitig die Organisation der katholischen Kirche sowie ihre Lehre grundsätzlich sehr hervorragend findet, sitzt man zwischen allen Stühlen. Ich bekomme Applaus von Leuten, die mir dann eine Menge unsinniger Meinungen unterstellen und in der Regel von Kirchengeschichte noch viel weniger Ahnung haben als ich (will was heißen).